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Aus jenen dunklen Tagen

Lasset uns aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens. (Hebr. 12,2) dieses Wort der Jahreslosung 1945 soll über unserem Abschied von Ostpreußen und den dann folgenden Erlebnissen stehen.

Heute, am 20.1.1946, da sich der Tag unserer Abreise von Osterode jährt, stehen alle Einzelheiten so lebendig vor mir, dass sie aufs Papier müssen. Damit könnte dann auch dem vielfachen Wunsch nach einem Reisebericht entsprochen werden.

Im August und September 1944 waren mehr als zehntausend Flüchtlinge aus dem Norden und Nordosten unserer Provinz in unseren Kreis gekommen sowie die Kinderklinik aus Tilsit in unsere Stadt. Wir mussten unserem Haus ein Hilfskrankenhaus für die Kranken aus Gumbinnen, Insterburg und Lötzen angliedern und wussten seitdem, was solcher Aufbruch bedeutete. Die Angekommenen erzählten Furchtbares von herrenlos umherirrenden Viehherden und fliehenden Menschen. Beim Verladen waren Patienten und Schwestern zum Teil noch in starken Beschuss gekommen. Allen stand das Entsetzen noch auf den Gesichtern.

Die Ernte war noch nicht völlig eingebracht, und der ostpreußische Himmel, der gerade im Herbst eine unvergleichliche Färbung und Wolkenbildung zeigt, stand ganz im Gegensatz zu dem grausigen Geschehen.

Die Fronten standen bald wieder, und die übrige Provinz erhielt Regierungsanweisungen zur Auslagerung von Krankenhausgut. Auch wurden Verlegungen von Patienten ins Reich geplant. So gingen bis Anfang Dezember 1944 drei große Lazarettzüge ab, die beim ersten Transport allein aus unserem Haus ca. 200 Kranke mitnahmen.

Das waren noch gut eingerichtete Züge unter ärztlicher Leitung mit weißbezogenen Betten, vollständig ausgestattetem Küchenwagen usw. Ein 10 Meter langer Möbelwagen mit Betten, Matratzen, Wäsche und dergleichen ging von uns nach Neuruppin. Andere 120 Betten mit allem Zubehör lagerten wir nach Schwerin/Warthe aus.

Wir hätten zwar lieber ein Haus gehabt, das viel westlicher gelegen war, aber die Regierungsstellen konnten uns keinen anderen Ort nachweisen.

Vor Weihnachten fand noch eine große, besonders gesegnete Diakonietagung in unserem Hause statt. Das Weihnachtsfest verlebten wir mit unseren Kranken – es waren immer noch ca. 300 Patienten, Angestellten und Schwestern unseres Hauses wie im tiefsten Frieden, ohne äußere Störung, obwohl die Spannungen täglich wuchsen.

Am 14. Januar 1945 bestieg ich in Osterode noch den Nacht-D-Zug, um in Wittenberge, Berlin und Cottbus Verhandlungen mit neuen Ausweichstationen zu führen. Schwester E. aus Allenstein, die für das Hindenburg- Krankenhaus dieselben Sorgen hatte, schloss sich mir an. Wir hörten am 18. Januar in Cottbus in der Wohnung des Landrats den 8 Uhr-Abendbericht, in dem von Kämpfen bei Soldau gesprochen wurde. Eine Stunde später saßen wir im D-Zug, der uns möglichst schnell nach Ostpreußen zurückbringen sollte. Im Sommer hatte ich eine Freundin besucht, die in Soldau, 50 km von Osterode entfernt, als Vikarin und Diakonisse ein Pfarramt verwaltete. Daher war ich mit der Gegend und den Entfernungen vertraut und wusste, dass Eile geboten war.

Unser Zug fuhr wohl noch über Posen, aber nicht mehr über Thorn-Deutsch Eylau, sondern wurde über Marienburg geleitet. Dort bekamen wir zunächst nur Anschluss bis Mohrungen. In der Nacht waren schwere Fliegerangriffe gewesen. Unter anderem waren auch die Bahnlinien Mohrungen-Allenstein  und Allenstein-Osterode zerstört worden. Die einzig befahrbare Strecke Mohrungen-Osterode war gesperrt.

So versuchte ich nach einem Besuch im Krankenhaus Mohrungen, in dem noch alle Verantwortlichen ohne Sorge lebten, auf der Landstraße ein Auto zu erwischen. Innerhalb von eineinhalb Stunden fuhr aber keins in südlicher Richtung. Alles kam nur von dort und war mit Flüchtlingsgepäck beladen. Es lag hoher Schnee und war sehr kalt. Ich ging also zum Bahnhof zurück, wo ich Schwester E. wiedertraf, die auch noch nicht nach Allenstein konnte. Dann fuhr wirklich noch ein Zug nach Osterode, wo wir gegen 15 Uhr am 19. Januar eintrafen.

Wie hatten sich das Stadtbild und der Bahnhof verändert in diesen wenigen Tagen! Unübersehbare Flüchtlingsmengen überall! Ich traf auf dem Bahnhof General L. dessen Frau uns lange ehrenamtlich im Krankenhaus geholfen hatte. Ich fragte ihn nach der Lage. Er konnte mir aber nur den freundschaftlichen Rat geben, Vorkehrungen zur Abfahrt zu treffen. Befehle dazu lägen nicht vor.

Im Krankenhaus traf ich noch alles wohlbehalten an. Auch dort lagen keine Befehle vor. Unser Chefarzt brachte an dem Tag mit anderen Freunden seine Frau und die fünf Kinder nach Elbing. So versuchte ich sogleich, einen Transportzug für unser Haus zu bekommen, was aber erst am anderen Tag, am 20. Januar, gegen Mittag gelang.

In der Nacht war das Luftschutztelefon ununterbrochen in Betrieb. Aus Neidenburg war der Arzt mit seinen Schwestern aus dem Krankenhaus im Krankenauto gekommen. Sie fuhren im Morgengrauen weiter nach Elbing.

Aus Gilgenburg waren Leute eingetroffen, denen die russischen Panzer auf den Fersen waren. Wir packten und entließen an Patienten, was nach Hause wollte und konnte. Von Mittag an konnten wir endlich verladen. Ein Befehl dazu lag immer noch nicht vor. An den vielen Truppen aber, die in unsere Stadt kamen, merkten wir das Näherrücken der Front. Kein LKW oder Krankenwagen stand uns anfänglich zum Transport unserer restlichen Schwerkranken zur Verfügung, sondern nur ein Flachwagen mit einem Pferdchen und einem ukrainischen Kutscher. Dann wurde gemeldet, dass mit einem Großangriff auf Osterode zu rechnen sei.

Damit war die Parole ausgegeben: Rette sich, wer kann! Ein Angriff erfolgte aber gottlob nicht. Zwei Krankenwagen wurden später zum Abtransport unserer Kranken mit eingesetzt. Da aber der Fußweg bis zur Bahn eine halbe Stunde ausmacht und die Straßen so verstopft waren, dass oft nur Schritt gefahren werden konnte, wurde die Gefahr, nicht fertig zu werden, beständig größer. Darum sollten wir denn auch nur die Menschen und keine Sachen transportieren, auf die wir aber doch auch so dringend angewiesen waren. Es gelang uns dann aber doch noch, unserem Zug, der aus sieben Personenwagen bestand, die mit Stroh für die Patienten ausgelegt wurden, einen offenen Güterwagen anzuhängen und gegen Abend durch einen LKW gepackte Kisten zu transportieren.

Niemand wusste, wann der Zug fuhr und wie viel Zeit zum Verladen uns noch zur Verfügung stand. Den Nachmittag und Abend hindurch wurden Hunderte von Soldaten in unserer Küche gespeist. Wir sahen bei der Gelegenheit Panzerfäuste und mancherlei Kriegsgerät aus nächster Nähe. Allmählich war das Haus leer geworden. Als die restlichen Schwestern mit mir das letzte Auto bestiegen, ließen wir nur unsere tote Schwester zurück, die gegen Abend ihre Augen geschlossen hatte. Schwester L. war schon beinahe zwei Jahre an einer offenen Tbc erkrankt und konnte nicht mehr genesen. Wie schwer war es uns aber, sie nicht mehr selbst auf unseren Schwesternfriedhof betten zu können, wo schon fünf andere Schläferinnen ruhten! So stellten wir ihr das Birkenkreuz an das Fußende, und der uns befreundete Militärpfarrer wollte es übernehmen, sie am anderen Morgen mit einigen bei uns heimgegangenen Soldaten zu bestatten. Von unseren mehr als zwanzig ausländischen Angestellten nahmen wir auf ihre Bitte zwölf aller Nationen mit, die sich später auch unter veränderten Verhältnissen sehr bewährten.

Wir waren also mit dem letzten Auto gegen 1/2 12 Uhr nachts an unserem Zuge. War das eine Fahrt durch die Stadt! Die Überfülle auf den Straßen war so groß, dass Unglücksfälle kaum zu vermeiden waren. Kinder schrieen nach ihren Eltern. Den Alten versagten die Kräfte, dazu herrschte große Kälte. Unser Zug rangierte noch einige Stunden. Gegen 3 Uhr morgens verließen wir Osterode in Richtung Elbing.

Wie viel Platz hätten wir noch haben müssen, um Frauen und Kindern und andere Menschen aufzunehmen, die wie Mauern auf dem Bahnsteig standen! Und wir konnten sie doch nicht mitnehmen. Nie wird man dieses Bild vergessen können. Am Sonntagmittag trafen wir erst in Elbing ein, wo uns überfüllte Züge aus Königsberg und aus dem Innern der Provinz begegneten. Weil in Osterode keine telefonische Verbindung mit Allenstein mehr möglich war, wussten wir leider nicht, ob unsere Schwestern von dort auch auf dem Wege waren. Nur dies war noch sicher, dass Schwester E., die mit mir gereist war, am Freitagabend mit einem Wehrmachtsauto gut nach Allenstein gekommen war. Aber wie viel Freunde und Angehörige unserer ostpreußischen Schwestern wussten wir noch in der Provinz, als wir bei Marienburg über die große Weichselbrücke fuhren!

Die Fahrt ging über Dirschau, Stargard, Konitz, Schneidemühl, wo wir am 22. Januar morgens ankamen. Unser Zug konnte bis dahin zwei Tage und die Nächte dazu nicht geheizt werden. Das Thermometer war bis auf minus 29°C gefallen. Von Schneidemühl an begegneten uns die Transportzüge aus dem ehemaligen Korridor, von Posen kommend: offene Güterzüge mit Frauen, Kindern und alten Leuten! Die vielen Erfrorenen konnten nur an den Wegrand gelegt werden! Auf den Bahnhöfen vermochte man für die ständig wachsende Zahl solcher Züge nicht mehr genug warme Suppe oder heiße Getränke herbeischaffen.

Wir fuhren über Kreuz weiter nach Landsberg/Warthe und wollten eigentlich nach Schwerin/Warthe, unsere erste Ausweichstation, erkannten aber an dem ständig wachsenden Zustrom der Flüchtlinge aus dem ehemaligen polnischen Gebiet die Undurchführbarkeit unseres Planes. Es gelang uns, vom Bahnhof Landsberg ein Staatsgespräch mit dem Innenministerium zu führen. Wir wurden in Richtung Sachsen gewiesen. Zwei unserer älteren Schwestern waren in Schneidemühl nach Berlin umgestiegen. Einige Insterburger Schwestern versuchten von dort nach Regenwalde in Pommern, ihrer Ausweichstation, zu gelangen. Schon von Osterode aus wurden zwei unserer Schwestern von Wehrmachtsautos mitgenommen, um schneller nach Schwerin zu kommen. Sie sollten gewissermaßen die Vorhut sein und unser Kommen vorbereiten. Leider haben sie unsere dorthin ausgelagerten Sachen nicht mehr retten können.

Wohl erfuhren sie durch telefonische Verbindung mit Berlin, dass wir nach Annaberg im Erzgebirge fuhren, und gaben dorthin von den in Schwerin befindlichen Koffern und Körben auf. Leider kamen davon später aber nur wenige an. Die Russen waren über Posen auch sehr schnell in westlicher Richtung vorgestoßen, so dass Schwerin schon am 27. Januar unter Feuer lag. Unsere Schwestern kamen aber mit dem dortigen Krankenhaus zeitig genug und behütet heraus und stießen wieder zu uns, als wir schon in Bärenstein waren.

Unser Zug war am vierten Fluchttag über Küstrin, Frankfurt/Oder, Cottbus, Eilenburg nach Leipzig gelangt, wo wir in den Nachtstunden zum 24. Januar längeren Aufenthalt hatten. Wie gut tat bei der großen Kälte die warme Nudelsuppe, die wir dort bekamen! Ein Gespräch mit Berlin, das noch einmal zustande kam, gab uns als Reiseziel Annaberg bekannt. So fuhren wir über Gößnitz, Werdau, Zwickau in das unbekannte Land.

Am 25. Januar gegen 16 Uhr erreichten wir Annaberg. In einer Besprechung auf dem Landratsamt stellte sich bald heraus, dass wir nur mit 50 Patienten erwartet wurden, was auf einen Hörfehler durch die telefonische Übermittlung des Ministeriums zurückzuführen war. Da war nun guter Rat teuer! Wir sollten uns auflösen und von dem Annaberger Krankenhaus übernommen werden. Durch ein erneutes Gespräch mit dem Ministerium wurde das aber verhütet und noch am Abend des Tages die neue Schule in Bärenstein, 11 km südlich von Annaberg, hart an der sudetendeutschen-tschechischen Grenze gelegen, besichtigt. Der Medizinalrat von Annaberg fuhr mit unserem Chefarzt und mir dorthin. Damals ging das noch mit dem Auto, was heute wie ein Traum erscheint.

Wir kamen gerade im rechten Augenblick, denn der Bürgermeister von Bärenstein führte eben zwei Herren von der Wehrmacht durch die große, fast neue Schule, welche sie am anderen Tag mit Ungarndeutschen belegen wollten. Nun aber wurden die Abmachungen mit uns getroffen und unser Kommen auf den nächsten Tag festgesetzt. Unser Doktor war an dem Abend und in der Nacht Gast bei dem Medizinalrat. Wir blieben mit unserem Zug auf einem Nebengleis stehen und beschlossen den Tag in unserem Schwesternwagen mit viel Dank.

In wie viel Not hatte der gnädige Gott über uns Flügel gebreitet! Er hatte seine Engel für uns aufgeboten, uns zu behüten auf allen unseren Wegen! Von all den Wundern wäre eine lange Geschichte extra zu berichten. Mit welch geringen Mitteln musste die Pflege und die Versorgung der Kranken während der langen Fahrt durchgeführt werden! Zwei Kinder wurden unterwegs geboren. Ein junges Mädchen, das kurz vor unserem Aufbruch mit schweren Schussverletzungen eingeliefert worden war, überstand die lange Reise nicht, ebenso nicht ein schwerkrankes Kind.

Ungefähr vierzig Schwerkranke einschließlich unserer Infektionskranken hatten wir ins Annaberger Krankenhaus abgegeben. Mit allen anderen waren wir am folgenden Tag, den 26. Januar, gegen 14 Uhr in Bärenstein, wo Schlitten aller Art und viel hilfsbereite Menschen zu unserem Empfang bereitstanden. Einige Schwestern, die schon morgens mit mir hinausgefahren waren, hatten mit Hilfe der Frauen von der Gemeinde Stroh in die großen Schulräume geschüttet. Es standen ja zunächst nur wenige Luftschutzbetten zur Verfügung. Die Strohlager waren aber besser als man dachte. Für unsere Patienten hatten wir bezogene Kopfkissen, Decken usw. mit. Wir Schwestern hatten sogar unsere Daunendecken, aber was fehlte uns doch alles! Eine Fülle von gepackten Kisten mit Krankenpflegeartikeln, Wäsche, Konserven usw. hatten wir in Osterode stehen lassen müssen, so dass es aller Zucht bedurfte, sich nun nicht zwischen wenn und aber zu bewegen. Wir waren reich gewesen und nun arm geworden. Aber was tat es! Ostpreußen und das Vaterland gingen in Flammen auf!

Niemand von uns kannte das Erzgebirge. Nur vom Hörensagen wusste man etwas von der Armut der Bevölkerung. Aber wie haben sie gespendet und gegeben, diese lieben schlichten Menschen, die wirklich opferten! Wenn wir auch nur einen Bruchteil der Gaben für Krankenhauszwecke behalten durften, sei doch allezeit dankbar der Gebefreudigkeit gedacht. Wir konnten Holzbetten mit dreiteiligen Matratzen käuflich erwerben, und bald war die Schule Hilfskrankenhaus. Den Ort, der fast 900 m hoch liegt und den Blick in herrliche Täler freigibt, lernten wir bald lieben. Bären gab es keine dort, aber Steine umso mehr. Man war fast ausschließlich politisch und nicht kirchlich ausgerichtet. So war die sehr gute Wortverkündigung überwiegend von Flüchtlingen besucht. Wir aber haben zu danken für viele gottesdienstliche Feierstunden in der Gemeinde und in unserem Haus. Das waren Brunnen in der Wüste!

Fast sieben Monate lebten wir in der großen Abgeschiedenheit der Berge, aber wie inhaltsreich war die Zeit! Als die schweren Angriffe auf Dresden, Chemnitz, Zwickau, Plauen usw. waren, konnten wir von unserer Höhe aus die furchtbare Wirkung der Spreng- und Brandbomben aus der Ferne beobachten. Dann kamen die unvergesslichen Tage im Mai. Die Berghänge und Wiesen hatten ihren schönsten Schmuck angelegt, aber die letzten Panzer rollten über sie hinweg, um irgendwo im Wald stehen zu bleiben. Mit dem Tag der bedingungslosen Kapitulation wurde die kleine Brücke in unserem Ort wieder die tschechische Grenze, und mit der Errichtung des Schlagbaumes begann der Leidensweg der Sudetendeutschen.

Wir hatten bis dahin außer der Pflege unserer 150 Kranken und der Versorgung der Ambulanz noch eine ziemlich umfangreiche Flüchtlingsbetreuung in der großen Turnhalle unserer Schule. Im weiten Umkreis war, außer in Annaberg, kein Krankenhaus; dies war aber ständig überbelegt. So waren wir lange die  Aufnahmestation für alle Kranken und Alten, die aus den Flüchtlingstransporten, besonders von Schlesien und aus dem Protektorat, kamen. Wie viele schlossen bei uns ihre müden Augen für immer! Bald füllte sich ein ganzes Viertel des schönen, kleinen Bergfriedhofes mit Flüchtlingsgräbern. So häufig wie dort sind wir noch nie hinter einem Sarg hergegangen und waren oft das einzige Geleit.

Nun war die Grenze gesperrt, und tschechische Soldaten führten eine scharfe Kontrolle mit viel Grausamkeit durch. Es lebten noch viele Flüchtlinge aus allen Teilen Deutschlands im Sudetengau. Doch nicht nur sie, sondern auch alle Reichsdeutschen wurden ausgewiesen, auch wenn sie ihre Ansässigkeit durch Jahrhunderte nachweisen konnten. Die Vertriebenen mussten nicht nur von Haus und Hof, wie sie gingen und standen, sondern sie durften kaum etwas mitnehmen, oder es wurde ihnen an der Brücke abgenommen. Ungezählte dieser Elendszüge kamen über unsere kleine Brücke: Mütter mit Kindern und Säuglingen, alte und kranke Leute, die zum Teil in Handwagen gefahren wurden. Pferdefuhrwerke waren nachher nicht mehr erlaubt. Das war ein Herzeleid ohne Ende! Die Männer und jungen Leute wurden meist verhaftet und in das Landesinnere verschickt.

Das schöne, friedliche Land, das bisher von Kampfhandlungen verschont geblieben war, hallte wider von den Schüssen, die Tag und Nacht fielen und die nun nicht mehr den Feind, sondern den Bruder trafen. Der Weg über unsere Brücke führte nach Weipert, das so zu Bärenstein gehört, dass beides wie eine Ortschaft wirkt. Wir erlebten also die traurigen Vorgänge unmittelbar. Kein Haus blieb unbeteiligt, weil die verwandtschaftlichen Bande Bärenstein und Weipert zu einem Ganzen machen. Das Leid der vielen Verwundeten in den Lazarettzügen, die sich noch in Böhmen und Mähren befanden, wurde auch mit jedem Tage größer. Viele Wochen mussten sie hin- und herfahren; kein Grenzort wollte sie durchlassen. So kam unter anderem auch einmal ein Lazarettzug mit über 400 Schwerstverwundeten nach Bärenstein. Die armen amputierten Soldaten – darunter auch 15- bis 18jährige - hatte man drüben misshandelt und ausgeraubt. Sie hatten lange keine Verpflegung erhalten. Verbandmaterial und Medikamente waren ihnen abgenommen worden. Unsere Schule reichte auch dann noch nicht aus, als in der Turnhalle in vier langen Reihen ungefähr 200 Soldaten auf Stroh gebettet waren.

Der tägliche Zustrom von Ausgewiesenen und die vielen Flüchtlinge, die in Bärenstein wohnten, brachten den Ort aber in eine sehr bedrängte Lage. Die Lebensmittel reichten bald nicht mehr aus, und die Beschaffung derselben war oft eine Unmöglichkeit. Wir hatten oft tagelang kein Stücklein Brot im Haus, auch nicht für die Patienten, so dass die Morgenmahlzeit völlig gestrichen werden musste. Zum Mittag konnte es dann aber auch nur eine Suppe aus selbstgesuchten Kräutern geben. Da haben wir alle durch Wochen hindurch erleben müssen, dass Hunger weh tut. Wir haben aber auch erfahren dürfen, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht. Dass aber Gottes Wort und Sakrament zusammengehören, haben wir in der Zeit besonders verstehen gelernt. In dem Altersheim in Weipert, dem ein kleines Krankenhaus angegliedert ist, arbeiteten Nonnen aus dem Rheinland, die uns sehr zugetan waren. Wie oft hat Gott diese Schwestern gebraucht wie die Raben, dass sie uns versorgten! Und das trotz der Grenzbrücke! In jener Zeit lernten wir den Gruß der Bevölkerung Vergelt's Gott! und Gesegne Dir's Gott! in seiner ganzen Innigkeit verstehen. Bis in die zweite Hälfte des Juni hinein waren wir Niemandsland. Dann erhielt Annaberg eine russische Kommandantur, der auch Bärenstein unterstellt war. Wenn auch einer unserer Wirtschaftsschwestern auf einer Besorgungsfahrt nach Annaberg das letzte gute Fahrrad geraubt wurde, blieben wir mit allen denen, die zu uns gehörten, vor sonstigen Belästigungen immer bewahrt. Die Ernährungsschwierigkeiten steigerten sich derart, dass die Flüchtlinge zur Abreise gezwungen und den Ausgewiesenen keine Aufenthaltsgenehmigung bzw. keine Lebensmittelkarten gegeben wurden, selbst wenn sie Verwandte am Ort hatten. Darum wurde auch uns nahe gelegt, abzureisen.

Wo sollten wir aber hin? Alle Versuche, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, scheiterten, und mit dem Mutterhaus hatten wir noch keine Verbindung. Als ich am 1. August zu Freunden nach Oberschlema gerufen wurde, um Verhandlungen zur Übernahme eines Hauses zu führen, war ich eben zur Haustür hereingekommen, als das Telefon ein dringendes Gespräch aus Annaberg für mich meldete. Die Gesundheitsbehörde stellte mich einfach vor die Tatsache, dass sie am gleichen Tage unsere Kranken in ein frei gewordenes Lazarett nach Annaberg abholen würden; das Auto dazu sei schon unterwegs. War das ein Tag für unsere Schwestern! Und erst für die Kranken! In Oberschlema verdunkelte sich der Weg aber auch, denn die Herren, mit denen ich verhandeln sollte, waren in der Nacht verhaftet worden. Mein Besuch in einem nahe gelegenen Diakonissenhaus war auch erfolglos. Doch hörte ich, dass eine Schwester aus Gera für das dortige Krankenhaus eine konfessionelle Schwesternschaft zur Ablösung der politischen Schwestern suchte. So fuhr ich am 3. August weiter nach Gera, leider auch vergeblich, denn die Umbesetzung in der Schwesternschaft war bereits durch das Rote Kreuz, welches in der Stadt ein Mutterhaus hat, vollzogen. Was nun? Unverrichteter Sache konnte ich unmöglich nach Bärenstein zurückfahren! So machte ich mich denn auf den Weg nach Leipzig zu den Eltern einer Heimgegangenen Freundin. War das ein Wiedersehen!

In Bombennot waren die Lieben behütet geblieben, aber die Zeit hatte ihre Spuren deutlich gezeichnet. Der folgende Tag war ein Sonntag mit einer unvergesslichen Predigt in der Universitätskirche. Ein Besuch bei einem befreundeten Seelsorger brachte dann die Wendung. Am anderen Morgen war ich zur angemeldeten Zeit bei dem Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, von dem ich eine halbe Stunde später die schriftliche Bestätigung für unsere Übernahme nach hier in Händen hielt. Das ehemalige israelitische Krankenhaus sollte uns in Pacht zur eigenen Bewirtschaftung übergeben werden. Die Russen hatten kürzlich das Haus freigegeben. Es war aber nicht vollständig möbliert. Wir dagegen hatten Betten mit allem Zubehör, Instrumente usw., vor allem aber noch 35 Schwestern, einen Arzt (die anderen zwei Herren und unser Chefarzt hatten uns schon im April und Mai  verlassen), 16 Hausmädchen, einen Krankenpfleger und andere mehr. Nun kam das Haus dazu! So kann nur Gott schenken, führen und leiten! Ich war überwältigt von seiner Fürsorge und Liebe, die sich so zu uns herabneigte.

Das war ein Heimkommen am nächsten Tag! Die fast leer gewordene Schule hallte wider von unserer Freude! Nun brauchten wir nicht in die Ungewissheit, nicht auf die Straße oder in ein Lager!

Nach einem letzten Abendmahlsgottesdienst in unserer Schule fuhr ich am 10. August mit zehn Schwestern nach Leipzig. Alle Wege wurden wunderbar geebnet. Wir bekamen fünf Waggons zum Transport unserer in Bärenstein ergänzten Krankenhauseinrichtung. Nun muss uns selbst das zum Besten dienen, dass man uns die Kranken gewaltsam abgeholt hatte, denn die Wagen für den Krankentransport wären kaum zu beschaffen gewesen. Die restlichen Patienten nahmen wir aber mit. Bald waren alle, bis auf eine Nachhut, welche die letzten Waggons verladen musste, in der neuen Heimat. Das wunderschöne, völlig unversehrte Haus hat einen herrlichen Park und liegt in einem unzerstörten Stadtteil Leipzigs. Die Thomaskirche, in der Johann Sebastian Bach seine edle Tonkunst zur Ehre Gottes ausübte, ist unsere Gemeindekirche. Dort dürfen wir auch wöchentlich die herrlichen Motetten hören und viel gute Wortverkündigung. Aber nur zwei Monate durften wir in unserem Haus, das uns inzwischen zur Heimat geworden war, einen fröhlichen Dienst tun, dann mussten wir es den Russen räumen. Sie hatten alle anderen konfessionellen Häuser besichtigt und sich für das unsere, welches so viele bauliche Vorzüge hat, entschieden. Wir zogen also wieder in eine Schule, die 370 Patientenbetten hat und früher Lazarett gewesen ist.

Nun sollte sie in der Hauptsache der Aufnahme von Bazillenträgern dienen. Wieder drohte uns die Gefahr der Auflösung, aber wir durften doch alle beisammen bleiben, unsere Selbständigkeit auch in der Wirtschaftsführung behalten und haben das Versprechen, dass wir nach dem Abzug der Russen in unser Haus zurück dürfen.

Wenn auch die Umstellung schwer war und der Weg wieder hinabführte, haben wir doch täglich für vieles zu danken, besonders für das warme Haus. Im Ausgleich zum Dienst an den Bazillenträgern haben wir im Parterre eine Station für allgemeine Kranke. Wie viel besonders Elende werden uns täglich aus ungeheizten Wohnungen gebracht, bei denen die geschwächte Gesundheit nicht mehr gefestigt werden kann. Möchte es uns allezeit geschenkt werden, den Dienst der Liebe vor den Toren der Ewigkeit im großen Sterben dieser Zeit recht tun zu können!

Ein Wort des Dankes soll diesen Bericht schließen. Wir wussten uns auch in der Zeit der Nachrichtenlosigkeit mit allen Schwestern und Freunden verbunden, die fürbittend unser gedachten. Welch kostbarer Besitz ist das Wissen um solchen Reichtum! Auch hier in Leipzig trägt uns die Gemeinde in all ihren Arbeitszweigen. Das wir als die Gesegneten auch dieser Stadt zum Segen werden könnten, ist unser herzlichster Wunsch.

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