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Günter Matba

Das Leben, ein Schaukelpferd?

Erinnern Sie sich noch, wie Sie als kleines Kind hoch auf dem Schaukelpferd gesessen haben? War es nicht ein klasse Spielzeug, besonders für Jungen? Rauf und runter, vor und zurück. Es gab davon verschiedene Modelle. Zurzeit scheint es ein bisschen aus der Mode gekommen zu sein. Manchmal machte es mir damals so richtig Spaß, wie ein Wilder dem Holztier die Sporen zu geben. Dann griffen meine Eltern ein und ermahnten mich energisch, es nicht zu übertreiben. Sonst würde ich mich überschlagen und kopfüber abstürzen mit schlimmen Folgen.

Doch wer nicht hören will, muss fühlen. Eines Tages hörte ich nicht und musste fühlen – wie sehr eine dicke Beule am Kopf weh tut. Spaß und Schmerz so dicht beieinander. Beides selbst verursacht. Wie so oft im Leben. Eine gute Lehre fürs Überleben.

Ist nicht das Leben voller Schaukelpferde?

Die Börse ist sicher so eines. Der Wert der ältesten bekannten Aktie der Welt, 1606 von der V.O.C.V.O.CDie Niederländische Ostindien-Kompanie (niederländisch: Vereenigde Oostindische Compagnie; abgekürzt: VOC oder kurz Kompanie (Compagnie)) genannt, war eine Ostindien-Kompanie, zu der sich 1602 niederländische Kaufmannskompanien zusammenschlossen, um die Konkurrenz untereinander auszuschalten. VOC erhielt vom niederländischen Staat Hoheitsrechte (Kriegsführung, Festungsbau, Landerwerb) und Handelsmonopole. Sie war der erste multinationale Konzern und eine der größten Handelsunternehmungen des 17. und 18. Jahrhunderts. in Amsterdam herausgegeben, fiel bereits ungefähr 60 Jahre später ins Bodenlose: zu hoch geschaukelt. Der erste Börsencrash war da. Danach folgten viele. In einem davon, aber nicht dem letzten, stecken wir zzt. mittendrin. Viele unbedarfte Anleger, aber auch Spekulanten überschlugen sich. So mancher brach sich das Genick auf dem Parkett, auf dem Angst und Gier die treibenden Kräfte sind. Beides böse Gefühle, Entartungen der positiven Eigenschaften: verantwortungsvolle Vorsicht und gemäßigtes Gewinnstreben.

Außerdem überrollt uns die so genannte Finanz- und Wirtschaftskrise. Wie ein gewaltiger Tornado zermalmt sie größte Banken, Firmen von Weltgeltung, unzählige Unternehmen und Existenzen. Weltweit verbrennt Kapital in Billionenhöhe.

Fatal ist, dass nur ein kleines Fähnlein in dem Heer der studierten, promovierten, habilitierten Volks- und Betriebswirte, Analysten, Wirtschaftswissenschaftler, Bankfachleute, Minister und Ministerpräsidenten das drohende Unheil kommen sah und - soweit bekannt - niemand Gegenmaßnahmen traf. Die wenigen, allzu leisen Kassandrarufe wurden überhört. Macht und Geld berauschten die Gehirne derjenigen, die als Fachleute gelten, und derjenigen, die in der gigantischen Herde der unwissenden und viel zu gläubigen Geldanleger ihren falschen Hirten in den Abgrund nachtrampelten. Sie wurden verführt und verschaukelt. Raubtierbörsianismus hatte sich breitgemacht. Heuschrecken fraßen florierende Firmen. Macht und Geld, verantwortlich genutzt, gehören zum Fundament einer funktionierenden Gesellschaft. Aber sie erhoben sie zu Göttern, besser: zu grausamen Götzen. Diese fordern nun schreckliche Opfer. Das derzeit bekannteste Menschenopfer ist Adolf Merckle, der fünftreichste Mann Deutschlands mit geschätzten sieben Milliarden Euro. Er hat sich verzockt. Sein Firmenimperium wird zerschlagen. Sich selber wirft er vor einen Zug. Schrecklich. Unglaublich, denn mit dem Restgeld hätte er noch 100 Leben bestreiten können.

Schaukelpferd
Der Autor im Alter von 4 Jahren auf seinem Schaukelpferd

Nun werden überall Schuldige gesucht und gefunden. Selbst Bischöfe beteiligen sich daran. Hätten sie doch besser vorher eindringlich zur Abkehr vom Götzen Mammon und vom Tanz um das goldene Kalb gepredigt.

Aber wir dürfen nicht vergessen, zwischen den wirtschaftlichen Talfahrten gab es lange, fast paradiesische Zeiten der wirtschaftlichen Blüte, in denen so mancher, auch der sogenannte kleine Mann durch geschicktes Spekulieren wohlhabend geworden ist.

Unaufzählbar viel ist im vergangenen Jahr 2008 und kurz vor seinem Beginn außerdem geschehen, hier nur einiges in Kürze:

Nun für mich das Spitzenereignis: In Norderstedt wird ein Kinder- und Jugendbeirat gewählt, der laut seiner Satzung ein Antrags- und Rederecht in der Stadtvertretung hat. Auf der Sitzung der Stadtvertretung am 16.12.2008 stellt dieser Beirat, vertreten durch einen Sechzehnjährigen, einen Antrag auf Wiederherstellung der alten Beschlüsse zur Schulpolitik und, ich zitiere, liest in einer parlamentarischen Sternstunde den Stadtvertretern die Leviten.

Ich meine, mit solcher Jugend voll Fachwissen und Mut können wir getrost ins neue Jahr gehen. Sie wird die Zukunft schon schaukeln.

Günter Matiba, 11. Januar 2009