Archiviert:

Autorenlesung am 13. August 2013

Hartmut Kennhöfer

September 2012, in der Stadtteilbücherei Garstedt findet unter dem Motto 60 Plus im Rahmen der Seniorenwoche eine Fotoausstellung statt. Eingeladen hatten der Fotoklub, das Stadtmuseum und die Erinnerungswerkstatt Norderstedt.
Die Damen und Herren dieses Zeitzeugen-Projektes Erinnerungswerkstatt hatten Gelegenheit, die Initiative einem breiteren Publikum vorzustellen. Der Norderstedter Lokalsender noa4 war ebenfalls mit Reporterin und Kameramann vertreten, um über das Ereignis zu berichten. Der große Andrang und das rege Interesse machten uns Mut, zusammen mit der Stadtteilbücherei Garstedt und seiner Leiterin Frau Sträter eine weitere Veranstaltung zu planen. So entstand die Idee, eine öffentliche Autorenlesung dort durchzuführen. Die Vorbereitung dazu erfüllte uns mit Freude und gespannter Erwartung.

Am 13. August 2013 war es dann soweit, die Erinnerungswerkstatt Norderstedt lud zu einer öffentlichen Autorenlesung ein. Martin Witt vom Hörladen hatte sich bereit erklärt, diese Veranstaltung durch eine Induktionsanlage zu unterstützen. Eine Hörbehinderung stellte somit kein Hindernis mehr dar, Herr Witt hatte eine Verstärkeranlage mit Lautsprechern, Funkkopfhörer und die Induktionsanlage installiert.

PlakatPlakat

Frau Sträter und ihre Mitarbeiterinnen hatten, wie wir meinten, ausreichend Stühle und auch bequeme Sessel zu einem Halbrund zusammengestellt, damit alle Anwesenden gut sehen und hören konnten. Um 15 Uhr startete die Veranstaltung und der Raum füllte sich zusehends. Handzettel und Plakate, mit denen die Lesung vorher beworben wurde, hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Die bereitgestellten Sitzmöglichkeiten reichten aber bei weitem nicht aus, es mussten weitere Stuhlreihen aufgestellt werden.

Herr Kennhöfer, Webmaster der Erinnerungswerkstatt, dankte Frau Sträter für die vorbildliche Vorbereitung mit einem Blumenstrauß, moderierte den Nachmittag und wies auf das fatale historische Datum hin, den Mauerbau des DDR-Regimes in Berlin vor 52 Jahren. Renate Rubach begann mit der Lesung ihrer Geschichte Der Bau der Berliner Mauer 1961. Viele unserer Zuhörer konnten sich noch daran erinnern und es kam das beklemmende Gefühl wieder hoch, als die Führung der DDR ihre Bürger einmauerte und alle Ost-Westkontakte auf ein Minimum einfror. Im zweiten Beitrag beschrieb Herr Dieter Scholz, wie er seinen 40sten Geburtstag an der Zonengrenze verbrachte. Vielen, die in der Nähe der Grenze lebten war das so geläufig, nach dem Kaffee machte man eine Wanderung bis an den Schlagbaum, um hinüber zu spähen zu den Verwandten und Freunden, die unerreichbar hinter Todesstreifen und Stacheldraht in einem anderen deutschen Staat wohnten.
Danach trug Ursel Goldschmidt etwas Entspannendes in plattdeutscher Sprache vor. In Bi Nacht erzählte sie von der Aufregung in der abendlichen Wohnung und wie ihr Mann, auf dem Bauche liegend den Mond aufgehen ließ. Trotz blutigen Ausgangs der Geschichte erntete die Autorin Gelächter und Applaus. Hartmut Kennhöfer entführte die Anwesenden in die 50er Jahre, als der Straßenverkehr noch dürftig war und die Firma Vidal & Sohn einen motorisierten Dreiradkarren mit dem Namen Tempo herstellte und verkaufte. Unter dem Titel Affenbrot las er die selbst erlebte Geschichte vom Lumpensammler, der als Bezahlung für gesammeltes Altmetall, Lumpen und Papier aus einem schmutzigen Sack die Schoten des Johannisbrotbaumes hergab. Günter Matiba berichtete aus dem Ruhrpott und Wie Oma die Gestapo beschäftigte und nahm die Zuhörer mit in eine Zeit, die gottlob überwunden, wo weder Freiheit noch Demokratie herrschten und es gefährlich war, seine Meinung zu vertreten. Seine Großmutter weigerte sich standhaft, das Mutterkreuz anzunehmen und geriet so in das Visier der geheimen Staatspolizei.
Eine deftige Geschichte aus der christlichen Seefahrt folgte, Bernd Herzog berichtete über seine Äquatortaufe. Unsere älteste Autorin (94) entführte die Zuhörer in die Zeit der Weimarer Republik, als es keinesfalls selbstverständlich war, dass eine Frau den Führerschein machte und auch mit dem Auto herumkutschierte. Diese Geschichte ist in einem Buch des Zeitgut-Verlages erschienen und Liesel Hünichen las aus dem Buch über das Autofahren 1927. Auch diese Geschichte kam gut an und wurde mit Applaus bedacht.
Hatten wir mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen, wollten wir doch auch über das Ende der DDR berichten. Zum Abschluss las Renate Rubach Der 9. November 1989 - Der Mauerfall und rief noch einmal die Bilder wach, an die sich die meisten unserer Zuhörer noch lebhaft erinnern konnten. Was war das für eine Aufbruchstimmung! Die Grenzen offen – nach über 40 Jahren. Und heute gibt es bereits eine Generation, die die DDR nie kennengelernt hat.

Wenn es am schönsten ist soll man aufhören, nach eineinhalb Stunden hatten wir acht ausgewählte Geschichten aus unserem riesigen Repertoire vorgestellt und die Konzentration unserer Zuhörer ließ nach. Die positive Resonanz auf die Veranstaltung hat uns Autorinnen und Autoren viel Freude bereitet. Das gemeinsame Schwelgen in schönen Erinnerungen und das Teilen der weniger schönen hatte Identität gestiftet und einen wichtigen Beitrag zum Verständnis zwischen den Generationen geleistet. Autoren und Zuhörer gingen mit dem Gefühl nach Hause, gemeinsam einen Schatz an Erinnerungen gehoben zu haben. Wir hoffen, dass wir auch unseren Zuhörern Mut machen konnten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben für ihre Kinder und Enkelkinder und für die sehr, sehr vielen anonymen Internet-Leser der Erinnerungswerkstatt Norderstedt in aller Welt.

Hartmut Kennhöfer, im August 2013