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Autorenlesung der Erinnerungswerkstatt am 19. August 2014
In der Stadtteilbücherei Garstedt, Europaallee 36

Inge Hellwege

Leserbrief einer Teilnehmerin:

Die Erinnerungswerkstatt Norderstedt ludt ein zu einer Lesung in die Bücherei am Herold-Center – kostenlos.

Wer erinnert sich da und woran?? Menschen – die Lust am Schreiben haben, Menschen – die sich an Zeiten erinnern, die sie so nicht erleben wollten, die sich das von der Seele geschrieben haben und nicht wollten, dass es in Vergessenheit gerät und damit mahnen, dass so etwas nicht wieder passiert wie in den Jahren von 1933 bis in die fünfziger Jahre.

Das war das Thema der Geschichten von verschiedenen Menschen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands vom Ruhrgebiet bis Ostpreußen.

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Die Ankündigung in der Norderstedter Zeitung hat mich und viele andere in die Bücherei gelockt. Über 80 Menschen wollten hören, was die Autoren uns zu sagen hatten. Sie waren genau so neugierig wie ich.

Es wurde mit Herzblut vorgelesen. Es gab viel Trauriges aber auch etwas zum Lachen über Dinge und Tatsachen, die heute kaum noch möglich sind. Wer badet heute noch in einer Zinkwanne in der Küche?

Doch die aus der Not entstandenen Situationen wie auf der Flucht vor den Russen, oder dem Brand in den Hamburger Bombennächten und ähnlichen Geschehnissen, ließen die Menschen eines nicht vergessen: Das Lachen.

Auch wenn es manchmal verschüttet war, es tauchte immer wieder auf und deshalb heißt das frisch aufgelegte Buch auch: »Dennoch haben wir gelacht…«

Ich bin froh, dass ich bei der Lesung dabei war. Dass ich hin gegangen bin und zuhören durfte. Alles war gut und richtig. Ich glaube, dass andere Zuhörer es genau so sehen und es genossen haben wie ich. Der abschließende Beifall hat es bestätigt.

Inge Hellwege, im August 2014

 


Leserbrief eines Teilnehmers:

Die Disputation

Michael Malsch

Im August 2014 war es endlich so weit: Die EWNOR legte ihre Dissertation vor. Sie trägt den Titel Dennoch haben wir gelacht… und ist in Sepia-Farben gehalten. Nein, nicht vergilbt – das ist was anderes. Und dass die Geschichten nicht vergilbt sind, sondern ihre Aktualität bewahrt haben, dass sollte sich am Nachmittag des 19. August erweisen.

Denn wenn eine Dissertation abgeschlossen ist, dann muss man sie auch vor einem Publikum verteidigen. Den Raum für die Disputation stellte die Stadtteilbücherei Garstedt zur Verfügung, der Rahmen sollte familiär bleiben. Man rechnete hoch: 40 Personen waren vor einem Jahr erschienen, als Autoren der EWNOR dort eine Lesung veranstalteten. Und da hier nun auch noch erstmalig ein Buch präsentiert werden sollte, erhöhte man sicherheitshalber um einen kleinen Inflationsausgleich auf 45 Sitzplätze. Zwar hatte unser Werbe-Fuzzi Dieter sich in den Tagen zuvor schon einige Beine ausgerissen, Aber man kann ja nie wissen. Zweckpessimismus was angesagt.

Wir EWNOR-ler sollten schon um 14:30 Uhr dort sein. Es gab ja vorher immer was zu tun und abzustimmen. So trennte ich mich vor der Bücherei von meiner Frau, die noch ins Einkaufszentrum gehen wollte, und stieg die Stufen zur Bücherei hoch. Aber sie war geschlossen: Dienstags keine Öffnungszeiten. Dann kam hinter mir auch schon Herr Matiba und noch jemand, und von drinnen öffnete auch schon jemand die Tür.
Wir betraten den Hörsaal. 45 dick bepolsterte Stühle für die Zuhörer, von denen ich gleich zwei belegte. Vorn die Stühle für die Vortragenden, ein Pult, Mikrofon und Lautsprecher. Gute Voraussetzungen.

Langsam trudelten die ersten Zuhörer ein. Die Mehrzahl war weiblich, aber das ist in der Deutschen Grammatik ja auch so: die Männer, die Frauen, die Kinder. Und die überwiegende Mehrzahl war im Rentenalter, Senioren lautet der dazugehörige Euphemismus. Die Senioren erinnerten mich an ein Erlebnis, das wir vor Jahren hatten, als meine Frau und ich auf dem Darß außerhalb der Saison in Urlaub waren. Es wurde eine Lesung im Kurhaus angeboten: Erich Kästner sollte vorgetragen werden und wir gingen hin. Als wir den Veranstaltungsraum betraten, hatten wir beide denselben Gedanken: Ach du Schreck, alles alte Leute! Wo waren wir da nur reingeraten! Aber es dauerte nicht sehr lange, bis es uns dämmerte: Die waren ja alle in unserem Alter! (Danke der Nachfrage: Wir haben uns schnell wieder von dem Schock erholt.)

Um viertel vor drei ging ich zur Tür, weil ich meine Frau erwartete. Dort machte Dieter Scholz den Türsteher und begrüßte die Herbeiströmenden. Da sah ich meine Frau auch schon kommen und sagte zu Dieter: Das ist meine, was er denn auch akzeptierte.

Um fünf vor drei Uhr war die Zuschauermenge schon auf 60 bis 70 Personen angewachsen, aber es strömte immer noch! Regale wurden verschoben und weitere Stühle wurden herbeigeschafft, ein Hauch von Hektik lag in der Luft.

Dann ging es los. Frau Sträter begrüßte die Zuhörer. Dann trat unser Moderator Hartmut Kennhöfer auf den Plan und sagte in seiner Begrüßung einige sehr passende Worte zur EWNOR im Allgemeinen und Speziellen. Er erwähnte, dass sich in diesem Jahr einige historische Ereignisse nullen (und fünfen), und damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerate, gäbe es die EWNOR, die sich auch in diesem Jahr nullt.

Dann begann die Zeitreise. Zuerst las Herr Hohn die Wochenmarktgeschichte von Herrn Potthoff vor. Dann kam Herr Matiba mit seiner Geburtstagsphobie und Frau Rubach mit zwei Geschichten ihrer Cousine, die nur durch Zufall dem Papiercontainer entkommen waren. Herr Werner steuerte unvergessliche Erinnerungen bei, wenn sie vergessen worden wären, wäre das ja auch schlecht gegangen.

Dann kam Herr Matiba noch einmal dran und las mit seinem trockenen westfälischen Humor von der Gleichschaltung der Deutschen Jungend in der NS-Zeit. Ich raunte meiner Frau zu: Das ist der mit der Geschichte, in der sich ein Mann dem Zugriff zweier NS-Schergen entzog, indem er in die Stahlkocher-Pfanne sprang. Von diesem gruseligen Ereignis hatte ich nämlich wenige Tage vorher im Familienkreise erzählt. Dann war Frau Krogmann an der Reihe, dies sich an das Ende des Krieges erinnern konnte. Aber das fiel ihr nicht besonders schwer, denn sie hatte die Geschichte kurz vorher schon in noa4 erzählt.

Anschließend berichtete Hartmut Kennhöfer über den Kampf seiner Tante mit der Seerose. Keine von Beiden wollte die Klügere sein, und so siegte schließlich die lachende Dritte. Es war die Schwerkraft, die die Tante in den See zog. Danach ging Frau Bintig ins Kino,während das Baby, ihr Bruder allein zu Haus blieb und Frau Rubach berichtete zum Schluss von der lebenden Grünkohlsuppe.

Nach allen Geschichten wurde reichlich Applaus gespendet. Und so traute sich der Moderator, die Frage zu stellen, ob noch zwei Zugaben gefällig wären. Die geplante Zeit war schon um zehn Minuten überschritten, aber die Menge konnte den Hals nicht voll kriegen. Und so führte Herr Matiba noch ein Männergespräch und Frau Rubach erntete viel Applaus mit den Badefreuden von 1943.

Immer wenn in den Geschichten bestimmte Stichworte fielen, die bei den Zuhörern eigene Erinnerungen wach riefen, ging dann ein Raunen durch die Menge. Der Applaus zu allen vorgetragenen Beiträgen war weit mehr als höflich und lockte den Vorlesern ein seliges Lächeln auf ihre Gesichter. Am Schluss  fand Hartmut Kennhöfer als Moderator noch einmal die richtigen Worte, kurz ab und doch, wie man in Hamburg sagt.

Unsere Erwartungen waren weit übertroffen! Alle Zuhörer waren bis zur letzten Minute voll konzentriert und die Resonanz war überwältigend. Schließlich zählte man 81 Zuhörer, das war neuer Norderstedter Rekord. Und 16 Bücher wurden an die Frau gebracht. So kann man als Fazit der Disputation nur den Schluss ziehen, dass die Dissertation mit summa cum laude zu bewerten ist.

Michael Malsch 21. August 2014