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Weihnachtszeit und Jahreswechsel 2014/15

Wieder einmal geht ein Jahr zu Ende und ich nutze die Zeit für einen Rückblick. Als wir im November 2004 die Erinnerungswerkstatt Norderstedt gründeten, wollten wir kein Erzählcafé oder eine der vielen Zeitzeugengruppen sein, die höchstens ihre Erinnerungen in einer eigenen Zeitschrift veröffentlichen. Wir fanden es besser, die Medien der nachfolgenden Generationen zu nutzen, um ihnen zu erzählen, unter welchen Lebensumständen wir aufwuchsen und was wir dabei erlebten. Denn die Lebensumstände haben sich in den Jahren, die wir betrachten können, stark geändert.

Hartmut Kennhöfer
Foto: Michael Schick, Hambuger Abendblatt

Die vielen Zuschriften, Anfragen und eine Viertelmillion Seitenaufrufe pro Monat zeigen uns, dass wir über elektronische Medien und soziale Netzwerke eine weitaus größere Anzahl von Menschen erreichen, als dies bei Printmedien der Fall ist. Trotzdem haben wir uns im zehnten Jahr unseres Bestehens entschlossen, aus den über 900 Geschichten, die in unserem Online-Lesebuch angeboten werden, 50 Geschichten von 20 Autorinnen und Autoren auszuwählen und daraus ein gedrucktes Buch zu machen. Die Zweifel, ob dies erfolgreich sein könnte, waren anfänglich sehr groß und mancher Skeptiker riet uns von diesem Vorhaben ab. Jedoch fanden wir für dieses Vorhaben den richtigen Verlagspartner und der Verleger machte uns Mut. Schwierig gestaltete sich die Wahl eines Titels, bis mit Dennoch haben wir gelacht… ein zündendes Motto gefunden wurde. Der Untertitel Kindheit und Jugend 1933 bis 1955 fand sich dann fast automatisch, denn zu diesem Zeitraum gibt es bei uns mehr als genug Geschichten. Aus dem Kreis der Autorinnen und Autoren bildete sich ein Kreis von gut motivierten Lektoren, die in mühsamer Kleinarbeit aus unserem reichhaltigen Fundus Passendes aussuchten und redigierten. Auch die Umschlagsgrafik und das gesamte Layout des Buches wurden in Eigenhilfe von Mitgliedern der Gruppe selbst erstellt. Am 24. Juli dieses Jahres war es dann so weit, wir konnten das erste Buch der Erinnerungswerkstatt in Händen halten. Am 19. August 2014 hatten wir sogar Gelegenheit, dieses Buch im Rahmen einer Autorenlesung in der Stadtteilbücherei Garstedt einem breiten Publikum vorzustellen. Die Lesung wurde ein voller Erfolg, der Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt und das Publikum ging so richtig mit. Viele erinnerten sich an ihre eigenen Erlebnisse und besonders die Älteren fingen an, selbst zu erzählen. Nach nur knapp drei Monaten waren die 500 Bücher der ersten Auflage bereits verkauft und der Verlag musste nachdrucken. Mit so einem Erfolg hatte niemand gerechnet, auch die Optimisten unter uns nicht.

Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser noch nicht alle Ihre Weihnachtsgeschenke zusammen haben, oder noch unschlüssig sind, was Sie verschenken wollen, wie wäre es mit unserem Buch? Sichern Sie sich schnell Ihr Exemplar im örtlichen Buchhandel, im Internethandel, beim Verlag, oder einfach hier bei uns, bevor die zweite Auflage ebenfalls verkauft ist.

Leider sind auch einige unsere Zeitzeugen in diesem Jahr verstorben, doch in ihren Geschichten leben sie weiter, sind sie unvergessen. Deswegen lautet unser Appell vor allem an die Älteren: Schreibt eure Erlebnisse auf, solange ihr es noch könnt, denn nur so wird Geschichte lebendig und authentisch. Unser Appell blieb nicht ungehört, in der zweiten Hälfte des Jahres erlebte die Erinnerungswerkstatt eine wahre Textflut. Der Kriegsbericht eines U-Boot-Fahrers und der eines Fallschirmjägers, die als Soldaten den Zweiten Weltkrieg überlebten, fanden den Weg in unser Archiv. Diese Männer blieben – wie so viele – nach Kriegsende stumm, Schrecken und Leid wirkten traumatisch nach, nur schreiben konnten sie ihre Erinnerungen und bewahrten sie heimlich auf. Aber Schreiben ist auch Therapie, manche Autorin, mancher Autor hat sich seine Last von der Seele geschrieben und in der Erinnerungswerkstatt Menschen gefunden, die bereit waren zuzuhören, ohne anzuklagen.
Auch Kindheits- und Jugenderinnerungen derer, die den politischen Wandel in den 1930er Jahren bewusst erlebten, also von unserer Elterngeneration, wurden uns angeboten und veröffentlicht.

Nach zehn Jahren erfolgreicher Tätigkeit unseres Autoren-Portals können wir am Ende dieses Jahres stolz mehr als neunhundert selbsterlebte Geschichten in unserem Online-Lesebuch präsentieren. Einhundertzehn sind es bis jetzt allein in diesem Jahr gewesen und wenn wir die Leitartikel, Gedichte und Berichte über unsere Tätigkeit hinzuzählen, sind es noch weitaus mehr. Und das Interesse scheint ungebrochen, wie die vielen Zuschriften vermuten lassen. Immer wieder wird unsere Gruppe durch Menschen bereichert, die sich ein Herz gefasst und sich entschlossen haben, endlich ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Für ihre Kinder und Enkelkinder, für sich selbst und die nachfolgenden Generationen, denn die Zeitzeugen haben etwas zu berichten, das zum kollektiven Gedächtnis der menschlichen Gesellschaft beiträgt.
Wir Autorinnen und Autoren sind keine Historiker, Dichter oder Schriftsteller, wir wollen einfach nur erzählen, was wir in unserem Leben erlebt, gedacht und empfunden haben. Und wir hoffen, dass unsere Erinnerungen die Zukunft positiv mitgestalten.

Willkommen ist uns jeder, der mitmachen will und etwas zu erzählen hat, auch als gelegentlicher Gast, denn davon lebt die Erinnerungswerkstatt Norderstedt. Ohne die Menschen, die bereit sind, etwas Persönliches von sich preiszugeben, die ihre Erinnerungen mit anderen teilen wollen, könnte unsere Autoren-Plattform nicht bestehen. So ist es heute an der Zeit, allen zu danken, die zum Erfolg unserer Erinnerungswerkstatt Norderstedt durch ihre Erzählungen, Redaktions-, Recherche- und Programmierarbeit, durch finanzielle und moralische Unterstützung beigetragen haben. Und ein besonderer Dank gebührt dem Kadera-Verlag und den Lektorinnen und Lektoren, durch deren Engagement das Buchprojekt der Erinnerungswerkstatt erst erfolgreich wurde.

Hartmut Kennhöfer, im Dezember 2014