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Margot Bintig

Wer nicht mit der Zeit geht…

…lebt billiger

„Oma, dein altes Klapphandy gehört doch ins Museum.“ Warum? Ich kann doch damit sehr gut telefonieren.

Telefonieren – wer macht das denn heute noch. Es gibt doch Whats App da kannt du Nachrichten senden, du siehst sofort ob der andere sie auch gelesen hat, du kannst Bilder verschicken, die du gerade aufgenommen hast. Du kannst Spiele spielen, hast immer einen Navi bei dir (alte Leute verlaufen sich ja häufig) und, und, und. Alles kostenlos. So ähnlich verlief das Gespräch mit meinen Enkeln. Ich wollte natürlich nicht wie von Vorgestern dastehen und so ließ ich mich zu einem Smartphon überreden.

Es wurde für mich ausgesucht – natürlich teuer und das neueste Modell – und betriebsbereit für mich eingerichtet. Ich musste nur einen Vertrag unterschreiben, der mir eine gewisse Anzahl von Telefonaten, SMS und Interneteinheiten monatlich für einen Festpreis garantierte. Da ich nur sehr selten das Handy benutze, eigentlich nur im Notfall, nahm ich die billigste Variante. Bisher hatte ich nur eine Prepaidkarte. So nun hatte ich das Wunderding. Nur ein kleiner Bildschirm, keine Zifferntasten, keine Taste um ein Gespräch anzunehmen oder zu beenden. Nur zwei kleine Tasten seitlich und eine Haupttaste auf der Vorderseite. Alles andere muss man auf dem Touchscreen oder Berührungsbildschirm machen. Das heißt, man muss auf verschiedene Arten über den Bildschirm streichen oder auf bestimmte Symbole kurz oder lang tippen um zu der gewünschten Aktion zu kommen. Es ist eigentlich ein Hosentaschencomputer, der zufällig auch telefonieren kann. Aber dazu später.

Zuerst probierte ich es mit Whats App. Das klappte prima. Man kann in Minutenschnelle hin- und zurückschreiben, alles mit Smylies oder anderen lustigen Symbolen versehen und ein Bild dazuschicken, z.B. was man gerade zum Frühstück isst. Doch plötzlich hatte ich ein Problem. Ich wurde auf meinem neuen Handy angerufen! Es erschien ein Bild auf dem Display auf dem ich sehen konnte wer anruft und ein grüner und ein roter Button mit dem Telefonsymbol. Ich drückte auf den grünen Knopf um das Gespräch anzunehmen – nichts, das Telefon klingelte weiter. Ich versuchte weiter durch verschiedenes Drücken auf dem Bildschirm und den vorhandenen Knöpfen das Gespräch anzunehmen aber ich war nicht in der Lage dazu. Es war mir aber zu peinlich nachzufragen wie man mit dem Ding telefonieren kann. Ich recherchierte im Internet und stellte fest, dass ich nicht allein mit meinem Problem war. Lange Suche, Kurzer Sinn: Es wurde bei den Grundeinstellungen vergessen ein Häkchen zu setzen, damit ich auch mit der Haupttaste ein Gespräch annehmen kann. Dann war ich unterwegs und wollte unbedingt etwas über Whats App mitteilen, ging aber nicht. Als ich nachfragte warum, wurde mir gesagt, dass ich auswärts ja nicht wie zu Hause über WLAN gehen kann, sondern Mobile Daten einstellen muss, das wäre das Internet. Dafür hätte ich ja die Flatrate. Aha, wieder ein bisschen schlauer.

Kurz darauf gönnten wir uns etwas Luxus. Wir buchten für einen einmaligen Sonderpreis einen Kurztrip mit der Queen Mary 2 von Southampton nach Hamburg. Morgens Abflug um 7.00 Uhr in Hamburg, Ankunft durch die Zeitumstellung um 7.00 Uhr in Gatwick und um 12.00 Uhr waren wir in der Kabine vom Luxusliner. Mein Handy meldete auch gleich die Roaminginfo (Auslandstarif) von England, 22,61 Cent die Minute. Das gilt für Telefonate. Ich dachte: Das brauch‘ ich nicht, ich schicke mal schöne Fotos und die Nachricht dass wir gut angekommen sind per Whats App. Wenn man davon absah, dass ich mich mit meinen dicken Wurstfingern mehrmals auf dem kleinen Display vertippte, klappte das prima. Ich tat genau das, was ich bei anderen immer als störend empfinde: Ich daddelte am Handy. Allerdings nicht im Lokal, sondern auf dem Liegestuhl auf Deck. Aber bei mir war es ja etwas ganz anderes, denn ich versuchte die vielen Funktionen des Minicomputers kennenzulernen. Ich hatte ja jetzt Zeit und es machte Spaß. Sogar meine E-Mails konnte ich empfangen. Etwas später, auf hoher See bekam ich die Nachricht, dass nun der maritime Communications Partner Norwegen zuständig sei, für 5,12 EURO die Minute. Unverschämt dachte ich, aber das nehme ich ja nicht in Anspruch. Ich spielte aber lustig mit meinem Smartphon weiter. Kostet ja nichts.

Kurz vor unserer Ankunft in Hamburg kam eine Nachricht von meinem Vertragsanbieter:

Lieber Kunde, Sie haben das Kosten-Limit von 59,50 Euro für Auslandsdienste erreicht und werden für den laufenden Monat gesperrt.

Da begriff ich endlich, das ich keineswegs kostenlos gespielt und Mails empfangen habe, sondern hohe Auslands-Internetkosten zahlen musste. Zum Glück hat der Anbieter ein Limit gesetzt, denn sonst wären die Kosten noch höher gewesen – dachte ich. Wir fuhren nämlich am 30. Juni los, da beliefen sich die Kosten für diesen Tag schon auf 49,10 Euro, aber das Monatslimit war noch nicht erreicht. Am 1. Juli fing der neue Monat an und ich durfte nochmal das volle Limit vom 59,50 Euro netto bezahlen.

Für ein Lehrgeld von knapp 130,-- Euro (inkl. MwSt.) weiß ich jetzt auch über Auslands- und Internetkosten Bescheid. Welche Fallstricke lauern noch in meinem Minicomputer? Mit meinem alten Klapphandy wäre das nicht passiert. Und ich hätte viel Geld gespart, für das ich eigentlich nichts bekommen habe.

Sicher kann ich aber in Zukunft den neuesten Segnungen der Technik besser widerstehen.

Margot Bintig, August 2015