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Günter Matiba

Ode an das Alter

— Wohin, Alter? —

Wir kommen alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind, weil wir so brav sind… denn schon auf Erden sind wir wie die reinen Engelein…

Mit Sicherheit können sich die Älteren unter uns noch an dieses Karnevalslied erinnern. Es war ein Mega-Hit, würden wir heute formulieren. Jupp Schmitz und manche andere Sänger und Stimmungskanonen haben es jahrelang in überfüllten rheinischen Festsälen im Karneval den schunkelnden, grell geschminkten, abenteuerlich kostümierten und schwitzenden Narrenmassen immer und immer wieder zu Gehör bringen müssen, die überschwänglich mitgrölten. Die Trunkenen wurden noch trunkener und so manche/r tanzte auf dem Tisch. Man konnte das Lied im Radio hören und von der Schallplatte in damals noch tabaksverqualmten Kneipen und Restaurants (Brutstätten des Lungenkrebses) auf der Music-Box für einen Groschen (10 Pfennige) spielen lassen. 10 Pfennige hören sich nicht viel an, aber zu jener Zeit kostete ein Glas Bier (0,2 l) 25 oder 30 Pfennige. Der durchschnittliche Stundenlohn eines Industriearbeiters lag deutlich unter einer Mark.

Wir Deutsche waren ja auch schon wer, Ende der Vierziger und Anfang der Fünfziger Jahre kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Den totalen Untergang des sogenannten tausendjährigen Reiches hatten wir überstanden, zu unserer größten Freude waren wir am Leben geblieben. Die drei bis vier Hungerjahre hatten wir mit eng geschnalltem Gürtel, schlotternder Oberbekleidung und starkem Überlebenswillen hinter uns gebracht. Die Besatzungsmächte hatten uns die Demokratie beigebracht und wir durften schon wieder eigene Abgeordnete und indirekt Regierungen wählen, sowohl in den westlichen Besatzungszonen als auch in der Ostzone. Zwar noch nicht komplett souverän, aber immerhin ein Anfang.

Vor allem hatten wir seit Juni 1948 wieder gutes Geld, die Deutsche Mark, und konnten uns alles kaufen, solange natürlich das Geld reichte. Und wir kauften zu essen und zu trinken, was der Bauch fassen konnte und verreisten, bis das Portemonnaie leer war. Wir kennen diese Zeit als Fress- und Reisewelle.

Auch konnten wir uns kollektiv wieder so richtig freuen, und taten es auch. Wir feierten die Feste oft buchstäblich bis zum Umfallen, von Samstagabend bis Montagmorgen. Freizeit war knapp, denn es gab noch größtenteils die 56-Stunden-Woche in der Industrie. Bei vielen blieb am Wochenende der Schlafanzug unbenutzt und die, die montags zur 6-Uhr-Schicht erscheinen mussten, wechselten gegen 5 Uhr den Sonntagsanzug gegen die Straßenkleidung. Das Ergebnis war der berüchtigte blaue Montag. Das heißt: blau machen durfte man nicht, denn es musste gearbeitet werden, wenn auch im übermüdeten Zustand. Wer ein Montagsprodukt kaufte, z. B. ein Auto, konnte großen Ärger damit kriegen. Es gab sogar einen Schlager auf den blauen Montag, der ging abgekürzt so: Blauer Montag, weil heute die Woche beginnt, liegt der Sonntag uns noch in den Knochen…

Nun zurück zu unserem Karnevalsschlager. Wir kommen alle in den Himmel, stimmt das überhaupt? Wieso kann und konnte man diese Worte so überzeugt singen?

Ich denke, dieser Text konnte nur im sinnenfrohen, kölsch-katholischen Rheinland gedichtet werden, wo die Verhältnisse für das In-den-Himmel-kommen äußerst günstig sind. Wer gesündigt hat, geht als Katholik zum Priester in die Ohrenbeichte, macht seelisch gesehen rein Schiff, bereut ehrlich und verspricht keine Wiederholung. Der Geistliche erteilt göttliche Absolution mit erfüllbaren Auflagen und der Sünder ist kein Sünder mehr. Basta. Das ist sehr wichtig besonders im Karneval, wo man auch so verniedlichend, aber selbstkritisch trällert: Wir sind alle kleine Sünderlein… Mit dem Sakrament der letzten Ölung erhält der Mensch am Lebensende sozusagen eine starke Empfehlung als Kandidat für das Himmelreich und kann getröstet dem Bestatter anvertraut werden.

Als Evangelischer hat man es in dieser Beziehung bedeutend schwerer.

Mein Jahrgang war damals jung und wir fühlten uns fast unsterblich. Über unser Lebensende machten wir uns noch keine Sorgen. Zwar lernten wir, dass es ein Weiterleben nach dem physischen Tod gibt, das ewige Leben. Aber wie, darüber gibt es unglaublich viele Vorstellungen.

Christen finden sich nach der Auferstehung der Toten entweder im Himmel oder in der Hölle wieder, je nach Lebenswandel, darüber entscheidet das Jüngste Gericht. Ziemlich gruselig und Angst einflößend. Aber tröstlich zu wissen, es gibt den Gnadenweg durch Jesus Christus, dessen Geburt wir jedes Jahr zu Weihnachten feiern. Wer's nicht glaubt, der lese die Bibel oder frage seinen Pastor oder Diakon.

Heute sind Himmel und Hölle bei den Amtskirchen nach meiner Beobachtung relative Begriffe geworden. Die katholische Kirche hat sogar das Fegefeuer abgeschafft. Aber das ist meiner Meinung nach eine Verschlimmbesserung. Denn das Fegefeuer – man könnte auch sagen, eine Transitzone mit Läuterung der sündigen Seele – war eine Zeitstrafe, jetzt ist nur die Hölle, also lebenslänglich, übrig geblieben, eine ganze Ewigkeit.

Ziemlich ähnliche Vorstellungen haben die Moslems, nur mit strengeren Gesetzen. Am leichtesten in den Himmel zu kommen ist es im Islam, wenn man als Märtyrer stirbt, dann umgeht man das Jüngste Gericht. Welche gewaltige Sprengkraft diese geistliche Vorstellung von einem Märtyrer entwickeln kann, wird uns tagtäglich durch die Medien nahegebracht.

Bei den Juden weiß ich nicht, welche Ansicht dominiert. Sie müssen nach fachkundiger Auskunft 613 göttliche Gebote und Verbote einhalten. Sie waren sich noch nie einig und haben auch ihrem Landsmann Jesus von Nazareth nicht geglaubt.

Die Indianer pirschen nach ihrem physischen Tod unter der Führung von Manitu, dem Großen Geist, durch die Ewigen Jagdgründe.

Die Buddhisten durchlaufen den äußerst langwierigen Prozess der Wiedergeburt oder Seelenwanderung, der auch mit fürchterlichen Überraschungen aufwarten kann, bis sie nach totaler Erleuchtung endlich im ersehnten Nirwana landen. Das ist aber nicht das Nichts, sondern der Zustand vollkommener Leidensfreiheit.

Die kreativsten Vorstellungen hegen die Animisten. Deren Toten existieren weiter als Tiere oder Pflanzen oder Berge oder Flüsse oder als unsichtbare Geister, mit denen nur ganz besondere lebende Menschen Kontakt aufnehmen können. Manche sollen gewisse Landschaften in Besitz nehmen, die dann als heilige Orte für Andersgläubige gesperrt werden. Manche halten sich als Gespenster in alten Schlössern auf, vornehmlich in England und Schottland, und benehmen sich teils manierlich und teils unmanierlich. Manche hocken in ihrer Asche in formschönen Urnen auf Regalen oder Schränken in den Wohnungen der Lebenden.

Wie dem auch sei, Menschen hatten zu jeder Zeit die Vorstellung, dass der Mensch ein physisches und ein geistiges Wesen ist. Wir nennen es Religion = verbunden sein.

Die Nichtreligiösen sind meines Erachtens arm dran, sie müssen sehen, wo sie nach ihrem Tod mit ihrem Geist bleiben. Sie haben keine Heimathöhle, wie es der Philosoph Fulbert Steffensky in seinem in diesem Jahr herausgegebenen Buch Heimathöhle Religion trefflich beschrieben hat.

Selbstverständlich möchte jeder Gläubige in den Himmel kommen. Dafür hat der Schöpfer das Alter eingerichtet, damit wir kurz vor Lebensende noch selbst alles dafür tun können.

Ich finde nun, wir sollten die Chance nutzen und das Alter loben. Dafür dieses Gedicht:

Das hohe Alter lobesam
macht mich beizeiten tugendsam.

Denn wenn die Kräfte schwinden,
verschwinden viele Sünden.

Ich lahmer, alter Knaster
hab' nur noch wenig Laster.

O großer Gott dort oben
ich kann Dich nur noch loben.

Ich hoffe nun, Du siehest dies
und lässt mich rein ins Paradies.

Doch bitte, bis zum Himmelstor
schenk mir den Frohsinn und Humor.

Von allen Himmelssachen
wünsch’ ich: lass Deine Engel lachen.

Günter Matiba, im Oktober 2015