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Zur Frage der Kinderarmut…

Dr. Elena Orkina

Die Zeit meiner Kindheit und Jugend war für die Bevölkerung der UdSSR nicht leicht. Die meisten Menschen lebten in Armut. Es mangelte an allem – an Lebensmitteln und Bekleidung, man wohnte zusammengedrängt mit der Nachbarschaft in Wohnungen mit mangelnden Bequemlichkeiten. Eine Wohnung konnte man weder mieten, noch kaufen, man bekam sie vom Staat zugewiesen, dazu musste man weniger als fünf Quadratmeter für eine Person haben, nur dann wurde man in die Warteschlange aufgenommen, und es konnte Jahrzehnte dauern.

Wir Kinder fühlten viel weniger als die Erwachsenen unsere Armut – dazu hatten wir keine Zeit, wir waren sehr beschäftigt und die Beschäftigung war gut organisiert. Es gab viele Zirkel, kostenlos und vielfältig, wohin man nach dem Schulunterricht gehen und mit einem engagierten, kundigen Zirkelleiter interessante Zeit verbringen konnte.

Mein erster Zirkel war noch in der Kriegszeit, in Swerdlowsk. Ich war acht und besuchte einen Puppentheater-Zirkel. Zweimal die Woche trafen wir uns in engen Räumen hinten im Operntheater, und man lehrte uns, mit Puppen zu hantieren und sie zu bauen. Im Raum war es hell und warm daheim nicht und als Belohnung bekamen wir noch ein Sojagetränk, ich – wie auch andere Kinder – kam mit einer Flasche, um es zuhause mit Oma zu teilen.

In Moskau gab es zu meiner Zeit viele Zirkel. Verschiedene Zirkel gab es in der Schule, sie funktionierten am Abend nach der zweiten Schicht. Es gab Zirkel für Malen, Nähen und Stricken, für Chemie. Ich besuchte einen Geografiezirkel, einen literarischen und einen dramatischen Zirkel, kann mich noch erinnern an unsere Auftritte auf der Schulbühne. Ich hatte sogar einmal eine männliche Rolle gespielt, denn es war doch eine Mädchenschule. In der Schule gab es auch einen Chor. Das alles war natürlich kostenlos. Im Zirkel für Malen, den ich ein Jahr lang besuchte, hat man uns alle Utensilien kostenfrei gegeben. Aber wie die Lehrer für diese Arbeit belohnt wurden, weiß ich nicht.

Am Ende meiner Straße stand im kleinen Park eine schöne Stadtvilla aus dem 19. Jahrhundert. Nach der Revolution nutzte man sie als Haus der Pioniere für unseren Stadtbezirk. Solch ein Haus der Pioniere hatte jeder Moskauer Bezirk.

Dort gab es eine Menge Zirkel – für Fotografie, für Malen und Zeichnen, Töpfern und Basteln und Anderes. Zuerst hatte ich mir einen Ballett-Zirkel ausgewählt. Wir übten an Griffstangen wie bei Neumeier. Eine Pianistin war auch dabei. Aber bald habe ich begriffen, dass ich dort keine Chancen hatte – für Auftritte hat man mich nicht ausgewählt. Kein Problem – ich ging zum dramatischen Zirkel. Einmal die Woche trafen wir uns, rezitierten unsere Rollen, man lehrte uns Schminke aufzulegen und Ballkleider zu tragen, und ein paarmal im Jahr standen wir auf der Bühne, immer mit dem selben Aschenputtel. Dann war ich noch im literarischen Zirkel und im Touristenzirkel. Nur in den Sommerferien haben die Zirkel Pause gemacht. Sonst konnte man jeden Tag in der schönen Villa verbringen. Die Leiter der Zirkel waren im Haus angestellt, bekamen dort Lohn. Meine Tante, eine ausgebildete Schauspielerin ohne Engagement, hat auch ihren Lebensunterhalt mit solcher Arbeit verdient.

Auf der anderen Straßenseite befand sich die Sportschule unseres Bezirks. Dort konnte man sich auch ein beliebiges Sportfach auswählen, das war aber nicht meine Sache.

Es gab noch einen zentralen Palast der Pioniere, dort waren noch mehr Zirkel. Und manche waren sehr berühmt, hießen Studio. Der Chor und der Tanzzirkel zeigten seine Künste sogar im Ausland, dort gab es strenge Aufnahmeprüfungen. Viele Jahre existierte ein Studio der künstlichen Rezitation. Die kleineren Mitglieder traten mit Begrüßungsansprachen in einem Sprechchor bei allen feierlichen Parteiversammlungen auf. Ein Mädchen aus unserer Klasse war dort dabei. Sie war klein gewachsen, sehr nett, hatte eine helle Stimme und war sehr geeignet, um einem Führer einen Blumenstrauß zu überreichen. Nachher ist sie groß geworden und hat ein anderes kleines Mädchen aus unserer Schule zum Studio gebracht, die es nachher auf die Bühne schaffte. Den größeren Schülern hatte ein berühmter Deklamator die Kunst der Rezitation beigebracht. Ich wollte auch dabei sein, kam zur Probe, aber mein hochtrabender Stil hat ihm nicht gefallen, also musste ich mich mit unserem Haus der Pioniere begnügen.

Für die Musikschule musste man schon ein gutes Gehör mitbringen. Die gut verdienenden Eltern mussten den Unterricht bezahlen, für schlecht verdienende war es kostenlos. Ein Instrument konnte man dort auch bekommen.

Viel Spaß machte uns die Kinderbücherei. Unsere Lesekarten waren auf Papier geschrieben, und die netten Bibliothekarinnen hatten sich interessiert, welches Buch uns gefallen hat und uns geraten, was wir noch lesen sollten.

Und am Sonntag hatten wir die Möglichkeit, ins Kino zu gehen. Die erste Vorstellung um neun Uhr war für Kinder vorgesehen, und die Karten waren fünfmal billiger als für andere Vorstellungen, man konnte sich das also leisten.

Klassenfahrten gab es nicht, aber als ich 1947 dreizehn Jahre alt war, hat unser Geografiezirkel eine große Fahrt unternommen. Die wurde von dem literarischen Museum mitbezahlt. Wir sollten die Orte besuchen, an denen Maxim Gorki gelebt und geschaffen hat, und darüber einen Aufsatz schreiben. Eine Mitarbeiterin des Museums war auch dabei. Wir waren zwanzig Mädchen und zwei Erwachsene, hatten viel Gepäck mit – Decken, Eimer und Töpfe, viele Lebensmittel, um auf der Reise nur Kartoffeln kaufen zu müssen. In Moskau sind wir auf einen Dampfer gestiegen, damals war es die billigste Möglichkeit zu reisen. Wir hatten Karten für die vierte Klasse, im Laderaum. Die Matrosen hatten uns erlaubt, in ihrer Kombüse zu kochen. Der Dampfer hat bei allen größeren Städten an der Wolga gehalten. Wir besuchten Gorki (jetzt Nischni Nowgorod), Kasan, Uljanowsk, Saratow und Stalingrad, die Stadt lag damals noch in Trümmern. In jeder Stadt haben wir ein paar Tage übernachtet, in Schulen, im Sportsaal auf Matten, und dabei die Museen, Gorkis und Lenins Häuser besucht. Dann nahmen wir den nächsten Dampfer. Das Schiff hatte auch Fracht transportiert, und wir konnten beobachten, wie die Lastträger am Laufsteg die Säcke schleppten. Auf dem Rücken war bei ihnen so ein Brett angebracht, wie zu Gorkis Zeiten. Und von der Wolga hatten wir die berühmten Wassermelonen nach Hause gebracht. Die Reise war wunderbar.

Also, ich möchte wiederholen – arm fühlten wir uns nicht, alle haben die gleiche schäbige Schuluniform getragen, es war kein Platz für Neid.

Die Erwachsenen hatten kaum mit ihren Kindern über ihre Probleme, über das Leben gesprochen. Und kein Wort über Politik, über Stalins GULAGs, über ihre großen Ängste, ein falsches Wort zu sagen. Wir hörten nur die Propaganda und wiederholen ganz aufrichtig den Slogan Danke, Genosse Stalin, für unsere glückliche Kindheit. Ja, so war es…

Als meine Tochter zur Schule ging, war es schon etwas anders. Noch immer funktionierten die Zirkel, sie besuchte den Mathematikzirkel im Palast der Pioniere. Aber für manche Zirkel musste man schon zahlen – fürs Schwimmbad, zu meiner Schulzeit gab es Schwimmbäder nur für große Sportler, für Tennis, fürs Eiskunstlaufen.

Und jetzt herrschen in Russland Kapitalismus und Marktwirtschaft. Und man kann nichts kostenlos bekommen. Leider auch das Gute, das es in der UdSSR gab, hat man abgeschafft.

Und jetzt möchte ich eine etwas polemische Frage stellen. Deutschland ist doch so ein reiches Land, kapitalistisch, aber mit sozialem Flair. Die letzte Zeit spricht man immer über wachsende Kinderarmut. Aber es wird wenig getan, die paar Euro Zulage zum Kindergeld lösen doch das Problem nicht. Kinder hocken vor dem Bildschirm und vereinsamen. Es wäre doch so schön, wenn Kinderhäuser mit verschiedenen kostenlosen Zirkeln existierten, wenn dort begeisterte Leiter arbeiteten. Natürlich ist es nicht billig, aber es wäre schön, und für die Integration auch wichtig.
Dr. Elena Orkina, im November 2016