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Eine Schlosserlehre in den fünfziger Jahren

Vierzehn Jahre war ich alt, als ich im Februar 1951 die Lehre als Kunst- und Bauschlosser begann. Zu der Zeit war es sehr schwer, eine Lehrstelle zu bekommen. Ich hatte Glück, weil der Bruder meines verstorbenen Vaters Schlossermeister und mein Vormund war. Aber sonst hatte ich gegenüber meinen Lehrkollegen keinerlei Vorteile, im Gegenteil, ich wurde strenger und öfter gemaßregelt.

Die Werkstatt lag in einem Hinterhof der Rothestraße in Altona. Der Eingang war ein hölzernes, zweiflügeliges Tor mit einem halbrunden Torbogen. Auf dem Bogen stand auf weißem Grund mit schwarzen Buchstaben geschrieben Kunst- und Bauschlosserei Heinrich Winkelmann. An meinem ersten Arbeitstag, der um 7 Uhr begann, war meine erste Aufgabe, Aquariumgestelle mit roter Mennigefarbe anzustreichen. Nach kurzer Zeit war von meinem schönen blauen Anzug nicht mehr viel zu sehen. Das brachte mir den ersten lauten Anpfiff vom Meister ein.

Die Werkstatt war nicht allzu groß, dafür aber immer aufgeräumt und pikobello sauber. Einmal die Woche mussten wir alle Fenster putzen. Das waren die kleinen Scheiben, die man in Werkstätten hatte. Wenn nach dem Putzen noch kleine Putzstreifen zu sehen waren, machte der Meister einen Riesenaufstand.. Auch der weiße Untergrund des Firmennamens über dem Eingang musste immer schneeweiß geschrubbt sein.

Wir arbeiteten immer mit drei Lehrlingen, von jedem Jahrgang einer. Lernte einer aus, wurde er gleich entlassen und ein neuer Stift fing an. Wir arbeiteten damals 48 Stunden in der Woche, also auch am Sonnabend und bekamen 7,50 DM7,50 DM (Deutsche Markt) ≙ 7,5 ÷ 1,95583 = 3,8346 €
Umrechnungsfaktor: 1,95583 DM = 1 €
Wochenlohn. (Das nannte sich Erziehungsbeihilfe) Eine Woche Urlaub gab es pro Jahr. Am Sonnabend war um 13 Uhr Feierabend, aber danach mussten wir die Werkstatt und die Maschinen auf Hochglanz bringen. Unter 2 Stunden war da nichts zu machen. Am Anfang musste ich feilen und noch mal feilen. Die Handinnenseite meiner rechten Hand war nur noch rohes Fleisch. Aber darauf nahm keiner Rücksicht – im Gegenteil, ich wurde auch noch verspottet. Dann fing die Berufsschule an, das war für mich wie Urlaub, obwohl ich nach Schulschluss wieder in die Werkstatt musste. Ich war gut in Deutsch, Rechnen und Zeichnen, hatte also keine Probleme in der Schule.

Langsam wuchsen meine Aufgaben, Rechnungen austragen, Besorgungen für die Meisterin machen, Kleinmaterialien von Händlern holen. Das erledigte ich alles mit dem Fahrrad. Als Nächstes wurde mir das Gasmachen beigebracht. Wir machten unser Gas zum Schweißen selber, mit Karbid. Das war ein Schweinkram mit dem Schlamm und es stank widerlich.
Die kleinen Handwerker hatten alle noch keine Autos. Wir mussten alles mit der zweirädrigen Schottschen Karre transportieren. Der jüngste Lehrling schob an den Holmen und die beiden Älteren links und rechts am Karrenrahmen. Der Meister ging fröhlich pfeifend auf dem Fußweg nebenher.

Einmal holten wir 5 Meter hohe Maschendrahtrollen, die für ein Ballfanggitter benötigt wurden, von der Drahtfabrik in der Nähe des heutigen Volksparkstadions. Wir hatten 3 Rollen geladen, das war mehr als eine Tonne Gewicht. Es war heißer Sommer und wir mussten den steilen Berg durch den Volkspark erklimmen. Die Räder der Karre sackten im weichen Asphalt ein. Wir mussten den Berg rauf kreuzen. Immer wenn wir drei Jungen eine Pause wegen Entkräftung einlegten, beschimpfte uns der Meister vom Fußweg her: Ihr hättet Damenschneider lernen sollen, aber nicht Schlosser!

Am schlimmsten war es, wenn wir Schmiedearbeiten machten. Dann mussten wir drei Lehrjungen, jeder mit einem Vorschlaghammer bewaffnet, zuschlagen. Der Meister gab mit dem Takthammer die Geschwindigkeit vor und wir mussten im Takt, einer nach dem anderen, auf das glühende Werkstück schlagen, bis der Meister mit dem Takthammer abklingelte. Die Arbeit machte mich körperlich vollkommen fertig. Ich hatte dann keinen trockenen Faden mehr am Körper. Lieber reparierte ich Schlösser oder feilte Schlüssel, denn es gab damals noch keine Schlüsselfräsen.

Unser Hauptgeschäft waren durchgebrannte Backöfen oder Aschekästen und zerbrochene, gusseiserne Herdplatten, die wir erneuerten oder flickten. Langsam fing in Hamburg die Neubautätigkeit an und wir bekamen dort Aufträge. Wir bauten Kellerfenster, Balkon- und Treppengitter. Die senkrechten Stäbe in den Gittern wurden damals noch geschraubt. Das war eine irre Arbeit, in jeden Stab wurde oben und unten Gewinde geschnitten. Für jeden abgebrochenen Gewindebohrer gab es vom Meister eine Ohrfeige. Er sagte dann immer: Kleine Schläge an den Kopp erhöhen das Denkvermögen!

Im Laufe der drei Lehrjahre nahm ich an zwei Kursen teil. Der eine war ein Schweißkursus und der andere ein Schmiedekursus. In den drei Lehrjahren verbesserten sich rasant die Werkzeugmaschinen. Die Handbohrmaschinen wurden immer kleiner, handlicher und leistungsstärker. Die alten Maschinen wogen fast 20 Kilo. Wenn wir damit über Kopf bohren mussten, wurden nach kurzer Zeit schon die Arme lahm. Genau so war es mit den Handschleifern, das waren reine Mordinstrumente. Die wurden schnell von der Flex verdrängt. Aber Ohrenschützer, Arbeitshandschuhe und Unfallschutzstiefel kannten wir nicht.

Ja und dann ging die Lehrzeit dem Ende zu. Allzuviel habe ich von der Breite des Handwerks nicht gelernt. Als Schreckgespenst stand die Gesellenprüfung im Raum. Der Meister sagte mir: Du baust eine Bügelsäge, dafür bekommst du eine drei, wenn sie gut ist! Ich ging ans Werk und die Säge ist ganz gut geworden.

Die theoretische Prüfung habe ich locker bestanden, das war aber erst die Hälfte der Fahnenstange. Vor der Praktischen aber hatte ich Riesenbammel. Dann kam der Tag der Wahrheit. Die Prüfung fand in der Handwerkskammer statt. Ich konnte mir ein Teil meiner Säge aussuchen und das musste ich unter den Augen des Meisters nachmachen. Ich hatte mir die Flügelmutter ausgesucht. Die ist ganz gut geworden, obwohl der Amboss, auf dem ich die Mutter zu schmieden hatte, fast runde Kanten hatte.

Wir mussten dann nacheinander an einen Tisch kommen. An dem saßen mehrere Meister, die uns fachliche Fragen stellten. Weil mein Nachname mit einem W anfängt und ich sehr spät dran kam, konnte ich einige Kollegen ausfragen. Als ich dann hörte, was gefragt wurde, rutsche mir das Herz in die Hose, denn davon hatte ich keinen blassen Schimmer. Dann war ich an der Reihe und stand mit zitternden Knien am Tisch und begrüßte die Meister höflich. Dann kam die erste Frage: Na – wie geht’s deinem Vater, habt ihr genug zu tun? Dann geh man wieder an deinen Platz!

Ja, so hat mir die Namensgleichheit mit meinem Lehrmeister den Gesellenbrief verschafft.