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Seefahrtszeiten

Kapitel VI — Vom Arbeiten und Haie fangen

Wieder waren wir also unterwegs nach Buenos Aires, diesmal kamen wir gerade richtig zur Karnevalszeit. Das bedeutete, mindestens vier Wochen Liegezeit, weil die Luken nur geöffnet wurden, wenn genug Schauerleute da waren, um eine zügige Beladung zu gewährleisten. Sonst ging zu viel Kälte aus den Laderäumen verloren. Um nun keine Langweile aufkommen zu lassen, wurde von Meier das Kolbenziehen an den Hauptmaschinen angeordnet. Von morgens um 8 Uhr bis 18 Uhr harte Arbeit. Endlich Feierabend, duschen. Abendbrot essen und nichts wie an Land.

Der Karneval war hier allerdings etwas anders als bei uns oder in Rio. Hier waren an der Strandpromenade jede Menge Buden aufgebaut, nicht nur für Essen und Trinken sondern auch viele Theater, lustige, ernste oder mit Puppen. Man konnte die Handlung auch versehen, ohne Spanisch zu können. Die lauen Nächte wurden natürlich mit netter Begleitung immer recht lang. Wenn Meier dann am nächsten Morgen um 7 Uhr an die Tür bollerte, um uns zu wecken, hat man sich natürlich gesagt, heute nicht, heute Abend bleibe ich an Bord und schlaf mal richtig aus, bis so gegen 14-15 Uhr, der erste fragte wo gehen wir heute hin.
Leider war es die letzte Fahrt nach Buenos Aires, aber die anstrengendste nach Europa. Von unseren drei Kühlanlagen waren zwei ausgefallen. Da wir Obst geladen hatten, reichte eine Anlage gerade noch aus, um eine Temperatur von 11 Grad in den Laderäumen zu halten. Es musste also dringend eine Anlage repariert werden.

Die Ammoniakkondensatoren hatten ein Leck. Sie dienen zum Umwandeln des gasförmigen Ammoniaks in flüssiges Ammoniak. Die Kondensatoren hatten einen Durchmesser von 1,80 m und eine Länge von 2,50 m, in diesen Behältern waren 126 Kupferrohre, durch die das Kühlwasser lief. Die Rohre waren an beiden Enden eingewalzt. Diese Walzungen mussten nun auf beiden Seiten aufgebohrt werden. Wir hatten zwar einen 26mm Bohrer an Bord, aber keine langsamlaufende Bohrmaschine. Also war Handarbeit angesagt, das heißt, zum Bohren wurden 3 Mann benötigt, einer mit 1 m langer Handknarre, einer für die Spannschraube zum Vorschub und einer, der die ganze Sache abstützte. Da Ammoniak nun aber sehr giftig ist, musste dies alles unter Anlegen einer Gasmaske geschehen. Da wir Richtung Äquator fuhren, waren die Temperaturen im Raum dementsprechend 30-40 Grad, das hatte zur Folge dass die Gasmasken von innen durch den Schweiß alle 10 Minuten so beschlagen waren, dass man nichts mehr sehen konnte. Also tief Luft holen, Maske ab, auswischen und Maske wieder auf. Dabei gelangte natürlich auch immer Ammoniak in die Maske, sodass man sofort wieder Schaum vor Mund und Nase hatte. Das alles natürlich zusätzlich zur Wache und 7 Tage die Woche. Wir bekamen doch 60 Mark Überstundenpauschale im Monat! Und trotzdem hatten wir noch unseren Spaß.

Eines Tages kam der Chief die zwei Stockwerke in den Kühlanlagenraum herunter, natürlich blieb er unter dem starken Lüfter stehen und pöbelte irgendwas herum. Das war Klaus zuviel, er schlich hinten herum in die Maschine und drehte die Sicherung für den Lüfter raus. Wir hätten nie gedacht, dass der alte Chief so schnell die Treppen hoch flitzen konnte. Der Vorfall wurde auch nie von ihm erwähnt.

Ein paar Tage später, in Höhe der Kanaren, dann ein Wassereinbruch in der Hauptseewasserleitung. Es mussten alle Maschinen abgestellt werden. Da schönes Wetter war, wollte der II. Ingenieur das neu an Bord gekommene Reparaturset mit Kunststoff mal ausprobieren. Die Reparatur verlief auch schnell und ohne großen Aufwand, nur mussten wir vier Std. Aushärtezeit für den Kunststoff einhalten.

Da wir nun stundenlang ohne jedes Geräusch durch den Atlantik trieben, kam der Bootsmann auf die Idee einen Hai zu angeln. Ein Brett, daran ein 2m langes Stahlseil mit einem Hacken, an dem sonst die Schweinehälften hingen, 2Kg blutiges Fleisch und eine kräftige 50m lange Schmeißleine, fertig war die Angel.
In dem glasklaren Wasser konnten wir auch schon bald einen ca. 3m langen Hai sehen. Erst kamen seine Pilotfische und beschnupperten den Köder, dann schwamm der Hai selber dicht an dem Fleischbrocken vorbei. Wir dachten schon, dass er abdreht, aber dann schoss er mit voller Geschwindigkeit auf den Köder los. Der Bootsmann kannte sich ja aus und hatte genug lose Leine gegeben, damit er sich erst mal ein halbe Stunde austoben konnte.

Langsam wurde er näher an das Schiff gezogen und an der Bordwand wurde ihm dann noch eine Leine um die Schwanzflosse geworfen. An beiden Leinen wurde der Hai nun von Hand an Bord gezogen und zwischen Reling und Ladeluke gebunden. Nach einer Stunde, in der er noch wie verrückt an Deck tobte, wagte sich der Koch mit seinem großen Schlachtbeil heran um den Fisch auszunehmen. Der abgeschlagen Kopf bewegte sein Maul noch stundenlang und das Herz, welches der Koch in einen Eimer gelegt hatte schlug noch bis Sonnenuntergang, wie der Bootsmann es vorher gesagt hatte.

In der Deutschen Bucht angekommen, wurde es wieder spannend. Wohin diesmal? Rotterdam, Stockholm oder mal nach Hamburg? Das große Los fiel auf Oslo, hatte dort wohl ein reicher Kaufmann am meisten für unsere Ladung geboten.

Von Oslo dann weiter nach Kiel in die Werft, unser dritter Kühlkondensator musste ja noch repariert werden. Als wir dann sahen, wie die Werftarbeiter mit ihren großen Maschinen an die Arbeit gingen und die Arbeit in 40 Stunden erledigen sollten, für die wir 10 Tage gebraucht hatten, standen uns wieder die Tränen in den Augen, aber nicht vom Ammoniak, sondern von der Erinnerung an unsere Qualen.

Da wir 40 Std. in der Werft liegen sollten, bekam ich 30 Std. Urlaub. Also mit dem Zug auf nach Hamburg. Da meine Eltern sich gerade scheiden ließen, besuchte ich lieber meine Tante, die am Groß Neumarkt wohnte. Tante Else machte mir die Tür auf und gleich wieder zu. Sie hat mich im ersten Moment nicht erkannt, so hatte mich unser Koch gemästet.

Natürlich musste ich auch meinen Freund besuchen, der inzwischen geheiratet und eine kleine Tochter hatte. Das musste gefeiert werden, bis der erste Zug nach Kiel fuhr. Auf der Werft wurde ich schon erwartet, die Arbeiten waren fertig, nun musste die Anlage wieder in Betrieb genommen und der Kondensator geprüft werden. Eine Stunde später war die Abfahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal angesetzt. Da wir keine Ladung hatten, wurde ich wieder in die Wachen integriert. Durch den Kanal bis Elbe I Manöverwache, also 16 Std. Wache 8 Std. frei. Bis Cuxhaven bin ich so 64 Std. ohne Schlaf auf den Beinen gewesen. Damit man am Manöverstand nicht im Stehen eingeschlafen ist, wurde ein großer Schraubenschlüssel in die Hand genommen. Wenn der runter fiel, war man wieder hellwach. Endlich wurde ich abgelöst, aber dann habe ich auch nur 6 Std. geschlafen. Schlaf vorholen oder nachholen geht wohl nicht.

Da es inzwischen Dezember war, machten wir nur noch Reisen zwischen Casablanca und Hamburg, um Mandarinen der Extraklasse zu holen. Langsam musste ich auch mal Urlaub machen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge ging ich von Bord. War ich doch inzwischen Seemann geworden: Mein Land war die See, mein Schiff mein Zuhause und die Besatzung meine Familie.

Die Augustenburg ist am Mittwoch den 18. April 1962, nach einem Zusammenstoß im Englischen Kanal gesunken.