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Über das Wetter

Wenn wir ein Zipperlein haben, ganz gleich, ob im Arm oder Bein, ob der Kopf schmerzt oder Rücken, ob wir schwindelig sind oder Ohrensausen haben, oder ob der Bauch wehtut, oder wir haben schlecht geschlafen; gleich heißt es: das muss am Wetter liegen!. Deshalb will ich einmal erzählen, wie es mit dem Wetter zugeht.

Es war vor langer, langer Zeit, als der Herrgott noch übers Land ging, um überall nach dem Rechten zu sehen. Da kam er eines Tages hoch oben im Norden unseres Landes in einen Landstrich zwischen Schleswig und Friedrichsstadt. Dieses Stück Land heißt bis auf den heutigen Tag das Land zwischen Sorge und Träne, weil es zwischen den beiden Flüssen Sorge und Träne liegt. Mitten in diesem Ländchen liegt das Dorf Wohlde.

Mit diesem Dorf hat es seine besondere Bewandtnis, nämlich die Dorfstraße trennt genau in ihrer Mitte die Geest von der Marsch und das war in uralten Zeiten schon so.

Als nun der Herrgott auf dieser Straße, die damals noch ein Sandweg war, durch das Dorf ging, kam ihm ein Mann entgegen, der sah recht mitgenommen aus. Dünn und klapprig am ganzen Körper, das Gesicht von Sorgen und Tränen gezeichnet. Als der Mann den großen Fremden sah, wurde er neugierig und fragte ihn: wer bist du Herr, der du so stattlich und selbstsicher durch unser Land gehst? Der Herr sagte: ich bin der Herrgott und sehe mir an, was ihr Menschen aus dem Land gemacht habt.

Da erschrak der Mann furchtbar, schlug die Hände vor sein Gesicht und fiel vor dem Herrgott auf die Knie. Aber der Herr hob ihn auf, nahm ihm die Hände vom Gesicht und sprach: Da du mich nun von Angesicht zu Angesicht gesehen hast und an mich glaubst, so gebe ich dir einen Wunsch frei.

Der Mann besann sich nicht lange und sagte: wenn ich denn einen Wunsch frei habe, so möchte ich dich bitten, lass es doch mal tüchtig regnen; denn sieh, ich bin ein armer Bauer, habe nur wenig Land dort oben auf der Geest, und das ist so trocken und sandig, dass nichts darauf gedeihen will, kaum dass wir für den Winter ein paar kleine Kartoffeln und Rüben haben. Und nun Herr, sieh doch nach der anderen Seite, wo die reichen Bauern so viele fette Rinder auf den grünen, saftigen Wiesen haben. Sie haben große Häuser und noch größere Scheunen, um all das gute Heu darin unterzubringen, wovon das Vieh noch fetter wird, während wir im Winter hungern. Der Herr segnete den Bauern und sprach: Dein Wunsch sei dir erfüllt und entschwand ihm vor den Augen.

Und siehe, es fing an zu tröpfeln und dann an zu regnen. Der Himmel öffnete seine Schleusen und es goss und goss wie aus tausend Schläuchen. Und der Herr ließ es regnen, siebenundsiebzig und einen halben Tag lang. Dann ging er noch einmal diesen Weg entlang.

Da kam ihm ein dicker Bauer entgegen, dem liefen die Tränen über seine feisten Wangen. Als er den Herrgott sah, stürmte er ihm entgegen und fiel vor ihm auf die Knie, küsste den Saum seines Gewandes und sprach unter Schluchzen: Herr erbarme dich meiner. Ich habe gehört, du hast den Bauern auf der Geest den Regen gebracht. Nun lass es doch wieder aufhören zu regnen. Ich war der reichste Bauer in der Marsch. Nun sieh dir meine Wiesen an. Die Sorge und die Träne sind über ihre Ufer getreten und die ganzen Wiesen überschwemmt, der viele Regen hat die ganze Heuernte verdorben. Ich muss meine Rinder notschlachten, wenn du die Sonne nicht wieder scheinen lässt.

Der Herr sprach zu ihm: Gehe nach Hause, ich will dir deinen Wunsch erfüllen und entschwand vor seinen Augen. Der Marschbauer war noch nicht zu Hause angekommen, da verzogen sich die Wolken und die Sonne brach hervor, und sie wurde wärmer und wärmer mit jedem Tag, bis sie zuletzt vom Himmel brannte auf Mensch und Vieh. Und sie schickte ihre Hitze über das Land, siebenundsiebzig und einen halben Tag lang.

Da rannten der Bauer von der Geest und der Marschbauer um die Wette dem Herrgott entgegen, der wieder einmal über die Landstraße ging. Sie warfen sich vor den Herrn mit ausgebreiteten Armen in den Staub des Weges und flehten den Herr an: Vergib uns, oh Herr, unsere sündigen Wünsche, mache das Wetter wieder so, wie du es immer gemacht hast. Wir wollen alles hinnehmen, wie du es gibst, mit Blitz, Donner, Hagel, Sturm, Regen und Sonnenschein.

Der Herr hob die Beiden aus dem Staub des Weges und sprach: Geht nach Hause, eure Sünden sollen euch vergeben sein und entschwand vor ihren Augen. Er fuhr in den Himmel und machte fortan das Wetter so, wie er es für gut hielt, bis auf den heutigen Tag.