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Blumenjunge auf der Uhlenhorst

Kurz vor dem Ende des sechsten Schuljahres hatte ich mit meinem Vater einen wochenlangen Streit. Ich sollte unbedingt auf die höhere Schule! Das wollte ich aber auf keinen Fall! Hatten wir doch schon so einen Jungen im Haus wohnen, nie hatte der Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben wie Fußball, Kanufahrten auf der Alster, rumstromern im Hafen und am Elbestrand. Außerdem spielte ich doch Linksaußen in der Jugendmannschaft beim Sportverein Paloma und in der Schulmannschaft den linken Verteidiger. Was sollten die denn ohne mich machen?

Es half kein Geschimpfte und Geschreie meines Vaters, noch das Betteln meiner Mutter. Ich wollte und sollte doch sowieso Seemann werden, was brauchte ich da die höhere Schule? Wenn du zu faul zum Lernen bist, dann gewöhne dich man rechtzeitig ans Arbeiten, das Taschengeld ist gestrichen, keine Mark bekommst du mehr von mir war Vaters letzter Kommentar. Außerdem sollte ich wenigstens am Englischunterricht teilnehmen, den es ab der siebten Klasse in unserer Schule Humboldtstraße für alle, die in Deutsch eine Zwei hatten, gab. Dem konnte ich beruhigt zustimmen, hatte ich doch in Deutsch immer eine Vier. Aber da hatte ich mich getäuscht. Mein Vater ging zur Schule und am nächsten Tag wusste der Lehrer, dass ich Seemann werden sollte und ich war zum Englischunterricht angemeldet. Ich war wohl der einzige Schüler in Hamburg, der mit einer Vier in Deutsch am Englischunterricht teilnehmen durfte. Um das Taschengeld machte ich mir keine Sorgen, gab es doch in unserer Klasse schon einige die arbeiteten.

Die Meisten allerdings nicht für ihr Taschengeld, sondern zur Unterstützung ihrer Familien. So wie mein Freund Hans, der Wäsche austrug, was am besten bezahlt wurde. Sein Vater war aus russischer Gefangenschaft zurück und brauchte kräftiges Essen, wie er mir erzählte. Hans war so glücklich und wollte mir unbedingt seinen Vater zeigen, sodass ich eines Tages mit ihm nach Hause in die Mozartstraße ging. In einer Zwei-Zimmer-Wohnung waren sie nun fünf Personen. Sein Vater saß in der Küche in einem grau-grünen Mantel und reagierte überhaupt nicht auf meine Begrüßung. Aus seinem eingefallenen, knochigen Gesicht starrten zwei leere Augen und ich musste Hans bestätigen, wie schön es doch ist, dass sein Vater nun wieder zu Hause sei. Fast beschämt dachte ich daran, dass ich sogar ein eigenes Zimmer hatte. Nun musste ich mich aber für mein Taschengeld nach Arbeit umsehen.

Wäsche austragen, manchmal in den vierten Stock in Winterhude, war für mich zu schwer, Zeitungen austragen vor der Schule hätte mein Vater nicht erlaubt. Es gab da noch Tennisbälle aufsammeln, aber die Herrschaften wurden ganz schön zickig, wenn man dabei ihrer Meinung nach zu langsam war.

Kegel aufstellen in einer Kneipe war auch nichts. Beim Krämer als Bote bedeutete meistens Bierkisten schleppen in die dritte oder vierte Etage.

Eines Tages hörte ich dann in der Schule, dass bei uns am Hofweg das Blumengeschäft einen Boten suchte. Nichts wie nach Hause, drei Spritzer Wasser ins Gesicht, Hände waschen, neues Hemd, beste Hose anziehen und auf zum Vorstellen. Das kleine, aber feine Geschäft lag an der Ecke Hofweg, Zimmerstraße. Es gehörte einer, in meinen Augen etwas älteren Dame, deren Mann, wie ich später erfuhr, nicht aus dem Krieg zurückgekehrt war und ihrer Mutter. Die Chefin fragte mich nach meinen Eltern und ob die Schule auch nicht zu kurz kommt, wenn ich täglich zwei Stunden bei ihr beschäftigt bin. Ich bekam mit, wie Oma, wie ich sie später nennen sollte, ihre Tochter anstupste und damit sollte ich zur Probe anfangen.

Im Eingangsbereich des Geschäftes standen die Schnittblumen und ein Tresen zum Binden der Sträuße sowie die Kasse. Links davon war ein großes Schaufenster mit Topfpflanzen und Gewächsen. Im hinteren Teil ging es vier Stufen hoch in die Werkstatt. Hier wurden die Gestecke und Kränze angefertigt. Eine sehr schwere Handarbeit, die meistens von den Blumenbinderinnen Frau Schmitke, etwa im Alter meiner Mutter und Brigitte, wohl fünf Jahre älter als ich, blond und etwas flippig, sodass sie manchmal von der Chefin ermahnt wurde. Ich bekam fünf Mark die Woche- Trinkgeld durfte ich behalten - und Fahrgeld für die Straßenbahn, auch wenn ich die Blumen mit meinem Fahrrad zu den Kunden brachte. Bedingung war aber, dass der Strauß nicht beschädigt wurde und es nicht regnete.

Eine Haltestelle der Straßenbahn Linie achtzehn war direkt vor der Tür, mit der konnte ich fast alle Kunden von Lattenkamp bis in die Innenstadt erreichen. Die Straßenbahn hatte Waggons mit offenen Einstiegen und mit etwas Geschick konnte man dem Schaffner oder Kassierer aus dem Wege gehen. Am liebsten brachte ich die Blumensträuße nach Winterhude oder Barmbek, hier gab es immer ein Trinkgeld von zwanzig oder dreißig Pfennig von den meist älteren Damen. Im Gegensatz dazu gab es auf der anderen Seite des Hofwegs, auf der vornehmen Uhlenhorst mit den großen Villen nie etwas. Hier nahmen Hausangestellte die Blumen entgegen und von denen gab es natürlich nichts. Sogar mit dem Hausmädchen eines großen Zigarettenherstellers musste man sich erst mal streiten, damit man die Packung mit sechs Zigaretten, die jedem Boten gegeben werden sollte, wie ich von anderen Jungen wusste, bekam. Nach leidvoller Erfahrung rauchte ich zwar nicht, aber die Zigaretten ließen sich in der Schule gut verkaufen.

Freitags hatte ich immer am meisten zu tun. Dann mussten die Sträuße in die Villen und Konsulate ausgeliefert werden, manchmal einen ganzen Korb voll für ein Haus. An jedem Strauß war ein Zettel, auf dem die Chefin geschrieben hatte, in welches Zimmer und in welche Vase er kam. Die Chefin kannte alle Häuser, Zimmer und Vasen. Obwohl ich vor Hunden keine Angst hatte, war es mir in der Botschaft von Venezuela doch immer ein bisschen unheimlich, hier liefen immer zwei große dänische Doggen in dem parkähnlichen Garten frei herum. Das Tor wurde von der Haushälterin elektrisch geöffnet und bis zum Haus waren es fünfzig Meter, in denen die Doggen mich ständig umkreisten. Die Haushälterin rief zwar immer die tun nichts, aber ich versuchte doch immer, den Blumenkorb zwischen uns zu bringen. Trinkgeld gab es hier natürlich auch nicht! Und dann war da noch die Frau Baronin, an die ich mich besonders gut erinnere.

Frau Baronin war die Schwiegermutter eines sehr guten Kunden von der Schönen Aussicht und wohnte in einem Anbau der Villa. Frau Baronin kam immer Freitag nachmittags, wenn am meisten los war ins Geschäft. Wenn sie über die Straße kam, widmeten sich Frau Schmitke und Brigitte besonders intensiv einem Kunden oder flüchteten nach oben in die Werkstatt. Die Chefin sagte dann auch immer lass man, ich mach das schon. Frau Baronin wollte dann immer einige besonders schöne Pflanzen sehen, die natürlich ganz vorne im Fenster standen. Sie war erst zufrieden, wenn die Chefin mit einer Engelsgeduld das halbe Fenster ausgeräumt hatte.
Gekauft hat sie dann meistens einen kleinen Strauß Vergissmeinnicht, den ich natürlich liefern musste, obwohl ich ein paar Stunden vorher einen ganzen Korb Blumen in die Villa gebracht hatte, denn sie hatte ja noch Besorgungen zu machen.

Die Besorgungen bestanden darin, dass sie fünfzig Meter weiter zum Krämer ging, dort kaufte sie dann ein Achtel Pfund Käse und Wurst, was natürlich auch geliefert werden musste. Dadurch traf ich dann abends manchmal noch den Boten des Krämers, sodass wir wenigstens gemeinsam schimpfen konnten. Trinkgeld gab es natürlich auch nicht. Am meisten hatte aber die Chefin zu arbeiten. Zwei Mal in der Woche musste sie um vier Uhr aufstehen, um mit der ersten Straßenbahn zum Blumengroßmarkt am Hauptbahnhof zu fahren. Mit einem großen Weidenkorb voller Blumen kam sie dann zurück, der Korb war so schwer, dass Brigitte sie an der Haltestelle abholen musste, um beim Tragen zu helfen. Wie sie die Strecke vom Blumenmarkt zur Haltestelle der Straßenbahn gemacht hat, habe ich nie erfahren.

Das Geschäft wurde um achtzehn Uhr geschlossen, aber dann war noch lange nicht Feierabend. Alle Schnittblumen mussten neu angeschnitten, das Wasser in den Vasen erneuert, die Gewächse gegossen und welke Blätter entfernt werden. Vor neunzehn Uhr kam die Chefin nie aus dem Geschäft. Oma, die Mutter der Chefin war der gute Geist des Ladens, immer fröhlich und lustig. Oma kochte Kaffee oder Tee, für mich auch mal Kakao, räumte die Werkstatt auf, machte Einkäufe und backte auch mal einen Kuchen. Am schönsten waren für mich die Sonntage, dann war der Laden von neun bis zwölf Uhr geöffnet. Wenn meine Eltern dann einen Ausflug mit meinem Bruder machen wollten, konnte ich armer Junge ja nicht mit. Ich bekam dann von meinem Vater drei Mark, damit ich mittags essen gehen konnte. Oma erzählte ich dann, dass meine Eltern einen Ausflug machten und ich kein Mittagessen bekam. Der arme Junge wurde dann natürlich zum Essen bei der Chefin eingeladen. Von den drei Mark erzählte ich natürlich nichts. Nach dem Essen wollten die beiden mich nun los werden und sich endlich mal hinlegen, ich bekam dann noch fünfzig Pfennig in die Hand und die Empfehlung, doch ins Kino zu gehen. Das hatte ich sowieso vor, erst in die Jugendvorstellung in der Schauburg am Winterhuder Weg und dann noch ins Olympia-Kino in Barmbek. Viel besser als durch die Lüneburger Heide zu latschen! Geld hatte ich ja genug, etwa zehn Mark die Woche, sehr viel mehr als ich jemals als Taschengeld erhalten hätte, dazu noch tolle Erlebnisse.

An einem Sonntagvormittag sollte ich einen großen Strauß langstieliger, roter Rosen in die Straße Am Pinnasberg am Hafen bringen. Der Kunde hatte darum gebeten, dass der Strauß vor der Übergabe ausgepackt wird. Kein Problem für mich, ich klingelte also mit den herrlichen Rosen in der Hand, mit einem fröhlichen Tataräää wurde die Tür aufgerissen und vor mir stand in einem offenen Bademantel eine junge, blonde, hübsche Frau — splitternackt.

Wir waren wohl beide etwas erschrocken, aber ich bekam dann noch eine Mark Trinkgeld. Diesen schönen ersten Job in meinem Leben machte ich eineinhalb Jahre, hatte immer die Taschen voller Geld und konnte trotzdem meinem Hobby Fußball nachgehen. Dann zogen wir um nach Quickborn, wo meine Eltern ein Haus bauten.
Aber das ist eine andere Geschichte.