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Eine Begegnung 1935

In der Zeit, als ich eben über 20 Jahre alt war, gab es für mich eine Begegnung, über die ich hier sprechen möchte.

Es begann in der Zeit, als Adolf Hitler in Berlin seine SA und SS und Hermann Göring die neue deutsche Armee im Stechschritt über die Heerstraße, durch das Brandenburger Tor, bis vor Hitlers Hauptquartier marschieren ließen. Er, der Gründer des tausendjährigen Reiches, auf den die ganze Welt schaute, viele mit großer Begeisterung, die meisten aber — besonders in den Nachbarstaaten — mit großer Besorgnis, stand auf seinem Balkon. Neben ihm Hermann Göring und Joseph Göbbels. Sie hielten ihre großen Reden. Göbbels, der Volksaufhetzer hatte einen so großen Mund, dass die Berliner sagten, er könne den Spargel quer fressen.

In dieser Zeit war ich verlobt mit einem angehenden Schiffsingenieur, der damals das Technikum in Hamburg besuchte. Wir hatten unsere bestimmten Termine für unsere Verabredungen. Eines Abends, als er zu mir nach Hause kommen wollte, wartete ich vergeblich auf ihn. Stunde um Stunde verging, aber er kam nicht. Das war noch nie vorgekommen. Ich wurde von Minute zu Minute nervöser, in mir machte sich eine angstvolle Spannung breit, weil ich ahnte, dass etwas sehr Schlimmes passiert sein musste. Zuletzt hielt ich es nicht mehr aus. Ich holte mein Fahrrad aus dem Keller und fuhr zu dem Haus, in dem er bei einer Kriegerwitwe ein möbliertes Zimmer bewohnte. Ich klingelte, die Frau öffnete die Wohnungstür. Ihr Gesicht war kalkweiß und voller Entsetzen. Im ersten Augenblick verstand ich gar nichts, bis sie die Tür zu dem Zimmer meines Verlobten öffnete.

Zerrissene Bücher und Hefte, dazwischen zerschlagenes Frühstücksgeschirr, das alte Sofa und das Bettzeug sowie die Matratze waren aufgeschlitzt. Es herrschte ein so wüstes Durcheinander, dass man keinen Schritt in das Zimmer tun konnte.
Die Frau fing an zu weinen und mir legte sich ein eiserner Ring ums Herz, der mich zu erdrücken drohte. Vier SA-Männer hatten ihn abgeholt.

Wie ich wieder auf die Straße gekommen bin, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Die Welt hatte sich für mich von einem Augenblick zum anderen total aus den Angeln gehoben. Plötzlich war alles um mich herum fremd, kalt und leer, als ob ich ganz allein auf einem anderen Stern lebte. Wer dieses Gefühl schon einmal erlebt hat, weiß, wovon ich spreche.

In den nächsten Tagen warf ich meine Arbeit, mein Zuhause bei meinen Eltern, kurz alles in meiner Umgebung hin. Ich packte ein paar Sachen in einen Koffer, fuhr zum Hauptbahnhof, nahm den nächsten Zug nach Berlin, wollte nur in das Haus und zu den Eltern meines Verlobten. Aber seine Eltern waren genauso verzweifelt wie ich. Wir wussten nicht einmal, ob er noch lebte. Sein Vater, ein Justizbeamter, konnte nach einiger Zeit ermitteln, dass sein Sohn des Hochverrats angeklagt war und im Gefängnis auf seinen Prozess wartete. Besuchserlaubnis erhielt nur seine Mutter.

Aber auch sein Elternhaus erschien mir kalt und leer, da von hier aus ihm niemand helfen konnte. Die Verzweiflung breitete sich immer mehr in mir aus. Nach ein paar Tagen verließ ich die Wohnung und ging kreuz und quer durch die Straßen, ohne zu wissen wohin. Nach ein paar Stunden, in einem Stadtteil des späteren Ost-Berlins, traf ich auf einen Mann, der mit einem großen Besen die Straße kehrte. Da er mit dem Rücken zu mir stand, trat ich von der Seite an ihn heran. Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, wie ich nach Charlottenburg komme?.
Der Mann drehte sich zu mir um und plötzlich sah ich den gelben Judenstern auf dem Ärmel seines Mantels. In seinen Augen sah ich alles Leid der Welt. Es durchfuhr mich heiß und kalt. Etwas musste ich sagen.
Seien Sie doch nicht so schrecklich traurig, stammelte ich, ich bin ebenso traurig wie Sie, mein Verlobter ist im Gefängnis, weil er mit Freunden zusammen einem jüdischen Ehepaar zu einer Schiffspassage ins Ausland verholfen hat. So wie mein Verlobter und seine Freunde denen geholfen haben, ins Ausland zu flüchten, wird bestimmt auch Ihnen geholfen.

Dazu ist es zu spät antwortete er, die dunklen Augen in dem schmalen Gesicht wurden noch trauriger.
Meine Frau und meine beiden Kinder sind heute Morgen abgeholt worden, ich bin nur noch hier, weil ich nach einem Verhör noch nicht zu Hause war. Bevor die mich wieder abholen und zu Tode prügeln, werde ich nicht mehr leben. Ich muss nur noch sehen, dass ich noch einmal in meine Wohnung komme, um unsere Papiere für meinen Sohn beiseite zu schaffen, er konnte nach Johannesburg entkommen. Ich werde bestimmt überwacht. Gehen Sie, sofort. Wenn die merken, dass wir miteinander reden, sperrt man sie auch noch ein! Er kehrte mir wieder den Rücken zu und fegte weiter die Straße.

Ich lief fort von diesem Mann, lief und lief. Irgendwie fand ich den Weg zu meinen Schwiegereltern. Ich fiel meiner zukünftigen Schwiegermutter weinend in die Arme. Wir klammerten uns aneinander. Nach Stunden verzweifelten Weines, spät am Abend meinte mein Schwiegervater, es sei das Beste für mich, wieder nach Hause zu fahren.

Mein Verlobter kam wieder frei, im Gegensatz zu den vielen anderen tausenden von gefolterten und geschundenen Menschen. Er hatte Glück. Doch die Angst blieb, wie ein böser Alptraum, der sich viele Jahre lang wiederholte. Immer wieder sah ich in diesem Traum jenen vom Schicksal erbarmungslos geschlagenen Mann, der mich aus traurigen und hoffnungslosen Augen ansieht. Dieser Traum kam in den langen Jahren zwar seltener, aber doch immer wieder. Bis zu dem Tag, an dem ich in ihrer Gesellschaft an der Chanukka-FeierChanukkah, Hanukkah oder Lichterfest) ist ein acht Tage dauerndes, jährlich gefeiertes jüdisches Fest zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels (des Serubbabelischen Tempels) in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. Es beginnt jeweils am 25. Tag des Monats Kislew (November/Dezember).Quelle: Wikipedia.de teilnehmen durfte. Da muss ein kleines Wunder geschehen sein. Seit diesem Tag habe ich den Alptraum nicht mehr. Deshalb bin ich dankbar dafür, von ihnen in dieser Gemeinschaft aufgenommen zu werden, an deren Veranstaltungen ich teilnehmen kann.

Das Entscheidende ist doch, dass sich in dieser Gesellschaft Menschen gegen Juden- und Rassenhass wenden, an ihrer Spitze Frau Charlotte Petersen, der ich aufgrund ihres ganz besonders konsequenten und energischen Einsatzes meine Bewunderung und Hochachtung aussprechen möchte. Denn nichts ist unmenschlicher, als Menschen ihrer Religion, Rasse oder Hautfarbe wegen zu verfolgen und zu vernichten, was unbegreiflicher und unfassbarer Weise seit tausenden von Jahren, bis hin ins 21. Jahrhundert, das wir bald erreichen, in allen Teilen der Welt geschah und immer wieder geschieht.
— Es muss endlich Schluss damit sein!

Ich möchte mit dem Zitat aus dem Osterspaziergang von Goethe schließen: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.