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Das nützlichste und wertvollste Weihnachtsgeschenk

Es war in der Zeit, als die vielen Bomben auf die große Stadt Hamburg fielen und fast alle Häuser in Flammen aufgingen. Mitten in den Trümmern wohnten aber noch viele Menschen, deren Wohnungen noch einigermaßen bewohnbar waren.

Zu ihnen gehörte auch eine Mutter mit ihrem Sohn, der Bernd hieß, und fast dreieinhalb Jahre alt war. Der Vater war vor der norwegischen Küste als Ingenieur auf einem Munitionstransporter, und die Mutter war schwanger. Wenn das Baby nun zur Welt kommen sollte, musste die Mutter sehen, wo sie den kleinen Bernd ließ. Sie mussten ja immer bei Fliegeralarm zum Bunker laufen. Der Bernd würde niemanden haben, der sich um ihn kümmerte, wenn die Mutter in der Klinik war, denn jeder hatte mit sich selber zu tun, um das eigene Leben zu retten.

Da bekam die Mutter eine Einladung aus Lichtenstein in Sachsen, wo es noch ruhig war und die Menschen, außer karger Ernährung, nichts vom Krieg merkten und die Häuser noch heil waren. Dankbar nahm sie die Einladung an und reiste mit dem kleinen Bernd dorthin.

Es gab dort wirklich noch eine heile Welt. Der Frühling schickte gerade seine Vorboten ins Land, als der kleine Jens das Licht der Welt erblickte. Nun hatte die Mutter viel mit dem Säugling zu tun und war auch selber noch nicht recht bei Kräften. So war der Bernd sich meistens selbst überlassen.

Er freundete sich auf dem Nachbarhof mit einem alten Opa und einem Ziegenbock an. Das war aber ganz seltsam, denn so wie es die Leute aus der Nachbarschaft erzählten, mochte weder der alte Mann noch sein Ziegenbock Kinder leiden. Nur der Bernd mit seinem hellen Lockenkopf und den großen blauen Augen spazierte ganz unbekümmert in den Hof. Der Ziegenbock kam sogleich mit großen Sprüngen angerast, mit gesenktem Kopf und bedrohlich spitzen Hörnern. Aber der Bernd hatte keine Angst vor ihm, denn er liebte alle Tiere. Er ging also ruhig weiter und als ob der Ziegenbock es fühlte, das da ein kleines Menschlein kam, das weder dem alten Mann noch ihm etwas Böses wollte, blieb er mit einem Ruck stehen. Er schnupperte rundherum und rauf und runter an dem kleinen Jungen und schien alles an ihm gut zu finden. Der Bernd strich ihm ganz vorsichtig und liebevoll übers Fell. Der alte Mann besah sich diese unglaubliche Sache aus der Nähe und fand, dass es ein gutes Kind sein musste, denn wenn der Ziegenbock es leiden mochte, dann konnte auch der Opa Schippel es gern haben. So freundeten die drei sich an.

Opa Schippel war Drechsler und fertigte allerlei handwerkliches Gerät und Handkarren mit einer Deichsel an, die man Blockwagen nannte. Nun durfte der Bernd mit einem dieser Blockwagen auf dem Hof spielen. Das machte ihm viel Freude, besonders wenn er sich hineinsetzte und der Ziegenbock dem Wagen von hinten einen Stoß gab, so dass er über den ganzen Hof rollte. Dann lachte der Bernd und auch Opa Schippel lachte, der Ziegenbock meckerte, dass es sich fast wie Lachen anhörte.

Inzwischen war es Winter geworden und die Weihnachtszeit begann. Das Baby war inzwischen soweit gediehen, dass es nach kräftigerer Nahrung verlangte als nur nach Milch. Die Mutter musste also sehen, wo sie Gemüse und sonstige gute Nahrung für die Kinder auftrieb. Das war aber nicht das Schwierigste, am schlimmsten war es mit dem Herd, wenn die Mutter für das Baby etwas kochen musste. Der Herd war aus Eisen, alt und nahe am Zusammenfallen. Man musste ihn mit Holz und Kohle heizen. Das bekam aber den Herdringen nicht, die fast nur noch aus Bruchstücken bestanden. Die Tante, bei der sie wohnten, jammerte alle Tage: Mein Herdring ist kaputt, ich bekomme doch keinen neuen Herdring.

Der Vater hatte inzwischen eine kleine Tonne mit gesalzenen Heringen aus Norwegen geschickt, damit konnte die Mutter einiges für die Kinder eintauschen. So hatte sie dem Bernd hin und wieder ein paar Heringe für Opa Schippel mitgegeben, weil sie das Kind dort in guter Obhut wusste. An einem Abend, als die Mutter wieder ein Breichen für das Baby kochte, saß der Bernd auf einem kleinen Schemel im Hintergrund der Küche, als die Tante wieder jammerte: Mein Herdring ist ja so kaputt und ich bekomme in diesen Zeiten keinen wieder.

Am anderen Tag sagte der Bernd zu seiner Mutter: Mutti, ich brauche ein paar Heringe. Wozu möchtest du die den haben, fragte die Mutter. Das ist ein Geheimnis, hat Opa Schippel gesagt, aber du sollst ruhig glauben, dass du etwas Gutes dafür bekommst. Die Mutter wickelte drei Heringe in Zeitungspapier und gab sie dem Bernd. Der marschierte stolz damit los. Der Mutter war es recht, auf drei Heringe mehr oder weniger kam es auch nicht mehr an. Nun war es Heiligabend und der Bernd kam fast zu spät zum Mittagessen, so dass die Mutter schon ganz unruhig wurde. Da spazierte er stolz in die Küche, wo die Mutter und die Tante schon am Tisch saßen. Er hielt ein Paket in Zeitungen eingewickelt fest in beiden Händen und legte es der Tante in den Schoß, dabei wünschte er ein frohes Weihnachtsfest. Voller Staunen packte die Tante die Zeitungen auseinander und -oh Wunder-, da lag ein ganz neuer Herdring in ihrem Schoß. Mutter und Tante küssten den Bernd ganz tüchtig ab, und dann kam die Geschichte heraus.

Der Bernd erzählte: Ich habe Opa Schippel gesagt, das der Jens sein Breichen braucht und das der Herdring kaputt ist und die Tante deshalb immer jammert. Da hat
der Opa Schippel gesagt, geh mal die Straße ganz zu Ende, an der Ecke ist eine Schmiede und der Schmied ist mein Bruder, nimm ihm ein paar Heringe mit und bestelle ihm einen schönen Gruß von mir, wenn er einen neuen Herdring macht, bekommt er noch mehr Heringe.
Der Bernd hatte also die Heringe von der Mutter geholt und marschierte die Straße hinunter, bis er zur Schmiede kam. Der Schmied war ein großer, rußverschmierter Mann, der auf den Amboss schlug, dass die Funken stoben. Zuerst hatte Bernd ein kleines bisschen Angst vor dem großen schwarzen Mann, aber da er ja ein Junge war und Jungen bekanntlich keine Angst haben, sagte er höflich: Guten Tag, ich soll schön grüßen von deinem Bruder, dem Opa Schippel, ich bringe dir auch Heringe .

Damit reichte er dem Schmied das Paket und setzte schnell hinzu: Du bekommst noch mehr Heringe, wenn du mir einen Herdring machst. Der Schmied freute sich über die Heringe und sagte:
 Pass auf, hier gebe ich dir ein Band, das legst du rundherum um den Herdring, wenn er kalt ist . Und er zeigte ihm, wie er es machen sollte und wo er das Band abschneiden musste. Der Bernd lief nach Hause und brachte dem Schmied am nächsten Tag das Band zurück, richtig abgemessen. Nun wollte der Schmied einen neuen Herdring machen, Bernd sollte in einer Woche wiederkommen und ihn abholen und natürlich die Heringe nicht vergessen.

Nun fragte Bernd jeden Tag Opa Schippel, wann die Woche um sei und Opa Schippel sagte ihm jeden Tag, wie viele Tage er noch warten musste. Der kleine Bernd hatte schon Angst, dass seine Überraschung zum Heilgenabend nicht fertig sein würde. Dann war es endlich so weit.

Die Tante konnte sich vor Freude kaum halten, ihr liefen die blanken Tränen über die verhärmten Wangen. Die Mutter wickelte fünf Heringe in Papier und Bernd brachte sie dem Schmied. Opa Schippel bekam auch noch zwei Heringe und das Baby seinen Brei.

Das war das nützlichste und wertvollste Weihnachtsgeschenk meines Lebens.