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Für fünf Mark Eis

Es war im Sommer 1948, ein paar Wochen nach der Währungsreform, die am 8. Juni stattgefunden hatte und bei der jeder Erwachsene 40.- D-Mark erhalten hatte. Die Familie, meine Eltern, mein Bruder und ich, hatte vom Wohnungsamt zwei Zimmer und Küche zugewiesen bekommen, da unsere Wohnung in Wandsbek durch Bomben zerstört war. Die Zimmer waren aber nicht zusammenhängend, da jetzt im Hochparterre einer alten Villa aus einer großen Wohnung drei kleine Wohnungen gemacht wurden. Aus der Küche mit dem anschließenden Wohnzimmer konnte man in den Garten mit seinen großen Obstbäumen sehen. Das Schlafzimmer war auf der anderen Seite des Hauses, zur Straße hin gelegen, über einen Flur zu erreichen. Da das Haus unmittelbar neben der Eisenbahnbrücke im Bahrenfelder Kirchenweg stand, war es hier natürlich besonders laut, da alle zehn Minuten eine S-Bahn über die Brücke fuhr. Außerdem fuhren nachts die Güterzüge, die aus Altona kamen, donnernd über die Brücke. Eine Heizung gab es im Schlafzimmer auch nicht, sodass im besonders kalten Winter 1947/1948 die Fenster total zugefroren waren. An den Lärm hatten wir uns aber wohl gewöhnt, denn wir wachten auf, wenn mal eine Betriebsstörung war und die Züge nicht fuhren.

Beschwert hat sich keiner, wo auch. Die Eltern hatten wohl andere Sorgen und waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Die nächste Schule war für mich in der Fischers Allee in Altona. Der Schulweg führte also vom Bahrenfelder-Kirchenweg, Friedensallee, Hohenzollernring, Bleikennallee zur Fischers Allee. Für die drei Kilometer Schulweg brauchten wir mit unseren kurzen Beinen meistens eine Stunde, da ja auch noch mal in den Trümmern am Straßenrand nach Brauchbarem gestöbert wurde. Aus dem Umkreis unserer Wohnung waren noch drei Jungen mit mir in der gleichen Klasse, sodass der Schulweg nie langweilig wurde. Der Ränzel war auch nicht schwer, außer Schiefertafel, Kreide, ein Heft und Bleistift war ja sowieso nichts drin. Unter dem Ränzel hing noch das Kochgeschirr, ein ovaler Blechtopf aus Wehrmachtsbeständen, das jeder Schüler für die Schulspeisung mitbringen musste.

Die letzten Meter zur Schule wurden immer gerannt. Nicht weil wir die Schule so liebten, sondern unsere Lehrerin Fräulein Schumacher. Sie war die schönste, netteste, lustigste von der gaaanzen Welt. Fräulein Schumacher sah aus wie Schneewittchen aus unseren Märchenbüchern, nur hatte sie blonde Haare. Sie hat nie geschimpft, immer bunte Kleider an und war immer lustig. In der letzten Stunde hat sie uns jeden Tag eine Geschichte vorgelesen, aber nicht aus Märchenbüchern, sondern etwas über Indianer und Trapper. Auch eine Klassenreise hat sie, als einzige der ganzen Schule, mit uns gemacht. Es ging mit der S-Bahn nach Wedel und dann zu Fuß in ein Landschulheim mitten in den Wedeler Dünen. Von morgens bis abends machte sie Spiele mit uns oder es ging zum Strand an die Elbe. Nur das Frühstück in dem Heim gefiel uns gar nicht, es gab nämlich Ziegenmilch von den Ziegen, welche ein Bauer in der Nähe hatte und diese Ziegen wurden mit Fischmehl gefüttert. Aber Fräulein Schumacher handelte mit den Heimeltern aus, dass wir auch ein Glas Wasser statt der Ziegenmilch zum Frühstück trinken durften. Alles andere, das wir zugeteilt bekamen, musste natürlich aufgegessen werden, denn es war für die Heimeltern sicher nicht leicht, für 40 Jungen jeden Tag genügend Essen zu beschaffen, wir waren ja auch alles kleine SpiddelDat meent op Plattdüütsch en dünnen Minschen. Auf Hochdeutsch: dünne Jungs, Hänfling oder Spargeltarzan.. Viel zu schnell ging die Woche vorbei und wir fuhren wieder mit der S-Bahn nach Altona. Hier musste ich umsteigen, um die eine Station nach Bahrenfeld zu fahren. Zu Hause angekommen stand ich vor verschlossener Tür. Meine Eltern waren nämlich nach Altona gefahren, um mich dort abzuholen. Sie hatten wohl Angst, dass ich nicht alleine umsteigen konnte. Wenn die wüssten, wie oft ich mich schon auf dem Bahnhof herumgetrieben hatte. Ich war ganz schön beleidigt, war doch kein Baby mehr.

Montag begann nun die Schule wieder mit der gehassten Schulspeisung in der großen Pause. Hierzu war eine Ecke an der Schule abgesperrt. In diese Ecke mussten alle Schüler zur großen Pause rein. Beim Reingehen in diese abgesperrte Zone bekam jeder Schüler eine Kelle Maissuppe, wohl auf Wasser gekocht, jeden Tag dasselbe, in sein Kochgeschirr. Auch betteln nach einer kleinen Portion half nichts, der große Junge, der die Suppe austeilte, haute mir jeden Tag die volle Kelle in meinen Topf. Dabei hatte ich doch im Gegensatz zu den meisten Mitschülern überhaupt keinen Hunger. Mein Vater arbeitete ja schon im Hafen und wir hatten immer etwas zum Essen, sogar Schokolade brachte er manchmal mit. Aus der abgesperrten Zone durften wir erst raus, wenn wir das leere Kochgeschirr vorzeigen konnten. Damit wir das Essen nicht auskippten oder einem anderen Schüler gaben, waren immer ein paar Lehrer mit in der abgesperrten Zone. Obwohl es heute ja wohl ein ganz anderer Mais ist, den meine Enkel mit Butter bestrichen sehr gerne essen, wird mir noch immer nur bei dem Geruch schlecht.

Eines Tages in diesem Sommer bekam ich von Fräulein Schumacher einen Zettel für meine Mutter mit, ich sollte nun doch endlich die 20 Pfennige für den Schulverein mitbringen. Davon hatte ich Zuhause noch gar nichts erzählt. Am nächsten Morgen hatte meine Mutter wohl kein Kleingeld, sie legte jedenfalls einen fünf Mark Schein in einen Briefumschlag und legte ihn in meinen Ränzel. In der Schule kam an diesem Morgen der Rektor in unsere Klasse und sagte uns, Fräulein Schumacher kommt heute nicht, wir sollen alle nach Hause gehen. Nööö, das wollten wir auf keinen Fall, da hätten wir nur irgendeine Arbeit bekommen. Was nun machen? An die Elbe? Da machten wir immer ein spannendes Spiel. In Neumühlen auf das Geländer setzen und die Namen der Fährschiffe raten. Das waren nämlich noch nicht solche Schuhkartons wie heute, die alle gleich aussehen, sondern alles verschiedene Schiffe. Oder sollten wir zum Bahnhof Altona, da war immer was los.

Wir vier Bahrenfelder zuckelten langsam Richtung Bahnhof. Nur ein paar Straßen von der Schule entfernt fiel uns ein neues Geschäft auf: SPEISE-EIS buchstabierten wir uns zusammen. Ab und zu kam da auch jemand raus, der an einer bunten Kugel schleckte. Mal sehen, ob wir so was auch bekommen können. Habt ihr denn auch Geld? fragte der Mann mit der weißen Mütze hinter dem Tresen. Ja, hatte ich doch. Schnell kramte ich die fünf Mark aus meinem Ränzel und reichte den Schein über den Tresen. Na, denn gebt mal euer Kochgeschirr rüber wurden wir aufgefordert. Es gab drei verschiedene Sorten, Vanille, Schokolade und Erdbeer. Unsere Augen wurden immer größer, der Mann hielt gar nicht wieder auf, die vier Kochgeschirre zu füllen. (ich schätze, dass fünf D-Mark 1948 heute 50.- Euro wert sind). Begeistert zogen wir, jeder mit einem halben Kochgeschirr voll Eis, uns in eine stille Ecke zurück und löffelten, erst schnell und dann immer langsamer unser erstes Speiseeis. Mittlerweile war es auch schon Mittag geworden und wir bummelten nach Hause. Meine Mutter setzte gerade die Pfanne auf den Kohleherd und ich guckte gelangweilt aus dem Küchenfenster. Hunger hatte ich ja sowieso nicht, mir war eher ein wenig schlecht. Dann kam die Frage Hast du den Schulverein bezahlt und hol mal das Geld raus. Die erste Frage überging ich, sonst hätte ich ja sagen müssen, dass wir gar keine Schule hatten. Zur zweiten Frage sagte ich ganz unbedarft davon haben wir uns Eis gekauft. Meine Mutter wurde ganz blass, riss die Pfanne vom Herd und wollte mich damit verprügeln. Nun stand aber mitten in der Küche ein Esstisch, ich rannte immer um den Tisch, meine Mutter hinterher, bis ich aus der Küchentür entwischen konnte. Warte man, bis dein Vater kommt, der wird dir schon eine Abreibung verpassen rief sie noch hinterher. Nun wollte ich erst mal zu meinem Freund Hans, der hatte immer gute Ideen. War aber auch nicht so gut, seine Mutter empfing mich gleich an der Tür mit mächtig Geschimpfe: Was habt ihr denn bloß wieder gemacht, der Hans hat sich übergeben und liegt im Bett. Langsam dämmerte mir, dass da ja wohl mächtig was schief gelaufen war. Schuldbewusst schlich ich um unser Haus und setzte mich endlich im Treppenhaus auf eine Stufe.

Kurz darauf kam dann auch schon mein Vater nach Hause, er nahm mich nun mit in unsere Wohnung, wo meine Mutter natürlich gleich los legte, was ein verdorbener, undankbarer Junge ich doch sei. Mein Vater hörte sich alles in Ruhe an und sagte dann zu meiner Mutter wenn hier einer Dresche verdient, dann ja wohl du und der Eisverkäufer. Mich schickte er ohne weiteren Kommentar zu Bett. Ab dem Zeitpunkt bekam ich auch ein kleines Taschengeld, nicht als Belohnung, sondern dass ich mal wusste, wie teuer alles ist, machte mein Vater mir klar.

Zum Ende des Schuljahres heiratete unsere geliebte Lehrerin Fräulein Schumacher in der Kirche am Hohenzollernring. Die ganze Klasse war mit in die Kirche eingeladen und stand draußen Spalier, als sie in ihrem wunderschönen weißen Kleid, wie eine Prinzessin, mit ihrem Mann aus der Kirche kam. Ihre Mutter hatte eine riesige Tüte Bonbons dabei, von denen jeder Junge eine Handvoll erhielt. Leider zog sie aber mit ihrem Mann nach Fallingbostel und wir bekamen im nächsten Jahr eine neue Lehrerin, eine wahre Schreckschraube, aber das ist eine andere Geschichte.