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Besuch bei Europäern in Karatschi

Seit unserem ersten Besuch mit dem Segelabenteuer in Karatschi waren jetzt fast anderthalb Jahre vergangen. Durch Briefe hatten wir erfahren, dass Federica, genannt Fee, inzwischen eine kleine Lena bekommen hat und wir wurden immer wieder aufgefordert, jetzt wo hier Winter war, doch endlich mal die Koffer zu packen und sie zu besuchen. In Karatschi herrschten jetzt angenehme zwanzig Grad. Im Januar begannen wir dann mit den Vorbereitungen für eine weitere Reise in diese ganz andere Welt. Als Gastgeschenk hatten wir uns überlegt, die Zutaten für einen Deutschen Abend mitzubringen. Da ich meinen Koffer immer selbst packe, bekam meine Frau Petra gar nicht so genau mit, was ich da alles einpackte. Das war auch gut so! Neben Schinken, Leberwurst, eingeschweißten Weißwürsten, Frankfurter  und natürlich Schwarzbrot kam dann noch eine Flasche Helbing-Kümmel in meinen Koffer. In einem Brief unterrichtete ich Eduard davon und verabredete, dass Joseph, der Fahrer der Familie, uns am Flughafen abholt. Ich kaufte mir noch ein weißes Dinnerjacket, was dort, wie ich bei unserem ersten Besuch gesehen hatte, auch über Tage von Europäern getragen wurde. Die Reise ging von Hamburg über Frankfurt direkt nach Karatschi. Von meinem Fensterplatz aus konnte ich aus neun Kilometern Höhe die Landschaft weit überblicken, aber nachdem wir Europa überflogen hatten, war nur noch Sand, Wüste und Fels zu sehen, ab und zu mal ein umrandetes Gehöft mit ein paar Tieren. Warum hier seit biblischen Zeiten gekämpft wurde, fragte ich mich im Stillen.

Nachdem wir in Karatschi die Passkontrolle passiert hatten, ging es in die Ankunftshalle, wo auch die Zollkontrolle durchgeführt wurde. Ich hatte eine dunkle Uniformhose und das weiße Dinnerjacket angezogen, mir noch eine dicke Zigarre angezündet, meiner Frau gesagt, sie möchte immer einen Meter hinter mir hergehen und machte ein möglichst blasiertes Gesicht. Da ich mit den Örtlichkeiten vertraut war, wusste ich, dass gleich am Eingang der Ankunftshalle die wartenden Taxifahrer nur durch ein Sperrband von den Reisenden getrennt wurden. Sofort nachdem wir die Halle betreten hatten, stürzte sich Joseph, das Sperrband missachtend, in seiner Fahreruniform auf unsere Koffer und verschwand damit im Gewühl der Halle. Die herumstehenden Zöllner und Soldaten sahen etwas irritiert zu einem mit Orden dekorierten Offizier, aber der zuckte nur mit den Schultern, da ich mit meiner korpulenten Figur wahrscheinlich sehr reich sein musste. Denn wer sich so viel Essen leisten konnte, um dick zu werden, der galt in Pakistan als reich und hatte sicher jemanden bestochen, sodass ich ganz entspannt die Zollkontrolle passieren konnte. Allerdings sträuben sich heute noch meine Nackenhaare, wenn ich daran denke, was mich erwartet hätte, wenn ich beim Einführen von Schweinefleisch und Alkohol erwischt worden wäre.

In der Villa bei Eduard und Fee angekommen, mussten wir erst einmal die kleine Lena bewundern. Bei Tee und Gebäck erfuhren wir dann so nebenbei, dass seit unserem letzten Besuch noch mehr Hausangestellte dazu gekommen waren. Neben dem Koch hatte Fee noch einen etwa vierzehnjährigen Küchenjungen eingestellt. Dann gab es das neue Kindermädchen, den Wäscher, der auch die Wäsche bügelte, den Fußbodenreiniger, der den ganzen Tag die Marmorfußböden im ganzen Haus in einer Hockstellung feudelte. Außerdem war da noch der Haushaltsboy, der Gärtner der sich auch in Hockstellung den ganzen Tag durch den Garten arbeitete, sowie der Nachtwächter, der als einziger auf dem Gelände in einer etwa acht Quadratmeter kleinen Stube neben dem Waschhaus wohnte, da er tagsüber für das Öffnen und Schließen des eisernen Tores zuständig war. Zu dem Nachtwächter gehörten auch noch mehrere Obernachtwächter, die die ganze Nacht durch die Straßen des Viertels liefen und alle fünf Minuten mit einer Trillerpfeife Lärm machten, angeblich um die Wächter in den Häusern wach zu halten. Nun war es aber nicht so, dass Fee die alle unbedingt haben wollte. Aber in unregelmäßigen Abständen kam immer mal ein einheimischer Vertreter der Hausarbeiter-Gewerkschaft vorbei (Eduard sagte: Mafia), der nachfragte, ob die mem-sahib denn mit den Leuten zufrieden war. Denn einen Einfluss darauf, wer eingestellt wurde, hatte Fee nur sehr begrenzt. Es wurden einfach Leute geschickt, und wenn sie mit denen nicht zufrieden war, wurden sie ausgetauscht. Aber immer neue Leute wollte sie natürlich auch nicht im Haus haben und war somit viel damit beschäftigt, ihr Personal anzulernen.

Das Problem konnten wir jeden Tag schon beim Frühstück erleben. Der kleine Küchenjunge sollte immer den Tisch decken, mit Unterteller, Teller, kleinem Beistellteller, Tasse mit Untertasse, Messer, Gabel, Kaffeelöffel, Eierlöffel, Eierbecher, Wasserglas, Saftglas, Pfeffer- und Salzstreuer, Milchkännchen und Zuckerdose, Abfallbehälter und Brötchenkorb, Butter mit Buttermesser, Wurst und Käseplatten mit Gabeln. Natürlich schaffte der Vierzehnjährige das nie zu Federicas Zufriedenheit, denn er kannte ja aus seinem bisherigen Leben nur das Essen von Reis mit den Fingern aus einer kleinen Blechschüssel. Um dem Einstellen von Hauspersonal Nachdruck zu verleihen gab es bei einem Vertreter einer großen deutschen Automarke einen Vorfall. Er war neu in Pakistan, wohnte ebenfalls in einer ummauerten Villa, hatte zwei Schäferhunde mitgebracht und lehnte die Einstellung eines Nachtwächters sowie einer Nanny für seinen zweijährigen Sohn ab. Einige Tage später waren morgens die Schubladen im Kinderzimmer herausgezogen und die Babywäsche verstreut. Die Hunde hatten nicht angeschlagen und es war auch sonst außer der Familie keiner im Haus. Es gab keine Erklärung, aber am nächsten Tag war der Gewerkschaftsvertreter wieder vor der Tür und ab sofort gab es einen Nachtwächter und ein Kindermädchen. Joseph, der Fahrer von Eduard, hatte einen Sonderstatus, er bekam seine Dienstkleidung gestellt, verdiente wohl auch erheblich mehr als die andern Angestellten, war aber praktisch vierundzwanzig Stunden im Dienst. Joseph sprach neben Urdu, der Amtssprache, noch mehrere der zwanzig Dialekte des Landes und außerdem Deutsch, Englisch und Französisch. Er ging auch mit Frederica zum Einkaufen auf den Markt. Wenn wir etwas Größeres einkaufen wollten, dann sollten wir die Hälfte des verlangten Preises aushandeln, nicht kaufen und Joseph schicken, der bezahlte dann noch einmal die Hälfte .

Selber autofahren durften die Vertreter ausländischer Firmen in Pakistan nicht, denn es wurden Unfälle mit hohen Entschädigungsansprüchen provoziert bis hin zu Unfällen mit Kindern, die vor die Wagen geschubst  worden waren. Überhaupt gab es mit den Heerscharen von Bettlern für uns ein Problem. Frederica beschwor uns, keinem Bettler etwas zu geben und scheuchte sie rigoros weg, wenn wir mit ihr unterwegs waren. Einerseits ist es in islamischen Staaten üblich, Bettler mit milden Gaben zu unterstützen, aber hier hatte das Betteln skurrile Formen angenommen. Die Eltern verstümmelten ihre eigenen Kinder, um mehr Mitleid zu erregen. Eduard erzählte, dass er mit einem Diplomingenieur, der in England studiert hatte, über eine Baustelle gegangen ist, auf der ein Mann herumkroch, dem man Unterschenkel und Arme gebrochen hatte. Der Ingenieur meinte dem geht es aber gut. Auf Nachfrage meinte er, dass der Mann ja besonders mitleiderregend sei und deshalb sicherlich viel Bakschisch bekomme. Eduard hatte vor seinem Büro seinen eigenen Bettler, dem er jeden Tag ein paar Annas zusteckte, wobei man wissen muss, dass hundert Rupien zwei Mark oder ein Euro waren und eine Rupie sechzehn Annas entsprachen. Aber damit hielt er sich alle anderen Bettler vom Leib.

Dann bekamen wir eine Einladung von meinen örtlichen Lufthansakollegen, die eine Bootstour auf einem Fischerboot machen wollten. Es sollten Krebse gefischt und gleich auf dem Boot zubereitet werden. Joseph besorgte uns ein Taxi, da er selber andere Aufgaben hatte, und handelte den Preis aus. Im Hafen angekommen, hatten wir leichtsinnigerweise die Fenster wegen der Hitze herunter gelassen. Ein Schwarm von Einheimischen bedrängte uns und kroch halb in das Taxi, um seine Dienste anzubieten. Meine Kollegen hatten das aber mitbekommen, befreiten uns und wir bestiegen die von ihnen gecharterte Dau. Es war ein Segelschiff mit fünf Mann Besatzung, wie es hier üblich war.

Im Laufe der Fahrt unter Segeln erfuhr ich dann etwas über den Sinn oder Unsinn deutscher Entwicklungshilfe. Den Fischern waren Außenbordmotoren geschenkt worden, damit sie nicht beim Fischen vom Wind abhängig waren und weniger Leute an Bord brauchten. In Zukunft sollten sie mit zwei Leuten fahren, so hatten sich das die Spender der Motoren vorgestellt, aber was sollte mit den anderen drei Fischern passieren? Sie lebten doch nur vom Fischfang! Außerdem brauchten die Motoren ja Benzin, was Bargeld kostete, das die Fischer sowieso nicht hatten. Also verkauften die Fischer die neuen Motoren zu einem Spottpreis an die reichen Europäer.

Noch eine andere Geschichte erfuhr ich hier. Im Landesinnern hatten Entwicklungshelfer Spiegelöfen verteilt. Auf dem Grill war ein Spiegel befestigt, der auf das Kochgut gerichtet wurde. Das ging auch wunderbar bei den Vorführungen, und den Frauen wurde erklärt, dass sie ja nun kein Holz mehr zu sammeln brauchten. Nach einigen Wochen kamen die Entwicklungshelfer wieder in das Dorf und fanden diese tolle Erfindung hinter den Hütten. Es stellte sich heraus, dass man nicht bedacht hatte, dass die Männer ja am Tage auf den Feldern waren und abends, wenn es Essen geben sollte, die Sonne zu schwach war, um die nötige Wärme zu erzeugen.

Etwas außerhalb des Fahrwassers gingen wir mit dem Schiff vor Anker. Jeder bekam einen etwa drei Meter langen Bindfaden, an dem eine aufgebrochene Muschel befestigt war. Im Minutentakt konnten wir damit die Krebse an Bord holen, sodass nach einer halben Stunde schon ein Waschkorb voller Krebse zusammen gekommen war. Die Fischer bereiteten sie nun auf kleinen Campingkochern zu, als sämige Suppe, gegrillt mit Knoblauch oder gekocht mit fein gehacktem Gemüse. Es war für uns ein Festessen auf dem Boot in der Dämmerung mit der feuerrot untergehenden Sonne.

Nun erfuhren wir auch, wie es vor anderthalb Jahren zu der Einladung zum Regattasegeln gekommen war. Es gab in Karatschi zu der Zeit etwa ein Dutzend deutsche Familien, deren Männer dort als Vertreter großer Industrie- oder Handelskonzerne arbeiteten. Sie waren natürlich gute Kunden der Lufthansa und hatten den Besuch von Deutschen, insbesondere ihre Frauen, angeregt. Denn die europäischen Frauen hatten hier in Pakistan sehr wenig Abwechslung. Ein internationales Theater gab es nicht, in die einheimischen Kinos zu gehen war unmöglich, selbst zum Markt konnten sie sich nur in Begleitung eines Mannes begeben. Im Fernsehen gab es nur drei pakistanische Programme, elektronische Geräte wie Musikanlagen gingen  in der feucht-heißen Luft schnell kaputt. Im Haushalt hatten sie keine Arbeit, außer sich über die Haushaltsboys zu ärgern. So kam es zu Situationen, die meine Frau miterlebte, dass  auf einem Kleinkindergeburtstag zwanzig europäische Frauen, aber nur sechs Kinder anwesend waren. Es wurde hier überwiegend englisch gesprochen. Wir merkten es auch bei Fee zu Hause, es kamen jeden Tag deutsche Frauen zum Teatime. Sie waren neugierig auf den Besuch aus Deutschland und wollten sich mal wieder richtig auf Deutsch unterhalten. Fee meinte, dass sie in den letzten drei Jahren nicht soviel Besuch hatte wie in dieser Zeit.

Ich fuhr nach dem ausgedehnten Frühstück mit Eduard in die City in sein Büro. Über breite vierspurige Straßen ging es Richtung Innenstadt. Auf der rechten Straßenseite fuhren die vollkommen überladenen Wagen, von Eseln oder Kamelen gezogen, oft waren auch Menschen vor die Wagen gespannt, Rikschas und Tuk-Tuks  drängelten sich durch das Gewühl. Vorfahrt hatte, wer vorne war, und wenn  auch nur um eine Nasenspitze. Auf der linken Straßenseite fuhren die Taxis, Privatwagen und Busse. Mir fiel auf, dass die Polizisten, die an den Kreuzungen den Verkehr regelten, alle anhielten und uns durchwinkten, wenn wir uns näherten. Eduard erklärte mir dann, wie seine persönliche grüne Welle zustande kam. Ein Polizist musste seine Kreuzung nämlich kaufen und nun zusehen, wie er das Geld wieder hereinbekam. Das geschah dadurch, dass er an jeder Straßenecke Gehilfen hatte, die alle Einheimischen abkassierten, auf die er mit seinem Stock zeigte. Außerdem bekam er von den Europäern jede Woche seinen Bakschisch.

In dem sechsstöckigen Bürohaus hatte Eduard zum Glück sein Büro im zweiten Stock, denn mit dem Fahrstuhl sollte man lieber nicht fahren, weil in Karatschi viel öfter der Strom ausfiel und man dann stundenlang in dem engen, heißen Fahrstuhl festsaß. Im Büro  beschäftigte Eduard eine sehr kompetente pakistanische Sekretärin, die alle Routinearbeiten selbstständig erledigte. Ich bekam den obligatorischen grünen Tee und er sah seine Post durch. Nach einer halben Stunde war auch das erledigt und wir konnten uns von Joseph durch die Stadt kutschieren lassen. In mehreren Straßen gab es lange Menschenschlangen vor den Häusern. Ich dachte an Suppenküchen, wie ich sie in den USA gesehen hatte, aber das war nicht so, es waren Einzahlungsstellen, an denen die Einheimischen ihre Stromrechnung bezahlten. Joseph erzählte, dass die Weltbank ein neues Kraftwerk für Karatschi finanzieren wollte, es sollte nur nachgewiesen werden, dass der Strom dann auch bezahlt wird. Die Bevölkerung bezahlte auch den Strom, wie man sehen konnte, bloß auf dem langen Weg durch die Verwaltung blieb davon für das Kraftwerk nichts übrig. Suppenküchen, wie ich vermutet hatte, gab es hier nicht, auch wenn ganze Familien sich von einer Handvoll Reis am Tag ernähren mussten und kleine Kinder sich auf offener Straße um Abfälle balgten. Dieses Bild habe ich heute noch vor Augen, wenn bei uns über Armut geklagt wird.

Weiter ging die Fahrt an den Stadtrand, hier hatte die Stadt in einem großen Halbkreis etwa zweihundert Wohnungen für ihre Angestellten in zweigeschossigen Häusern gebaut. Nur waren diese nicht an das Abwassersystem angeschlossen. Es wurde stattdessen eine etwa hundert Meter breite offene Grube angelegt, in die alle Abwässer flossen. Auf dieser Kloake hatten sich Menschen Flöße gebaut, auf denen sie wohnten. Auch im Sommer bei vierzig Grad Hitze. Da in Deutschland zu der Zeit große Umweltdebatten geführt wurden, zeigte mir Eduard noch, wie es damit in Pakistan stand. In der Nähe des Hafens gab es einen etwa zwei Fußballfelder großen Parkplatz für Lastwagen und Tankwagen, alles siebeneinhalb Tonner. Hier wurden auch die Fahrzeuge repariert, ganze Achsen, Getriebe oder Motoren getauscht und Ölwechsel durchgeführt. Das Altöl ließ man einfach auf die Erde laufen, sodass das ganze Areal ein einziger ölgetränkter Matschhaufen war. In diesem Dreck schliefen die Fahrer unter ihren Wagen, um sich vor der Sonne zu schützen.

Aber genug von dem für uns unfassbaren Elend. Unsere Damen hatten sich schön gemacht und Joseph fuhr uns zum Britischen Club zum Dinner. Der Empfangschef und alle Kellner waren schlanke, große Kerle mit dichtem, schwarzen Haar und braunen Augen, in einer den Gurkhas nachempfundenen roten Uniform, sogar mit einem (echten?) Dolch in der Schärpe. Die Räume waren offen, mit exotischen Pflanzen und Blumen dekoriert, die Fußböden aus Marmor, die Wände mit rotem Samt bespannt. Für jeden Tisch war ein Kellner zuständig, mit höflicher aber unbeweglicher Miene nahm er jede Bestellung entgegen, verharrte immer am Tisch, schenkte Getränke nach und legte die Speisen vor. Dann gab es noch einen Raucherraum im Club, aber zu Petras Bedauern hatten selbst europäische Damen hier keinen Zutritt.

An einem anderen Tag wollte mir Eduard einen ganz besonderen Teppich zeigen. Es ging in den Basar in die Straße der Teppichhändler. Überall auf der Straße lagen große, fünf mal vier Meter große Teppiche, über die Tausende von Menschen gingen, barfuß, mit Gummilatschen oder Stiefeln. Es waren echte handgeknüpfte Teppiche, bei denen auf diese Art die Knoten verfestigt wurden, erklärte man mir. In dem schmalen Laden war Eduard wohl bestens bekannt, wir wurden sehr ehrerbietig begrüßt und durch mehrere Räume in ein Hinterzimmer geführt. Hier saß ein beeindruckender älterer Herr mit langem, weißen Bart in einem Seidenkaftan auf niedrigen Polstern in einer Flut bunter Kissen. Zu meiner Überraschung sprach er sogar etwas Deutsch. Es gab natürlich Tee. Dann fragte er ob wir etwas rauchen wollten oder lieber Whisky hätten, was wir aber dankend ablehnten. So ungefähr eine Stunde wurde über die Familien gesprochen, ich wurde vorgestellt und auch über meinen Besuch befragt. Dann rief er einen seiner Verkäufer, der mir den bewussten Teppich zeigen sollte. Es war ein schneeweißer Wandteppich, etwa drei mal zwei Meter groß, mit einem sitzenden Adler, der ein Drittel des Teppichs bedeckte, aus dem Hintergrund hervorgehoben, mit dem Kopf zum Betrachter gerichtet. Von wo aus man den Adler auch betrachtete, man hatte immer den Eindruck, dass er einen ansah. Es war wohl eines der schönsten Dinge, die ich in meinem Leben gesehen habe. Leider fing der Kaufpreis bei zehntausend Dollar an und selbst Joseph konnte keinen für mich erschwinglichen Preis aushandeln.

An einem Nachmittag kam Eduard schon recht zeitig nach Hause und verkündete, dass Mister XY sich mit seiner Tochter für den Abend zu Besuch angemeldet hätte. Fee schimpfte, zum Glück auf Italienisch, aber es nützte nichts. Mister XY war einer der reichsten Männer von Karatschi und ein guter Kunde von Eduard. Der Koch musste noch Snacks zubereiten und dann wurde das ganze Personal nach Hause geschickt. Der Herr kam offiziell etwa alle vier Wochen zum Schachspielen, aber das Problem war seine etwa dreißigjährige Tochter, die an solchen Abenden allein eine Flasche Whisky austrank, was die Hausangestellten natürlich nicht mitbekommen sollten. Es war nicht nur der Preis von 120 Dollar, den Eduard für einen einfachen Jim Beam bezahlen musste und der auch noch sehr schwer zu beschaffen war. Es war das Gestammel, das die Frauen sich den ganzen Abend bei ihr sitzend anhören mussten, denn sie sprach auch noch sehr wenig englisch, was Fee so erregte. Wir Männer saßen in der anderen Ecke des Wohnzimmers, spielten Schach und tranken sogenanntes Bier. Es war ein aus England stammendes Pulver, das mit Selterswasser angerührt wurde und nur eiskalt zu genießen war.

In der letzten Woche unseres Aufenthalts machten wir noch eine Reise nach Sukkur, etwa tausend Kilometer nördlich von Karatschi, aber das ist eine andere Geschichte.

Lesen Sie wie es begann: Segeln in Karatschi1984 kam es zu einer Einladung zu einer Segelregatta nach Karatschi.