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Auf den Spuren der Urgroßeltern

Kapitel 1: Rio und Iguazu

Meine Frau Petra und ich hatten 1989 Silberne Hochzeit, die wir mit vielen Gästen in der Heimbuche, an der Langenhorner Chaussee in Hamburg bei gutem Essen und Trinken in einer langen Nacht mit Tanz und Gesang, feierten. Leider gibt es dieses schöne Reetdachhaus heute nicht mehr. In diesem Jahr war ich auch bei der Deutschen Lufthansa fünfundzwanzig Jahre beschäftigt. (Hochzeit am 2. Oktober, erster Arbeitstag bei der Lufthansa am 4. Oktober 1964). Zur fünfundzwanzigjährigen Firmenzugehörigkeit gab es einen Freiflug, zu einem Ziel eigener Wahl, weltweit. Da Petras Mutter in Argentinien geboren ist, entschlossen wir uns zu einem Urlaub in Südamerika. Silvester 1989 auf 1990 wollten wir in Rio de Janeiro verbringen. Dann weiter zu den Wasserfällen von Iguazu zwischen Brasilien und Argentinien. Zurück nach Rio, da es von Iguazu keine Flugverbindung nach Argentinien gab. Von Rio nach Buenos Aires mit dem Flugzeug und dann mit der Eisenbahn nach Azul, dem Geburtsort meiner Schwiegermutter.  

Ein allgemeines Internet hatte ich zu der Zeit noch nicht. Auch kein Reisebüro konnte uns bei der detaillierten Planung helfen. Wir mussten uns also vor Ort nach den jeweiligen Gegebenheiten erkundigen und hoffen, dass außer ihrer Landessprache Portugiesisch in Brasilien und Spanisch in Argentinien auch einige Leute uns in Englisch verstehen würden, was zu der Zeit dort noch nicht sehr verbreitet war. Darum sprachen wir auch meistens sehr junge Leute an, die wahrscheinlich schon in der Schule Englisch lernten und uns immer mit großem Eifer weiterhalfen. Am 28. Dezember war es dann so weit. In einer nur zur Hälfte besetzten Kabine der Boeing 747 machten wir es uns in der Business Class bequem und ließen uns mit feinem Essen und Getränken verwöhnen. Wir hatten uns in Rio de Janeiro für vier Wochen eine Zweizimmerwohnung gemietet, zwei Blocks hinter dem, der an der Copacabana liegt. Die Adressen wurden innerhalb der Lufthansa von den Kollegen weitergegeben und man konnte sicher sein, dass die Unterkünfte preiswert und gut waren. Die Eigentümer der Wohnung, ein Ehepaar in unserem Alter, erwarteten uns am Flughafen. Aus Erfahrung hatten sie eine große Flasche Wasser dabei, denn wir waren ja bei zehn Grad minus in Deutschland abgereist und hier herrschten fast dreißig Grad plus, sodass uns das Wasser aus allen Poren lief. Mir fiel auf, dass sie mit der Wasserflasche sehr vorsichtig umgingen. Ihr Verhalten erklärten sie uns dann in der gemütlichen Wohnung. Man konnte nämlich nur neue Getränke wie Cola oder Mineralwasser kaufen, wenn man eine entsprechende Flasche mitbrachte. Er legte uns besonders den pfleglichen Umgang mit den vier vorhandenen Flaschen ans Herz.

Auch einige andere Tipps gaben sie uns noch. Zum Beispiel: Nicht zu Fuß durch die Tunnel in die Innenstadt zu gehen. Nach Einbruch der Dunkelheit nur auf großen belebten Straßen zu gehen. Keinen auffälligen Schmuck zu tragen. Im Restaurant nicht in der ersten Reihe zur Straße zu sitzen. Wenn man in ein Taxi einstieg, vorher einen Passanten bitten, sich die Wagennummer — sichtbar — aufzuschreiben, denn es kam durchaus vor, dass der Taxifahrer einen in die Favelas fuhr und man dort ausgeraubt wurde. Immer etwas Kleingeld in der Hosentasche zu haben, als Lösegeld. Das alles war nicht übertrieben, wir sollten es erleben.

Am nächsten Morgen ging es natürlich erst einmal zum Strand, an die Copacabana. Ein wunderschöner, breiter, feinkörniger, sauberer Sandstrand. In der großen Bucht kann man rechts die alles überragende Christusfigur auf dem Corcovado sehen und zur linken Seite den Zuckerhut. Der Himmel war an diesem Morgen bedeckt, eine angenehme Brise wehte von See her und die Brandung spielte die Musik. Wir machten es auf unserer mitgebrachten Decke gemütlich, obwohl ein Sonnenschirmverleiher uns gestenreich zu erklären versuchte, dass es besser ist, wenn wir auf seine Liegestühle kommen. Außerdem zeigte er immer auf meine neue Kamera. Aber ich wollte erst einmal ins Wasser. Was dann auch gleich schiefging. Der Sand war so feinkörnig, dass er mir mit jeder ablaufenden Welle die Beine wegzog, sodass ich erstmal einige Purzelbäume machte, bis ich durch die Brandung war. Aber das war nicht alles, hätte ich mal auf Jo, den Sonnenschirmverleiher gehört, denn trotz der geschlossenen Wolkendecke hatte ich am Abend auf den Armen und den Schienbeinen große Brandblasen, dazu leichtes Fieber, also einen richtig heftigen Sonnenbrand. So etwas wurde hier von den Apotheken behandelt. Die deutschsprachige Apothekerin empfahl mir dann, doch einmal Jo‘s Dienste anzunehmen. Der uns dann auch bei jedem Strandbesuch auf das Beste umsorgte. Er kam uns auch schon immer entgegengelaufen und verwahrte meine neue Kamera, sodass wir ganz unbeschwert das Strandleben an dem nur mäßig besetzten Strand mit dem herrlichen Panorama und seinen wirklich schönen, sportlichen Menschen betrachten konnten.

Am 31.12. strömten schon am Nachmittag die Einheimischen in festlicher Kleidung Richtung Strand. Wir gingen erst noch zum Essen, natürlich die butterzarten, riesigen Steaks in einem der zahlreichen Boulevard-Restaurants. Nun erlebten wir, wie Recht unser Vermieter mit seinen Warnungen hatte. Vor einem Ehepaar, das in der ersten Reihe zur Straße saß, tauchte plötzlich ein etwa zwölfjähriger Junge auf, griff sich mit einer Hand deren Essen und stopfte es in sein schmutziges, durchlöchertes Unterhemd und war verschwunden. Das alles hatte nur Sekunden gedauert. Das Ehepaar bekam ein neues Essen und keiner regte sich auf, bloß dem Ehepaar war der Appetit vergangen.

Auf dem Weg zum Strand kamen wir an einem großen Pappkarton vorbei, in dem eine alte Frau und fünf kleine Kinder hockten. Ich griff in meine Hosentasche und steckte der Frau einige Münzen in die ausgestreckte Hand, daraufhin fing eines der Kinder an, etwas laut zu rufen. Ehe ich mich versah, war ich von vier Jugendlichen, etwa sechzehn bis achtzehn Jahre alt umzingelt. Sie schoben meine Frau beiseite, drückten mich auf die Motorhaube eines parkenden Autos und holten aus meiner Hosentasche die restlichen Geldstücke. Damit rannten sie über die vierspurige, stark befahrene Straße. Das ich Geldscheine in der Gesäßtasche hatte, haben sie zum Glück nicht mitbekommen. Neben uns hielt einen Augenblick später die Touristen-Polizei mit einem VW-Bus, lud uns ins Auto und fuhr ein paar Mal die Straße mit uns auf und ab. Das diente aber mehr zu unserer Beruhigung als zum sowieso sinnlosen Suchen nach den Jugendlichen. Als ehemaliger Seemann, der die Länder nicht nur mit den Augen eines Touristen gesehen hat (siehe Die Mädels von VitoriaSiehe Seefahrtszeiten Kapitel 10, Die Mädels von Vitoria), habe ich nach dem momentanen Schreck sogar Verständnis für diese Menschen. Für sie, die wirklich tagtäglich um eine Mahlzeit kämpfen, müssen europäische Touristen ungeheuer reich sein.

Am Strand bot sich heute, am Altjahrsabend ein ganz anderes Bild. Die ganze Bucht von Copacabana bis Ipanema war mit zehntausenden Menschen bevölkert. Überall brannten kleine Feuer, an denen gegrillt wurde, oder Decken waren ausgebreitet, auf denen Familien ihre Speisen auspackten und kleine Altäre mit Gaben für ihre Ahnen aufstellten. Um Mitternacht begann ein grandioses Feuerwerk. Von allen großen zwanziggeschossigen Hotels entlang der Bucht fielen glühende Wasserfälle, vom Zuckerhut und von der Christusstatue wurden pausenlos vielfarbige Raketen abgeschossen und die ankernden Kreuzfahrtschiffe gaben von der anderen Seite auch reichlich Feuer. Nur am Strand wurde nicht geknallt und kein Feuerwerk abgeschossen, hier setzten die Familien kleine Papierschiffchen mit einer Kerze darin in das in dieser Nacht erstaunlich ruhige Wasser.

Am ersten Januar besuchten wir eine Sambaschule. Von der schmissigen Musik, dem Tanz und den unglaublich vielfältigen Kostümen waren wir total begeistert. In den nächsten Tagen fuhren wir dann noch mit der Zahnradbahn auf den Corcovado, den mit siebenhundert Metern höchsten Berg von Rio, zur Christusfigur, deren gewaltige Ausmaße einem erst zum Bewusstsein kommen, wenn man darunter steht. Auch auf den Zuckerhut fuhren wir mit der Seilbahn. Die Fahrt geht in zwei Etappen, die erste Seilbahn geht auf einen vorgelagerten Berg. Dort ist ein sehr schöner Park angelegt, mit allen Arten subtropischer Pflanzen und einem Lokal, von dem man die wunderbare Aussicht über die ganze Bucht genießen kann. Hier muss man umsteigen, um mit der nächsten, sehr steilen Seilbahn auf den Zuckerhut in dreihundertsechzig Meter Höhe zu kommen. Die Bahn fährt so dicht an den Felsen, dass man das Gefühl hat, jetzt knallt die Kabine dagegen.

Nun sollte es drei Tage lang zu den Wasserfällen nach Iguazu gehen. Im Reisebüro der Lufthansa wurden wir dann sehr gut für die Reise zu den Wasserfällen beraten. Die Kollegin buchte auch gleich den Flug zu dem kleinen Flughafen Foz do Iguazu für uns, sowie ein Zimmer im Hotel Belmonde des Cataratas mit Blick direkt auf die Wasserfälle. Der Flug mit einer kleinen Propellermaschine ging über endlose Urwälder, wobei mir unwillkürlich der Gedanke kam, dass, wenn wir hier abstürzen und überleben sollten, kein Suchtrupp uns jemals finden würde. Vom Flughafen fuhren wir dann noch fünfzig Kilometer mit einem Mercedes-Kleinbus durch die tropische Landschaft zum Hotel. Das Hotel war in einen wunderschönen Park eingebettet. Das Haus, im Stil eines spanischen Herrschaftssitzes gebaut, passte perfekt in die Landschaft. In den Park war ein Schwimmbad integriert, um den herum Flamingos, Papageien und etliche andere Tiere stolzierten. Über allem hörte man das Rauschen des Wasserfalls. Am Abend gab es in dem Park ein wohl zehn Meter langes Buffet mit allen Speisen, die man sich nur vorstellen konnte. Meine Frau zählte allein dreizehn verschiedene Fleischgerichte. Fackeln beleuchteten das Szenario und überall gab es noch kleine Tische mit Getränken. Am nächsten Tag schlossen wir uns einer Reisegruppe an. Über einen Trampelfahrt durch den Urwald ging es zum Fluss runter, wo an einem kleinen Anleger zwei Speedboote auf uns warteten. Mit Schwimmwesten ausgestattet rasten die Boote mit uns in den Teufelsschlund, eine hundertfünfzig Meter breite und siebenhundert Meter lange u-förmige Bucht, in die das Wasser aus achtzig Metern Höhe fällt. Zum Angsthaben blieb gar keine Zeit, so beschäftigt waren wir mit dem Festklammern am Boot in den tosenden Wellen und den Eindrücken dieser Naturgewalten. Genau so beeindruckend war es abends auf der Aussichtsplattform des Hotels, wenn die Sonne im Urwald hinter den Wasserfällen glutrot unterging. Dann herrschte vollkommene Stille, bis mit einem ohrenbetäubendem Lärm das Konzert der wohl Millionen Vögel einsetzte, bis der allabendliche kurze aber heftige Regen vom Himmel rauschte.

Die Zeit in Rio neigte sich dem Ende zu. Die Vermieter unserer Ferienwohnung holten uns noch einmal zum Kaffee in ihr Haus am Hang oberhalb des Yachtklubs ab. Der Deutsche Schäferhund begrüßte uns mit lautem Gebell, die Katze lugte vorsichtig um die Ecke und der Papagei gab seinen Kommentar dazu. Wir betraten einen Garten Eden. Überall Stauden mit mannshohen Blumenrabatten von Papageienschnabel, Ochsenherz, Goldtrompete und vielen anderen, deren Namen ich nicht kenne. Dazu Orangen-, Zitronen- und Kiwi Bäume. Dazwischen überall Bananenstauden, die hier wie Unkraut wachsen, wie man uns erklärte. Sie empfahlen uns auch einen ehemalig österreichischen Juwelier, bei dem wir Edelsteine zu einem angemessenen Preis erwerben konnten. Der schon etwas ältere Herr bat mich dann auch gleich in sein Büro, ließ Kaffee servieren, zeigte meiner Frau ein Nebenzimmer mit Schubladen voller Edelsteine und ermunterte sie, hier mal kräftig zu wühlen. Mit mir begann er ein ausgiebiges Gespräch über Gott und die Welt. Wobei das Gespräch auch wieder auf die mir schon öfter begegnete Unsinnigkeit der deutschen Entwicklungshilfe kam. Hier war es eine hochwertige Straßenbaumaschine, die schon wenige Wochen nachdem die deutschen Monteure abgereist waren defekt herumstand. Wir waren uns einig, dass eine Spende von zehntausend Schaufeln und Schubkarren sinnvoller gewesen wäre, womit die Einheimischen ihre Straße hätten selber bauen können. Bei dem Preis der Maschine wäre sicherlich auch noch die Bezahlung der Arbeiter möglich gewesen. Nun hieß es aber Koffer packen, denn unser eigentliches Anliegen, der Besuch des Geburtsorts meiner Schwiegermutter in Argentinien stand ja noch aus. Gerne wären wir noch wochenlang in diesem schönen, gastfreundlichen Land geblieben.