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Unvergessen    1941; 1938

Ich glaube, er kam gerade von der Arbeit, als er mir auffiel und ich ihn beschimpft habe. So einer wie er, gekennzeichnet durch den gelben Stern an seinem Mantel, der gehört doch zum Abschaum, habe ich gedacht. Ich hatte das öfter gelesen und im Radio gehört, und die Leute sagten das auch. Außerdem versuchte er seinen Judenstern mit der Aktentasche abzudecken – und das war verboten!

Wir schrieben das Jahr 1941, und ich bin noch Kind gewesen, unschuldig, sozusagen. Aber so habe ich nun mal nicht gehandelt! Lass es gut sein!, mag mancher heute denken. Über diese Geschichte ist doch längst Gras gewachsen - das ist weit über sechzig Jahre her! Stimmt. Aber mich hat sie mein Lebtag nicht losgelassen. Nur: zugeben, wie schäbig ich mich benommen habe, das fällt mir auch heute noch schwer. Das Schlimmste ist: Tief in meinem Herzen habe ich damals schon gewusst, wie infam es war, was ich gerufen habe. Aber die Propaganda, die hatte ihr Teufelswerk getan.

Dass ich zu der Zeit erst zehn Jahre alt gewesen bin, lasse ich für mich als Ausrede nicht gelten.
Andererseits bin ich mit der Vorgabe aufgewachsen, die großen Leute als Respektspersonen anzusehen - als kleiner Junge musste ich einen "Diener" machen, mich verbeugen beim Gutentagsagen! Kann mir mal irgendeiner sagen, wer mir das eingeimpft hat, einen von den Großen aus unserer Nachbarschaftzu beschimpfen? Meine Eltern bestimmt nicht. Der Mann hatte mir doch nichts getan, und ich habe ihn kaum gekannt…

Dass er Alfred Schloß hieß, habe ich erst 50 Jahre danach ausfindig gemacht, ebenso die Namen seiner Familie. Gleich um die Ecke hat er gewohnt, in dem kleinen Häuschen Karlstrasse 1 (heute Kroosweg), mitsamt seiner Frau und den beiden großen Kindern. Merkwürdig; die meiste Zeit haben sie auffallend zurückgezogen gelebt. Warum? Das wusste ich nicht. Ich weiß nur, als ich noch kleiner gewesen bin (ich ging noch nicht zur Schule), da wollten die anderen Kinder mir mal weismachen, dass diese Leute Christenkinder fangen, schlachten, braten und essen. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! So etwas gibt es nur im Märchen von Hänsel und Gretel!, habe ich geantwortet und sie ausgelacht. Wenn es aber doch stimmt? Etwas ängstlich bin ich schon gewesen.

Dann kam die Nacht im November 1938, als die Nazis die Synagoge in unserer Straße zerstört  haben. Von da an hatte die Familie Schloß kein Gotteshaus mehr, genau wie ihre Glaubensbrüder und –schwestern. Da haben sie sich noch mehr verkrochen  und sich rar gemacht, Alfred Schloß und seine Leute, und ein Jahr später, im Krieg, haben sie nicht mal mehr ihre Rollos hochgezogen; das kleine Haus sah ganz düster aus. Ich meine, abends und nachts war das ja auch in Ordnung, Verdunkelung war Pflicht für uns alle, damit die feindlichen Flieger uns keine Bomben aufs Dach warfen, aber tagsüber, zumal wenn die Sonne schien, hätten die Flieger unsere Häuser doch sowieso leicht sehen können! Ich konnte es nicht begreifen, mir kam das jüdische Haus etwas unheimlich vor, beinahe wie ein Fremdkörper in unserer Straße.

Hinzu kam, dass sich dort in der Dämmerstunde oft ein Mann reingeschlichen hat, der von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet war und einen eigenartigen Hut auf hatte. Das ist der Rabbiner gewesen, ihr Pastor, hat mein Vater mir erklärt. Aber warum musste der sich so anschleichen? Mein Gefühl hat mir signalisiert, dass die Leute Angst hatten, alle zusammen, aber mein Verstand hat mir etwas anderes eingegeben. Die Juden sind unser Unglück!

Und dann kam der Tag, den ich am liebsten aus meinem Gedächtnis gestrichen hätte. Ich habe gespielt, an der Ecke von der Eißendorfer Straße  und der Karlstraße. Ganz allein. Mit einem Mal sah ich den Mann, er ging auf der anderen Seite. Seinen Namen wusste ich nicht, aber von Ansehen habe ich ihn gekannt. Ein paar Meter noch, dann war er zuhause. Den gelben Stern mit dem Aufdruck Jude, der in Brusthöhe auf seinem Mantel aufgenäht war, versuchte er hinter der Aktentasche zu verstecken. Gegen die Vorschrift! Was soll das? Warum ist der Kerl so ein Angsthase? Er gehört doch zu den großen Leuten! Aber nein – der hier ist für mich keine Respektsperson, der doch nicht!

Ich kannte einen Spottvers. Mein Herz raste wie toll, ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und rief ihm zu, so laut ich konnte; Itzig, Itzig, Judenschwein…!  In diesem Augenblick griff mir von hinten einer in den Nacken - den Griff fühle ich noch heute. Das war Edgar, der Sohn unseres Hauswirts, ungefähr vier Jahre älter als ich. Er schüttelte mich, als wäre ich ein Hund, der etwas ausgefressen hatte, und mit Worten wie Hämmer beschimpfte er mich: Das musst du nicht machen! Das sind doch auch Menschen!

Ich dachte, der Himmel stürzt jetzt ein. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, ich bekam Gänsehaut, mein Gesicht brannte wie Feuer und mein Hals war wie zugeschnürt. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich mich an einem von den Großen abreagiert, und doch war das so verquer, so schäbig, wie das nur sein kann. Fast eine Todsünde.

Ein paar Tage später, an einem Vormittag, am 8. November 1941, die bleiche Herbstsonne flimmerte, da haben mit einem Mal die Fenster und Türen des kleinen Häuschens aufgestanden, sperrangelweit, die Rollos waren hochgezogen und die Gardinen abgenommen. Maler hatten angefangen, die Wände zu weißen und die Rahmen zu streichen, schön weiß und gelb abgesetzt…

Aber Alfred Schloß und seine Frau Feodore, beide 51, waren nicht mehr da, auch nicht ihr Sohn Werner, 20, und ihre Tochter, 16 Jahre jung. Die waren verschwunden, alle zusammen, die ganze Familie, abgeholt tief in der Nacht, vertrieben auf Nimmerwiedersehen. Keiner in der Straße hat etwas gemerkt. Und niemand sprach darüber, auch später nicht.

In das renovierte kleine Haus zogen ausgebombte Nazis ein, hundertfünfzigprozentige, wie gemunkelt wurde. Da habe ich mir zurechtgelegt: Wenn das bei der Familie Schloß vorher auch so schön hell gewesen wäre wie jetzt, dann hätten sie sicher hier bleiben können und wären nicht umgesiedelt worden, wie das damals genannt wurde.

So habe ich mein Gewissen als Junge beruhigt. Aber meine Erinnerung lässt mich nicht los.

Frau Schloß, das hat eine Nachbarin nach dem Krieg protokollieren lassen, ist am Tage vor der Abholung noch zu ihrer Friseuse gegangen und hat sich die Haare machen lassen, aber sie hat dabei bitterlich geweint.

"Das sind doch auch Menschen!

Sie haben sie umgebracht in Minsk. Alle miteinander. Landsleute von mir.