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Kindheit und Jugend in Weimarer Republik und NS-Diktatur

Kapitel 3 — Menschen im Hinterhaus

Ich berichte nicht über die Menschen, die in der Hamburger Steinstraße wohnten. Dort wohnten einige Vorfahren von uns, ein Elendsviertel. Ich berichte auch nicht von denen, die im Gängeviertel wohnten, das Adolf Hitler 1934 aufgeräumt, zerstört hatte. Dort wohnten die Kommunisten, und die Polizei wagte sich nur mit Schlitzern hinein. Schlitzer waren die offenen Polizeiwagen, mit Scheinwerfern nach rechts und links. Aber: Kommunisten haben sie dort nie gefangen. — Von diesen Hinterhäusern will ich nicht berichten, sondern von meinem Hinterhaus. Mein Hinterhaus wurde durch die Operation GomorrhaOperation Gomorrha war der militärische Codename für eine Serie von Luftangriffen, die von der britischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg beginnend Ende Juli 1943 auf Hamburg ausgeführt wurden. (siehe hist. Hintergründe (Klick) 1943 zerstört. Es lag in der Mittelalleesiehe Kapitel 2: Die Mittelallee« in Hamburg-Hamm und hatte die Anschrift: Hinter den Höfen 34, Haus 3. Wir wohnten in der ersten Etage.

1917 zog meine Familie von Wolfshagen 10, der vornehmen Gegend, in die Mittelallee rüber, weil der Wehrsold des Vaters, der im Krieg war, für die fünfköpfige Familie nicht ausreichte. Das waren enge Verhältnisse, zwei Zimmer, und feucht. Das war nun mal so.
Sechs Häuser gehörten zu dieser ‚Allee‘, die nach typischer Hamburger Art angelegt war und die die Mittelstraße mit Hinter den Höfen verband. Arbeiter, kleine Angestellte, Rentner, 60 bis 80 Kinder.

Mein Vater kam 1918 aus dem Krieg nicht zurück. Nicht etwa, weil er gefallen war, sondern er war in Berlin hängen geblieben. Also fuhr meine Mutter eines Tages mit mir, dem etwa dreijährigen, und meinem achtjährigen Bruder Heinrich im Bummelzug nach Berlin. Eine Nacht hindurch. Dort sammelte sie ihren Ehemann wieder auf. Der liebe Gott weiß, was dieser Ehemann dort die ganze Zeit getrieben hat. Jedenfalls hatte er sicherlich keine besonderen Lüste, mit vier Kindern zusammen in der Enge unserer Wohnung zu hausen und den ganzen Verein dann auch noch zu erziehen. Also, er kam 1920 nach Hamburg, ob er wollte, oder nicht. Und er fand eine Anstellung bei WarburgDie Familie Warburg ist eine deutsch-jüdische Bankiers-Familie. Die Warburgs zogen im 16. Jh. noch unter dem Familiennamen del Banco von Bologna zunächst nach Warburg und im 17. Jh. dann nach Altona a. d. Elbe.Quelle: Wikipedia.de. Dort blieb er 25 Jahre. Er war Buchhalter von Beruf, hatte bei Dahrendorf im Kattrepel gelernt, eine Straße in der Nähe des Hafens. Dort hatte er Slipse zu sortieren. Was das ist, weiß ich nicht. Ich hab’s auch nie herausbekommen, und keiner wusste, was SlipseEin Slip ist ein Abrechnungsbeleg eines Bank- und Börsengeschäfts sind.

Mein Bruder Hans war inzwischen alt genug, um eine Lehre in der Bank anzufangen. Grete, Heinrich und ich gingen zur Schule. Eines Tages ging es um die Berufsfindung für Hans. Bleibt er jetzt bei der Bank? Das ist doch eine gute Stellung!. Kluge Nachbarn hatten uns vorgeredet, er solle lieber zur Bahn gehen. Da wird er doch Beamter!. So ging er zur Bahn. Das erste was passierte: Er wurde als Arbeiter von Hamburg nach Cuxhaven versetzt. Das war ein Mietausfall für Vater. Hans heiratete dann in Cuxhaven, und wir, der Rest, wohnten weiter in der Mittelallee, bis 1927. Wir hatten eigentlich eine ganz gute Zeit. Die Ansprüche waren nicht besonders groß, und wir haben uns bis 1936, als ich Abitur machte, so verhalten wie viele andere auch.

Das Hinterhaus war immer lebendig. Aus der Küche schauten wir in einen 10x10 m großen Hinterhof, der von vier Seiten eingefasst war. Die Nachbarn schauten sich in die Fenster. Man wusste übereinander Bescheid. Und man nahm Anteil aneinander.
Unter uns wohnte Frau Thomak, eine Hexe ihrem Aussehen nach, und ein Engel ihrem Gemüt nach. Sie war eine alte Frau. Wir kauften für sie ein und sie gab uns immer einen Pfennig dafür. Aber sie war uns unheimlich. Warum eigentlich? Vielleicht war sie ein rechtes Abbild von der dunklen Seite des Lebens.
Über uns wohnte Frau Weiß, eine alte Frau, mit ihrem Enkel Theo Sommer, meinem Spielgefährten. Theo und mich verband miteinander, dass wir in der Ballje zusammen unser Bad nehmen durften. Großmutter Weiß ‚hatte nichts dabei‘ — und im heißen Zuber waren wir am friedlichsten. Für uns war es ein reiner Genuss.

Uns gegenüber wohnte Sengelmann. Sengelmann hatte eine keifende Frau und einen armseligen Schwiegervater, Herrn Bornhold, einen schlecht sehenden Optiker, den wir immer beobachteten, wenn er nach dem Essen den Teller ableckte. Es hieß, dass seine Tochter ihn hungern ließ und viel zu viel Miete nahm. Sie besaßen einen Hund, der künstlich durch Alkohol klein gehalten war und den schönen Namen Minke hatte.

Sengelmann nahm mich einmal mit in seinen Schrebergarten, ein Kleingarten in Richtung Horn. Ich war entzückt. Ein kleiner Froschteich von 50 cm Durchmesser, ein Frosch, ein Gartenzwerg natürlich, wunderschöne Blumen, und ich stand da — ich weiß es wie heute — mit den Händen auf dem Rücken! Dass du mir ja nichts anfasst! Nee, natürlich nicht! Natürlich durfte ich den Goldfisch nicht fangen, obgleich ich es gern getan hätte. Er nahm mich nachher wieder mit nach Hause. Und ich hatte ein schönes Erlebnis.

Unter Sengelmanns wohnte Burmeister-Unten. Burmeister-Unten war mein Freund. Er war Arbeiter bei Blohm und Voß. Zusammen mit seinem Wolfshund Senta, der angeblich genauso alt war wie ich, hatte ich zwei Beschützer, auf die ich mich verlassen konnte. Eines Tages spielten Hans und Heinrich auf dem Vorderbalkon Schach, ich schaute zu. Es klingelte und Hans ging zur Tür. Ein Bettler. Wie üblich machte Hans ein Butterbrot und wollte es dem Bettler durch die Tür reichen. Der versuchte aber einzudringen. Es entstand eine Situation wie bei dem Wolf und den sieben Geißlein. Heinrich war bereits vor Angst auf der Fensterbank und brüllte laut. Ich weiß nicht mehr, wo ich mich zu verstecken versuchte. Hans versuchte, die Tür zuzuhalten. Da brüllte Burmeister herauf: Hans, wat is denn los?. Ja, hier wird eingebrochen! Der Eindringling, von der Panik und dem handfesten Burmeister beeindruckt, ließ von seinem Vorhaben ab und gab sich als Stiefbruder meines Vaters zu erkennen, den wir nicht kannten. Er wollte uns nur aus Spaß erschrecken.

Burmeister-Unten war Kommunist. Eines Tages schickte er mich mit einem Zettel zu meinem Vater. Darauf stand die Frage Was ist Gott? Mein Vater schickte mich zurück. Auf die Rückseite hatte er geschrieben Was ist Elektrizität? Damit endete die Diskussion. Es war nicht die Ebene der Deutung, die die beiden Männer beherrschten. Dann schon eher die der Selbstverteidigung.

Frau Burmeister-Unten pflegte den Garten im Hof und hielt dort Hühner. Vom Treppenhaus aus begutachteten wir regelmäßig den Hahn und die Hühner und nahmen sehr Anteil an deren Schicksal. Wenn Herr Sengelmann gelegentlich den Vorgarten umgrub, sammelten wir die Regenwürmer ein. Durch die Treppenhausfenster warfen wir dann die Regenwürmer und Steine in den Hof. Die Regenwürmer, um die armen Hühner zu füttern, und Steine, um den Hahn zu verjagen, der immer so rauflustig war. Wir armen Stadtkinder. Und manchmal baute Herr Burmeister-Unten einen kleinen Extrastall, ein Auslauf für die Küken. Das war wunderbar. Neben dem großen Hühnerhaus, das er gebaut hatte, und in das abends die Hühner gravitätisch hineinspazierten, war nun dieser Auslauf vorhanden. Das freute unser Herz.

Oben, über Sengelmanns, wohnte Burmeister-Oben. Burmeister-Oben war Straßenbahnfahrer. Und Sozialdemokrat. Er war ein langweiliger Typ und nicht besonders attraktiv. Wohl aber seine Tochter. Sie entzückte uns dadurch, dass sie sich am Fensterspiegel vor unseren Augen schminkte und wir immer schön zuguckten und Faxen machten. Sie schmierte ihre Farben und Cremen so dick auf, dass sie ihre schöne Haut darunter verbergen konnte.

Auf unserer Etage wohnte noch Herbert Fels, aber nicht mit einem Fenster zum Hof hin. Herbert war immer schminke-pinke-fein angezogen. Und er rauchte! Wir bewunderten ihn sehr. Aber eines Tages war er nicht mehr da. Und die Leute sagten: Er hat zu viel geraucht! Seine Lunge ist geplatzt! Der arme Kerl! Bedrohlich stand dieser Satz vor mir. Ich habe nie geraucht, wohl auch nicht wegen Herbert Fels?
Dann ist noch die Familie König zu nennen. Heinz und Rudi König, zwei Jungs, mit denen wir immer gern Fußball spielten und die das Mittelfeld beherrschten.

Einmal, ich erinnere mich daran nicht, aber mir wurde es öfters erzählt, wurde ein schöner, gelber Sandhaufen vor die Tür geschaufelt. Marga Heuss, die unten wohnte, genauso alt wie ich, spielte mit dem Sand. Ich durfte auch auf den Sandhaufen. Es war mein größtes Vergnügen, ihre blonden Locken mit Sand zu bedecken. Musst nicht, Kalli! Musst nicht, Kalli! Aber Kalli musste, ob er wollte oder nicht. Er machte immer weiter, bis die Erwachsenen eingriffen.

Eines Abends hatten wir ein schönes Konzert. Wir lagen im Bette. Auf einmal lautes, keifendes Heulen: Aiiiiii!. Der kleine Hund Minke von Frau Sengelmann quietschte laut. Und seine Herrin tröstete ihn: Ach, mein Minke-Pinke! Ach, mein Minke-Pinke!, was sie unentwegt wiederholte, da sie ihm wohl versehentlich auf die Pfote getreten hatte. Dadurch waren die beiden König-Söhne aufgewacht und schrien nun: Mutti! Mutti!. Und im Wechsel hörten wir in diesem schönen Konzert: Ach, mein Minke-Pinke! Ach, mein Mincke-Pinke!, Aiiiii, Aiiiii!, Mutti! Mutti!. Ein Stimmungsbild, das noch heute Sehnsucht nach Hinterhaus bei mir wachruft.

Hans wohnte gelegentlich bei Frau Merm, Wolfshagen 10, als Untermieter und ich besuchte ihn dort. Frau Merm war immer sehr freundlich zu mir. Eines Tages gab sie mir eine kleine Tüte mit Wurzelsamen und sagte, ich sollte sie aussähen. Ich ging in den Garten, grub gewaltig um, schüttete die Samen hinein und machte es dann wieder schön glatt zu. Eine Wurzel wurde dort nie gesehen. Ach, der arme, kleine Großstadtjunge, der keine Ahnung hat.

Aus dem Text rekonstruierte schematische Darstellung der Hinterhaus-Bewohner:

Frau Weiß, Enkel Theo Som­mer
Burmeister-Oben
Familie König mit Heinz und Rudi
Familie Malsch
Sengelmann
Herbert Fels
Frau Thomak
Burmeister-Unten
Marga Heuss