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Papst Paul VI. in Jerusalem

Zur Einführung

Vor einer Woche, am 30. November 2014, trafen sich in Istanbul Papst Franziskus, das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, und Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel, das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche. Vor einem halben Jahrhundert im Jahre 1964 gab es schon einmal eine Begegnung der beiden Oberhäupter dieser Kirchen. Damals waren dies Papst Paul VI.Papst Paul VI. * 26. September 1897 in Concesio bei Brescia; † 6. August 1978 war von 1963 bis 1978 nach kirchlicher Zählung der 262. Papst der römisch-katholischen Kirche.Quelle: Wikipedia und Patriarch AthenagorasAthinagoras, * 25. März 1886 in Tsaraplana, Epirus; † 7. Juli 1972 in Istanbul, bürgerlich Aristoklis Spyrou) war Patriarch von Konstantinopel von 1948 bis 1972.Quelle: Wikipedia, die sich im unheiligen Heiligen Land trafen. Der Autor Carl MalschCarl Paul Malsch, * 20. Mai 1916 in Hamburg; † 13. September 2001 in Hamburg) war ein evangelischer Pastor. Er war ein Mensch des Wortes und der Tat, nicht der theologischen Wissenschaft.Quelle: Wikipedia war zu dieser Zeit Propst in JerusalemDie Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache zu Jerusalem ist eine deutschsprachige Auslandsgemeinde der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), deren Gemeindebezirk sich auf Israel, das Westjordanland und Jordanien erstreckt.Quelle: Wikipedia und geistlicher Leiter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in JordanienDie Ursprünge der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL) gehen zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als deutsche und englische Missionare nach Palästina kamen.Quelle: Wikipedia, zu der die Altstadt von JerusalemDie Altstadt von Jerusalem erstreckt sich auf einer Fläche von knapp 1 km2. Sie enthält zwar einige Gebäude aus früheren Zeiten, wird aber in ihrer heutigen Lage von der Stadtmauer Süleyman des Prächtigen aus dem 16. Jahrhundert umschlossen.Quelle: Wikipedia damals gehörte. In diesem Brief berichtet er seinem Freundeskreis in Deutschland von den Ereignissen um den Besuch von Papst Paul VI. in Jerusalem.

Michael Malsch, 6. Dezember 2014

4. Januar 1964

Langsam sammeln sich vor dem Damaskustor die Vertreter der Kirchen, die Ritter vom Heiligen GrabDer Orden der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem ist eine im 19. Jahrhundert gegründete römisch-katholische Gemeinschaft, die eine Neubelebung des bereits im 11. Jahrhundert in Palästina gegründeten Ritterordens der Ritter vom Heiligen Grab darstellt.Quelle: Wikipedia und des Konsularkorps. Es ist 15 Uhr, und ein ungewöhnlich kalter Wind pfeift über den weiten Platz. Wir schauen hinunter auf die mittelalterlichen Zinnen der Stadtmauer, die von den Soldaten der jordanischen Armee und Zuschauern besetzt sind. Der Platz, von dem aus der Papst Gelegenheit haben soll, die Anwesenden zu grüßen, ist mit schönen Teppichen belegt. Die üblichen Mikrophone und Kameras sind aufgebaut, ein Lautsprecher bringt unentwegt geistliche Musik, er steht auf dem Dach der Schmidt-Schule, der alten deutschen katholischen Schule für Mädchen, die gegenüber vom Damaskustor liegt. Dreißig Meter hinter uns ist die Mauer, die Jerusalem zu einer geteilten Stadt macht. Geschäftig laufen die Vertreter von Fernsehen und Rundfunk über den abgesperrten Platz.

Wir sieben Vertreter der DenominationenEine religiöse Denomination ist eine Untergruppe innerhalb einer Religion, deren Angehörige in ihren gemeinsamen Glaubensaussagen und Praktiken geeint sind.Quelle: Wikipedia, die außer den LateinernDas Lateinische Patriarchat von Jerusalem (lateinisch Archidioecesis Hierosolymitanus Latinorum) ist eine Teilkirche der römisch-katholischen Kirche.Quelle: Wikipedia in Jerusalem vertreten sind, werden nach Rang und Namen nebeneinander aufgestellt. Die Reihe beginnt mit dem armenischen Patriarchen. Der griechische Patriarch Benedictus ist durch einen seiner Erzbischöfe vertreten, die Anglikaner, Kopten, Abessinier und Syrer stehen so eng mit mir, dem lutherischen Vertreter zusammen, als ob wir eine Einheit wären. Geduldig warten wir, und ich beneide die Orthodoxen, die in ihren weiten Gewändern keineswegs so der Kälte ausgesetzt sind, wie ich in meinem LutherrockDer Lutherrock ist eine Form des Gehrocks mit Merkmalen der Soutane. Er ist ein schwarzes, einreihig geknöpftes, fast knielanges, hochgeschlossenes Gewand mit einem kleinen Stehkragen.Quelle: Wikipedia.

Für 16 Uhr ist die Ankunft Pauls VI. angesagt. Die Erwartung steigt, als die jordanischen Soldaten auf Anweisung des Gouverneurs Daud Abu Ghazāleh, dem Schützer der Heiligen Stätten, den Platz absperren. Man hat durchaus den Eindruck, dass alles ordnungsgemäß vorbereitet ist. Aber die Geduld wird noch auf eine weitere Probe gestellt, denn die Ankunft der Wagenkolonne verzögert sich. Erst kurz nach 16.50 Uhr, unmittelbar bevor es dunkel wird, treffen die ersten Wagen ein. Ihnen entsteigen der ehrwürdige griechisch-katholische Patriarch Maximus und der maronitische Patriarch Mauschi, der vom Haupt bis zu den Füßen in Rot eingekleidet ist. Betont höflich werden die nichtkatholischen Kirchenführer begrüßt. Ihre Anwesenheit wird als ein Zeichen für den guten Willen gewertet, den die Kirchen dem päpstlichen Besuch zeigen.

Der Wagen des Papstes trifft ein. Die Soldaten der Begleitkolonne springen aus ihren Fahrzeugen. Hinter dem Wagen strömt eine ungeheure Menschenmenge auf den freien Platz. Soldaten und Journalisten führen einen verzweifelten Kampf, und wie ein wirbelnder Strom wälzt sich alles auf uns zu. Im Augenblick sind wir von diesem Strom eingesogen. Ich stemme mich mit aller Macht gegen zwei Soldaten, die einen schweren Kampf mit einem Journalisten führen und dabei übersehen, dass unmittelbar hinter ihnen der altehrwürdige Patriarch Maximus steht. Ich benutze dabei den Vorteil, den Saul auch hatte: eines Hauptes längerEr hatte einen Sohn namens Saul, der jung und schön war; kein anderer unter den Israeliten war so schön wie er; er überragte alle um HaupteslängeQuelle: Bibelserver.com als alles Volk, und nehme Maximus schützend in meine Arme. Er scheint wenig beeindruckt von dem Tumult und versichert immer wieder: ‏مع ليش‎ (ma’lēsch, never minddas englische never mind kommt dem am nächsten. Deutsch etwa: macht nichts, nicht so schlimm, Schwamm drüber.).

Inzwischen ist der Wagen des Heiligen Vaters nicht zum vorgesehenen Platz, sondern unmittelbar an das Damaskustor herangefahren. Von Begrüßung und Segen kann keine Rede mehr sein. Die Soldaten formieren sich aufs Neue und bilden um den Wagen einen Halbkreis, von dem aus sie sternförmig nach außen vorrücken, um mit Palmenzweigen, Stöcken und anderen greifbaren, aber ungefährlichen Waffen, die enthusiastischen Bedränger zurückzutreiben. Unschlüssig steht ein Teil der hohen Geistlichkeit auf dem weiten Platz. Kann man noch durch das Damaskustor vorrücken oder verzichtet man auf die Prozession durch die engen Straßen Jerusalems? Zwischen den Soldaten entdeckte ich keine Lücke, aber ich ermuntere doch den anglikanischen Erzbischof McInnes und den freundlichen schwedischen Konsul, mit mir zusammen einen Durchbruch zu wagen. Ich gehe auf einen prügelnden Soldaten zu. Als er mein Amtskreuz sieht, stutzt er einen Moment und schlägt dann meinen Nachbarn. Ich habe die Schlachtreihen passiert. Aber als ich mich umdrehe, warte ich vergeblich auf mein Gefolge. — Noch ist der Papst in seinem Wagen. Die Menge und vor allem die Journalisten drängen so gewaltig, dass die Soldaten die Übersicht verlieren und ihre Schlachtreihe gesprengt wird. Und nun ergießt sich durch das enge Tor und den schmalen SuqEin Suq ist ein kommerzielles Viertel in einer arabischen Stadt.Quelle: Wikipedia, der nur etwa drei Meter breit ist, im wilden Wirbel wie ein Wildbach hohe Geistlichkeit, Soldaten, niederer Klerus, Journalisten, Polizisten, Chorknaben und Zuschauer. Es ist ein Kampf aller gegen alle. Das italienische avanti! (schnell!) und das arabische إمشي (imschi! geh!) beherrschen des Feld. Jetzt kommt eine gefährliche Kurve, in der sich die Menge staut, weil die Soldaten eine leere Nebenstraße sperren, um den Strom richtig zur Grabeskirche zu leiten. Es ist die VI. Station der Via Dolorosa. Hinter uns hören wir die Menge klatschen und rufen vive il Papa!. Laute Triller von Beduininnen ertönen. Moslems stimmen in den Jubel der Stadt mit ein. Irgendwo singt ein kleiner Chor. Ich habe Mühe, mich auf den Füßen zu halten und kann auch nicht verhindern, dass ein freundlicher Kardinal neben mir aus der Kurve getragen wird. Es ist grotesk. Geschäftig versehen die Journalisten ihre Arbeit. Ich verliere die Gruppe aus den Augen, die sich um den Papst geschart hat. Unser Tempo ist wohl zu schnell geworden. Da sehe ich rechts vor mir völlig verloren einen kleinen Chorknaben in einer wunderschönen roten Robe. Er weint und wird beinahe niedergetrampelt. Gefährlich wogt die Menge hin und her. Ich tauche mit langen Armen hinunter und sammle ihn auf. Auf meinem Arm versiegen schnell seine Tränen und er beachtet seine Schramme an der Wange nicht mehr. Er fragt nur: فين الاولاد؟ (fēn aulād?, wo sind die anderen Jungs?). Ich tröste ihn: بدنا نشؤف (bidna nschūf, wir werden sehen). Aber vorläufig ist gar nichts zu sehen. Die Journalisten halten meine karitative Handlung für eine gute Programmeinlage und richten ihre Blitzlichter auf uns. Ermunternd nicken mir die katholischen Amtsbrüder zu. Endlich sind wir so weit nach vorne geschoben, dass wir aufatmen können. Ich übergebe den Jungen dienstbeflissenen Ordnern, die ihn rechtzeitig zu seinem Chor in die Grabeskirche bringen und finde als Ersatz unmittelbar hinter mir unseren arabischen Jerusalemer Pastor.

Wir sind allein. Der Papst ist wohl an einer der Stationen zum Gebet zurückgeblieben und die Prozession der katholischen Geistlichkeit ist uns weit voraus. Sie stand unter dem Schutz der KawassenKawass, auch Kawasse (Pl. Kawassen, türkisch kavas, arabisch ‏قواس‎ Kawass, DMG qawwās Bogenschütze) ist eine historische Bezeichnung für einen osmanischen Polizeidiener. Auch die Botschaftswächter der Gesandtschaften an der Hohen Pforte in Istanbul wurden als Kawassen bezeichnet.Quelle: Wikipedia, die hier in Jerusalem das Amt haben, den Geistlichen den Weg durch die Straßen frei zu machen. Genau so vereinzelt wie ich retten sich durch das Gewirr der abessinische Erzbischof und der syrische Bischof. Schnellen Schrittes gehen wir die letzten 200 Meter zum Vorhof der Grabeskirche. Wir werden von den freundlichen Franziskanern empfangen und Pater Hyazinth, der deutsche Diskret im Heiligen Lande, der zur KustodieDie Kustodie des Heiligen Landes (lateinisch Custodia Terræ Sanctæ, oft wird die italienische Form Custodia di terra santa verwendet) ist die Ordensorganisation der Franziskaner im Heiligen Land.Quelle: Wikipedia gehört, ermuntert mich, durch die Absperrung der Franziskanerbrüder bis zum Heiligen Grab durchzugehen. Dort empfängt uns der Patriarch Mauschi, und man weist uns direkt neben dem Stuhl des Papstes unsere Plätze an.

Eine Viertelstunde später trifft der Heilige Vater mit seiner Begleitung ein. Er ist, wie wir alle, zerzaust. Ein paar Asternblütenblätter fallen aus seinem Kragen, als er den Purpurmantel mit Hermelinbesatz ablegt. Mit gesammelter Haltung beginnt er die Messe.

Inzwischen haben die Journalisten die großen Gerüste über uns erklettert. Der übliche Blitzlichtwettkampf aus allen Richtungen zielt auf den kleinen Altar, der unmittelbar vor dem Heiligen Grab errichtet ist. Die Unruhe hört nicht auf, aber die konzentrierte Ruhe im Mittelpunkt des Durcheinanders wirkt sich langsam aus. Plötzlich schiebt sich ein Fotograf neben mich. Oremus sagt der Heilige Vater und leise surrt die Kamera meines Nebenmannes. Das Kyrie eleison und das Gloria in excelsis ertönen. Langsam geht die Feier ihrem Höhepunkt zu. Der Papst liest das Evangelium von der Auferstehung. Mitten in die Stille hinein tönt der Ruf: !الكهرباء (il kachraba! die Elektrik!). Wild gestikulierend schreien einige Männer und zeigen auf die elektrische Leitung im Eisengerüst, an der zwei tückische handgroße Flammen erscheinen: Feuer!Oremus, sagt der Heilige Vater und seine nächste Umgebung wendet sich wieder der Messe zu. Geschäftig ersteigt Sayid Qamar - Herr Mond - das Eisengerüst und versucht mit dem silbernen Knauf eines Kawassenstabes die kleinen Flammen totzuschlagen. Vergeblich! Stattdessen geht ein Teil der Beleuchtung aus. Im stillen Gebet verharrt der Papst. Irgendjemand ruft nach der Feuerwehr und mit gezieltem Wasserstrahl ist man in wenigen Minuten Herr der Lage: Das Feuer ist gelöscht, aber die Beleuchtung ist inzwischen völlig ausgegangen. Jetzt erst kommen die 13 Ampeln am Eingang der Grabkapelle und die Kerzen auf dem Altar zur vollen Geltung. Dann leuchten von irgendwoher Scheinwerfer auf, und ungestört wird die Messe zu Ende geführt. Der Heilige Vater ergreift die Gelegenheit, um eine kurze Predigt in französischer Sprache an die Welt zu halten, die in dieser Stunde mit besonderer Aufmerksamkeit seinen Weg und den der römischen Kirche verfolgt. Es ist ein kraftvolles geistliches Wort.

Missa finita est, die Messe ist zu Ende. Der Heilige Vater überreicht dem maronitischen Patriarchen einen goldenen Olivenzweig, Zeichen des Friedens. Dann gehen beide zusammen in die Grabkammer zum Gebet. Als er wieder herauskommt, werden ihm der abessinische Erzbischof, der syrische Bischof und ich durch einen Kardinal vorgestellt. Als ich, tief beeindruckt durch seine Persönlichkeit, mein Barett abnehme, greift der Papst danach und setzt es mir mit liebevoller Geste lächelnd wieder auf. Wir sind umdrängt, und er sagt nur ein Wort des Grußes in englischer Sprache: We must pray together. Ich kann nichts erwidern, denn schon schiebt sich die Menge zwischen uns. Der Papst geht die Stufen zum Golgatha-Altar hinauf. Das schwere Tor der Grabeskirche öffnet sich, die Menge stürzt hinaus. Begeistert rufen die Franziskaner: Vive il Papa!

6. Januar 1964

Schon bei meiner Weihnachtsvisite teilte der Apostolische Delegat Monsignore Lino ZaniniLino Zanini (* 6. Mai 1909 in Riese Pio X, Provinz Treviso, Italien; † 25. Oktober 1997) war ein römisch-katholischer Erzbischof und Diplomat des Heiligen Stuhls.Quelle: Wikipedia mit, dass der Papst mich zu einer Audienz zu sich bitten würde. Am 4. Januar hatte ich die schriftliche Einladung in Händen: Audienz am 6. Januar um 11.30 Uhr in der Delegatio. Sie liegt am Ölberg, unterhalb der Auguste-Viktoria-Stiftung. —
Bischof Johannes WillebrandsJohannes Gerardus Maria Kardinal Willebrands (* 4. September 1909 in Bovenkarspel, Niederlande; † 2. August 2006 in Denekamp) war Erzbischof von Utrecht und Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche.Quelle: Wikipedia empfängt uns im Vorraum. Wieder sind die anderen Kirchen vertreten — bis auf die Kopten, die einen Gottesdienst in Bethlehem feiern. Die Griechen und Armenier, beide durch einen Patriarchen in Jerusalem vertreten, empfangen den Papst vorher in ihren Patriarchaten.

Etwas verspätet trifft Paul VI. in der Delegatio ein, wir werden zusammen empfangen. So zurückhaltend wie möglich bewegen sich in einer Ecke des Raumes die Fernsehoperateure. Der Papst steht in der Mitte des Raumes. Er grüßt uns mit einem freundlichen Satz und gibt jedem die Hand. Dann erhalten wir von ihm eine silberne Gedenkmünze, die auf der einen Seite die Auferstehung Christi und auf der anderen die Weisen aus dem Morgenland zeigt. PAVLVS PP VI + PEREGRINUS IN TERRA SANCTA (Paul VI. + Wanderer im Heiligen Land) heißt die Unterschrift. Der Papst fordert uns auf — jeder in seiner Sprache: amharisch, syrisch, arabisch, englisch, deutsch — das Vaterunser zu beten. Ein freundliches Auf Wiedersehn — italienisch, französisch, englisch, deutsch. Receptio finita est!

7. Januar 1964

Anruf vom griechisch-orthodoxen Patriarchat: Bitte, kommen Sie sofort — wenn möglich — zu einer Privataudienz bei Sr. Allheiligkeit Patriarch AthenagorasAthinagoras, * 25. März 1886 in Tsaraplana, Epirus; † 7. Juli 1972 in Istanbul, bürgerlich Aristoklis Spyrou) war Patriarch von Konstantinopel von 1948 bis 1972.Quelle: Wikipedia. Als ich im Patriarchat ankomme, geht mir der größte unter den Würdenträgern entgegen. Athenagoras hat die Gestalt eines Riesen. Meine Hand versinkt in der seinen. Er setzt sich auf den Patriarchenstuhl und unterhält mich etwa 30 Minuten (mit Dolmetscher griechisch-deutsch). Thema: Die Wiedervereinigung Deutschlands. Er ist gut informiert, und es spricht eine große Liebe zu Deutschland aus seinen Worten. Aber meine Frage nach der Einheit der Kirchen wischt er mit großer Gebärde weg. Auch bei der Einheit Deutschlands geht es um Einheit der Kirchen. Deswegen hatte die griechisch-orthodoxe Kirche auch nur eine Kirche in beiden Teilen Deutschlands.

Einige interne Jerusalemer Fragen weiß er weise zu beantworten. Dann entlässt er mich mit dem Bruderkuss. Als er mich in die Arme schließt, rauscht sein riesiger Bart wie ein Kornfeld über mich hin.
Nach dem Gespräch habe ich den Eindruck, dass er unausgesprochen ließ, was noch nicht an die Öffentlichkeit gehört oder noch nicht bei der Bewegung, in die die Kirchen geraten sind, in Worte gefasst werden kann. Bei den Begegnungen Sr. Heiligkeit Paul VI. und Sr. Allheiligkeit Athenagoras in Jerusalem gibt es viele gute Gesten: Sie lesen zusammen Johannes 17 nach einer griechisch-lateinischen Ausgabe, die Paul VI bei sich trägt, sie beten mit uns das Gebet des Herrn.

8. Januar 1964

Heute am 2. Feiertag der Ostkirchen begebe ich mich zur traditionellen Weihnachtsgratulation. Was wird der Ertrag des Besuchs der Kirchenoberhäupter sein?
Der Besuch des Papstes ist für uns ein hoffnungsvolles Licht, sagt Philippos II., Erzbischof der Abessinier. Wir freuen uns, dass der Papst aus seinem elfenbeinernen Turm herausgekommen ist. Die Trennung der Kirchen ist aus Hochmut entstanden und durch die Politik verfestigt. Die Dogmatik ist nie primär ein Grund zur Trennung gewesen, und sie ist es auch heute nicht!

Der koptische Erzbischof erwartet voller Hoffnung in einigen Monaten die Zusammenkunft der orthodoxen Kirchen. Sie werden die ZweinaturenlehreUm die Zweiheit von Gottheit und Menschheit zu unterscheiden, bezeichnen die Theologen des 5. und 6. Jahrhunderts mit dem Naturbegriff die göttliche und die menschliche Natur. Quelle: Wikipedia Christi besprechen, durch die die Ostkirchen sich im Jahre 451 in ChalcedonDas Konzil von Chalcedon (andere Schreibweisen: Chalzedon, Calcedon, Chalkedon, Kalchedon) fand vom 8. Oktober bis zum 1. November 451 in der Euphemia-Kirche in Chalcedon in Bithynien, Kleinasien (heutiger Istanbuler Stadtteil Kadiköy) statt.Quelle: Wikipedia voneinander trennten.

Für unsere kleine lutherische Kirche geht die stetige Arbeit des Tages weiter. Wir sind nicht unberührt von den großen Ereignissen. Hat eine kleine protestantische Kirche hier im Lande Recht und Zukunft? Sie hat ihr Recht!
Kaiser Wilhelm II. sagte bei der Einweihung der ErlöserkircheDie Erlöserkirche (englisch Church of the Redeemer, hebr. ‏כנסית הגואל‎) ist eine deutsche evangelische Kirche in Jerusalem. Sie wurde auf den Grundmauern der Kreuzfahrerkirche St. Maria Latina errichtet.Quelle: Wikipedia am 31. Oktober 1898 in seinem persönlichen Bekenntnis, dass es sein Wunsch sei, dass auch die evangelische Kirche da nicht fehle, wo die Christen aller Bekenntnisse für die Gnadentat der Erlösung Dank opfern, und Diese Kirche soll davon Zeugnis geben, dass Glaube und Liebe unzertrennlich sind und in Christo Jesu nichts gilt als nur der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Ich habe im Namen unserer Kirche Paul VI. und Athenagoras aus unserem Archiv je ein Exemplar eines Sonderdruckes dieses kaiserlichen Wortes überreicht, das damals für unsere Kirche gesprochen wurde und auch heute gilt.

Äußerlich macht unsere Arbeit gute Fortschritte. Am 28. April 1963 haben wir unsere Hoffnungskirche in Ramallah eingeweiht. Unsere Schule in Jerusalem ist im Bau, wir hoffen, dass sie zum 1. September 1964 fertig wird. Unser Hospiz (Gästehaus) wird voraussichtlich am 1. März eröffnet und hat 27 Betten in Einzel- und Doppelzimmern.