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Der russische Kriegsgefangene.

Ich bin 1939 in Oberhausen geboren, das liegt im Ruhrgebiet.
Mein Vater war damals schon 60 Jahre alt und von Beruf Baumeister. Er hatte eine Tiefbaufirma zusammen mit einem Partner. Sie verlegten Bahngleise und reparierten Straßen und Sportstätten. Eines Tages, es war etwa im Jahre 1944, wurden der Firma meines Vaters 15 russische Kriegsgefangene zugeteilt. Diese Gefangenen sahen halb verhungert aus und konnten kaum arbeiten. In einem nahe gelegenen Bergwerk, der Zeche Königsberg, wurden unter anderen auch diese Russen abends in eine Halle eingesperrt und von deutschen Soldaten bewacht. Auf der Baustelle selbst waren keine Soldaten, mein Vater musste morgens nur den Empfang bestätigen, abends wurden sie wieder von den Soldaten abgeholt. Mein Vater erzählte zu Hause von den Gefangenen. Eigentlich waren wir sechs Geschwister. Meine beiden älteren Brüder waren in Frankreich beim Militär, die älteste Schwester beim BDM. Wir jüngeren drei saßen mit unseren Eltern am Tisch und beschlossen eines Tages, dass jeder von seinem Brot etwas abschneiden und den russischen Gefangenen heimlich bringen sollte.

Meine Geschwister wechselten sich ab, damit das nicht auffiel, denn den Gefangenen etwas zu geben war verboten. Meine Mutter hatte dann Lebensmittel organisiert und zwei bis dreimal in der Woche einen Waschkessel Suppe gekocht. Dieser Kessel wurde sodann auf einen kleinen Wagen gestellt und rundum mit Holz zugepackt, als ob wir Brennholz sammeln würden. Ich saß oben drauf. So zogen meine Mutter und ich zur Baustelle Lipperheidebaum, ca. 4 km zu unseren russischen Gefangenen.

Ein Gefangener war vom Beruf Schuhmacher, aber er konnte auch aus frischen Holzscheiten wunderbare Figuren schnitzen. In den Pausen haben die Gefangenen meist gesungen und ich war für sie immer der kleine Junge vom Chef. So ging das bis Kriegsende. Dann kamen die Sieger, die Amerikaner. Als sie abzogen, wurde das Ruhrgebiet von den Engländern übernommen. Alle Gefangenen in Deutschland, auch unsere Russen, wurden von den Amerikanern und Engländern befreit. Die befreiten Gefangenen hatten sich inzwischen selbst bewaffnet, zogen nun vor allem nachts durch die Straßen und plünderten die Lager der deutschen Militärs aus.

Auf dem Gelände des Bergwerks, (Zeche Königsberg) auf dem unsere ehemaligen Gefangenen nun einquartiert waren, befanden sich nach unserem Wissen auch riesige Lager mit Lebensmittel. Aber wir hatten nach dem Krieg fast nichts zu essen.

Eines Tages, wir hatten schon nicht mehr daran gedacht, standen vor unserem Haus unsere ehemaligen russischen Kriegsgefangenen und brachten in großen Kübeln Butter, Schmalz, Marmelade, Mehl und Zucker für den Chef und seine Familie natürlich alles organisiert. Einer hatte auch ein Akkordeon dabei. Sie blieben noch eine Weile bei uns und sangen russische Lieder. Später haben wir dann von den Lebensmitteln auch den Nachbarn etwas abgegeben, es hatte ja niemand etwas zu beißen.

Ich war damals sehr jung, kann mich aber gut an diese Geschichte erinnern. Was dann mit den Russen passierte, weiß ich natürlich nicht mehr. Vielleicht leben ja einige der jüngeren noch, aber sie müssten heute auch schon so um die 85-90 Jahre alt sein.

Die Jahre vergingen. Meine Frau und ich haben im Dezember 1960 geheiratet und sind an den Niederrhein gezogen. Aber zum Großeinkauf fuhren wir doch gern wieder nach Oberhausen. Als wir 1961 dort in einem großen Bekleidungshaus für mich einen Anzug kaufen wollten, fiel mir ein Mann auf, der mich unentwegt ansah. Er kam dann auf mich zu und fragte mich in gutem Deutsch, ob ich der kleine Junge vom Chef sei. Ich fragte, wer er denn sei und er erwiderte, dass er Oskar heiße, Schuhmacher sei, während des Krieges als Gefangener bei meinem Vater gearbeitet habe und für mich damals einen Vogel aus Holz geschnitzt hätte. Als ich ihm nun bestätigte, dass ich tatsächlich der kleine Junge von damals sei, weinte er vor Freude und ich gleich mit. Ich bin vor Erstaunen fast umgefallen.

Oskar hatte in Russland keine Verwandten mehr, war in Deutschland geblieben und hatte hier eine Familie gegründet.

Das ist nun auch schon wieder 45 Jahre her, aber es bleibt unvergessen.