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Spielplatzträume Ende der 1950er Jahre in Hamburg

Meine Eltern, mein kleiner Bruder und ich wohnten in Barmbek-Süd, am Anfang der Mozartstraße im dritten Stock. Das waren immer 60 Treppenstufen. Man nennt es auch Komponistenviertel, Wagner, Mozart, Schumann, Humboldt, Beethoven, Schubert, alle aufzuzählen sprengt diese Geschichte.
Einmal im Jahr gibt es an einem Sonntagnachmittag einen Rundgang durch das sogenannte Komponistenviertel. Geleitet wird der Rundgang von der Geschichtswerkstatt Hamburg-Barmbek, Wiesendamm 26.

Es gab damals viele Hinterhöfe zum Spielen, die auch heute noch existieren. Nur gespielt werden durfte hier nicht, wegen des Lärmes. Trotzdem spielten wir hier, denn das Verbotene reizte uns ungemein. Wenn jemand kam, hörte man den Spruch: Ich werde das euren Eltern sagen. Ich sehe noch heute eine ältere Dame, die hing immer gleich am Fenster. Mit erhobenem Zeigefinger schimpfte sie immer. Dann sah man in die andere Richtung und das ärgerte sie umso mehr. Für den nächsten Hinterhof zum Spielen hatten wir schon einen Plan, es klappte immer. Spielende Kinder gab es viele in der Mozartstraße bis zur Humboldtstraße. Vier Hinterhöfe mit Wohnungen gab es einmal, heute sind es nur noch zwei. Im Hinterhof von Nummer 16 hatte es immer viel Spaß gebracht zu spielen. Dort wohnten viele Familien mit Kindern. Später wurde der komplette Hinterhof Nummer 16, sowie Haus 14, 18 und 20 abgerissen. Anfang der 1960er Jahre entstand in der Humboldtstraße ein Neubau mit einer Ladenzeile, vielen Wohnungen und einer riesigen Tiefgarage.

Heute gehen Kinder in die Kita und die Mütter sind berufstätig. Zu der Zeit kannte ich nur den Kindergarten am Winterhuder Weg, in Höhe Heinrich-Hertz-Straße. Einen weiteren gab es am Anfang der Jarrestraße auf der linken Seite. Der andere Kindergarten lag am Osterbekanal, Weberstraße, Lachnerstraße, Volkmannstraße. Den genauen Standpunkt könnte ich heute nur noch vor Ort zeigen. Mit einem Verdiener geht es heute nicht mehr, Kinder groß zu ziehen. Alle Kinder, mit denen ich spielte, waren nicht im Kindergarten. An private Kindergärten und Tagesmütter kann ich mich nicht erinnern.

Wenn gespielt wurde, nach der Schule, dann waren es meistens zwei oder drei Kinder. In unserem Torweg, Haus Nummer zehn spielten wir dann eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein. Ein Kind stellte sich an die Wand und machte die Augen zu, sagte dann: Ich komme. Dann musste es uns suchen.

Auch die Murmelspiele im Freien machten viel Spaß. Es gab kaum ein Kind, das keine bunten Ton- oder Glaskugeln besaß. Die Glaskugeln sahen früher einfach und schlicht aus, wenn man sie mit den heutigen vergleicht. Für das Spiel machte man sich eine Kuhle, einige Meter davor wurde ein langer Strich gezogen. Vom Strich aus wurden die kleinen und großen Glasmurmeln in Richtung Kuhle geworfen. Waren alle Spieler fertig mit dem Werfen, ging es darum, mit einem Schubs des Fingers die Murmeln in die Kuhle zu rollen. Es ging der Reihe nach. Verfehlte einer die Kuhle, war der nächste Spieler dran. Wenn jemand alle Murmeln in der Kuhle hatte, so gehörten ihm alle. Hatte ich mal keine mehr, kaufte ich mir neue bei Spielwaren-Köling in der Humboldtstraße. Das Geschäft lag gegenüber dem Spielplatz, dem Luftschutzbunker und der Schule. Um auf den Spielplatz zu gelangen, musste man durch den Bunker gehen. Spielgeräte waren nur wenige vorhanden. Eine Sandkiste und zwei Schaukeln, das war alles. Der Pluspunkt war, der Platz lag nur zwei Minuten von zu Hause entfernt.

Mehr Spielgeräte hatte der Spielplatz in der Höltystraße zwischen Richterstraße und Zimmerstraße auf der Uhlenhorst. Somit war ich schon früh ein kleiner Grenzgänger zwischen Barmbek und der Uhlenhorst. Kam man auf den Spielplatz, war rechts ein kleines Häuschen mit einem Stockwerk. Dort wohnte die Aufsicht des Spielplatzes und hatte alle spielenden Kinder im Blick. Hier spielten immer viele Kinder.

Ein schöner und sehr großer Spielplatz war am Biedermannsplatz, früher Schleidenpark. Hier waren noch mehr Spielgeräte vorhanden und noch mehr Kinder am Spielen. Der Platz war umgeben von einem kleinen Park mit Teich sowie zwei Kirchen, der Buggenhagenkirche und der St. Sophienkirche. Es gibt eine Geschichtstafel am Schleidenpark mit dem Titel Ein Park im Arbeiterviertel.

Mitte der 1960er Jahre stellte die Hamburger Hochbahn einen Straßenbahn-Triebwagen vom Typ 2382Straßenbahn
Straßenbahn-Triebwagen vom Typ 2382
als Spielgerät auf. Der Spielplatz befand sich in der Wagnerstraße Ecke Gluckstraße. Elektrische Teile, Wagenräder sowie die Fensterscheiben wurden vorher ausgebaut. Hier versammelten sich immer viele Kinder, und Schlange stehen war angesagt. Sie riefen dann: Zurückbleiben bitte!. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Ich verbrachte mitunter zwei Stunden auf dem Spielplatz. Auch ich träumte, an der echten Fahrkurbel zu stehen. Leider wurde der Betrieb der Hamburger Straßenbahn 1978 für immer eingestellt.

Der Rückweg zur Mozartstraße war sehr trostlos. Die Hamburger Straße, linke Seite stadteinwärts, wurde bis Mitte der 1960er Jahre nicht wiederaufgebaut. Vor der Heitmannstraße waren ein Schlachter und ein Gemüseladen. Um die Ecke war der Sparmarkt, eine Gaststätte, ein Friseur sowie eine Drogerie. Der Friseur wohnte gleich nebenan im Mietshaus, in der Heitmannstraße. Auf der anderen Straßenseite der Hamburger Straße war noch das Textilhaus Naujoks und C&A. Dahinter standen noch zwei alte Wohnhäuser, sie gehörten zum Straßenzug Oberaltenallee. Nun musste ich mich aber beeilen, um nach Hause zu kommen, ohne Fahrrad. Es war ja nicht mehr so weit, zirka 15 Minuten Fußweg. Am Anfang der Humboldtstraße auf der rechten Seite, heute die Einfahrt zum Parkhaus, war die große Tischlerei Thormann. Hier musste ich immer anhalten vor Interesse. Dort kauften die Kunden Holzbretter, Sperrholz, Leisten und vieles mehr. Die Maschinen, die dort standen, waren immer im Betrieb und sehr laut. Hier warteten die Kunden, bis ihre Hölzer nach Maß zugeschnitten wurden.

Gegen Ende der 1960er Jahre wurde alles für das neue Einkaufszentrum Hamburger Straße abgerissen. Es wurde am 8. Mai 1970 eröffnet, im Stadtteil Barmbek-Süd. Zu der Zeit war es das größte innerstädtische Einkaufszentrum Deutschlands. Später wurde es umgestaltet und modernisiert. Jetzt heißt es Hamburger Meile. Aus weiter Ferne kann man die weißen Mundsburg-Türme erkennen.

Jetzt aber schnell nach Hause, dachte ich. Da war aber noch das tolle Eisgeschäft, Eis-Voss in der Humboldtstraße, Höhe Schubertstraße, ein oder zwei Stufen im Keller. Das Eisgeschäft gibt es leider nicht mehr. Hatte ich als Kind noch 30 Pfennige in der Tasche, kaufte ich mir eine Eis-Muschel. Von so viel Eis in der Waffel träume ich noch heute. Bis ich zuhause war, hatte ich viel zu tun, das Eis aufzuschlecken, und dann musste ich noch in den dritten Stock der Mozartstraße.

Als Kind war ich glücklich, schaukeln, rutschen, klettern, toben zu dürfen. Der schönste Spielplatz ist der im Hamburger Stadtpark im Norden von Hamburg, aber hier durfte ich nur mit meinen Eltern und nicht alleine hingehen. Das tolle Planschbecken für Kinder, ein Kiosk und so schöne Spielgeräte wie heute waren früher leider noch nicht vorhanden.