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Reha Tisch 48

Mitte Januar 2014 wurde ich nach einer OP für drei Wochen in die Reha-Klinik nach Bad Schwartau geschickt. Ich dachte schon vorher, wie wird das dreiwöchige Zusammenleben mit kranken Menschen sein? In Bad Schwartau mit dem Krankentransporter angekommen, wurde mir ein tolles Zimmer im Haus 4 zugewiesen. Die Stationsschwester gab mir für den ersten Tag die Unterlagen, wo ich mich melden sollte. Ein Zettel gab Auskunft über die Essenszeiten, für mich wurde die Essenszeit zwei eingeplant. Die Zeiten für Frühstück, Mittagessen und Abendessen waren auch festgelegt. Zum Schluss stand dort: Das Küchen- und Serviceteam wünscht ihnen einen Guten Appetit. Auch stand fest, an welchen Tisch man sich begeben sollte, für mich immer Tisch 48.

Zu Mittag wurde das Bestellte am Tisch serviert. Frühstück und Abendbrot musste man sich am Buffet aussuchen. Man wurde nach dem Heißgetränk gefragt, und der Service brachte es zu meinem Tisch 48. Das ging immer super schnell. Mit den Gehhilfen rechts und links hatte ich keine Hand frei, den Teller an meinen Platz zu bringen. Auch alle Therapeuten hatten eine freundliche Ausstrahlung. Natürlich darf man die Ärztinnen und Ärzte, das Küchen- und Servicepersonal, sowie das Reinigungspersonal nicht vergessen. Ein dickes Lob muss ich den grünen Damen aussprechen. Sie waren immer bereit, etwas für die Patienten zu besorgen oder hilfreich zur Seite zu stehen, wenn man es wünschte. Auch die Stationsschwestern waren sehr entgegenkommend. Vergessen möchte ich nicht den jungen Mann, der die Wasserkisten in jedes Zimmer schleppen musste. Natürlich kann bei so einer Vielzahl von Patienten etwas schief gehen, aber bei mir klappte alles sehr gut.

Jeder Patient bekam seinen eigenen Behandlungsplan, der für eine Woche die festgelegten Zeiten der Rehamaßnahmen enthielt. Diese Zeiten musste man genau einhalten. Der Zettel für die Anwendungen lag in einem Postfach, das sich in einer langen Schrankwand vor dem Speisesaal befand. In der Massageabteilung hatte ich eine Masseurin, die mir den Rücken durchknetete. Sie war ein Hamburg-Fan, wohnte aber im Lübecker Raum. So erzählte sie mir, dass sie mit dem Auto nach Ahrensburg fährt und mit einer Tageskarte des HVV weiter zum Hamburger Hauptbahnhof. Aber dann erzählte sie mir von Hamburger Ecken, die ich kaum kannte. Das soll bei mir schon was heißen. So tauschten wir Hamburg-Informationen aus. Natürlich habe ich sie nicht bei meiner Massage gestört. Ich glaube, in meiner Kabine wurde mehr erzählt als in den anderen. Auch hatte ich eine Therapeutin im Haupthaus, die fuhr am freien Tag mit ihrer Freundin mit der Bahn nach Hamburg. Mit ihr machte es Spaß, über viele Hamburger Einkaufszentren und Passagen zu schnacken. Schön war es auch, mit dem verglasten Fahrstuhl nach unten und durch einen Kellergang trockenen Fußes in das Nachbarhaus zu gelangen. Hier waren das Bistro und viele Abteilungen der Reha. Bewegungsbad, Gymnastik, Massage und vieles mehr. Ich kam immer etwas früher zu der jeweiligen Anwendung. Dadurch kam ich mit vielen anderen Patienten ins Gespräch. Hier lernte ich viele Hamburger aus verschiedenen Stadtteilen kennen. Mitunter musste ich auf die Uhr schauen, um nicht die nächste Anwendung zu verpassen. Die Therapeuten zeichneten die Anwendung auf dem Wochenplan ab. Den Zettel sollte man immer bei sich führen, er galt von Montag bis Freitag.

Nun komme ich wieder zum Reha-Tisch 48, zu dem ich drei Wochen lang mit fünf anderen Patienten gehörte. Natürlich nur in der zweiten Essenszeit. Es war ein Tisch für sechs Personen. Am Fenster stand ein Ständer, in den die vielen Gehhilfen reinpassten. Vertauschen konnte man sie nicht, denn alle hatten verschiedene Farben. Ich hatte blau-silbern. Mein Nachbar Ludger kam aus dem Sauerland, neben ihm saß eine Dame aus Lübeck. Daneben saß Alexander, er kam aus Ellerau. Wir drei Männer waren gleich per Du. Mir gegenüber saß eine Dame mit westfälischem Humor. Sie wohnte früher in Bochum. Jetzt wohnt sie in der Nähe ihrer Tochter neben dem Elbe-Einkaufszentrum in Hamburg – Osdorf. Neben mir zur Rechten kam einige Tage später eine Dame aus Fehmarn. Ihr Mann war HSV-Fan. Die Themen gingen nie aus. Am meisten wurde gelacht, wenn ich über Hamburg redete. So erzählte ich, dass ich auf St. Pauli einmal vom Hund gebissen wurde, zum Schluss sagte ich: aber dienstlich. Viel Spaß hatten wir auch mit Alexander. Er erzählte, er hätte in der Zeitung etwas über eine Praxis in der Hamburger Innenstadt gelesen. Im Internet informierte ich mich darüber. Am Tisch erzählte ich dann etwas über diese Praxis, alle waren still, aber dann ein großes Gelächter.

Die Dame mit ihrem westfälischem Humor war immer am Lachen und gut drauf. Sie sagte immer zu mir: Der kennt und weiß alles! Ich kann mich nicht erinnern, dass es am Tisch 48 nichts zu erzählen gab. Vier von uns brauchten die Gehhilfe, die andern beiden hatten Rückenprobleme. Wenn was auf unseren Tellern fehlte, gingen die beiden für uns ans Buffet und holten es. An einem Sonntag mussten wir alle lachen. Auf der rechten Seite des Buffet waren gekochte Eier für die Patienten im rechten Haus. Wir wohnten links und auf unserer Seite des Buffet waren keine gekochten Eier vorhanden. Es sollten aber noch welche kommen, sagte das Servicepersonal. Als die Eier kamen, fragte mein Nachbar, ob er Frühstückseier für uns holen solle. Wie aus einem Munde sagten alle: Ja bitte! Er brachte vier Frühstückseier und verteilte sie. Jetzt musste mein Nachbar selber lachen, denn er musste noch mal hin. Er hatte eins für sich vergessen. Mit Hängen und Würgen bekam er noch ein Ei. Als er wieder am Tisch saß, brach ein Gelächter am Tisch los. Mitunter musste das Servicepersonal schon über uns lachen. Uns gefiel die Gruppe so gut, dass wir alle am Tisch sitzen blieben, bis das arme Reinigungspersonal kam. Verließen wir den Tisch früher, so hatte es den Grund, dass die nächste Anwendung auf uns wartete.

Eine Dame des Servicepersonals stufte mich aus Spaß als Klassensprecher des Tisches ein. Natürlich mussten alle immer lachen, ich auch. Mit einer Dame am Nachbartisch unterhielt ich mich über Wohnungen in Hamburg. Ihre Kinder suchten dringend eine Wohnung, ich gab ihr den Tipp, bei verschiedenen Wohnungsbaugenossenschaften nachzufragen. Das hörte ein älterer Mann. Der fragte mich, ob ich Wohnungsberater wäre, das verneinte ich. Er erzählte mir, dass auch sein Sohn eine Wohnung sucht. Dieser war mit seinem Studium in Kiel fertig und wollte wieder in der Nähe der Eltern wohnen. Sahen wir uns auf dem Weg zur nächsten Anwendung, war ein Lachen vorprogrammiert.

Bald kam der Tag des Abschieds. Wenn ich auf die drei Wochen in der Reha zurückblicke, möchte ich sagen, man hatte an keinem Tag über Krankheiten nachgedacht. Viele in unserer Gruppe waren auch der Meinung, dass die Reha viel gebracht hat. Natürlich auch mir!