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Eine schreckliche Geschichte

Wer schon einmal die Kanarische Insel Fuerteventura bereiste, kann sich vorstellen, wie beruhigend diese Landschaft, bestehend fast nur aus Sonne, Sand, Fels und Meer, auf die Seele wirken kann. Im Februar 2011 haben wir es selbst erfahren, Erholung pur, aber eigentlich wollten wir gleichzeitig auch auf Spurensuche gehen nach einer ehemaligen Kollegin, die ich in den Jahren 1981-1991 in Hamburg kennen und schätzen lernte. Sie kehrte 1991 Deutschland den Rücken und wanderte nach Fuerteventura aus.

Aber dahinter steckt ein ganz besonderer Grund, über den ich nun berichten möchte.

Meine damalige Kollegin Christa S., geschieden und sehr lebenslustig, lernte 1987 einen neuen Mann kennen, einen ehemaligen Pelzhändler mit eigener Firma, der allerdings auf der Suche nach seiner seit ca. 3 Jahren verschwundenen Ehefrau war. Er hatte eine Postkarte von ihr aus dem Ausland erhalten mit der Bitte, nicht nach ihr zu suchen, da sie ein neues Leben anfangen wolle. Ihr Ehemann konnte sich damit aber nicht so recht abfinden und war ziemlich ratlos. Mit meiner Kollegin Christa konnte er das Leben nun wieder mehr genießen, und er verwöhnte sie sehr. Oft kam sie in einem neuen Outfit ins Büro, das ihr neuer Lebenspartner spendiert hatte, oder sie erzählte strahlend von einer Wochenendreise nach Rom, einfach nur so zum Vergnügen.

Eines Morgens im September 1991 wollte Christa wie jeden Tag mit ihrem Auto zur Arbeit fahren, als ein Mann sie mit einem Elektro-Schocker attackierte, sie zum Einsteigen zwang und gefesselt in ihrem eigenen Auto entführte. Im Keller seines Hauses in HH-Rahlstedt kettete er meine Kollegin an ein eisernes Bettgestell, zeigte ihr schockierende Folterbilder einer jungen Frau und kündigte an, er werde sie zerstückeln und in einem Säure-Fass verschwinden lassen.
Dieser Mann war Kürschner und ehemaliger Mitarbeiter ihres neuen Lebensgefährten, der sich auf diese Art an seinem früheren Chef wegen Differenzen aus dem Arbeitsverhältnis rächen wollte.

Meine Kollegin durfte 2 Telefonate führen, eines mit unserem Chef, um ihm mitzuteilen, dass sie einige Zeit nicht zur Arbeit käme, das zweite mit ihrem Sohn, damit er nicht nach ihr suchen möge. Der Entführer forderte für die Freilassung seines Opfers die Summe von 300.000 DM von seinem ehemaligen Chef. Christa versuchte Tag für Tag, ihre Panik mit ihrer burschikosen Art zu verdecken.

Auf ihrem Frühstücksapfel befand sich ein kleines Label, und sie hatte die Idee, dieses unter das Bettgestell zu kleben, was sich später als eindeutiger Beweis ihrer Anwesenheit in dem Verlies herausstellte.

Die Übergabe des geforderten Lösegeldes verzögerte sich, und als nach einer Woche die Ehefrau des Kürschners ganz überraschend und vorzeitig von einem kleinen Urlaub heimkehrte, ließ er meine Kollegin frei und setzte sie in der Nähe einer Polizeidienststelle ab. Allerdings glaubten die Polizisten ihr zuerst die Geschichte nicht und wollten sie wieder auf die Straße zurückschicken, zumal sie nach der Gefangenschaft verschmutzt und unordentlich aussah.
Dieses Verhalten der Beamten und die Tatsache, dass unser Chef, der ihre Geschichte ebenfalls für absurd hielt, ihr diese albtraumartige Woche vom Urlaub abzog, hat meine Kollegin Christa dazu bewogen, später gemeinsam mit ihrem neuen Lebensgefährten nach Fuerteventura auszuwandern, um ihre innere Ruhe wieder zu finden. Arbeitsfähig war sie nach diesem Erlebnis auch nicht mehr.

Die ganze schreckliche Geschichte wurde schließlich als wahre Begebenheit aufgedeckt. Eine Kriminalkommissarin hatte sich besonders intensiv und erfolgreich mit diesem Fall beschäftigt.
Als endlich im Haus des Kürschners das Verlies entdeckt wurde, in das meine Arbeitskollegin verschleppt worden war, wurde auch das erwähnte kleine Apfel-Label gefunden.
So erhielt die Geschichte auch endlich ein Gesicht.

Während dem Kürschner der Prozess (nur) wegen der Entführung meiner Kollegin gemacht wurde, befand sich im Zuschauerraum eine ältere Frau, die ihre Tochter vermisste und angab, diese sei auch eine Bekannte des Kürschners gewesen.

Vergraben auf dem Grundstück des Kürschners in Rahlstedt fand die Polizei bei ihren daher wieder aufgenommenen Recherchen ein Säure-Fass mit den sterblichen Überresten der verschwundenen Ehefrau des Pelzhändlers. Ein zweites Fass wurde auf dem Wochenend-Grundstück des Täters bei Lauenburg mit einigen nicht aufgelösten Knochen einer jungen Frau entdeckt. Bei dieser Toten handelte es sich um die vermisste Tochter der erwähnten älteren Frau.

Die Geschichte meiner Kollegin Christa S. wurde später als TV-Film unter dem Titel Angst hat eine kalte Hand produziert, die Hauptrolle wurde von Cornelia Froboess gespielt.

Der sadistische Kürschner sitzt bis heute im Hochsicherheitstrakt eines Hamburger Gefängnisses.

Anzumerken wäre zum Schluss noch, dass ich meine Kollegin leider nicht habe ausfindig machen können, da die Insel sehr groß ist und viele verschiedene Orte hat, in denen deutsche Auswanderer sich niedergelassen haben. Drei Wochen Urlaub reichten für diese Nachforschungen nicht aus.