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10 Jahre Rosa – ein Reisebericht über den Iran

Wir schreiben das Jahr 1390, jedenfalls im Iran sowie im gesamten Islam, und zu diesem Jahresbeginn am 21. März unseres Jahres 2011, dem Zeitpunkt des Frühlingsbeginns, gratulierten wir per E-Mail nach Teheran. Wir hoffen, dass unsere langjährige Brieffreundin Rosa sie auch erhalten hat, denn im Moment ist es wegen der politischen Unruhen dort nicht mehr ganz so einfach mit der Kommunikation. Der Verdacht liegt nahe, dass viele Mails abgefangen und nicht an den Adressaten weiter geleitet werden.. Dies war vor 10 Jahren, im Jahre 1380 oder zu westlicher Zeit im Jahre 2001, noch etwas unkomplizierter. Wir lernten damals während einer Rundreise durch das Land eine junge Iranerin kennen und wurden durch einen lebhaften Briefwechsel mit den dortigen Sitten und Gebräuchen etwas vertraut, und ich erinnere mich gern an die Anfänge dieser Freundschaft.

Ende April 2001 wurde uns von einem kleinen Reiseveranstalter diese 14-tägige Reise angeboten, und mein Mann meinte, diese einmalige Gelegenheit, so ein Land kennen zu lernen, sollten wir uns nicht entgehen lassen. Von Unruhen oder Demonstrationen war zu der Zeit aus diesem muslimischen Land nichts zu vernehmen, und so meldeten wir uns zusammen mit einem befreundeten Ehepaar an.

Schon bei unseren Vorbereitungen merkten wir, dass es eine besondere Reise werden würde, denn wir Frauen mussten einige Kleidervorschriften beachten. Im Iran ist es, auch für Touristinnen, vorgeschrieben, ein Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen sowie langärmlige Oberteile und lange Röcke, Mäntel oder Hosen, um so wenig Haut wie möglich zu zeigen. Auch erfuhren wir, dass während der Reise kein Alkohol ausgeschenkt werden würde.

Bevor wir in Frankfurt in unseren Flieger einstiegen, genehmigten wir uns zu viert noch eine Flasche Sekt, es sollte für 14 Tage das letzte Tröpfchen Alkohol sein. Die Frauen mussten sich schon vor dem Einsteigen mit dem Kopftuch das Haupt bedecken. Unsere Freundin hatte sich in einem türkischen Geschäft einen langen Mantel besorgt, um korrekt gekleidet zu sein. Ich trug eine langärmlige Bluse und eine leichte lange Hose dazu, während die Männer sich keine großen Gedanken zu ihrer Kleidung machen mussten. Im Flugzeug selber wurden wir von iranischen Stewardessen auf unsere Plätze geleitet, die in ihre schwarzen Tschadors gehüllt waren, ein merkwürdiger Anblick.

Nach 4 ½ Std. Flug kamen wir in Teheran bei 22° Wärme an, und fortan war das Kopftuch unsere lästige Begleiterscheinung.

Ahmed, unser junger, deutschsprechender Reiseleiter, empfing uns herzlich, und es stellte sich heraus, dass er ausgerechnet einige Jahre seiner Jugend mit seiner Familie in Pinneberg verbracht hatte. Nach dem Unfalltod seiner Mutter musste die Familie aus finanziellen Gründen in den Iran zurückkehren, und Ahmed hatte große Schwierigkeiten, die islamische Denkweise anzunehmen, da er völlig europäisch zu handeln und fühlen gelernt hatte.

In der 8-10 Mio.-Metropole Teheran fielen uns vor allem die in ihre schwarzen Tschadors verhüllten Frauen besonders auf, während die Männer die Sommerzeit genießen konnten in kurzen Ärmeln, wenn auch nicht in kurzen Hosen.
Wir besuchten die ehem. Paläste des Schahs und seiner Frau Farah Diba und bestaunten den Prunk in Gold und Silber, die Teppiche und Möbel aus aller Welt sowie den Pfauenthron, Diamanten und die Kronjuwelen im Museum.

Eine Rundreise ist natürlich keine Erholungsreise, und so starteten wir schon 2 Tage später in einem Bus unsere 4.000 km lange Tour über Land durch die Städte Hamadan, Kermanshah, Shiraz, Kerman, Yazd und Isfahan, bevor wir wieder in Teheran zum Rückflug nach Deutschland ankamen.

Herrliche Dinge gab es zu bestaunen, z.B. zwischen den Bergen die uralte Keilschrift vom König Darius, die 2.500 Jahre alt ist, sowie das Mausoleum des berühmten persischen Arztes Ibn-Sina aus Bughara, den Tempel Anatani vom Gott des Wassers, der erst 1968 ausgegraben wurde und vieles mehr. Wenn wir Halt machten in den kleinen Dörfern, waren wir immer die Exoten, wurden umringt, bestaunt und befragt. Meist wurde mit Händen und Füßen diskutiert, denn viel Englisch geschweige denn Deutsch konnten die Menschen nicht sprechen, aber die Männer kannten sich aus im deutschen Fußball und brüsteten sich mit den Fußballer-Namen. Das reichte schon aus für eine lebhafte Kommunikation.
Die Landschaften im Iran sind sehr vielseitig, es gibt Berge, Canyons, Krater, Salzseen und auch Wüsten. Aber am meisten hatten uns die Menschen im Iran beeindruckt.

Noch nie vorher oder danach haben wir auf Reisen in fremde Länder so gastfreundliche Leute kennengelernt. Am Freitag, dem Feiertag der Moslems, gehen viele Leute nach dem Freitagsgebet in Parks oder einfach nur an den grünen Straßenrand, um Picknick zu machen, und immer wurden wir in unserer knappen Freizeit zum Essen eingeladen.

Wir wurden während unserer Rundreise sehr aufmerksam beobachtet und interessiert angesprochen. Ich erinnere mich lebhaft an den Aufenthalt im Dorf Kermannshah, wo man offensichtlich nicht sehr an ausländische Touristen gewöhnt war. Während wir, natürlich vorschriftsmäßig gekleidet, durch die Straßen schlenderten, beäugten uns aus den Behausungen zuerst viele schwarze Augenpaare, dann folgten uns nach und nach immer mehr Leute auf unserem Spaziergang. Am Ende hatten wir das Gefühl, als liefe die Bevölkerung des gesamten Dorfes hinter uns her, um zu schauen, was die Fremden denn so trieben.

Ein anderes Mal befanden wir uns in Persepolis, und nachdem wir unser Besichtigungsprogramm in der Stadt der Perser absolviert hatten, entdeckten wir am Abend einen kleinen Rummelplatz mit Riesenrad, den wir zur Entspannung besuchten. Auch hier wurden wir bestaunt und intensiv beobachtet, wie wir an der Kasse des Riesenrades unsere Fahrkarten lösten, danach in die Gondeln einstiegen und uns dann in die Luft erhoben. Alle iranischen Leute lachten mit uns und freuten sich über unsere Anwesenheit.

Ein besonderes Erlebnis war für uns der Besuch einer Moschee, die wir Frauen jedoch nur verhüllt in einen Tschador betreten durften. Wir fanden es spannend, einmal wie echte Iranerinnen gekleidet zu sein, wurden allerdings enttäuscht, da wir statt der erwarteten schwarzen Umhänge nur bunte Touristen-Tschadors ausleihen konnten. Damit fühlten wir uns eher wie auf einem Kostümball.
Zudem war es schweißtreibend und unbequem mit diesem Stück Stoff, und wir waren sehr froh, nicht auf Dauer mit diesem vorgeschriebenen Kleidungsstück leben zu müssen.

Von der Wüstenstadt Kerman, eine der heißesten Städte im Iran, waren wir eigentlich nicht so besonders begeistert, zumal unser tolles, rechtzeitig gebuchtes Hotel überbucht war, so dass wir in ein weniger schönes Quartier ziehen mussten. Nach dem Besichtigungsprogramm machten wir am Abend noch einen kleinen Spaziergang zur Erholung in einem nahegelegenen Park. Neugierig wurden wir wieder einmal beäugt, als wir von einer Lehrerin und ihrer 23jährigen Tochter auf Englisch angesprochen wurden. Es kam ein interessantes Gespräch über alle möglichen Themen zustande, und wir bedauerten sehr, aus Zeitmangel ihre Einladung in ihr Haus nicht annehmen zu können. Beim Abschied vor unserem Hotel gaben wir ihnen unsere Adresse in Deutschland, und dies war der Auftakt zu unserer langjährigen und interessanten Brieffreundschaft mit Rosa, der Tochter, die bis heute anhält.

Unsere Freundin hat inzwischen geheiratet und lebt nun in Teheran. Wir haben durch sie gelernt, dass sich die persönlichen Wünsche und Träume der Menschen in anderen Ländern von unseren eigenen Erwartungen gar nicht so sehr unterscheiden.

Den Abschluss der Reise erlebten wir in Isfanhan. Der Imamplatz mit seinen herrlichen Moscheen und Mosaiken kam uns wie ein Märchenland vor. Er ist mehr als 500 m lang und damit weltweit der größte Platz seiner Art. Von der UNESCO wurde er zum Weltkulturerbe erklärt und hat uns mit seinen vielen Bazaren und der ehemaligen prachtvollen Privatmoschee des damaligen Schahs von Persien doch sehr begeistert.

Bei unserer Ankunft in Frankfurt merkten wir, wie herrlich die Freiheit ohne Kopftuch ist, und auch ein Schlückchen Wein ohne Reue tat gut.