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Erlebnisse im Deutschen Jungvolk

Sehr geehrter Herr Matiba,
Ihrem Artikel So habe ich das Deutsche Jungvolk erlebt kann ich nur voll zustimmen, so war es.

Die Mitgliedschaft habe ich notgedrungen ertragen. Ich war ein etwas schüchternes Kind und dadurch immer in Gefahr, von robusteren überrannt zu werden. Besonders verleidet war mir der Sonnabenddienst (an Sonntagsdienste kann ich mich nicht erinnern, vielleicht bei besonderen Anlässen), weil er mir kostbare Zeit wegnahm für die Heimfahrt am Wochenende. Ich stammte aus einem Dorf und musste in der Kreisstadt in Pension sein, um dort das Gymnasium zu besuchen. Öffentliche Verkehrsmittel gab es nicht oder nur zu unpassenden Zeiten. Für tägliches Radfahren war die Entfernung zu groß und zu wetterabhängig.

Ich erinnere mich, dass gerade unter den ausgehängten Sonnabenddienstplänen sehr oft der Vermerk stand Entschuldigungen werden nicht angenommen. Welcher junge Mensch mag sich heute noch so eine Bevormundung vorstellen. Er kann auch den Ärger, den ein unentschuldigtes Fernbleiben nach sich zog, nicht einschätzen.

Wie ich meine Einberufung zum Jungvolk erhielt, weiß ich nicht mehr. Es war vor dem Krieg und so für die Uniform kein Bezugsschein nötig. Ein Fahrtenmesser hatte ich auch, keine Ahnung mehr, wie ich daran gekommen war. Wohl kaum als Belohnung für eine mutige Tat.

Meine Fähnlein-Nummer kenne ich nicht mehr, wohl aber die Jungbann-Nummer: sie war 811. Ab 1. April war immer Sommeruniform angeordnet, egal wie das Wetter war. Und das konnte in meiner schlesischen Heimat noch ziemlich kalt sein, so dass ich in der kurzen Hose manches Mal gefroren habe. Vielleicht hat das aber auch zur Abhärtung beigetragen, denn bis heute kenne ich kaum Erkältungen.

Das stupide Exerzieren war mir verhasst, genau so wie das Vergnügen der meisten Führer, uns wegen kleiner Vergehen herum zu scheuchen und Liegestütze bis zur Vergasung machen zu lassen.

Um dem zu entgehen, meldete ich mich zum Fanfarenzug und wurde Trommler, was nicht allzu schwer war. Zwar gab es auch dort Exerzierdienst, aber wesentlich seltener. Zum Üben mussten wir immer ein ganzes Stück aus der Stadt raus, um die Anwohner nicht zu stören. Einmal entdeckten wir dabei einen Waldbrand und halfen beim Löschen, indem wir mit Tannenzweigen die Glutnester aus schlugen. Unsere Uniformen stanken hinterher fürchterlich nach Rauch.

Lieder, parteipolitische und nationalistische, bekamen wir natürlich auch reichlich eingedrillt. Wenn ich daran denke, wie ahnungslos wir Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört (da hört) uns DeutschlandHans Baumann (* 22. April 1914 in Amberg; † 7. November 1988 in Murnau) war während der Zeit des Nationalsozialismus ein deutscher Lyriker und Komponist von Fahrtenliedern und HJ-Liedern. Nach 1945 war er ein erfolgreicher Kinder- und Jugendbuchautor und Übersetzer.
Bis heute ist umstritten, ob vor 1945 häufiger heute, da hört … oder heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt gesungen wurde. Textauszug: Wikipedia.de
und morgen die ganze Welt
gebrüllt haben, schaudert es mich heute noch. Nur wenige Jahre später, und wir erlebten gnadenlos, wie es ist, wenn alles in Scherben fällt. Bombenangriffe wie bei Ihnen in Bochum hatten wir nicht kennengelernt.

Den Lebenslauf des Führers, das stimmt, mussten wir immer und überall ohne zu stocken herunterleiern können. 20. April 1889 zu Braunau am Inn geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Wie war doch unsere Gedankenwelt eingeschränkt. Ob wir im Dienst auch Mein Kampf durchgenommen haben, weiß ich nicht mehr. Vor einigen Jahren habe ich das Buch von A bis Z durchgelesen, um endlich zu wissen, was dieser Mensch geschrieben hat. Ich musste mich dazu zwingen das Buch nicht in die Ecke zu schmeißen, so hat es mich angeödet wegen der ständigen Drohungen und Eiferungen gegen Juden, Franzosen und andere und wegen der endlosen Schachtelsätze. Das absolut langweiligste Buch das ich kenne, und damals war es ein Heiligtum!

Mein damaliges Gymnasium war nach meiner Erinnerung kein Ort besonders intensiver NS-Propaganda. Die Lehrerschaft war wohl gespalten. Das ergab sich natürlich nicht aus Gesprächen, sondern aus dem Gefühl. Einige priesen den Führer und die Erfolge des Reiches, andere gingen nicht über ein Mindestmaß hinaus, das sie wahrscheinlich an den Tag legen mussten, um ihr Amt nicht zu verlieren (diese waren zugleich die beliebtesten Lehrer).

Irgendwann 1944 endete die Jungvolkzeit, ich nehme an, mit den Sommerferien. Zuvor hatte ich noch eine Überraschung erlebt: ich weiß nicht mehr, war es der Jungzug- oder der Fähnleinführer, einer überreichte mir die rot-weiße AffenschaukelPimpf-UniformDer Jungenschaftsführer war zu erkennen an einer rot-weißen Querschnur von der linken Brusttasche zur mittleren Knopfleiste des Braunhemdes. Der linke Oberarmärmel trug die Siegrune und darüber das Gebietszeichen.Bildquelle:Bundesarchiv, Bild 146-1973-010-31 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons nach der ich mich in keiner Weise gedrängt hatte. Unbedingt ich müsste diese Jungenschaft übernehmen. Warum das so dringend war und was mit meinem Vorgänger los war, weiß ich nicht mehr. Ablehnen ging nicht gut ohne Blamage oder Schlimmeres. Gelegenheit das Amt auszuüben hatte ich kaum. Nach den Ferien ging es zum Panzergraben-Schippen, eine idiotisch sinnlose Arbeit bei Hitze und schwerem Lehmboden. Ob es hinterher noch Jungvolkdienst gab, weiß ich nicht mehr. Vermisst habe ich ihn bestimmt nicht. Mein Gymnasium schloss und ich musste kurze Zeit auf ein anderes wechseln. Weihnachten 1944 verlief in bedrückter Stimmung. Man sah das Unheil kommen, doch niemand mochte sich vorstellen, es könnte wirklich eintreffen. Immer noch hielt sich vage die naive Hoffnung, der Führer wird‘s doch noch richten. Denn eines war klar: wir Schlesier wären mit den Ostpreußen die ersten, die es treffen würde. Die Erwachsenen, die klarer sahen, hielten sich mit Pessimismus zurück, schon ein paar unbedachte Worte konnten töten.

Im Januar 1945 ging es dann Hals über Kopf auf die Flucht, was die Parteibonzen bis tags zuvor strikt verboten hatten. Das deutsche Schlesien war Geschichte.

In Sachsen wurden ich und viele Altersgenossen zur vormilitärischen Ausbildung in ein Lager gesteckt mit der Aussicht, das letzte Kanonenfutter zu werden. Zu unserem Glück blieben die dafür nötigen Waffen aus. Im zunehmenden Chaos löste sich das Lager einfach auf, wir verdünnisierten uns schnellstens, um nicht im allerletzten Augenblick von einem übereifrigen Funktionär doch noch in irgendeinen anderen, erkennbar sinnlosen Einsatz gezwungen zu werden.

Mit meiner Mutter gelang es mir, vor Ankunft der Russen in den Westen zu kommen. So blieb uns die DDR erspart. Das war's mit dem Tausendjährigen Reich!

Unsere Schicksale, scheint mir, sind ziemlich ähnlich verlaufen. Ihnen ist wenigstens die totale Entwurzelung aus der angestammten Heimat erspart geblieben, mir die Hölle des Bombenkriegs.