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Als der Krieg nach Arpsdorf kam

Von Arpsdorf kannte ich eigentlich nur den Bahnhof. Es gibt ihn nicht mehr, aber 1944 lag der Bahnhof von Arpsdorf (nahe Neumünster) an der Bahnlinie zwischen Hamburg-Altona und Kiel.

Meine Mutter und ich konnten schon 1943 kurz vor der Flächenbombardierung Hamburgs bei meinen Grosseltern in Barmstedt wohnen. Ein Glücksfall. Die systematische Zerstörung Hamburgs hatte bereits begonnen und einige Zeit später war dann auch unser Stadtteil dran. In Barmstedt, sozusagen auf dem Lande, war die Versorgung der Zivilbevölkerung noch wenig unterbrochen und ich konnte dort sogar auch in einer Schule für Hamburger Kinder meine Schulzeit beginnen.

Mein Vater, gerade einigermaßen wohlbehalten aus Russland zurückgekehrt, wurde noch mit 48 Jahren zur Kriegsmarine nach Kiel eingezogen. Es muss 1944 gewesen sein, als wir ihn in Kiel besuchen wollten. Die Zugfahrt sollte von Barmstedt über Elmshorn nach Kiel gehen. Am Bahnhof von Arpsdorf hatte der Zug einen scheinbar langen Aufenthalt und plötzlich fing die Flugabwehrkanone am Ende des Zuges an, auf kanadische Jagdflugzeuge zu schießen. Das Knattern der Flugabwehrkanone verstummte aber schon bald. Die Flugzeuge konnten deshalb tief fliegen – man konnte die Gesichter der Piloten erkennen – und den Zug ziemlich ungehindert beschießen. Als 6-jähriger Junge war mir das Ausmaß der Gefahr ziemlich unklar, aber unter den Zuginsassen herrschte große Panik. Die Leute versuchten, aus dem Zug über die Gleise in das Bahnhofsgebäude zu kommen und wurden dabei von auf und ab fliegenden Jägern beschossen. An der Hand meiner Mutter warteten wir im Zugabteil auf einen geeigneten Augenblick, um das Bahnhofsgebäude zu erreichen. Eine Frau vor uns verpasste den richtigen Moment und fiel direkt vor uns tot aus dem Zug. Irgendwie schafften wir es dann doch, unversehrt zum Bahnhof zu kommen, wo bereits Verwundete von vielen hilfsbereiten Mitreisenden versorgt wurden. Viele Tote lagen zwischen Zug und Bahnhof.

Auch nach 70 Jahren muss ich noch oft an Arpsdorf denken und besonders an die unglückliche Frau, die dort vor uns erschossen aus dem Zug fiel. Wir Kriegskinder wurden dann ja doch noch, wenn auch mit erheblicher Verspätung, in eine heilere Welt entlassen, aber es wird mir nie selbstverständlich bleiben, dass den nachfolgenden Generationen, insbesondere Kindern, solche Gräuel bisher erspart blieben.