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Madrid bei Nacht

Es war Frühling 1999. Meine guten Freunde aus der ferner Studentenzeit, die ihre Bleibe in Düsseldorf gefunden hatten, haben mich eingeladen, mit ihnen nach Spanien zu reisen. Andere Freunde aus Düsseldorf waren auch noch dabei.

Diese Reise wurde von einem Russischen Reisebüro in Köln angeboten, zehn Tage mit einem Bus durch ganz Spanien. Also bin ich zuerst nach Düsseldorf gefahren.

Die Reise war gut, nicht mit Galopp durch Europa, wie man in Russland sagt, wir hatten genug Zeit, um ohne Eile die Städte anzusehen. Im Programm standen Madrid und Toledo, wir besuchten Barcelona und Valencia, waren in Sevilla und Granada, sogar in Figueres bei Dali waren wir zu Gast.

Für mich war die Reise besonders angenehm, denn ich war im Freundeskreis und jeden Abend im Hotel hatten wir eine kleine oder größere Party mit spanischem Wein. Das einzige, was mir fehlte, waren Spaziergänge in der Nacht in beleuchteten Städten, es war schon warm, Ende März, in den Straßen wimmelte es von Leuten. Aber unser Programm war sehr anstrengend, keiner wollte am Abend aus dem Hotel, und allein traute ich mich nicht.

Im Mittelpunkt der Reise stand Madrid. Drei Tage mit einem großen Programm. Am ersten Tag hat der Reiseleiter einen wichtigen Vortrag gehalten. Er hat uns gesagt, dass man in Madrid besonders aufmerksam sein muss — hier wird sehr viel geklaut. Er erzählte uns, wie die Zigeuner (damals hat man von Politkorrektheit noch nicht so viel gehalten und Wörter wie Afroamerikaner oder Sinti — Roma nicht gebraucht) ihren Kindern die Technik des Klauens beibringen: Ein Mann wird überall mit kleinen Glöckchen behängt, und der Azubi muss dessen Geldbörse so entfernen, dass kein einziges läuten darf . Also, Leute, passt auf eure Sachen auf!

Nach der Stadtbesichtigung brachte unser Bus uns auf die berühmte alte Plaza Mayor, dort hatten wir eine Stunde freie Zeit, um alles anzusehen. Die Plaza war voll von Touristen. Ich hatte eine Kamera in der Hand und die Tasche über der Schulter. Ein paar Aufnahmen habe ich auf der Plaza gemacht und bin dann ein bisschen weiter gegangen, dort stand eine schöne alte Kirche. An der Ampel warteten viele Passanten auf Grün. Ich habe mit ihnen die Straße überquert und wollte meine Sonnenbrille aus der Tasche holen. Die Tasche war auf, mein Portemonnaie weg und das Etui von der Kamera fehlte auch. Ich war geschockt, wieso konnte das passieren, ich hatte doch nichts gemerkt! Es war aber keine sehr große Katastrophe — meinen russischen Pass, damals hatte ich noch keine deutsche Staatsangehörigkeit, und einen Teil des Geldes, keine große Summe, hatte ich im Hotel gelassen. Aber im Portemonnaie steckte die Fahrkarte Düsseldorf — Hamburg, und noch viele andere Sachen, wie zum Beispiel mein Krankenausweis und meine Karte der Norderstedter Bank. Und was soll ich weiter machen? Ich bin in ein Café gegangen und auf kärglichem Englisch haben wir uns verständigt, dass ich einen Polizisten aufsuchen muss. Und wo? Auf der Plaza!

Zurück auf der Plaza habe ich angefangen einen Polizisten zu suchen. Ich fand ihn, umringt von einer großen Schar von Menschen. Als ich zu ihm durchgedrungen war und anfing zu stottern somebody steal my... haben alle Leute angefangen zu lachen — alle waren sie hier beklaut worden. Und ihnen ging es schlimmer als mir, es waren reiche Touristen mit vielen Kreditkarten, Autoschlüsseln, Schmuck und so weiter. Also hab ich verstanden, dass es aussichtslos ist, hier nach dem Rechten zu suchen, außerdem musste unser Bus schon Richtung Prado abfahren. Ich stieg ein, beklagte mich bei der Gesellschaft und wollte so schnell wie möglich die ganze Sache vergessen.

Am Abend im Hotel hat man mich überredet, bei der Rezeption eine Bescheinigung zu erbitten, um sie zu Hause der Polizei vorzulegen. An der Rezeption hat man mir geraten, draußen einen Polizeiwagen zu stoppen und den Polizisten meine Geschichte zu erzählen.

Es war schon gegen elf. Ich ging auf die Straße. Unser Hotel hieß Claridge, es war groß und stand auf einem Hügel. Das hell beleuchtete Stadtzentrum lag unten, nicht sehr nahe, die Straße war breit und menschenleer. Manchmal fuhren Taxis oder Polizeiautos vorbei und machten am Hotel eine Runde. Ich hatte meinen Mut gesammelt und die Hand gehoben. Ein Polizeiwagen stoppte. Auf gebrochenem Englisch erklärte ich mein Problem, und die beiden Polizisten hatten mich sogar verstanden. Sie sagten, dass sie mich zum Hauptquartier der Polizei bringen werden, aber zuerst mussten sie noch bei ein paar Stellen im Zentrum vorbeifahren. Unsere Stadt ist sehr schön, genießen sie es sagten die Polizisten. Zuerst hatte ich ein bisschen Angst, mit fremden Leuten im Auto, aber was könnte schon solch einer Alten passieren? Ich entspannte mich und genoss die Fahrt. Wir fuhren durch die Straßen, die ich schon am Tage gesehen hatte, aber in der Nacht, illuminiert, wirkten sie auf mich faszinierend.

Dann kamen wir in das Hauptquartier. Man führte mich in ein großes Zimmer. Von unten bis zur Decke standen Regale, dort lagen gedruckte Formulare in allen Sprachen der Welt. Ich hatte eins in Deutsch genommen. Auf zwei Seiten, eng gedruckt, waren Fragen, die man beantworten musste. Personalien, Umstände, über den Täter, wie alt, dick, schlank, lateinisch, germanisch, östlich, arabisch, Neger, zigeunerisch und eine ganze Seite, was alles bei einem Menschen geklaut werden konnte, vom Auto bis zur Sonnenbrille. Mit mir hatte der Beamte nicht viel Arbeit. Und er sagte, dass ich das Formular am Bahnhof vorlegen soll, vielleicht wird man mir eine Ersatzkarte ausstellen.

Zu meinem Erstaunen haben die netten Polizisten mich zurück ins Hotel gefahren. Und so habe ich doch die schöne Stadt Madrid bei Nacht erlebt.