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Weihnachten in Moskau

In Zeiten des Zarismus hieß es, Russland stehe auf drei Säulen: Absolutismus, Orthodoxie und Volkstümlichkeit.

Nach der Revolution wurde aus Absolutismus die Diktatur des Proletariats (der Partei, des Führers), aus Volkstümlichkeit wurde Freundschaft der Völker und die Religion hat man als Opium für das Volk bezeichnet. Viele Kirchen im Lande wurden demoliert, viele Geistliche landeten im GULAG. Und alle Feierlichkeiten der Orthodoxie wurden offiziell abgeschafft.

Bis 1937 war in Moskau sogar der Verkauf von Weihnachtsbäumen verboten. Die älteren Leute, die noch vor der Revolution aufgewachsen waren und zur Kirche gehörten, feierten natürlich die christlichen Feiertage, aber man machte es nicht publik, am Arbeitsplatz sollte es nicht bekannt werden.

Der größte christliche Feiertag in Russland war Ostern. Zu meiner Zeit funktionierten in Moskau nur wenige Kirchen, eine war in unserer Straße, und zu Ostern konnte man sehen, wie ältere Frauen mit weißen Bündeln zur Kirche gingen. Im Bündel auf einem Teller befanden sich der KulitschKulitsch (russisch Кули́ч) ist ein meist rundes Osterbrot aus Russland.Siehe Wikipedia.org (der traditionelle Osterkuchen) und gefärbte Eier, sie sollten in der Kirche geweiht werden.

Zu Weihnachten gingen die wenigen Leute in die Kirche, aber wir Jugendliche haben es nicht mitbekommen. Wir waren atheistisch aufgewachsen, die Pioniere, hieß es, haben in der Kirche nichts verloren. Ein Mädchen aus unserer Klasse schrieb im Aufsatz: Den Gott gibt es vielleicht, aber natürlich glaube ich nicht an Ihn. Während des Krieges hat Stalin entschieden, der Kirche etwas mehr Freiheit zu geben – die patriotische Kirche konnte doch bei der schwierigen Lage helfen. Aber sowieso für uns hieß die Religion Opium.

Im Jahr 1918 wurde in der UdSSR vom Julianischen Kalender zum Gregorianischen gewechselt. Die Kirche aber hat den Wechsel nicht angenommen, und die orthodoxe Weihnacht wurden am 7. Januar gefeiert. Über katholisch-protestantische Weihnachten hatten die meisten Menschen keine Ahnung; nur die Presse teilte uns mit, dass im imperialistischen Westen wieder ein obdachloser Arbeitsloser in der Weihnachtsnacht erfroren war.

Und statt des Opiums hatten wir in unserem Leben einen wunderschönen Feiertag – das Neue Jahr, den Begriff Silvester kannten wir nicht.

Überall im Lande wurden geschmückte Tannen aufgestellt – sie wurden Neujahrs-Tannen genannt. Sie standen in Wohnungen, Schulen, im Betrieb, auf den Straßen, in Parks, in Schaufenstern und Passagen, ebenso wie hier, in Deutschland. Vom 31. Dezember bis zum 10. Januar hatten die Schulkinder Winterferien. Und überall wurden für Kinder Partys am Tannenbaum gefeiert. Die Tanne heißt auf Russisch Jolka, also, man ging zur Jolka. Ich war schon viermal zur Jolka, prahlte man. Die Hauptpersonen dort waren Opa Frost und Schneewittchen. Sie schrien Eins, zwei, drei, Jolka, entflamme! und dann liefen die Kinder den Reigen um den Baum. Zum Schluss bekamen alle Geschenke – ein paar Pralinen, Kekse, Nüsse, Mandarinen – schön verpackt. Zu meiner Schulzeit war die Moskauer Haupt-Jolka im Kolonnensaal. Sie war sehr begehrt und die Geschenke dort waren sehr schön verpackt. Zur Zeit meiner Tochter war die Haupt-Jolka im Kreml. Zwei Wochen lang drei Vorstellungen jeden Tag. Die Eltern mussten draußen in der Kälte auf die Kinder warten, das hat meiner Tochter nicht gefallen und das nächste Jahr wollte sie nicht wieder hin. Eine schöne Jolka für Kinder machte man bei uns im Institut.

Die Hauptfeier war am 31. Dezember am Abend. Alle versammelten sich an gedeckten Tischen und um Mitternacht mit dem letzten Schlag der Turmuhr im Kreml wünschte das Oberhaupt des Landes seinem Volk ein glückliches Neues Jahr. Alle am Tisch hoben die Gläser mit Champagner, prosten einander zu und wünschten Gesundheit und viel Glück. Etwas Magisches empfanden die Leute in diesem Moment. Man sagte, wie du das Neujahr begehst, so wird es das ganze Jahr gehen und alle wollten es am besten machen.

Neujahr musste nicht unbedingt im Familienkreis gefeiert werden. Erwachsene Kinder machten ihre eigenen Partys. Manche gingen in Clubs oder ins Restaurant, wo auch getanzt wurde. Und andere fuhren zur Datscha, verbrachten die Nacht im Wald und machten ein Lagerfeuer unter einer heilen Tanne. Aber die meisten feierten in ihren Wohnungen mit Verwandten, Freunden oder Nachbarn.

In einer kleinen Wohnung oder sogar in einen Zimmer versammelten sich viele Leute. Man schob alle Tische zusammen, manchmal benutzte man eine ausgehängte Tür als Tisch. Man saß eng zusammengepresst auf dem Sofa, auf Hockern und Schemeln, eng, aber gemütlich. Und auf dem gedeckten Tisch… Aber darüber muss ich extra schreiben, weil die Tischgewohnheiten in Russland anders, als in Deutschland waren.

Schon ein paar Tage vor der Feier fing man an zu backen und zu kochen. Gäste brachten ihre Spezialitäten mit. Die Hauptarbeit lag natürlich bei der Gastgeberin. Ein paar Stunden früher kamen andere Frauen dazu, um mit Salaten zu helfen. Traditionell standen auf dem Tisch allerlei eingemachte Sachen – Sauerkohl, Gurken, Tomaten, gesalzene und marinierte Pilze, zum Wodka musste es unbedingt Hering geben, dann gab es Pasteten aus Leber, Hering und Pilzen, aus der Leber vom Kabeljau mit Eiern, sehr beliebt. Zum guten Tisch gehörte Sülze aus Schweinefüßchen mit Meerrettich und Fisch in Aspik. In einer großen Terrine befand sich der geliebte Kartoffelsalat mit Krabben oder Fleisch, der in Russland OlivjeDer Oliviersalat ist eine Salatkreation des französischen Kochs Lucien Olivier in den 1860er Jahren im zaristischen Russland und entstand, als dieser in Moskau ein französisches Spezialitätenrestaurant namens Эрмитаж (Hermitage) betrieb.Siehe Wikipedia.org heißt und in Schalen noch andere verschiedene Salate aus roten Beeten, Möhren, Gurken und anderen Zutaten. Da standen Sprotten, geräucherter oder gesalzener Lachs und Stör, Teller mit Aufschnitt aus Wurst, Fleisch, Schinken, und auch Kaviar war dabei.

In meinen jungen Jahren war noch schwarzer Kaviar zu haben und sogar nicht wahnsinnig teuer – dann lag er in Schalen. Später wurde er seltener und teurer, dann servierte man ihn nur auf Eiern, danach wurde der Kaviar rot und auch selten, aber fürs Neujahr bewahrte man ein Döschen auf. Den Tisch schmückten noch gefüllte PiroggenTeigtaschen aus Hefe-, Blätter- oder Nudelteig, sind in der osteuropäischen und finnischen Küche weit verbreitet. mit Fleisch, Kohl und Pilzen. Seltener, bei Könnern, gab es eine Pirogge mit der Rückensehne des Störs. Oder es gab kleine Piroggen mit verschiedenen Füllungen. Was habe ich noch vergessen? Ach, Hering unter Pelz aus roter Beete, Oliven und Pflaumen, mit Nüssen gefüllt. Das alles waren kalte Vorspeisen. Auf dem Tisch war kein Plätzchen frei geblieben. Schalen mit Brot, Obst, Süßigkeiten landeten woanders. In der Mitte standen Flaschen mit Wodka, Kognak, Wein und Sekt und Champagner, ungefähr eine Flasche pro Person, der Nachschub wurde noch irgendwo versteckt.

So, und alle warteten mit Ungeduld auf den Moment, wenn man die Gläser hebt – prost! – und es losgeht. Und dann begann das Essen in so einem Tempo, als ob man das ganze Jahr gehungert hat. Immer wieder sprach jemand einen Toast – auf das Neue Jahr, auf die Gesundheit, auf unsere Kinder, auf die lieben Damen, auf die tapferen Herren, auf die Gastgeberin, auf die Zukunft und so weiter. Alle waren schon satt, aber dann kamen aus der Küche warme Speisen – Gans oder Ente mit Äpfeln gefüllt, Fleisch mit Kartoffeln. Und wieder kamen Toasts – auf die Liebe und Freundschaft, auf das Glück.

Man musste eine Pause machen, schob den Tisch zur Seite, fing an zu tanzen. Wenn jemand eine Gitarre hatte, sang man Lieder, oder man spielte. Oder aber man ging auf die Straße und machte eine Schneeballschlacht. Geböllert wurde damals nicht, der Brauch kam aus dem Westen in den 1990er Jahren. Die ganz Betrunkenen fanden sich in einer Ecke und schnarchten dort. Und dann kam noch der große Nachtisch mit selbstgemachten und gekauften Torten, Kaffee und Tee, Eiskrem und Obst.

So verging die Nacht. Um 6 Uhr am Morgen fing die U-Bahn an zu fahren und man konnte nach Hause. Oder man blieb nach einem kurzen Schlummer zum ausgiebigen Frühstück mit Wein, um noch einen auf den Rausch zu trinken.

Gewiss, in Kriegs- und Nachkriegszeiten war es unmöglich, so einen Tisch zu decken; das gehört zum Zeitraum von 1950 bis 1990, als in Moskau Lebensmittel nur mit Schwierigkeiten und Schlange stehen, aber doch zu haben waren. So rutschte man ins Neue Jahr und für die orthodoxe Weihnacht war schon die Puste aus und das Geld weg.

Jetzt ist in Russland alles anders. Die Machthaber küssen sich mit den Patriarchen, die Kirche bekommt ihre Macht zurück und alle, die Geld haben feiern alle Feiertage. Und ich wünsche ihnen allen gesegnete Weihnachten mit einem schönen Weihnachtstisch und ein gesundes Neues Jahr!