© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2018
https://ewnor.de / http://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Geld regiert die Welt

Ich sitze am TV, sehe mir eine Sportschau an. Der Kommentator sagt: Heute haben unsere Athleten sich gut verkauft, oder Viktoria Rebensburg hat sich gut verkauft. In dem Moment stolpere ich und denke, wie ich das in Russisch übersetzen könnte und verstehe, dass man eine andere Redensart finden muss. Auf Russisch kann sich ein Buch gut verkaufen oder Waren im Laden und wenn man so von einer Frau spricht, ist sie eine Prostituierte.
Es kommt wahrscheinlich davon, dass meine Generation ein ganz anderes Verhältnis zum Geld hatte.

Nach der Oktoberrevolution war das Land, die Bevölkerung arm. Es mangelte an allem – an Lebensmitteln, an Kleidung, an Wohnungen. Selbst für Geld konnte man nicht viel bekommen, bis 1946 lebte man mit Lebensmittelkarten, nachher mit ständigem Mangel. Die Propaganda musste das Volk überzeugen, dass es gut so sei. Dort, bei denen, im verfaulten Westen, herrscht Jagd nach Profit. Bei den Kapitalisten hat nur Geld die Macht. Der sowjetische Mensch arbeitet für die lichte Zukunft der ganzen Menschheit. Und irgendwie wirkte die Propaganda. Es wurde schlechter Ton, viel über Geld, über Lohn zu reden.

Solch eine Einstellung zum Geld hat schon in der Kindheit angefangen. Der Begriff Taschengeld war uns und unseren Eltern fremd. Eltern gaben Kindern Geld fürs Kino, für Eis oder Bonbons. Ein paar Kopeken sind vielleicht geblieben und landen in einer Spardose, die bei uns Sparkatze, nicht Sparschwein hieß.

Natürlich konnten Kinder mit Geld umgehen, die waren damals viel selbstständiger als jetzt. Am Kriegsende und in der Nachkriegszeit hatten neun- bis zehnjährige Kinder Waren mit Lebensmittelkarten eingekauft. Das war aber Familiengeld, kein eigenes. Eigenes Geld gab es nicht und Spielzeug, Klamotten haben die Eltern gekauft. Es waren auch Kinder, die klauten bei Eltern oder anderswo, die hatten Geld, aber es war eine Ausnahme, von denen rede ich nicht.

Kinder durften kein Geld verdienen. Irgendeine Arbeit zu Hause oder in der Nachbarschaft für Geld zu erledigen war nicht üblich. Es gab eine berühmte Kindererzählung: Der Held TimurTimur und sein Trupp (russischer Originaltitel Тимур и его команда) ist der bekannteste Roman des russisch-sowjetischen Schriftstellers Arkadi Gaidar (1904–1941). Der Roman wurde 1940 veröffentlicht. Das zum Teil autobiografische Werk war sein größter Erfolg. In der DDR gehörte das Buch zur Lektüre im Schulunterricht.Siehe: Wikipedia.org war der Führer einer Schar von Kindern, die für Familien von Rotarmisten, alten Menschen und Invaliden verschiedene Arbeiten erledigten. Sie hackten Holz, brachten Wasser und so weiter, alles streng geheim und natürlich nicht für Geld. Also, wurde eine Bewegung gegründet – wir alle, junge Pioniere, waren auch Timurowzy. Wir sollten Bedürftigen helfen, aber meistens war es solche Arbeit, wie Schrott oder Altpapier sammeln oder den Schulhof reinigen. Ich schrieb manchmal Briefe für unsere analphabetische Nachbarin, sie steckte mir ein Bonbon zu, aber Geld konnte ich mir gar nicht vorstellen.

Die Helden unserer Propaganda waren damals Arbeiter, Ingenieure, Piloten, Rotarmisten, Kolchosbauern – niemals Verkäufer. Auf den Markt mit eigener Ernte am Ladentisch stehen war erlaubt, aber irgendwie unschicklich. Und für uns Kinder peinlich: Ein junger Pionier ist kein Händler. Ich sehe, wie in der Norderstedter Moorbeckpassage Kinder eine Decke auslegen und ihr altes Spielzeug und Bücher verkaufen. Für uns war so was unmöglich. Wenn es nicht für sich, sondern für die Gemeinschaft, für einen guten Zweck war, dann war es OK. So hatten wir unsere Kringel, die wir in der Schule zum Frühstück bekamen, gesammelt und auf dem Flohmarkt verkauft. Wir wollten unserer Lehrerin ein Geschenk zum 8. März kaufen, aber unsere Eltern durften davon nichts wissen.

Auf dem Land, in hungrigen Dörfern, hat es anders ausgesehen. Dort standen die Kinder am Ladentisch auf dem Markt oder gingen mit Beeren zu den Urlaubern, oder sie tauschten am Eingang zum Erholungsheim ein Glas Beeren für eine Portion Brot. Das rote Halstuch trug man dabei nicht.

Die Studenten hatten ein kleines Stipendium, es reichte nicht zum Leben, man musste dazuverdienen. Nicht jede Arbeit galt als angemessen. In der Nacht Waggons ausladen war OK, aber ich erinnere mich an eine Anzeige an der Wand im Institut: Schande den Studenten (Namen genannt), die im Restaurant für Geld Jazz spielten. Das Restaurant galt wahrscheinlich für unsere Parteiorganisation als Spelunke, wo die Musiker von Kriminellen Geld in die Hand gedrückt bekamen.

Es waren Tätigkeiten, die von Einwohnern bar bezahlt wurden. Zum Beispiel Schneiderin, Buchbinder, Maschinenschreiberin oder Repetitor konnten inoffiziell arbeiten, aber hatten immer Angst von der Nachbarschaft denunziert zu werden. Ein Handwerker konnte dir ein Regal bauen, ein Lkw-Fahrer außerhalb seiner Arbeitszeit deine Sachen zur Datscha bringen. Ein Zahnarzt konnte dir für Geld goldene Zähne machen, ein großes Risiko für ihn.

Es gab auch Bestechungsgeld. Man zahlte manchmal, damit ein bestimmter Professor eine Operation durchführte, um dein Kind an die UNI zu bekommen. Manche Beamten waren korrupt. Aber normale Menschen fühlten sich bei solchen Aktionen sehr unwohl, viel unwohler als die, die das Geld nahmen. Und man hat mit Leuten, denen man Geld gab, keine Freundschaft geführt, es war eine andere Liga.

Ich kann mich noch erinnern, dass in der Garderobe des Restaurants ein Brett hing, an dem stand: Trinkgelder entwürdigen einen Menschen. Aber der Garderobier wollte dir immer in den Mantel helfen, in Erwartung eines Trinkgeldes. Mit dem Trinkgeld hatte ich immer Schwierigkeiten. Zu geben war peinlich, nicht geben noch peinlicher. Also, lieber in die U-Bahn, statt ein Taxi zu nehmen. Das Gleiche im Café, lieber Selbstbedienung. Nur hier, in Deutschland, nach elf Jahren in der Garderobe der Musikhalle, habe ich mich gewöhnt, mit Trinkgeld umzugehen, zu sagen: Stimmt so im Café.

Ich fühlte mich immer unwohl, wenn ich Geld zustecken musste, der Pflegerin im Krankenhaus, der Friseurin als Danke schön, obwohl sie es erwarteten. Man musste noch der Verkäuferin für Mangelware zuzahlen, das grenzte schon an Bestechung.

Also war der Umgang mit Geld in solchen Situationen irgendwie unangenehm. Geschenke für Kinder, Verwandte, Freunde, zu Geburtstagen, Hochzeiten, Feiertagen waren immer ein großes Problem. Erstmal musste man sich etwas ausdenken, dann es finden, ergattern. Aber einfach Geld zu schenken war unmöglich – schlechter Ton. Und wenn man einer Ärztin ein Geschenk brachte, war es immer das gleiche: Blumen, Pralinen, ein Buch, Kognak für einen Arzt. Meine Freundin, eine Augenärztin, klagte mir: Wieso bringt man mir Blumen und Pralinen, ich möchte lieber ein Huhn; es waren damals knappe Zeiten, für ein Huhn musste man Schlange stehen.

Wenn man sich um eine Stelle beworben hat, war immer zuerst die Rede vom Inhalt der Arbeit – ist es interessant, ist das Thema wichtig? Über Gehalt sprach man nicht viel, vielleicht weil es überall ungefähr das gleiche war. Also lebten wir nach dem Motto Geld allein macht nicht glücklich.

Nachher kamen die Perestroika und der wilde Kapitalismus. Und das Verhältnis zum Geld hat sich schleunigst verändert. Jetzt regiert Geld die Welt.