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Der Pelz
oder:
über das Leben in der Zeit der Flaute
des fortgeschrittenen Sozialismus

Es war Februar 1971, ich schob den Kinderwagen mit meiner zwei Monate alten Tochter, sie war in viele Decken eingewickelt und hatte es warm. Mir war kalt, ich hatte ein recht elegantes Mäntelchen aus Kunstfell an, aber zum Spazieren mit dem Kinderwagen im Moskauer Winter war es zu dünn. Du brauchst einen richtigen Pelz sagte meine Mutter (damals demonstrierten noch keine Tierschützer gegen Pelze). Und meine energische Mama hat sofort angefangen zu handeln.

Aber wo bekommt man einen Pelz, eine Defizitware? In Warenhäusern waren die Abteilungen Pelzwaren immer leer. Natürlich gab es in Moskau auch schicke Läden für Pelzwaren, dort konnte man einen Pelz aus Silberfuchs bewundern (für nur 15.000 Rubel), oder einen billigeren aus Karakulfell (3000 Rubel) Aber bei 150 Rubel Monatsdurchschnittslohn waren diese Pelze nicht besonders erschwinglich.
Mutter konnte ihr Sparbuch auflösen und mir einen teuren Pelz kaufen. Aber wozu? In unserer Familie waren Klamotten keine Sache des Prestiges. Das Geld konnte man für etwas Interessanteres gebrauchen, zum Beispiel für Reisen. Ein Pelz musste warm sein und einen normalen Preis haben, um keine Angst zu haben, dass man dich am Abend ausraubt oder dass er im Gedränge der U-Bahn kaputtgeht. Manche Leute auf der Straße tragen doch bulgarische Pelze aus Lamm oder elegante Sealmäntel (aus Kaninchen).

Pelze aus Lamm konnte man manchmal im Warenhaus ergattern. Irgendwie haben die Leute mitbekommen, an welchem Tag der Verkauf laufen wird. Meistens hat es am Ende des Monats stattgefunden. Ein paar Tage zuvor wurde eine inoffizielle Schlange gebildet. Man schrieb eine Liste und musste zwei Mal täglich zum Zählappell kommen. Vor dem Verkaufstag hat man Tag und Nacht Wache gestanden. Polizisten strebten, die Liste wegzunehmen und die Schlange zu verjagen. Am Ladentisch bildete sich ein schreckliches Gedränge. In der Schlange waren viele Schieber, und korrupte Polizisten selbst hatten daran einen Anteil gehabt, und bei den Schiebern kassiert. So ein Erlebnis war nichts für mich. Gern hätte ich beim Schieber doppelt bezahlt, aber wir hatten leider keine Bekanntschaften aus dem Milieu.

Es gab noch eine Möglichkeit, einen Pelz im Atelier für Pelzkleidung zu bestellen, aber man konnte das nur mit einem Bezugsschein machen. Diese Bezugsscheine wurden im Betrieb von der Gewerkschaft verteilt. Für die Arbeiter in den Fabriken ist es besser ausgefallen, aber die Wissenschaftler waren benachteiligt — bei uns im Institut reichten die Bezugsgutscheine nur für Betriebsleitung, Parteikomitee und Gewerkschaftsleitung. Die Labors gingen meistens leer aus. Diese Bezugsscheine waren damals sehr verbreitet für alle Defizitwaren — Pelzhüte, Stiefel, Eisschränke, Teppiche usw. Also, unser Ziel war nicht leicht zu erreichen, aber meine Mama war ein Mensch der Taten. Sie wendete sich an meine Cousine Lina. Lina hatte 1946 ihr Schauspielstudium absolviert, es auf die Bühne aber nicht geschafft, und verdiente ihren Lebensunterhalt als Leiterin verschiedener Laienkunstgruppen. So eine Gruppe leitete sie auch im GUM (damals war es das größte Warenhaus in Moskau). In der Gruppe war so eine Dame, Ljubka mit Vornamen. Sie war nicht im GUM angestellt, war Zahntechnikerin, hatte auch (schwarz) mit Gold gearbeitet, was strikt verboten war, für diese Tätigkeit konnte man sehr leicht für Lange im Knast landen. Offiziell konnte man goldene Kronen in speziellen Zahnkliniken für die gehobene Schicht bekommen, also dafür waren auch quasi Bezugsscheine da. Also, wie man jetzt sagt, war Ljubka eine coole Frau mit umfangreichen Beziehungen.

Lina sagte Ljubka, dass ihre Schwester dringend einen Pelz brauche und Ljuba war mit einem Direktor des Ateliers für Pelzkleidung bekannt. Kein Problem!- hat sie gesagt. Ich traf sie am Abend beim Eingang zur ihrer Zahnklinik. Sie war keck angefahren mit einem roten PKW, damals war es in Moskau eine Seltenheit — Frau am Steuer!. Ich übergab ihr 300 Rubel für einen Pelz aus schwarzen Karakulpfötchen, und sie sagte, sie rufe mich an, wenn die Anprobe fertig sein würde.
Ich habe angefangen zu warten. Nach einen Monat habe ich mich bei Lina beklagt. Lina sagte, dass Ljubka eigentlich eine ehrliche Frau sei und dass ich sie selbst anrufen soll. Ljubka sagte, dass sie mich nicht erreichen konnte?!, dass das Atelier im letzten Monat keine Fellwaren bekommen hat, und dass sie mich in einer Woche wieder anrufe. Die Geschichte dauerte ein halbes Jahr. Ich habe verstanden, dass Ljubka mich zum Narren hielt, und habe ihr gesagt, dass ich keinen Pelz mehr brauche und mein Geld zurück will. Nach einer Woche wurde mir erlaubt, ins Atelier zu kommen, und nach einem Monat hing der Pelz in meinem Schrank. Dann wollte meine beste Freundin auch einen warmen Pelz haben, sie hatte auch bei Ljuba angerufen. Ich hatte sie gewarnt, dass es eine Nervensache werden kann, aber sie hat sich darauf eingelassen. Sie musste auch ein halbes Jahr immer wieder bei Ljubka anrufen. Es war Ljubkas Prinzip — zuerst hatte sie das Geld für eigenen Bedarf ausgegeben, erst als ihr Kunde unerträglich hartnäckig wurde, übergab sie das Geld dem Atelier und behielt selbstverständlich auch ein Teil davon.

Dann sind wir vom Zentrum Moskaus in einen grünen Bezirk umgezogen und meine Mutter meinte, sie bräuchte auch einen Pelz, um mit der Enkelin im Wald spazieren zu gehen. Ich sagte Ljuba, das meine Mama schwache Nerven hat, also, bitte, ohne Tricks. Und wirklich, diesmal ging es schnell.

Jahre vergingen. Meine Tochter war schon 5, die Mutter, Soja, ihres Sandkastenfreundes  war Musiklehrerin an der Musikhochschule. Sie hatte den Ursprung unserer Pelze erfahren und mich angefleht, sie Ljuba zu empfehlen. Bald hatte sie schon eine Anprobe. Doch nach kurzer Zeit hat Soja am Abend an meiner Tür geklingelt. Sie war in Panik und verweint. Sie erzählte, sie wurde zur Staatsanwaltschaft (?!) bestellt, wurde dort verhört und habe gestanden, dass sie das Geld an Ljuba gegeben habe. Und dass sie mich dort verraten hatte: ich habe sie mit Ljuba bekannt gemacht. Natürlich war ich nicht begeistert, aber was soll es? Es kann doch nichts Schreckliches passieren! Höchstens wird man meinen Pelz konfiszieren, er ist schon recht abgetragen, nicht so schade, und Mama ist bei mir nicht angemeldet.

Ein paar Tage war alles ruhig und ich dachte, die Sache wird glatt ablaufen.

An jenem Morgen war ich zu Hause und packte meinen Koffer. Ich hatte vor, am Abend mit dem Zug nach Leipzig, zu einem wissenschaftlichen Symposium zu fahren. Das Telefon klingelte, ich nahm den Hörer ab und eine Männerstimme sagte : Staatsangehörige Orkina, man spricht mit ihnen von OBKhSS ( das ist die russische Buchstabenabkürzung für Abteilung zur Bekämpfung der Unterschlagung des sozialistischen Eigentums bei der Polizei). Sie müssen zu uns zum Verhör kommen. Erschrocken, mit schwerer Zunge sagte ich, dass es für mich unmöglich sei, weil ich in ein paar Stunden zum Symposium fahren muss. Ja, wir wissen, dass Sie ins Ausland fahren, wir telefonierten mit der Personalabteilung ihres Instituts. Aber wenn Sie uns nicht sofort sagen, woher Sie Ljuba kennen, ihren Nachnamen, und wo sie sich befindet, wird ihre Fahrt wegfallen. Wir haben die Möglichkeit, Sie vom Zug abzusetzen. Ich habe Panik bekommen, habe angefangen fieberhaft zu überlegen was ich antworten soll. Sagte dann, dass ich nur Ljubas Vornamen kenne, dass sie mich zum Atelier begleitet habe, dass ich ihre Telefonnummer längst weggeworfen hatte. Uns bekanntgemacht hat meine Cousine, Ljuba gehe zu ihr in eine Theatergruppe. Ach, diese Ljuba ist dazu auch noch eine Artistin! Geben sie uns sofort die Telefonnummer ihrer Cousine und wagen sie nicht, uns zu betrügen.

Sollte ich meine Lina anrufen oder nicht? Vielleicht ist mein Telefon schon angezapft? So ein Angsthase war ich damals, und nicht nur ich allein! Mama sagte, ich soll schleunigst anrufen, damit Lina mit dem Anruf von dort nicht überrascht wird. Lina reagierte auf meinen Anruf erstaunlich ruhig: Was ist? Ljuba besucht meine Theatergruppe und ich bat sie, meiner Schwester zu helfen. Nichts Kriminelles war in meiner Handlung, und ich werde denen Ljubas Adresse und Telefonnummer geben. Und du fahr ruhig, sagte sie, wir besprechen die Sache, wenn du zurück kommst.

Ich stieg in den Zug ein. Ich fuhr im Coupé mit meinem Kollegen Vasilij und unserem Chef, beide große Liebhaber von Scherzen und Späßen. Ich erzählte ihnen, was für eine Geschichte mit mir passierte, und es fing an... Sie amüsierten sich die ganze Zeit, wieherten, besonders als wir an der Grenzstation Brest ankamen. Dort am Bahnsteig stehen Männer in Uniform, ich mein, die sind gekommen, um Sie vom Zug abzuholen. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben — ich werde Ihren Vortrag berichten - lachte der Chef, ehrlich gesagt, war mir nicht zum Lachen. Aber es ist glatt gegangen, und ich bin weitergefahren.

Es verging eine Woche im wunderbaren Leipzig. Der Vortrag war mir gelungen. Wir machten eine Reise nach Dresden, hatten dort den Zwinger besucht und ergötzten uns an den berühmten Bildern, die aus Moskau zurückgekommen waren. Unser Chef ist zum Symposium als Dienstreisender gekommen, seine Reise wurde von der Akademie der Wissenschaft bezahlt. Alle anderen in unserer Gruppe waren wissenschaftliche Touristen, wir mussten unsere Reise selbst bezahlen. Trotzdem war es sehr vorteilhaft. Erstens, war eine Auslandsreise damals für einfache Bürger ein Traum. Zweitens, für das umgetauschte Geld (Valuta!) konnte man eine Menge kaufen. Der Tourist aus UdSSR hatte immer einen Kocher, Konserven, Wurst und Käse, Zwieback, Wodka usw. in seinem Koffer. Man sparte am Essen, um mehr Valuta für Waren ausgeben zu können und um mehr Geschenke nach Hause zu bringen. Wir wissenschaftliche Touristen haben uns von normalen Touristen nicht unterschieden, und mein Koffer war auch mit Lebensmitteln beladen. Natürlich wollten wir möglichst viel sehen, und einmal auch eine Tasse Kaffee oder die berühmten deutschen Würstchen genießen, aber die Hauptmahlzeit hatten wir am Abend im Hotelzimmer.

Also musste man die Valuta (auch die DDR-Währung war für uns Valuta!) vernünftig ausgeben, und das war eine schwierige Aufgabe. Im Vergleich mit der UdSSR hat für uns die DDR wie ein Schlaraffenland des Überflusses ausgesehen. Ach, was für Gemüseläden waren in Leipzig, welch Blumenkohl, weiß und knackig, wurde dort verkauft und in Moskau musste man stundenlang Schlange stehen, um Welkes und Schwarzes zu ergattern. Wie sollte man in dem Warenüberfluss unser bescheidenes Geld ausgeben? Mit der Aufgabe sind wir einigermaßen fertig geworden. Aber zum Schluss waren wir in einem Laden gelandet, wo man Strickwolle verkaufte. So was Schönes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Die Wollknäuel lagen in großen, gläsernen, runden Vasen. Und welche Farben! Welche Qualität! Damals waren Mama und ich begeisterte Strickerinnen. Ich habe angefangen, mich von Vase zu Vase zu werfen — ich wollte alles kaufen, hatte aber so wenig Geld. Die Entscheidung fiel mir schwer, und Vasilij hat mich aus dem Laden im ohnmächtigen Zustand herausgeführt.

Den letzten Tag verbrachte unsere Gruppe in Berlin. Ein wenig Geld haben wir für Berlin übriggelassen, außerdem mussten wir dort noch Reisegeld für den letzten Tag bekommen. Wir kamen nach Berlin am Abend, übernachteten im Hotel in der Nähe des Fernsehturms. Am Morgen mussten wir die Hotelzimmer räumen, zum Glück war es erlaubt, das Gepäck in der Rezeption zu lassen. Der Zug nach Moskau fuhr erst spät am Abend, und da sind wir in eine ärgerliche Lage geraten. Es stellte sich heraus, dass uns das Reisegeld erst am Abend im Zug gegeben wird. Wir mussten den Tag in Berlin als mittellose Obdachlose verbringen.

Es war leichter Frost und es schneite ein wenig. Zuerst gingen wir in das Pergamonmuseum, bewunderten den berühmten Altar, dann ging Vasilij in das Historische Museum, und ich zum Fernsehturm. Damals hatte die DDR für Museen und andere Sehenswürdigkeiten niedrige Preise und unser Geld reichte aus. Ich wollte, wenigstens von oben und von weitem, in den kapitalistischen Westen hineinschauen, wohin der Weg für einfache sowjetische Touristen gesperrt war. Oben am Turm drängten sich alle Leute auf der Westseite und ich bekam Angst, der Turm würde gleich umstürzen. Ich sah den unbewohnten Reichstag, das Brandenburger Tor, wo Posten Wache standen — dort war Sperrgebiet und den Tiergarten. Weiter weg war der Kurfürstendamm, aber kaum zu sehen. Und sehr gut sah man die Mauer. Ich nahm meinen Stadtplan heraus, und ein junger Bursche neben mir sagte: was ist hier zu gucken — hier sind wir, und dort — der Westen!.

Wir trafen uns mit Vasilij. Es dämmerte, und wir waren sehr hungrig und hatten ganz wenig Geld. Wir gingen in eine Kantine mit Selbstbedienung, dort sollte ich allein mit dem ganzen Geld etwas ganz Billiges aussuchen. Wenn das Geld reicht, wird Vasilij dasselbe nehmen, wenn nicht — teilen wir die Portion. Ich nahm Nudelsuppe, das Geld reichte auch für eine zweite Portion. Vor Hunger haben wir die heiße Nudelsuppe entzückend gefunden. Wie wenig brauchten zwei wissenschaftliche Touristen im Ausland für ein vollständiges Glück!

Erwärmt gingen wir spazieren. Mich hat die Mauer sehr angezogen, dort standen sowjetische Soldaten Posten, ich wollte dort entlang laufen. Bist du ganz verrückt?, zerrte mich Vasilij erschrocken fort. Die Posten werden uns stoppen, den Fall an unsere Personalabteilung melden und man wird uns niemals mehr ins Ausland lassen. Und dir, mit deiner Pelzgeschichte, fehlt das auch noch! So ein Unsinn, aber wir alle waren so verschüchtert!

Es war kalt und dunkel, und noch vier Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. Wir wollten irgendwo hin in die Wärme und sahen offene Türen im Palast der Republik. Jetzt sagt man, es wurde schlecht gebaut, mit Asbest verseucht usw. Aber damals hatten wir den Palast als achtes Weltwunder empfunden. Luxusgemächer, Marmor, große Bilder, sozialistischer Realismus, aber sehr malerisch. Es spielte ein Orchester, man durfte tanzen, am Büfett konnte man Kaffee und Kuchen bestellen (leider kein Geld!). Alles nicht schlechter als im Kongresspalast des Kreml, mit dem Unterschied, dass es für alle geöffnet war und keine Wache davor stand.

In der Nähe von Moskau habe ich mich wieder an die Geschichte mit dem Pelz erinnert, im Ausland hatte ich die Sache beinahe vergessen.

Zu Hause erwartete mich eine Vorladung zur OBKhSS. Ich fuhr
 zu meiner Lina, um mir einen Rat zu holen. Sie erzählte, dass in der Staatsanwaltschaft eine Gegenüberstellung von Soja und Ljuba gemacht wurde. Soja hat mit Tränen gestanden, dass sie Ljuba erkenne und ihr 300 Rubel gegeben habe. Und Ljuba sagte, dass sie diese Frau zum ersten Mal im Leben sehe, und kein Geld von ihr bekommen hätte. In deutschen Krimis nennt man das Aussage gegen Aussage und die Schuld kann nicht bewiesen werden. Ljuba hatte überhaupt keine Angst und sagte zu Lina Ach, mit der Intelligenz macht man lieber keine Geschäfte: die sind alle Feiglinge und scheißen sofort in die Hose!. Lina hat mir zu sagen geraten, dass ich bei der Kassiererin im Atelier 180 Rubel bezahlt hätte und von dieser Version nicht abzuweichen.

Also, kam ich in diese OBKhSS. Es war so ein schäbiges Kontor, aber der Untersuchungsführer war auf hohem Niveau: es war nicht leicht mit ihm, ich hatte sofort verstanden, das er auch stärkere Gegner als mich knacken konnte. Ich habe mich bemüht, von meiner Version nicht abzuweichen. Ja, ich war im Atelier mit Ljuba, habe keine Ahnung, wieso die mir ohne Bezugsschein den Pelz machten, vielleicht wollten sie Ljuba einen Gefallen tun. Ja, ich gab der Kassiererin 180 Rubel und bekam einen Beleg. Beim Umzug hatte ich den Beleg weggeschmissen. Den Namen der Kassiererin weiß ich nicht und würde sie jetzt auch nicht erkennen — es ist so lange her, schauen sie, wie abgewetzt mein Pelz geworden ist. Darauf hat der Untersuchungsführer ein ideologisches Geschwätz angefangen — ich sollte zur Gewerkschaftsleitung gehen, um einen Bezugsgutschein bitten und einen legalen Weg wählen. Ich antwortete, dass obwohl ich 15 Jahre im Institut diente, kein einziges Mal einen Bezugsgutschein bekam und damit auch nicht rechnen konnte. Damit hatten wir uns verabschiedet, er sagte vorläufig. Zum Schluss sagte er schadenfroh: Belogen hat man sie in ihrem Atelier, laut Buchhaltung kostet ihr Pelz nur 120 Rubel.

Zu Hause hatten wir eine Zeit lang eine Fortsetzung erwartet, aber es ist nichts passiert. Ljubka lebte wohlbehalten, den Direktor des Ateliers hat man gekündigt, aber nach kurzer Zeit wurde er in ein besseres Atelier eingesetzt, also, ein Karrieresprung. Man hatte mir erzählt, dass die meisten Pelze im Atelier schwarz, ohne Bezugsgutscheine genäht wurden, und das Geld mit allen geteilt wurde — mit der Belegschaft, mit Übergeordneten, mit der Polizei, und, so sagte man, sogar mit OBKhSS. Aufgeflogen war die ganze Geschichte, weil die Putzfrau vergessen wurde und an die Staatsanwaltschaft eine Denunziation schickte. Also musste die reagieren.

So lebten wir in der Zeit der Flaute. Gar nicht schlecht gelebt, wenn man bedenkt, welche Freude, welch ein holdes Glück man fühlen konnte, als eine Jagd nach einem Pelz mit Erfolg endete.
Jetzt leben wir in Deutschland, es gibt keine Defizitware, alles kann man fürs Geld (wenn es nur da ist!) kaufen. Aber wo ist die Freude geblieben?
Die ist leider weg!…