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Mein Abschied von Stalin

Am 4. März 1953 wurde dem Volk durch Rundfunk mitgeteilt, dass unser größter Führer aller Völker und Zeiten J.Stalin schwer erkrankt sei. Im Bericht der behandelnden Ärzte stand, Stalin leide an einer Herzinsuffizienz, und die Lage sei sehr ernst.
Für uns junge Leute, die im gottlosen Staat aufgewachsen waren, war Stalin ein Ersatz des lieben Gottes. Schon im Kindergarten hatte man uns eingeprägt, dass der große Stalin der beste Freund aller Kinder sei. In der Schule sagte man uns, er sei ein Genie, der Retter der Welt, der größte Stratege. Und die Soldaten auf den Kriegsfeldern starben mit den Worten: Für Vaterland, für Stalin!

Als ich noch klein war, schwärmte ich, dass, wenn Stalin einmal etwas zustoßen sollte, ich ihn retten werde, mein ganzes Blut wollte ich ihm abgeben, bis zum letzten Tropfen (blöde Schwärmerei, aber verständlich bei der Gehirnwäsche, die wir damals hatten). Und die Erwachsenen? Bei jeder Versammlung, wo ein Präsidium gewählt wurde, hat man immer Stalin als Ehrenmitglied gewählt, und alle standen auf und applaudierten. Und auf jedem Bankett war der erste Trinkspruch für Stalins Gesundheit! gewesen. Bei der Wahl im Obersten Sowjet stand Stalin als Kandidat immer in Stalins Bezirk in Moskau, und viele beneideten die Menschen, die dort wohnten. Aber auch in anderen Wahlbezirken hatten manche Leute ihren Wahlzettel mit Worten: wähle für Stalin! in die Urnen eingeworfen. 1949 hat der Staat Stalins Jubiläum (70 Jahre) gefeiert. Was war das für ein Ausbruch von Liebe und Lob in den Medien! Im größten Museum in Moskau war eine Ausstellung der Geschenke, die er zum Geburtstag von Betrieben und von Personen aus der ganzen Welt bekommen hatte. Ich stand dort stundenlang in einer Schlange und sah die riesigen Teppiche und Bilder, sah auch ein Reiskörnchen, auf welchem ein chinesischer Könner ein ganzes Gedicht eingraviert hatte.
Gewiss hatten recht viele ihre große Liebe nur geheuchelt. Viele wussten doch von den Repressionen und GULAGs, hatten aber Angst, ein Wort in der Kritik zu sagen, und die es wagten, die wurden verhaftet.

Die Eltern hatten Angst mit Kindern über Politik zu reden — Kinder konnten sich doch in der Schule verplappern. Einmal in der 5. Klasse hatte uns die Lehrerin eine Aufgabe gestellt: wir mussten die Namen uns bekannter sowjetischer Helden in alphabetischer Reihe aufschreiben. Ich habe Stalins Namen geschrieben. Die Lehrerin nahm mein Blatt und sagte: So was darf man nicht schreiben, Genosse Stalin ist kein einfacher Held, er ist ein Genie!. Ich war stur und fing an zu streiten: er ist doch auch ein einfacher Mensch und besitzt das Heldenabzeichen!. Die Lehrerin hat meine Mutter zur Schule gerufen und zu Hause sagte mir meine Mama, dass ich den Mund halten soll und niemals, niemals in der Schule oder anderswo über politische Themen diskutieren soll. Viele ihrer Bekannten waren verhaftet worden und verschwanden. Sie hat niemals mit mir darüber gesprochen, wollte mich auch nicht enttäuschen und meine rosige Brille trüben. So war Stalin für mich eine Gottheit, und wenn im Lande etwas schief ging, passierte es gegen seinen Willen, man hatte das vor ihm verheimlicht.
Und am Anfang 1953 ist vieles schief gelaufen, es war eine ganz schlimme Zeit: im Januar hat Prawda einen Leitartikel herausgebracht, in dem sehr bekannte Ärzte (meistens jüdische Nachnamen, aber auch Stalins Leibarzt Winogradow, dessen Diagnose Stalin wütend machte) beschuldigt wurden, die führenden Persönlichkeiten der Partei und Regierung absichtlich falsch behandelt zu haben. Der verstorbene Zhdanow, Mitglied des Politbüros, für Ideologie verantwortlich, stand im Artikel, sei vergiftet worden. Die Medien fingen eine Hetzjagd an. Die Ärzte wurden verhaftet, man erwartete einen öffentlichen Prozess. Ich hoffte im Inneren, dass es Stalin bekannt wird, damit sich die Sachen zum Besseren wenden, ich wusste damals nicht, dass es seine Idee war.

Ich hatte die Absicht, die ganze Nacht vom 4. zum 5. März wach zu bleiben, ich musste am nächsten Tag meine Zeichnung abgeben. Der Rundfunk war nicht ausgeschaltet, und jede Stunde wurde der Bericht über Stalins Gesundheitszustand übertragen. Um 2 Uhr morgens hatte man angefangen über Cheyne-Stokes AtmungBei der Cheyne-Stokes-Atmung — benannt nach John Cheyne (1777—1836) und William Stokes (1804—1878) — handelt es sich um eine pathologische Atmungsform. Sie ist durch ein periodisches An- und Abschwellen der Atemtiefe und des Abstands der einzelnen Atemzüge voneinander charakterisiert. An die flachsten Atemzüge schließt sich oft ein kürzerer Atemstillstand an, dann setzen wieder Atemzüge ein, die sich zunehmend vertiefen.
Eine Cheyne-Stokes-Atmung findet man häufig bei ungenügender Hirndurchblutung, beispielsweise durch Gefäßsklerose, bei Schlaganfällen oder Vergiftungen. Auch bei Tieren im Winterschlaf wurde die Cheyne-Stokes-Atmung beobachtetQuelle: Wikipedia
zu reden. Jetzt weiß man, wie es damals war, dass zu der Zeit Stalin schon ein paar Tage tot war, und seine Nachfolger unter einander um die Macht feilschten. Sie wollten erst nach einer Vereinbarung das Volk benachrichtigen. Es wurden auch für den Fall eines Putsches Militäreinheiten nach Moskau bestellt. Aber für die Bevölkerung waren die Berichte live. Am Morgen des 5. März wurde ein ärztliches Gutachten über Genosse Stalins Tod abgegeben, und Staatstrauertage wurden angeordnet.

Es wurde erklärt, dass Stalins Leichnam im Kolonnen-Saal im Zentrum Moskaus ausgestellt wird, und am 6. März darf die Bevölkerung Abschied von Genosse Stalin nehmen. Die Werktätigen können es organisiert, in Kolonnen der Betriebe machen. Ich hatte mich bereit gemacht, um in die Hochschule zu gehen. Vielleicht lohnt es nicht, zum Kolonnen-Saal zu gehen fragte meine Mutter ängstlich, wahrscheinlich wird eine Menschenmenge sich drängen, und man wird kaum was sehen können. Aber ich bin gegangen, wie auch andere.

Vor unserer Hochschule hatte sich eine große Kolonne gebildet, wie für eine Demonstration, und wir gingen auch den gleichen Weg, geführt von den Vorgesetzten. Die Gesichter waren traurig, und manche Mädchen haben geweint. Es waren natürlich nicht alle dabei — manchen haben es die Eltern verboten, manche waren auch selbst klüger als wir. In meiner Gruppe waren noch drei Mädchen und einige von den Burschen. Es schneite, aber es war kein starker Frost. Der Weg bis zum Zentrum war recht weit, vorne und hinten gingen andere Kolonnen. Wir bewegten uns sehr langsam, oft mussten wir stehen bleiben. Irgendwo in der Mitte unseres Marsches haben die Lautsprecher uns aufgefordert nach Hause umzukehren, weil sich im Zentrum zu große Menschenmengen versammelt haben. Die Vorgesetzten gehorchten, wir aber haben uns entschieden, weiter zu gehen. Es fing an zu dämmern, als wir zu einer Absperrung kamen, bogen in einen Boulevard ein und gelangten zum Trubnaja Platz. Der Durchgang zum Platz war mit Militärlastwagen gesperrt, wir sind hinüber geklettert und waren auf dem Platz. Von dort hatten uns die Polizisten und Soldaten nach links durch einen Boulevard getrieben. Alle um uns herum liefen durch den tiefen, zertrampelten Schnee, in dem verlorene Schuhe und Galoschen umher lagen. Wir hatten große Angst, einander zu verlieren, dann kletterten wir über ein Boulevardgitter und gelangten an das Ende einer Menschenschlange, die sich entlang der Straße zwischen Häusern und Gittern befand. Wir waren ungefähr zwei km vom Kolonnen-Saal entfernt. Die Schlange bewegte sich nach unten, und bog dann nach links in eine Straße, die zum Zentrum führte. An der Ecke befand sich ein altes Klostergebäude mit sehr hohen, steinernen Mauern, etwa fünf Meter hoch. Die Menschenmenge versuchte, sich nach unten, zur Ecke zu bewegen. Es war dunkel geworden. Hinter uns standen nicht viele Leute, wahrscheinlich waren wir die letzten, denen es gelungen war, durch die Absperrung zu kommen. Wir waren ungefähr 100 meter von der Ecke entfernt.

Die Bewegung nach vorne war sehr langsam, nur weil die Menschenmenge unten sich verdichtete. An der Ecke entstand ein schreckliches Gedränge, von dort konnte man nicht weg, an einer Seite standen die Lastwagen, an der anderen war die Mauer, und von hinten drängte die Menge. Über den Köpfen stand eine Dampfwolke und so ein Stöhnen. Die Leute dort hatten schon verstanden, dass man sich retten muss. Aber manch Waghalsige probierten im Gegenteil, in die Schlange zu geraten, indem sie von der Mauer sprangen. Die hinteren hatten nicht verstanden, dass die Leute vorne zerdrückt wurden. Und dann sind durch den Boulevard Lastwagen gefahren, und es gab Gerüchte, dass man Zerdrückte transportiert. Den Gerüchten wollten wir nicht glauben, aber es war keine Bewegung mehr nach vorne, wir waren fast erfroren und die Klügste von uns sagte: wie ihr wollt, ich gehe nach Hause. Von unserem Platz konnte man es noch schaffen, und wir gingen alle vier. Wir gingen weinend — wie sollten wir weiter leben, wenn ER tot ist?
Was soll mit uns allen und mit dem Land werden?

Mutter atmete auf, als ich spät am Abend nach Hause kam. Nachher sagte man, Stalin habe Tausende mit ins Grab genommen. Ein paar Tage später sah ich in der Hochschule zwei Traueranzeigen — zwei Studenten waren in dieser Nacht umgekommen. Weinend fragte ich Mama, was mit uns Juden jetzt sein wird, denn ER war doch unser Beschützer und von Antisemitismus wusste ER doch nichts. Zu meinen Erstauen sagte sie Ach, wein doch nicht, schlechter wird es schon nicht werden.
Und wirklich, es war nicht schlechter. Die Ärzte, die es überlebten, wurden freigelassen und später rehabilitiert. Meine Mutter, der man im Februar gekündigt hatte, das hat sie mir verheimlicht, konnte weiter arbeiten. Das Leben ging weiter. Stalin wurde in Lenins Mausoleum beigesetzt, es entstand so eine Art WG. Und nach ein paar Jahren hat man ihn von dort entfernt.
So hatte ich Stalin weder lebendig, noch tot gesehen, weil ich auch keine Lust mehr hatte, in einer Schlange zum Mausoleum zu stehen.