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Träume und Enttäuschungen

(Anfang eines Lebenslaufes)

Es war Frühling 1951. Ich lernte in der letzten, 10. Klasse einer Mädchenschule in Moskau, auf Stalins Befehl waren die Schulen seit 1942 nach Geschlechtern getrennt. Die Abiturprüfungen standen uns bevor.

In Russland ist die beste Note - 5, die schlechteste - 2, eine 1 gibt es nur, wenn man den Lehrer in Wut versetzt. Ein Abiturzeugnis mit allen fünfen bedeutete eine Goldene Medaille, mit zwei vieren - eine Silberne. Eine Medaille wurde vom Bezirksamt für Volksbildung (RONO, russische Abkürzung) bestätigt und die Schule war sehr stolz, wenn ihre Schüler mit Medaillen ausgezeichnet wurden: es war eine Anerkennung der Leistung der Schule.

Ein Abitur gab das Recht, in einer Hochschule, einer Uni zu studieren, und eine Medaille befreite einen von Aufnahmeprüfungen, man musste nur das Prüfungsgespräch überstehen. Für einen jungen Menschen mit Abitur war ein Studium damals einfach ein Muss (Ausbildung wurde mit 8 Klassen gemacht). Sogar meine Mitschülerinnen mit schwachen Noten hofften auf ein Studium – es gab Hochschulen ohne Wettbewerb, zum Beispiel pädagogische, ökonomische, medizinische. Dort studierten damals überwiegend Mädchen, weil die Löhne in diesen Branchen sehr niedrig waren.

Ich aber träumte von einer großen Zukunft, von Kernphysik, vom Studium im geheimnisvollen Physikotechnischen Institut (Phystech), wo der berühmte Landau unterrichtete und wo man den Atomkern spaltete, mit 17 durfte man doch träumen!. Meine Mutter sah das mit Skepsis: der Staatsantisemitismus war damals sehr stark, und für Juden waren viele Wege versperrt. Sie wollte mich aber nicht betrüben. Ich war gut in Physik und Mathe und fühlte mich konkurrenzfähig. Und mit einer Medaille konnte man es doch versuchen. Die Prüfungsgespräche im Phystech und in der Uni waren im Juli, und in den anderen Hochschulen musste man die Bewerbungen bis zum 1. August einreichen.

Das alles war aber möglich nur im Fall einer Medaille. In der Schule war ich eindeutig eine Kandidatin für eine Medaille, die Hoffnung des pädagogischen Korps, so zu sagen.
Zwei Jahre zuvor starb unsere Direktorin an Krebs, sie unterrichtete Geografie, wanderte mit uns, und war sehr beliebt. Auf ihren Platz hat man eine Neue eingesetzt, Dunina mit Nachnamen. Sie war Ehefrau eines Diplomaten, die kamen aus dem Ausland zurück. Sie war ein hartes Weib, Parteimitglied, Antisemitin. Wahrscheinlich ist es nicht leicht, in ein starkes Team als Nachfolgerin einer beliebten Kollegin zu kommen. Und das pädagogische Team in unserer Schule war sehr stark, mit recht hohem Anteil von Juden.

Die Lehrerin für Literatur und Russisch war jung und talentiert, vor dem Krieg hat sie ihr Studium im berühmten IFLI (Institut für Philosophie und Literatur) angefangen, es wurde aber bald geschlossen – der Staat konnte diese Brutstätte des Freisinnes nicht dulden, und dann musste sie ihr Studium in einer pädagogischen Hochschule absolvieren. Sie war in Literatur, Tschechow, Theater verliebt und ihre Stunden waren immer eine Freude für mich.
In Geschichte unterrichtete uns Frau Kotljar. Sie war sehr streng, wir hatten Angst vor ihr, aber auch großen Respekt – sie wusste über Geschichte alles. Sie war Jüdin. Jetzt verstehe ich, wie schwer es ihr war, die Geschichte der Neuzeit zu unterrichten, die Feinde des Volkes, die imperialistischen Agenten, die wurzellosen Kosmopoliten zu beschimpfen. Und ich verstehe, wieso ich sie niemals lächelnd sah. Für die Dunina, auch Geschichts-Lehrerin, war sie ein Hassobjekt.

Dunina hat sich entschieden, gegen die Lehrer in die Offensive zu treten, mich wollte sie als Waffe benutzen: wenn die beste Schülerin ungenügende Kenntnisse besitzt, was sind da die Lehrer wert? Sie wollte es beweisen. Ich habe davon nichts gewusst. Meine Literaturlehrerin hat aber den Ärger vorausgesehen. Sie hat mich gebeten, den Literaturaufsatz kürzer zu schreiben und sorgfältig zu überprüfen. Die Abiturprüfungen haben damals in einer sehr feierlichen Atmosphäre stattgefunden, besonders die erste, der Literaturaufsatz. In allen Schulen des Landes haben Abiturienten am selben Tag, am 20. Mai, den Aufsatz geschrieben, und überall waren es dieselben drei Themen. 15 Minuten vor der Prüfung wurde der Umschlag mit den Themen von der Prüfungskommission geöffnet. Die ganz Schlauen konnten Bekannte in Wladiwostok anrufen, wo die Prüfungen 6 Stunden früher anfingen, um die Themen zu wissen. Wir standen im Schulhof versammelt. Unsere Lehrerin hat uns kurz Gorki, Scholochow, Komsomol zugeflüstert. Wahrscheinlich, um uns zu ermöglichen, die nötigen Spickzettel unter den Röcken zu verstecken, obwohl die Benutzung der Spicker kaum möglich war. In der Klasse hatten uns zwei Lehrer beobachtet, und im Flur und WC war auch eine Aufseherin dabei. Ich hatte das Thema Gorki – Begründer des sozialistischen Realismus als kleineres Übel gewählt. In 4 Stunden war ich fertig, Zeit zur Überprüfung blieb mir aber nicht. Unsere Aufsätze wurden vom Schullehrer geprüft, die Noten mussten im RONO bestätigt werden, es war aber eine reine Formsache. Meinen Aufsatz hat Dunina sofort nach dem Examen genommen, hatte wahrscheinlich Angst gehabt, dass meine Lehrerin es korrigieren könnte und selbst nach RONO gebracht. Im Aufsatz fehlte ein Komma, die Note konnte eine 5 werden, aber mit vereinten Kräften hat man im Inhalt eine kleine Inkorrektheit gefunden und mit einer 4 bewertet.

Mit einer 4 für den Aufsatz könnte man noch mit einer Silbernen Medaille rechnen, aber dann mussten alle anderen Noten 5er werden. Wir hatten noch neun Prüfungen zu überstehen. Der Knall kam bei der Prüfung in Geschichte. Ich hatte einen Prüfungszettel vom Tisch gezogen und flink auf die drei dort gestellten Fragen geantwortet. Dunina, die in der Prüfungskommission war, hat mich gefragt, wie Stalin den Begriff Nation definierte. Ich habe geantwortet. Dann fragte sie, welch ein Unterschied zwischen Nation und Nationalität besteht. Ich ahnte, dass diese Frage eine Falle ist, habe etwas geantwortet, und mit einem ekelhaften Lächeln fragte Dunina: und Juden – sind sie eine Nation oder Nationalität? Ich wurde krebsrot und sagte, dass ich keine Antwort auf diese Frage geben will, und bin zu meinem Platz gegangen. Dunina gab mir eine 2, drei andere von der Kommission stellten 5er, und es ergab sich eine 4.

Also, beide Medaillen, die Goldene und die Silberne, gingen daneben. Von dem Eklat bei dem Examen war ich geschockt, aber schnell habe ich mich beruhigt. Nichts Schreckliches ist doch passiert, ich werde die Aufnahmeprüfungen in einer Hochschule machen.
Nach ein Paar Tagen hatte ich erfahren, dass meine Mitschülerinnen ins RONO gegangen waren und sich dort beklagten, dass man mir die Note in Geschichte ungerecht gestellt hat. Dunina hat es gegen die Lehrer ausgenutzt, denn damals konnte man solch eine kollektive Klage als Kundgebung gegen die sowjetische Schule ansehen. Sie beschuldigte die Lehrer, obwohl sie über die Klage nichts gewusst hatten, dass die uns mangelhaft erzogen hatten. Und Kotljar ist am meisten schuldig – ihre beste Schülerin kennt sich mit der Lehre Stalins über Nationen nicht aus. Unsere Kotljar wurde gezwungen zu kündigen, viele andere Lehrer gingen auch, und nach Jahren wurde unsere Schule geschlossen, und Dunina bekam eine Beförderung.

Nach den Ereignissen hatte ich endlich begriffen, wie stark der staatliche Antisemitismus blühte, und verstanden, dass es weder im Phystech noch in der Uni für mich eine Chance geben kann. Es wurde gesagt, dass sogar mit guten Noten man wegen Gesundheit im Phystech ausscheiden kann.
Auf Mutters Rat hatte ich mich für das Moskauer Energetische Institut (MEI) entschieden. MEI war damals in Mode gekommen – es war die Zeit Stalins Bauten des Kommunismus– gigantische Wasserkraftwerke wurden geplant und viele bewarben sich für dieses Fach. Ich wollte aber mehr Physik und habe mich für die Fakultät der Radiotechnik entschieden. Es war ein großer Fehler meinerseits, denn dort war der Eintritt für Juden verboten, nur mit Medaille hatte man Chancen. Ich wusste es aber nicht.

Am 1. August fingen die Aufnahmeprüfungen an. Die erste Prüfung war ein Literaturaufsatz, wieder Scholochow. Ich gab mir Mühe, kurz zu schreiben und sorgfältig zu überprüfen. Das zweite Examen war schriftliche Mathematik. Nach ein paar Tagen bin ich zur mündlichen Prüfung in Mathematik gekommen, und hatte in den ausgehängten Listen der Zugelassenen meinen Namen nicht gefunden. Ich dachte zuerst, es ist ein Missverständnis, hatte Mutter angerufen. Zusammen gingen wir zur Aufnahmekommission. Dort erklärte man uns, dass es kein Missverständnis war. In der Mathematik hatte ich eine 4, aber der Literaturaufsatz wurde mit einer 2 bewertet – wegen mangelhafter Analyse Scholochows Werk. Unsere Bitte, den Aufsatz zu zeigen, wurde abgeschlagen, deshalb war ein Einspruch unmöglich. Man hat mir den Prüfungsschein mit der 4 in Mathe gegeben, und ich musste gehen.

Es war der 6. August. In manchen Hochschulen, wo die Abgängerquote bei dem Mathematikexamen hoch war, konnte man sich noch bewerben. Wir probierten in ein paar Hochschulen meine Papiere einzureichen – erfolglos.
Ich war dabei mit meiner Mutter zusammen – ich hatte einen Punkt in meinem Personalbogen, der Verdacht bei Beamten erregte: mein Vater verstarb in 1934, es war die Zeit der Repressionen, vielleicht war er verhaftet? Und die Mutter ist nicht im GULAG, wenn sie mit mir kommt. Ein Beamter hat mir geraten, im Personalbogen gestorben und beerdigt in Moskau zu schreiben, aber meine Bewerbung trotzdem abgelehnt. Ich erinnere mich an unser Gespräch in der Baumans Technischen Hochschule. Bei einem Burschen vor mir wurde die Bewerbung angenommen. Mir wurde gesagt, dass auf der Fakultät nur Männer zugelassen werden. Mutter widersprach, dass sie auch vor vielen Jahren hier ihr Studium machte. Der Beamte sagte Soll doch ihre Tochter ein Jahr im Betrieb schuften, nichts Schreckliches!

Für mich aber war die Empfindung schrecklich, dass ich schlechter als alle anderen bin – alle werden ein wunderbares, lustiges Studentenleben haben, und ich bin ein Pechvogel, eine Ausgestoßene.
Es schien sinnlos, ein Jahr zu warten und es von Neuem zu probieren – das Gleiche konnte sich wiederholen. Deshalb entschieden wir, dass ich in einer Abend- oder Fernhochschule studieren soll, um nach einem Jahr eine Versetzung in die Tageshochschule zu beantragen. Mutter hatte im Moskauer Energetischen Institut viele Bekannte. Sie waren machtlos in Sachen Literaturaufsatz, aber bei guten Noten konnten sie bei der Versetzung helfen. Also verschaffte mir Mutter von ihrer Arbeitsstelle eine Bescheinigung, dass ich dort ab 1. September als technische Kraft anfangen werde (es war eine Voraussetzung für so ein Studium) und ich bewarb mich bei der Fernstudienabteilung des Moskauer Energetischen Instituts. Ich machte schnell alle Prüfungen, bekam meine 5er und wurde aufgenommen.

Als Trost für alle diese Heimsuchungen hat mich Mutter zum Meer nach Sotschi gebracht. Wir hatten dort einen langen Urlaub gemacht, ich war sehr zufrieden – ich wollte nicht den 1. September, wenn alle meine Mitschülerinnen zu ihren Hochschulen gehen werden, in Moskau verbringen. Und alle Mädchen aus meiner Klasse hatten es geschafft, sogar die mit allen 3ern ist in der Medizinischen Hochschule aufgenommen worden, wurde eine gute Zahnärztin, hat mir später die Zähne behandelt.

An das Lehrjahr 1951/1952 habe ich nur dunkle Erinnerungen. Ich ging nicht zur Arbeit, ich brauchte die Zeit um ordentlich alle Lehrfächer durchzustudieren. Abends hockte ich zu Hause, denn es war mir peinlich, meine Mitschülerinnen zu treffen, mein Ehrgeiz hatte sehr gelitten, aber mit allen Kräften probierte ich es nicht zu zeigen. Jeden Februar fand in unserer Schule ein Treffen der Absolventen statt. Ich hatte nicht den Mut hinzugehen. Ich lebte in Erwartung auf Versetzung in die Tageshochschule. Das Lehrjahr beendete ich mit besten Noten, und wurde endlich eine richtige Studentin an der elektromechanischen Fakultät MEI.

Im Februar 1953 bin ich zum Treffen der Absolventen zur Schule gegangen. Ich musste mich nicht mehr verstecken – ich war Studentin einer Elitehochschule. Es war eine ganz schlimme Zeit: im Januar hat Prawda einen Leitartikel herausgebracht, in dem sehr bekannte Ärzte (lauter jüdische Nachnamen) beschuldigt wurden, die führenden Persönlichkeiten der Partei und Regierung absichtlich falsch behandelt zu haben. Der verstorbene Zhdanow, Mitglied des Politbüros und für Ideologie verantwortlich, stand im Artikel, sei vergiftet worden. Die Medien fingen eine Hetzjagd an. Die Ärzte wurden verhaftet, man erwartete einen Prozess.
Dunina begrüßte uns von der Bühne, fand mich mit den Augen in der Aula und sagte triumphal: Ich hoffe, dass von unseren Absolventen keiner jemals ein Volksfeind oder Arzt-Giftmörder wird!

Am 5. März krepierte Stalin, die dunklen Wolken lockerten sich, die Ärzte wurden rehabilitiert, und ich war wieder für Träume (und Enttäuschungen) bereit.