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Wie ich in der UdSSR ins Ausland reiste

Ich hatte schon immer von einer Urlaubsreise ins Ausland geträumt. Vor dem Tauwetter war es unmöglich, aber in den 60er Jahren änderte sich die Situation.

An der Anschlagtafel in unserem Institut erschienen Anzeigen, dass das ZK unserer Gewerkschaft Touren ins Ausland anbietet. In der Regel, waren es Volksdemokratien: Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Bulgarien, Rumänien, sehr selten - DDR. Manchmal war es eine Reise in zwei Länder, zum Beispiel Polen — DDR, Reise nach Lenins Orten. Dann wurde bei den Teilnehmern Geld gesammelt, um einen Kranz am Denkmal zu abzulegen. Jugoslawien wurde als nahezu kapitalistisches Land betrachtet, eine Reise dorthin war sehr schwer zu bekommen. Manchmal gab es Touren nach Finnland, aber da hatte man kaum eine Chance. Andere kapitalistische Länder wurden von unserer Firma nicht angeboten.

Die Preise für eine Tour waren relativ  niedrig, Reisen ins Ausland wurden als ein sehr profitables Geschäft angesehen. Es wurde genehmigt, eine kleine Summe Geld, in der Regel 30 Rubel pro Land, für "Währung" umzutauschen. Der offizielle Wechselkurs war traumhaft, der Dollar kostete nur 60 Kopeken, auch in den späten 80er Jahren, als man auf den Schwarzmarkt für ihn  10 Rubel zahlen musste. Mit diesem Geld konnte man im Ausland verschiedene Sachen, die in Russland sehr begehrt und teuer waren, kaufen und so den Preis der Reise decken.

Noch lange nach der Reise haben die Glücklichen Freunde eingeladen, erzählten über das Leben dort und zeigten die Beute.
Aber  vor der Reise  musste man alle Formalitäten erledigen. Wir mussten einen langen Fragebogen ausfüllen und verschiedene Sprawka (Bescheinigungen) bekommen. In unserer akademischen Arztpraxis musste eine Bescheinigung ausgestellt werden, dass wir gesund sind. Es wurde eine Urin- und Blutanalyse gemacht, man musste den Therapeuten und Gynäkologen besuchen. Sonst könnte man im Ausland krank werden, und der Staat hätte für die Behandlung Valuta ausgeben müssen. Dann musste man die Tuberkulosefürsorgestelle und das Zentrum für Geschlechtskrankheiten (dort wurde Blut aus einer Vene  entnommen um festzustellen, dass man keine Syphilis hat), besuchen. Und vor allem musste man ein Zertifikat von der psychiatrischen Klinik bekommen, dass man dort nicht in Behandlung ist — sonst könnte man im Ausland plötzlich Blödsinn machen und dummes Zeug plappern.

Dann musste man eine Empfehlung des Dreiecks ( Gewerkschaft, Parteibüro, Direktion) haben, dass man hoch moralisch ist, politisch gebildet sei und eine aktive Rolle im öffentlichen Leben spiele, und es wurde noch geprüft, ob deine Arbeit nicht mit Staatsgeheimnissen verbunden ist. Dann musste man in Begleitung eines Vertreters des Partei-Büros zur Kommission der alten Bolschewiken gehen. Diese alten Säcke stellten verschiedene Fragen über Politik und interessierten sich, wieso man ins Ausland reisen will, wenn es in der UdSSR so viele interessante Orten gibt. Man fühlte sich dabei ekelhaft. Das Institut war verantwortlich dafür, dass man im Ausland nicht weg läuft und dort Asyl beantragt, und diese Verantwortung wollte es mit jemandem teilen.

Und dann musste man noch in das ZK der Gewerkschaft gehen denn es konnte sich herausstellen, dass die Reise nicht stattfindet, oder es gibt für dich keinen Platz mehr. Zum Schluss war noch das Pass-und Visa-Büro, dass dem Innenministerium gehörte, und man fühlte sich dort wie ein Sünder, der sein Land verraten will. Tja, solch ein rührendes Verfahren war das.
Ich entschied mich für eine Reise nach Ungarn - Tschechoslowakei, 14 Tage insgesamt. Das obige Verfahren hatte ich erfolgreich durchgestanden.
Unsere Gruppe wurde für eine Instruktion ins ZK der Gewerkschaft eingeladen. Obwohl Ungarn ein Land der "Volksdemokratie" war, war es aber doch verdächtig. Im Jahr 1956 kam es zur "Ereignissen in Ungarn" mit sowjetischen Panzern auf den Straßen, und es war klar, dass die Liebe zu Russland begrenzt war. In Ungarn gab es Elemente der Marktwirtschaft, man konnte Filme sehen, die in anderen Ländern des sozialistischen Lagers verboten waren, und sogar Striptease konnte man sehen. Es waren schon neun Jahre seit dem "Ungarn-Aufstand" vergangen, aber wir wurden gewarnt, dass das dort "Provokationen möglich sind," und auf keinem Fall durfte man allein in der Stadt herumlaufen, nur zu zweit, oder noch besser zu dritt. Und man musste streng den Anweisungen der beiden Vorgesetzten folgen (die beiden waren mit dem KGB verbunden und mussten der Behörde über unser Verhalten berichten).

In der Gruppe waren meistens Frauen, nur ein paar Männer, manche hatten von der Gewerkschaft die Reise mit einem Abschlag oder sogar kostenlos bekommen.
Und im März saßen wir endlich im Zug am Kiewski-Bahnhof. Jeder hatte im Koffer ein paar Flaschen Wodka (es wurde gesagt, im Ausland könnte man es verkaufen) und russische Souvenirs. Viele hatten eine kleine Summe sowjetisches Geld versteckt in der Hoffnung, im Ausland dafür Fremdwährung zu bekommen, das war selbstverständlich streng verboten. Nachts  kam der Zug an der Grenzstation an und dort waren Zoll-und Grenzkontrollen. Wir alle hatten vor Angst gezittert, dass man etwas Unerlaubtes finden würde. Und wir hatten auch festgestellt, dass ungarische Grenzsoldaten auffallend lustiger und freundlicher als unsere waren.

Die Tour begann in der historischen Weinstadt Eger. Wir bestiegen den Bus und trafen unsere ungarische Reiseleiterin. Sie war lebhaft, lustig und hat uns alle verzaubert. Sie hatte ins Mikrofon gesungen, und wir sangen mit. Sie erzählte lustige, unanständige Witze und, was am Wichtigsten war, sie liebte Ungarn und möchte uns das Beste und Schönste zeigen. Gewiss waren für sie die Reisen auch lukrativ — die Besitzer des Cafés, wo sie uns hinführte, hatten ihr etwas bezahlt, kleine Geschäfte mit Währung könnten was einbringen. Ich hatte den Eindruck, dass sie vor nichts Angst hatte, und so viel Charme!
Schon im ersten Hotel fragte das Zimmermädchen, ob wir keinen Wodka zum Verkauf haben. Zuerst hatten wir Angst, es könnte eine Falle sein, aber nachher haben wir es doch riskiert. Meine Nachbarin half mir, meine Rubel umzutauschen. Nach dem offiziellen Programm gab man uns freie Zeit, um Geschäfte zu plündern, und am späten Abend konnte man noch selbstständig aus dem Hotel und zu Fuß spazieren gehen. Meine Nachbarin bewegte sich immer entlang der Schaufenster und überlegte, was sie morgen kaufen wird. Als wir hundert Meter vom Hotel entfernt waren, trennten wir uns, und ich wanderte allein. Ich habe sofort beschlossen, dass ich nicht knausern werde, und überall hingehen, wohin uns unsere Reiseleiterin führen wird.

Natürlich war der Höhepunkt des Programms Budapest, solch eine prachtvolle Stadt mit dem königlichen Palast und dem Gellert Hügel über der Donau. Unsere Reiseleiterin hat der  Gruppe angeboten, ein berühmtes Cafe mit Striptease zu besuchen, und ein Teil der Gruppe war einverstanden. Na ja, es war nicht ganz Striptease, die Mädchen hatten ihre Höschen anbehalten, aber für uns war es ein Kulturschock. Und nachher, in der Nacht fuhren wir in ein Thermalbad.. In Budapest sind ein paar solche luxuriösen Bäder, sie stehen auf den Quellen von heißem Mineralwasser. Unten ist ein großer Swimmingpool, und auf den Rängen bis zur Decke - Cafés, Sonnenliegen, Pflanzen, und alles so herrlich schön. Unsere Reiseleiterin führte uns auch in Cafés, wo schwarzäugige Ungarn (vielleicht Zigeuner?) zu unseren Tischen kamen und für uns Geige spielten. Und ein paar unserer Männer blieben, statt Exkursionen und all die schönen Ausflüge mitzumachen, in der Lobby des Hotels sitzen, tranken ihren Wodka und spielten Karten.

Während des Einkaufes war ich in der Gruppe als Übersetzerin sehr gefragt: die Verkäufer wollten kein Russisch sprechen, aber Deutsch sprachen sie mit großer Freude, das Land war doch einst Österreich-Ungarn. Ich kaufte mir zwei Strickjacken, rosa und blau, (alle Jacken aus dem Ausland waren sehr begehrt, selbst unser berühmter Barde Vysotsky sang darüber ein Lied ), und ich kaufte auch Spielkarten für meine Kollegen, mit halbnackten Mädchen darauf, die als pornographisch von unseren Vorgesetzten  bezeichnet wurden. Und zum ersten Mal habe ich in Ungarn von den Beatles gehört und sah ihre Fotos in einem Schaufenster.

Dann war da noch die Tschechoslowakei, mit der wunderschönen Stadt Prag. Bei manchen in der Gruppe gab es einen Seufzer der Erleichterung, denn man glaubte, dass die Tschechen Russland lieben. Der Prager Frühling, der zeigte dass dies nicht der Fall war, kam erst zwei Jahre später.
Ich genoss die Fahrt, hatte überhaupt kein Heimweh. Ich fuhr nach Hause mit Geschenken, hatte Souvenirs für Freunde. Auf dem Rückweg hatte der sowjetische Zoll gewütet, die Spielkarten hatten sie mir weggenommen.  Na ja, wenigstens im Institut wurde der Vorfall nicht gemeldet. 20 Jahre später, als ich aus den USA nach Rußland zurückkam, ist das gleiche mit dem Magazin "Playboy" passiert.
So war meine erste Reise ins Ausland.