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Über meine Mädchenschule

Ab 1943 in Moskau besuchte ich eine Mädchenschule, das war Stalins Neuerung. In jenem Jahr hatte er befohlen, einen getrennten Unterricht einzuführen. Das sollte der strengeren Disziplin dienen. In kleinen Städten oder in Dörfern, wo wenig Kinder waren, blieben gemeinsame Schulen, aber in Moskau war der Unterricht getrennt. Es war wie im Kloster: Kein einziger Mann in der Schule, die Belegschaft bestand aus Frauen, es war schon immer Frauensache (kein attraktiver, schlecht bezahlter Beruf), und in der Kriegszeit waren die wenigen Männer einberufen.

Ich habe meine Schule gern gehabt. Die Lehrerinnen waren meistens gut, intelligent und hingebungsvoll. Es war eine Tradition, im 19. Jahrhundert gingen junge Frauen aus der Aristokratie und Intelligenz ins Volk, um Vernunft, Güte und Ewiges zu säen (so schrieb der Dichter Nekrasow). Unsere Lehrerinnen gaben kostenlose Nachhilfe, machten Hausbesuche und verbrachten mit Kindern sehr viel Zeit. Viele von ihnen waren ledig, — hatten keine Zeit und Möglichkeit, Männer kennen zu lernen, und die Arbeit war Sinn ihres Lebens. Wir antworten ihnen mit Zuneigung und Liebe, die manchmal etwas lächerlich aussah. Am 8. März, dem Frauentag, war es üblich, der Klassenlehrerin ein Geschenk zu präsentieren. Die Vorbereitungen fingen schon im Januar an. Wir fingen an, unser Taschengeld zu sammeln. Am Kriegsende und kurz danach waren hungrige Zeiten, Lebensmittel und Waren konnte man nur auf Marken kaufen. In der Schulkantine hatten wir in der großen Pause ein graues Brötchen und einen Teelöffel Zucker bekommen. Manchmal war es ein Kringel und ein Bonbon. Diese Bonbons haben wir gesammelt und in eine alte, schöne Schachtel (aus Vorkriegszeiten) verpackt. Und mit den Kringeln haben wir auf dem Flohmarkt gehandelt. Natürlich war es alles streng geheim. Für das Geld kauften wir ein Paar seidene Strümpfe, Lippenstift, eine Mappe, Nippsachen usw. Unser Geschmack war furchtbar, unsere Möglichkeiten sehr begrenzt. Aber wir wollten, dass unser Geschenk das beste in der Schule wird, sollten doch die anderen Lehrerinnen vor Neid platzen! Leider hat nach ein paar Jahren jemand von den Eltern das mitbekommen und sich beschwert. Dann war diese Tätigkeit verboten, man durfte nur Blumen (mit Vase!) schenken. Aber da waren wir schon größer…

Der erste Mann, der in unserer Schule 1946 erschien, war unser Geographielehrer. Er war demobilisierter Offizier, vielleicht litt er an Folgen einer Kontusion. Er stotterte ein wenig und drehte den Zeigestock zwischen den Beinen. Er sagte zu uns Sie und Fräulein (alle anderen duzten uns und sagten Mädchen), es versetzte uns in ein wildes Wiehern. Wir waren blöd und verhöhnten ihn unbarmherzig, wie es Kinder so tun.
Ich erinnere mich an den letzten Tag vor den Neujahrsferien. In der Kantine wurden ohne Normierung Soja-Käseeckchen verkauft. Wir packten je 10 Stück, sie waren aber ungenießbar. Es war schon Abend, wir lernten in der zweiten Schicht, letzter Tag, wir waren keck und waghalsig gestimmt. Unser Lehrer hatte sich zur Karte gewendet, und wir fingen an, einander mit den Käschen zu bewerfen. Der Lehrer wandte sich zur Klasse und redete uns ins Gewissen. Er hat ein Mädchen angeredet, sie stand auf und sofort hatte man ihr ein Käschen auf den Stuhl gelegt. Sie setzte sich und schrie laut auf, die Klasse ist in Rage geraten und als der Lehrer sich umdrehte, wurde ein Käschen an die Wandtafel geschmettert.
Er lief aus dem Klassenzimmer davon, und wir haben die Tafel weiter beschossen, bis der Käse aus war.

Na ja, die Fräulein… Wir waren damals 12-14 Jahre alt, manche waren schon in der Pubertät, sahen recht erwachsen aus. Aber wir waren blöd, unwissend, heilige Einfalt. Ich erinnere mich, wie meine Tischnachbarin bitterlich schluchzte: Ich habe Admenistration, so hatte sie die Menstruation genannt, meine Mutter wird mich totschlagen! Und alle Mädchen standen rund um uns und seufzten mitfühlend. In der Klasse wurde diskutiert, welcher Farbe die Admenistration bei Jungen ist, weiß oder grün. Der getrennte Unterricht hatte zur Folge, dass die Jungen für uns ganz fremdartig wurden, Kameradschaft mit einem Jungen war ganz selten, fast unanständig. Fast alle waren wir Einzelkinder, Familien mit zwei Kindern waren selten, kaum jemand hat einen Bruder gehabt. Und die meisten Mädchen hatten keine Väter — im Krieg gefallen, verschwunden. Die Geschlechtsfragen, von wo die Kinder kommen, hat man mit den Eltern nicht besprochen. Die Mütter hatten keine Zeit, und das Thema war irgendwie tabu. Also phantasierten wir. Obwohl diese Seite des Lebens nicht versteckt war, man lebte zusammengedrängt, oft drei Generationen in einem Zimmer. Ich erinnere mich, ein Mädchen kam verweint zur Schule und weinte den ganzen Tag — ihre Mutter war an den Folgen einer illegalen Abtreibung verstorben. Abtreibungen waren damals verboten.Wir machten damals einen recht wilden Eindruck — große Mädchen, plump, ungeschickt, lärmend, schlecht gekleidet. Man hatte damals eine Schuluniform eingeführt, ein braunes Kleid mit schwarzer Schürze, für die Feiertage weiß. Die Schürzen wurden gekauft oder selbst genäht. Aber ein Uniformkleid konnten sich nur die Wohlhabenden erlauben. Nur die Schürze war ein Muss, darunter konnte man etwas Abgetragenes anhaben. Mir hat man ein braunes Kleid aus einem alten Mantel meiner Tante genäht, mit einem großen Flicken auf dem Bauch. Einmal hatte ich in der Eile vergessen die Schürze anzuziehen und den ganzen Tag in der Schule vor Schande gelitten und den Flicken unter einem Buch versteckt.

Und wie edel hatten wir miteinander geredet! Blöde Kuh, Idiotin, Arsch, Eselin und das alles absolut freundschaftlich. Aber nach den Schulstunden gab man uns Gesellschaftstanz Unterricht. Pa-de-Katr, Pa-de-Patiner, Masurka, nur mit dem Walzer war es schwierig — wenig Platz, und Walenki, die Filzstiefel, behinderten es.

Das Schöne Leben hatten wir in den erbeuteten Filmen gesehen. Die sowjetischen Nachkriegsfilme waren höchst ideologisch und recht langweilig. Die englischen und amerikanischen Filme konnte man nur in Klubs sehen, aber die deutschen und österreichischen hatte man in Kinos aufgeführt. So sahen wir Die Fledermaus, Der Große Walzer, Caruso, Die Frauen von der Donau. Dort waren Bälle, Abendkleider, Herren in Fracks, und der berühmte Mario Lanza hat so süß gesungen. Aber am begehrtesten für uns war der Film Frau meiner Träume mit Marika Rökk. Den Film durften wir nicht sehen — Marika saß dort in einer Tonne im Seifenschaum — nicht zu fassen — ganz nackt! Man konnte nur die Schultern sehen, aber erst ab 16. Um dieses Wunder zu sehen, gingen wir am Morgen zur Kindervorstellung und versteckten uns dann im WC. Ich habe es wenigstens fünf Mal gesehen.

Wir wurden älter, bei unseren Schulabenden wurden Jungen aus der nächsten Knabenschule eingeladen. Manche hatten Wein mitgebracht und sich unter der Treppe Mut angetrunken. Aber meistens stützten sie die Wände, und wir tanzten SCHER mit MASCHER.Zwei Jahre nach meinem Abitur 1953 war Stalin tot und die getrennten Schulen wurden abgeschafft, zum Jubel der Beteiligten.

Das waren nur einige interessante Einzelheiten aus meiner Mädchenschule. Übrigens vermittelte man uns eine recht gute Bildung und gutes Allgemeinwissen, bis jetzt kann ich viele Fragen bei Günther Jauch besser als seine Gäste beantworten.