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Postkrimi

Es war in Moskau im Jahre 1981. Eines Tages bekam meine Tante, die damals 56 Jahre alt war und schon Rentnerin, eine Mitteilung, dass auf ihrem Namen ein Paket aus dem Ausland eingetroffen war und sie es bei der Post abholen sollte. Neugierig, ging sie zur Post, und man gab ihr dort einen riesigen Umschlag mit etwas Schwerem darin.

Zu Hause öffnete sie den Umschlag, darin war ein Buch Die Deutsche Marine im Zweiten Weltkrieg, Band IV in englischer Sprache. Sie war erschrocken. Wer konnte ihr so etwas schicken? Das Paket kam aus Brookline, MA., der Absender war ihr unbekannt. Ich machte Urlaub, konnte ihr keinen Ratschlag geben. Sie rief ihren Freund an, er kam, sie nahmen eine Lupe und sahen sich jede Seite des Buches an. Erforschten jedes Bild — vielleicht ist dort ein Gesicht bekannt? Nichts. Der Freund sagte, er habe einen guten Bekannten, der beim KGB arbeitet, er wird ihm das Buch zeigen. Der Bekannte sah sich das Buch genau an und rief seinen Chef an. Der Chef sagte Ignorieren! Aber gib der Dame meine Telefonnummer, und wenn wieder solch ein Paket kommt, soll sie sich melden.. Es vergingen ein paar Tage, aber das Buch nahm meiner Tante ihre Ruhe. Sie nahm es und ging zum KGB. Man ließ sie zu dem Chef, der ein Oberst war, sie legte das Buch auf seinen Tisch und sagte, sie möchte damit nichts zu tun haben, sie habe zwar Verwandte in USA, die sind aber alt, leben in New York, und würden ihr niemals so ein Buch schicken. Der Oberst sagte, sie solle ruhig nach Hause gehen, und grinste komisch.

Ein paar Wochen später kam wieder ein Paket vom selben Absender. Es enthielt unter anderem Kinderjeans. Dann erinnerte sich meine Tante, dass sie mir erlaubte, für Pakete aus USA ihre Adresse zu verwenden. Ihr Freund lachte: Na, willst du mit den Jeans auch zum Oberst im KGB gehen?.

Meine Tante hat mich angerufen und gefragt, wo meine amerikanische Kusine lebt, nicht in Boston? Und wieso steht auf dem Paket Brookline? Ich sagte, so heißt der Bezirk der Stadt. Ist sie denn senil, dir solch ein Buch zu schicken, fragte die Tante. Darauf hatte ich keine Antwort.

Meine Kusine hat mich ein Jahr davor in Moskau besucht. Sie kam mit Tochter Dany, 17 Jahre alt. Dany war ein wenig erschrocken, sie dachte, in der UdSSR wird sie der KGB auf Schritt und Tritt verfolgen — es war doch die Zeit des Eisernen Vorhangs. In der Tour waren außer Moskau noch Riga und Leningrad, überall durften sie nur in Hotels wohnen, ich habe sie begleitet. Als Dany das erste Mal ein Rosinenbrötchen gegessen hat (in Moskau waren sie sehr weich, süß, und kosteten damals nur 10 Kopeken), sagte sie: Oh, Socialism is better!, als sie dann in GUM (damals der nobelste Laden in Moskau am Roten Platz) das öffentliche WC benutzen musste, kam sie mit großen Augen heraus und sagte Oh, Capitalism is better! So war es die ganze Zeit, zwischen Socialism und Capitalism, aber die Reise fanden sie wunderbar. Sie waren auch bei uns in der Wohnung, haben meine Kunstbücher angeschaut, ich klagte, dass sie sehr teuer und trotzdem unmöglich zu bekommen sind. Beim Abschied haben wir vereinbart, dass auf den Briefen noch immer der Name meiner verstorbenen Mutter stehen soll, und falls sie ein Paket schicken möchte, könnte sie die Adresse meiner Tante benutzen. Ich möchte nicht riskieren, meinen Job zu verlieren.

Ich schrieb einen Brief und bedankte mich für die Jeans. Dann bekam ich eine Antwort mit der Frage, ob mir der Bildband von Picasso gefallen hat.

Also, damit war alles geklärt. Dem Postbeamten oder Zensor hat der Bildband sehr gefallen, und er hat ihn einfach geklaut. Und in den Umschlag hat er ein Buch aus einer anderen Sendung gesteckt. Der Wissenschaftler sollte doch mit 3 Bänden auskommen.

Deshalb hatte der Oberst so gegrinst — ihm waren diese Machenschaften gut bekannt.