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Meine Krim

Krim, die Perle, das wunderschöne Land am warmen, blauen, Schwarzen Meer. Die grünen Berge laufen zum Ufer herunter und im stillen Wasser spiegeln sich weiße Schlösser und Villen.

Für mich (wie für die meisten Russen) war die Krim immer russisch. Wir wussten, dass vor Jahrtausenden die Krim den alten Griechen gehörte, und dann den Römern, und dann noch Skythen, Tataren, Osmanen. Aber ab dem 19. Jahrhundert war es Russland. Der Zar und die Adligen erkannten die Schönheit der Halbinsel, dort entstanden Schlösser und Paläste. Die Krim wurde in Russland als Kurort berühmt — gutes Klima, warm und trocken, Weintrauben (damals die einzige Medizin gegen Schwindsucht). In der Grotte von Novy Swet  befand sich der berühmte Weinkeller des Zaren mit einer sonderbaren Akustik. Dort hat Schaljapin gesungen. Die russische Kultur war eng mit der Krim verbunden, Puschkin schrieb dort seine Gedichte, der junge Tolstoi war an der Schlacht bei Sewastopol beteiligt, der kranke Tschechow wohnte in Jalta, und viele andere berühmte Künstler lebten dort.

Während der Revolution 1917 flüchteten sehr viele Leute vom Norden auf die Krim — vor Kälte, Hunger, Bolschewiken. Meine Oma ist mit zwei Töchtern auch aus Moskau auf die Krim geflüchtet. Aber dann sind die Roten eingetroffen, meine Tante ist mit den Weißen nach Paris geflüchtet, Mama und Oma gingen nach Moskau zurück, und das war der Abschied für immer.

Die Bolschewiken beschlagnahmten alle Paläste, die schönsten wurden Staatsdatschen, der Liwadija-Palast gehörte Stalin, dort hat er Roosevelt und Churchill empfangen. In manchen schönen Villen wurden Erholungsheime und Sanatorien eingerichtet. Vom Zweiten Weltkrieg wurde die Krim ziemlich verschont, aber nach Kriegsende hat man alle Tataren, Griechen, Karaimen grausam deportiert, angeblich hatten sie mit den Deutschen kollaboriert. Dort wurden Russen und Ukrainer angesiedelt. Vielleicht war das Land nicht so gepflegt, aber für uns war das Südliche Ufer ein Traumort, unser Zweites Nizza (auf russisch hat man damals einen Kurort Sdraw-Niza genannt).

Das erste Mal war ich in der Krim 1954 in Alupka. Es war ein kleiner Ort, am Abhang des Berges Aj-Petri gebaut. Die Straßen liefen zum Meer  hinunter, manchmal steil, mit Treppen. Alupka hatte damals  ein paar Erholungsheime und ein  Restaurant. Das Schönste im Ort war der berühmte Woronzowski-Palast mit Park, später wurde dort ein Museum eingerichtet (jetzt hat es vielleicht irgendein Oligarch privatisiert). 1954 war es die abgeriegelte und streng bewachte Regierungs-Datscha von Molotow, mit einem hohen Zaun umgeben. Am Strand der Datscha wachte die Grenzpolizei, und vom Pier aus konnte man auf dem Meer ein paar Kriegsschiffe sehen.

Ein Stück des Parks hat man dem Volk abgegeben und daran grenzte das Erholungsheim unserer Hochschule  MEI. Dort standen einige Holzhütten, und höher am Berg noch mehrere Zelte. Einen Ferienplatz konnte man durch die Gewerkschaft bekommen. Die Scheine waren nicht teuer, für Bedürftige auch kostenlos, aber schwer zu bekommen. Manche Studenten kamen als blinde Passagiere, man konnte ein Bett mit Kommilitonen teilen, und einer Kellnerin in der Kantine ein Geschenk machen. Die Kontrolle war nicht streng.

Das Leben dort war ein Traum, eine einzige 24 Tage lange Party. Nach dem Frühstück ging man zum Meer. Das Südliche Ufer besteht meistens aus Kieselstränden mit größeren Felsen, und das gab dem Baden einen besonderen Charme — es war schön zu tauchen, ins Wasser zu springen. Die Jungen spielten Karten und die Verlierer wurden von einer Klippe ins Wasser geworfen. Dort fing ich an, richtig gut zu schwimmen. Aber dann kamen Retter mit einem Boot (wahrscheinlich Grenzpolizisten) und befahlen mir zurückzukehren — die Türkei lag doch auf der anderen Seite.

Nachmittags haben alle lange geschlafen, weil die Nächte so kurz wurden. Nachher spielte man Volleyball, und wenn es dunkel wurde, tanzte man unter einem großen Feigenbaum, damals kannte man das Wort Disko noch nicht.
Es hatte sich eine große, lustige Clique gebildet, und nach dem Schluss-Signal um 23 Uhr gingen wir mit der Gitarre in den Park und sangen dort Studentenlieder. Einige Male haben wir uns erlaubt, im Restaurant zu bummeln — es wurde mehr gesungen und gelacht als getrunken. Die sexuelle Revolution war bei uns noch nicht angekommen, mit unseren 20 Jahren waren die meisten recht keusch, aber geknutscht wurde reichlich.

Dann sind wir noch zum Meer gegangen. Die Nächte im August waren sehr warm und das Meer leuchtete. Die Hände im Wasser, die kleinen Wellen, die Kiesel am Ufer — alles phosphoreszierte. Das Schwimmen in der Nacht war streng verboten, wir mussten uns und unsere Kleider vor der Grenzpolizei verstecken. Und im Wasser musste man untertauchen, wenn der Strahl des Leuchtturms auf uns zukam. Eines  Nachts schwammen ich und noch zwei Mädels ziemlich weit raus, der Nebel kam, und wir verloren die Orientierung, wussten nicht, wo unser Ufer ist, und der verhasste Leuchtturm war in dieser Nacht nicht in Betrieb. Es begann zu regnen. Am meisten hatten wir Angst zu Molotow zu gelangen, deshalb nahmen wir die andere Richtung und kamen Kilometer weiter zum Ufer, mussten von dort über Steine und Büsche klettern, versteckt vor den Grenzschutzbeamten; wir hatten noch Glück, weil wir manchmal nackt badeten.

In Alupka gab es eine Tradition, einmal pro Schicht alle zusammen den Aj-Petri zu besteigen. Wir gingen am Abend mit Taschenlampen, kletterten den Berg hinauf und begrüßten dort den Sonnenaufgang. Die Sonne stieg direkt aus dem Wasser, das Bild war fantastisch. Man organisierte für uns auch Reisen nach Sewastopol, das damals für Bürger geschlossen war, und nach Bachtschyssaraj, eine uralte Stadt in den Bergen mit dem Khanpalast, wo es den Harem mit dem Springbrunnen der Tränen gibt. Puschkin hat darüber ein Poem geschrieben.

In den 60ern hatte ich für mich Koktebel entdeckt.
Das ist eine ganz andere Krim, in Osten der Halbinsel, mit Steppen-Klima. Koktebel liegt am Karadag, einem Bergmassiv, sehr alt, vulkanischen Ursprungs. Zum Himmel ragen Felsen, von Zeit und Wind beschädigt. Der höchste Felsen heißt Teufelsfinger, und überall wohnt dort verschiedenes Echo. Die Felsen — das Goldene Tor, das Segel unter anderem — ragen auch aus dem Meer und bilden schöne Buchten, in die schwer zu gelangen ist. In den Bergen und am Strand findet man schöne Steine — Karneol, Achat, Amethyst. Natürlich ist die Umwelt dort sehr zerbrechlich, aber damals hat man sie noch nicht geschützt.

Koktebel wurde damals ein beliebter Urlaubsort für Intellektuelle und Jugend mit Hang zur Kunst und Tourismus. In den 1960er Jahren konnte man Karadag durchstreifen und in den Bergen und Buchten Zelte aufstellen (verstohlen wegen der Grenzpolizei). Das haben wir auch gemacht. Ich war dort mit drei Freundinnen, wir hatten uns einen älteren Mathematiker geangelt und er hat uns beigebracht, wie man nach  Miesmuscheln taucht und sie dann in einer Blechbüchse am Ufer brät. Überall im Wasser und am Ufer konnte man Leute sehen, die schöne Steine suchten. Ein Steinchen mit einem Loch galt als Glücksbringer und hieß Hühnergott.

In der Mitte der Siedlung war ein Park. Am Anfang des 20. Jahrhunderts baute dort der bekannte Symbolist, Dichter und Maler, Woloschin ein Haus. Während der Revolution fanden dort Zuflucht vor Terror und Hunger solche Berühmtheiten wie Nikolai Gumiljow, Marina Zwetajewa, Anna Achmatowa. Es bildete sich eine Künstlerkolonie. Nach der Revolution wurde im Woloschins Haus (man hat noch weitere Häuser dazugebaut) ein Schaffensheim für Sowjetische Schriftsteller. Man konnte sie dort am Strand beobachten. Und wir haben gesehen, wie den berühmten jungen Dichter Jewtuschenko die Mädels verfolgten. So war es im Koktebel.

Zu jener Zeit wurde die Krim von Chruschtschow an die Ukraine verschenkt, aber keiner hat sich darum geschert. Es war doch nur eine Formalität, wir waren doch ein Land. Wer konnte damals ahnen, dass die UdSSR und seine Ordnung einmal zugrunde gehen wird, und noch so schnell?

Und jetzt stelle ich eine politisch unkorrekte Frage: Soll denn die Krim der Ukraine gehören? Ich verstehe, dass die Grenzen unantastbar sind, aber trotzdem? 

Mir ist das schöne Land zu schade. Die 20 Jahre unter Ukrainischer Herrschaft hatten der Halbinsel keine Blüte gebracht. Die korrupten Neureichen haben alles,was möglich war, privatisiert. Aber weder Russen noch Ukrainer möchten Urlaub auf der Krim machen — in der Türkei ist es billiger und viel mehr Komfort.
Vielleicht wird es Russland gelingen, die Krim wieder zu beleben, aus dem Land wieder das Märchen meiner Jugend zu machen?!