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Wo bleibt das Weiße Pferd stehen?

Es war in Moskau Ende der 1960er. Mamas Verwandter aus Riga hat plötzlich eine Erbschaft in Valuta bekommen: Sein verstorbener Vater hat noch vor dem Weltkrieg in einer schwedischen Firma gearbeitet und dort für die Rente eingezahlt. Für die Familie, die sehr ärmlich lebte, war es ein unerwartetes Glück, so ein Vermögen (vielleicht 4000 $) in Valuta zu bekommen. Sie kamen zu uns nach Moskau, um sich in der Berjoska Klamotten zu kaufen, und wir alle bekamen Geschenke. Mein Stiefvater bekam eine Flasche Scotch Whisky White Horse.

So was hatten wir noch nie gesehen. Damals hinter dem Eisernen Vorhang waren alkoholische Getränke aus dem Ausland sehr begehrt, für normale Bürger waren sie nicht zu kaufen. So eine Flasche stellte man in die Anrichte und prahlte damit bei Gästen. Sogar eine leere Flasche war für einen Sammelliebhaber ein tolles Geschenk. Ein junger Mann hat mir stolz seine Sammlung aus ungefähr 50 leeren Flaschen gezeigt.

Also hat mein Stiefvater sich ein Gläschen eingegossen und mir und Mutter ein paar Tropfen eingeschenkt. Mutter nippte nur, sie trank keinen Alkohol. Ich trank meine Portion aus, es schmeckte wie eine bittere Arznei. Der Stiefvater leerte sein Gläschen und sagte, er verstehe nicht, wieso die Leute es so toll finden, seiner Meinung nach schmeckt Wodka viel besser. Ach, du hast doch keine Ahnung vom Luxus, sagte Mama verschwende doch nicht das noble Zeug, schenke lieber die Flasche deinem Sohn Wolodja. Er wird sich freuen. Also, kippte Mutter ihren Whisky zurück in die Flasche, und der Stiefvater füllte sie mit Wodka. Das Getränk wurde etwas heller, aber wir meinten, Wolodja weiß doch nicht, wie es aussehen muss. Wir schraubten die Flasche zu, und das White Horse wirkte wie neu.

Ein paar Wochen später kam Wolodja. Er lebte in der ukrainischen Stadt Tschernigow, war beim Militär ein Pilot. Er war schon über 40, hatte eine resolute Frau und zwei Söhne. Er selbst konnte die Kampfjets nicht mehr fliegen und unterrichtete Taktik in der Fliegerhochschule. Er war Major, für seine Stelle musste er aber Oberst sein. Deshalb wurde er gezwungen, ein Fernstudium an der Militärakademie zu absolvieren. Es war eine Plage für ihn, denn er war gewöhnt, seine Freizeit mit Kumpels bei Bier und Fußball zu verbringen, und fürs Lernen hat er niemals viel übrig gehabt. Mutter und ich halfen ihm, indem wir seine Hausarbeiten in Mathematik, Physik und Sprachen
machten, und mit Marxismus-Leninismus hat ihm seine Frau geholfen. Zwei Mal im Jahr musste er nach Moskau zu Prüfungen kommen.

So kam Wolodja zu uns zu Besuch, und Vater hat ihm das Weiße Pferd präsentiert. Wolodja war ganz begeistert.

Am Abend hatten er und sein Kollege das Getränk ordentlich ausprobiert. Aber dann ist ihnen eingefallen, die Flasche dem General, der am nächsten Tag die Prüfung durchführen musste, zu schenken. Sie gossen Kognak nach, schraubten fest zu und das Weiße Pferd war wieder wie neu. Der General war sehr zufrieden.

Wolodja bedankte sich noch einmal für die Flasche, erzählte die Geschichte mit dem General, sagte, dass sie gute Noten bekamen und er ein Semester weiter sei.

Und wir fragten uns, in wessen Anrichte der Weg des Weißen Pferdes geendet hat, wo blieb es stehen?