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Weihnachten in Argentinien

Meine jüngere Schwester und ich lebten mit unseren Eltern in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens. Wir wohnten in einem geräumigen Haus. Im Garten hatten wir mehrere Fruchtbäume:

Zitronen, Mandarinen, Feigen, Pflaumen und eine Pergola mit Weintrauben. Ein riesiger Lorbeerbaum schenkte uns über das ganze Jahr seinen Schatten. Im Vorgarten blühten wilde Kakteen, die Vater von den Anden mitgebracht hatte.

Mitten in dieser grünen Pracht bereitete man sich vor, Weihnachten zu feiern. Ich kann mich noch an das Jahr 1930 erinnern, da ich schon 6 Jahre alt war. Mitte Dezember fängt die große Hitze an, mit Tagestemperaturen um die 35° C und einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit. Abends kühlt es kaum ab und die Sonne scheint bis spät. Von der Vorfreude in der Adventszeit, wie man sie hier in Deutschland kennt, keine Spur. Wir Kinder wussten nur, das wir eine Woche zuvor schön artig sein mussten, sonst bekämen wir statt Geschenke nur ein Stück trockenes Schwarzbrot. Einige Tage vor dem Heiligen Abend erklärte unser Vater das Wohnzimmer als Sperrzone. Die Fensterläden und Türen blieben geschlossen und die große gläserne Tür zum Flur wurde mit Laken verhängt. Im ganzen Hause herrschte eine geheimnisvolle Stimmung.

Neugierig wie Kinder schon mal sind, wollten wir unbedingt einen Blick durch die verhängte Glastür werfen. Obwohl wir die Treppe am Flur hinaufstiegen und auf verschiedenen Ebenen versuchten seitlich der Laken etwas zu sehen, hatten wir keine Chance. Vater hatte seine Tarnung gut angelegt.

Endlich kam der Tag. Es klingelte und schon stand der Weihnachtsmann in der Tür. Er war sehr groß, fast wie Vater...
Mit tiefer Stimme fragte er uns ob wir artig gewesen waren. Mit zitternder Stimme bejahten wir, dann machte er seinen Sack auf und wir bekamen unsere Bescherung.

Kurz danach durften wir auch in das prächtig geschmückte Wohnzimmer eintreten und den Weihnachtsbaum bewundern. Ganz oben am Baum leuchtete eine blaue Kerze vor dem Stern. Vater erklärte, dass dies ein Brauch der Deutschen im Ausland wäre. Auch sagte er uns, dass der Weihnachtsmann die Kerzen just vorher angebracht hätte, da sie sich sonst wegen der großen Hitze gekrümmt hätten.

Als alle Lichter brannten, sahen wir durch das jetzt geöffnete Fenster eine Schar von Nachbarskindern am Zaun stehen, die mit großen Augen den glänzenden Tannenbaum anstarrten. So etwas kannten sie nicht! In Argentinien wurde damals zwar Weihnachten gefeiert, aber nur als katholische Kirchenfeier. Die Geschenke wurden am 6. Januar zum Dreikönigsfest übergeben.

Heutzutage ist das deutsche Weihnachtsfest auch in Argentinien bekannt. Obwohl statt der Weihnachtsgans kalte Speisen und Getränke bevorzugt werden.