© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Erinnerungen an EVITA

Als ich durch die Medien von der Aufführung des Musicals Evita in Hamburg erfuhr, erwachten meine Erinnerungen an die Zeit in der ich Eva Perón in Argentinien selbst erlebt habe. Nach ihrem Tod in 1952 gab es für mich noch ein Nachspiel in Berlin.

Die unter ärmsten Verhältnissen 1919 in der Provinz Buenos Aires geborene Maria Eva Duarte stieg 1946 zur First Lady an der Seite des argentinischen Staatspräsidenten Juan Domingo Perón auf.

Wie es aus dem Musical hervorgeht, hat Eva Perón es nie der argentinischen Highsociety verziehen sie wegen ihrer Vergangenheit nicht anerkannt zu haben. An der Seite Peróns baute sie sich bald ihren eigenen Machtbereich auf und mittels der Stiftung Eva Perón ergatterte sie von den Oligarchen (so wurden damals die berüchtigten Kapitalisten bezeichnet) unberechenbare Geldsummen die sie willkürlich unter den Armen verteilte. So wurde sie von ihrem Volk bald wie eine Heilige geehrt - etwa eine weibliche Replik des legendären Robin Hood. Im Alter von 33 Jahren hatte sie den Gipfel ihrer Herrschaft erreicht, aber dann überraschte sie eine unheilbare Krankheit.

Als die todkranke Eva Perón zum letzten Mal auf dem Balkon der Casa Rosada (Regierungsgebäude) auftrat, forderte sie mit bewegter Stimme ihre cabecitas negras (Schwarzköpfchen) auf, die zu hunderdtausenden die Plaza de Mayo füllten, dem geliebten Führer der descamisados (Hemdlosen) bis an das Ende zu folgen. Sie konnte sich kaum aufrecht halten und am Schluss ihrer feurigen Ansprache fiel sie ihrem Mann um den Hals und weinte bitterlich. Eine gelungene Inszenierung für den letzten Auftritt, der später im Musical zum Don‘t cry for me Argentina führen sollte.

Nach Evas Tod (26.07.1952) verfügte die Regierung eine zweiwöchige Trauerzeit. Während im Rundfunk nur Trauermusik übertragen wurde, defilierte eine endlose Schlange von Menschen vor der im Ministerium für Arbeit und Vorsorge aufgebahrten Evita. Der Geheimdienst filmte dabei alle Anwesenden. Ein Grund mehr um sich sehen zu lassen. Die Zeiger der Turmuhr am ehemaligen Rathaus wurden auf 20:25 Uhr still gestellt - die offizielle Stunde in der Eva Perón in die Unsterblichkeit überging.

Auf allen öffentlichen Plätzen und Bahnhöfen wurden Altäre zum Gedenken der heiligen Evita aufgestellt. Jeder Passant musste irgendwie seine Ehrung hervorbringen. Ich betone das Wort musste, da man sich sonst strafbar machte, wie es meine eigene Erfahrung bezeugt:

Meine Frau und ich gingen eines Tages eiligen Schrittes durch die Bahnhofshalle um den bereitstehenden Zug zu erreichen. Ich trug unsere eineinhalbjährige Tochter auf dem Arm und meine Frau war im siebten Monat schwanger. Plötzlich spürten wir kräftige Hände auf unseren Schultern:

Wir wurden von zwei Geheimpolizisten festgehalten mit der Beschuldigung am Altar von Evita unachtsam vorbeigelaufen zu sein. Wir waren dran! Zum Glück gab es da einen guten und einen bösen Cop. Der gute sah ein, dass ich mit dem Kind auf dem Arm nicht meinen Hut hätte ziehen können und die schwangere Frau nicht im Stande gewesen sei, sich niederzuknien. Es gelang uns dabei, unser Schuldbewusstsein und unsere Reue vorzutäuschen, so kamen wir mit einer Verwarnung davon. Noch Stunden danach saß uns der Schreck in den Knochen.

Einige Jahre später lief mir das Gespenst Evitas wieder über den Weg. Anfang 1956 hatte ich beruflich in Amsterdam zu tun. Es war meine erste Reise nach Europa und ich nahm mir die Zeit, meine Verwandten in Berlin zu besuchen. Als ich erzählte, dass wir uns in Argentinien jetzt nach 10 jähriger perónistischer Diktatur wieder frei fühlten, sah mich meine Tante verblüfft an. Sie sagte: Aber die Evita war doch eine Heilige!. Jetzt staunte ich: Wie kannst Du denn das wissen? Die Antwort kam prompt: Wir haben in der Nachkriegszeit immer Pakete mit Lebensmitteln von der Stiftung Eva Perón erhalten, und so etwas kann doch nur von einer herzensguten Frau kommen.

Da ging mir ein Licht auf. Also so raffiniert konnte diese Frau sein! Tatsache war, dass meine Eltern in Buenos Aires nach dem Kriege wiederholt Pakete mit Bohnenkaffee, Nudeln, Speck, Corned Beef (Argentinisches Büchsenfleisch), Mate-Tee, Speiseöl und anderen Lebensmitteln anfertigen ließen, sie über das Internationale Rote Kreuz nach drüben schickten, um die Not der ausgebombten Verwandten zu mildern. Wir mussten zu Hause ziemlich sparen um diese aufwändigen Sendungen zustande zu bringen. Was wir nicht wussten, bei den Paketen, die das Land verließen, wurde der Absender von der Post mit der Aufschrift Eine Sendung der Stiftung Eva Perón und der Abbildung der Heiligen überklebt.

Also, auch hier war die weibliche Figur von Robin Hood wieder im Spiel gewesen. Wir bezahlten, aber die Hilfe kam von Evita!


Pressemeldungen:

OPEN-AIR-MUSICAL mit Anna Maria Kaufmann.

Andrew Lloyd Webber als Erfolgskomponist von Musicals ist nicht nur selbst eine schillernde Figur, er hat auch ein Herz für solche. Eva Perón (1919 - 1952) z. B., genannt Evita‘. Aus dem aufregenden Leben der legendären argentinischen Präsidenten-Gattin hat er ein Stück gemacht, das heute Abend mit großem Orchester, Band, vielköpfigem Ensemble und Anna Maria Kaufmann in der Titelrolle open air in der Speicherstadt zu sehen ist.

Evita als Heimspiel für Anna

Hamburg — Rote Backsteingiebel, graue Wolken und kühle Winde stellt man sich nicht vor, wenn an Argentinien denkt. Doch spätestens hei Don‘t cry for me, Argentina erwärmte sich das Publikum für das Openair-Gastspiel des Lloyd-Webber-Musicals Evita in der Speicherstadt. Für Anna Maria Kaufmann die, die 1990 im Hamburger Phantom der Oper ihren Durchbruch erlebte, war es ohnehin ein Heimspiel. Am Ende Jubelten ihrer Evita zwar keine Volksmassen, doch immerhin rund 2000 Zuschauer zu.

Die sparsam ausgestattete Tournee-Bühne erinnert an Werkstatt-Theater. Das Ensemble aber schafft Atmosphäre. Filmaufnahmen von 1952 dokumentieren den Trauerzug nach dem Tod von Evita, die an der Seite des Diktators Juan Perón zur First Lady aufgestiegen war. Der Präsident selbst bleibt Nebenfigur, während Che Guevara als Evitas Antipode kraftvoll ihren Siegeszug begleitet.

Ein ehrgeiziges Biest nennt er Argentiniens meistgeliebte, meistgehasste Frau. Als Mädchen vom Lande, das nach Buenos Aires strebt, hat Anna Maria Kaufmann noch nichts von der berechnenden Zielstrebigkeit Eva Peróns. Dann jedoch steigert sie sich mit eisiger Entschlossenheit zur Landesmutter, die mit großer Geste und großer Stimme ans Volk appelliert. Stark ist sie auch dann noch, wenn sie gegen ihre tödliche Krankheit ankämpft. Da darf beim Publikum ruhig ein bisschen Rührung aufkommen. (beh)

Eine historische Kulisse ist angemessen, schließlich gehört das dramatische Leben der Eva Perón (1919—1952) in die Geschichtsbücher. Dass ausgerechnet die Hamburger Speicherstadt den Rahmen abgibt für die Vita der Evita, der wohl schillerndsten Figur aller Zeiten Argentiniens, mag Puristen befremden, dem geneigten Publikum aber keine Schwierigkeiten bereiten. Schließlich geht es am 17. Juni im Freihafen nicht um eine Dokumentation, sondern um das Openair aufgeführte Musical von Andrew Lloyd Webber.

Die Besetzung der Titelrolle bringt ein Wiedersehen mit einer alten Hamburger Bekannten: Anna Maria Kaufmann spielt die von ihrem Volk zeitweilig wie eine Heilige verehrte Frau des argentinischen Staatspräsidenten Juan Domingo Perón (1895 - 1974).