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Wie Hund und Katze...

Wir wohnten in den 50er Jahren in einem ruhigen Stadtviertel von Buenos Aires. Die Tochter unseres Nachbarn bekam als Hochzeitsgeschenk einen niedlichen Welpen. Da sie aber mit dem Tierchen in den Flitterwochen nicht viel anfangen konnte, bat sie uns, es zeitweilig zu übernehmen. Schließlich hätten wir ja einen großen Garten und unsere kleinen Töchter würden sich sicher darüber freuen.

Wir nahmen das Angebot an und versorgten den jungen Hund. Da er schneeweiß und putzig war, tauften wir ihn Copito (Flöckchen) und betteten ihn vorerst in einen mit Tüchern ausgepolsterten Schuhkarton. Die Mädels verpflegten ihn mit der Milchflasche und später auch mit klein geschnittenen Fleischstücken. Nachtsüber schlief Copito in der Küche, aber am Tage durfte er sich schon im Freien auf dem Rasen tummeln.

Das Brautpaar kam zurück und sah sich nach ihrem Hund um. Als sie mitbekamen, wie sehr die Kinder an ihm hingen, konnten sie es nicht übers Herz bringen, ihn wieder zu sich zu nehmen. Also blieb Copito unser Hund. Bald war er kein kleiner Schneeball mehr und entpuppte sich als ein schlanker flinker Hund. Platz zum auslaufen hatte er ja. Der Schuhkarton wurde ihm zu eng und wir besorgten ihm eine hölzerne Kiste vom italienischen Fruchthändler auf dem Wochenmarkt. Später wurde auch diese zu klein und der Hund schlief auf seinen Lappen in einer Ecke der geräumigen Küche.

Eines Tages hörten wir im Garten lautes Bellen und kamen gerade dazu, als eine Katze mit ihrem Neugeborenen im Maul das Weite über den Zaun suchte. Ein zweites Kätzchen lag noch wimmernd im Gebüsch und der Hund schnupperte an dem wehrlosen Wesen herum. Wir brachten das Kätzchen in Sicherheit und begannen es zu füttern. Da die Katzenmutter sich nicht wieder sehen ließ, wurde auch dieser kleine Tiger (Tiggy) in die Familie eingegliedert. Copito erwies sich freundlich gegenüber der kleinen Katze, deshalb ließen wir beide zusammen schlafen. Dies war der Anfang einer andauernden Freundschaft. Tiggy nahm von Copito viele seiner Eigenarten an. Bald sahen wir den Hund mit einem Stock quer in der Schnauze durch den Garten laufen und den Kater in gleicher Weise hinterher.

Wenn sich eine fremde Katze im Garten blicken ließ schlug Tiggy Alarm und schon eilte Copito herbei, um den Eindringling zu verjagen. Beide bildeten ein eingespieltes Team. Auch das Essen teilten sie sich friedlich.

Wie es damals in Buenos Aires üblich, war das Gelände mit einer, über zwei Meter hohen Mauer umgeben. Auf unserem Grundstück standen zwei Häuser. Im vorderen wohnten meine Eltern und im hinteren wir. Ein Gartentor trennte beide Bereiche. An einem dunstigen Tag hörten wir Copito kläffen und kamen gerade dazu um zu sehen, dass ein großer weißer Kater auf dem Wellblechdach unseres Schuppens saß und sich über den Hund lustig zu machen schien. Aber die nasse Oberfläche gab keinen sicheren Halt und bald rutschte der Kater ab und fiel direkt vor Copitos Maul. Der Hund zögerte eine Sekunde und der Kater nutzte die Gelegenheit, um sich blitzschnell aus dem Staub zu machen. Wie im Kino, begann nun eine verwegene Hetzjagd und die zwei weißen Geschöpfe kamen sich immer näher. Schließlich gelang es dem Kater, sich mit einem verzweifelten Sprung über das trennende Gartentor zu retten.

Copito konnte aber auf den glatten Fliesen der Terrasse nicht rechtzeitig bremsen und knallte mit voller Wucht gegen das Tor. Taumelnd und von Tiggy begleitet kam er zu uns zurück, um Trost zu holen. Am Tor bemerkten wir später eine flüssige Spur: der Kater hatte sich in seiner Todesangst buchstäblich verpisst.

Copito entwickelte sich zu einem stattlichen Köter, der jedem Eindringling großen Respekt einflößte. Wir erfuhren von einem Tierarzt, dass er eigentlich einem australischen Labrador zugeordnet werden könnte. Den Familienangehörigen erwies er unbegrenzte Treue und Zuneigung aber gegenüber Fremden benahm er sich eher aggressiv. Er war immer wachsam und bereit, sein Revier zu verteidigen.
Wenn ich mich auf eine meiner häufigen Geschäftsreisen vorbereitete, schien der Hund das zu wittern. Kaum hatten wir die Koffer vom Dachboden geholt, begann Copito zu zittern. Mit trauriger Miene schlich er um mich herum und verweigerte das Essen. Meine Frau erzählte mir, dass er sogar die ersten zwei Tage nach meiner Abreise kaum eine Speise zu sich nahm. Desto freudiger war die Begrüßung bei meiner Ankunft! Schwanzwedelnd rannte er auf mich zu und ich musste ihn erst mal beruhigen, bis ich den Rest der Familie umarmen konnte. Andererseits ließ er sich
von den Mädeln alles gefallen. Sie durften ihn am Schwanz ziehen, die Zähne mit Zitronensaft putzen und im Kinderwagen spazieren fahren. Gelegentlich klaute er sogar dem Opa (meinem Vater), der sich oftmals gerne im Garten beschäftigte, irgendein Werkzeug, das er gerade mal kurz aus der Hand gelegt hatte, um es hinter einen Busch zu verstecken. Der Opa verdächtigte erst die Kinder, ihm einen Streich gespielt zu haben. Letztlich musste er sich aber überzeugen lassen, dass Copito der Strolch gewesen war. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf.

Ganze 11 Jahre erfreute Copito unser Leben. Dann jedoch kamen die altersbedingten Krankheiten und der Tierarzt machte was er konnte. Sein Tod bestürzte uns sehr und es war, als hätten wir ein Familienmitglied verloren. Wir begruben ihn unter dem Pflaumenbaum im Hinterhof und nahmen mit Tränen in den Augen Abschied von ihm. Da merkten wir, das wir nicht allein waren:
Auf den Mauern ringsum saßen die Katzen, unter ihnen auch der große weiße Kater. Mit traurigem Ausdruck bezeugten sie ihrem ehemaligen Kontrahenten die letzte Ehre! Unglaublich aber wahr! Man kann bezweifeln das Tiere eine Seele haben, aber Gefühle haben sie bestimmt!

Tiggy überlebte seinen Kameraden noch um zwei Jahre. Auch er ruht in dem Hof, den beide immer tapfer verteidigt hatten.

Nach diesen letzten fast traumatischen Erfahrungen hatten wir uns entschlossen, nie wieder Haustiere zu halten.