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Silvester mitten im Sommer

Kaum ein Europäer würde es wagen, die Silvesternacht unter freiem Himmel zu verbringen. In den südlich vom Äquator liegenden Ländern ist dies jedoch ganz üblich. Bekanntlich fällt dort das Jahresende mitten in den Sommer und die nächtlichen Temperaturen liegen dann oft über 30° Celsius!

Ich erinnere mich an ein ganz besonderes Jahresende, nämlich 1939 auf 1940. Damals lebte ich noch bei meinen Eltern in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires und wir hatten gerade zwei Besatzungsmitglieder des Panzerschiffs Admiral Graf SpeeLesen Sie auch:
Internierung in Argentinien, die erste Seeschlacht des Zweiten Weltkrieges
zu Besuch. Der deutsche Taschenpanzerkreuzer hatte sich am 13. Dezember 1939 mit britischen Einheiten vor der uruguayischen Küste (Punta del Este) die erste Seeschlacht des II. Weltkrieges geleistet. Nach kurzem Aufenthalt in Montevideo versenkte der Kommandant der Graf Spee sein eigenes Schiff im Rio de la Plata und ließ die Besatzung in der damals noch neutralen Republik Argentinien internieren. Die in Buenos Aires ansässigen Deutschen wurden aufgefordert, die deutschen Matrosen über die Feiertage in ihren Häusern unterzubringen und so kamen zwei von ihnen zu uns. Es war für sie ihre erste Erfahrung, im Ausland Weihnachten und Silvester zu feiern. Die erste Kriegsweihnacht verlief andächtig und mit den Gedanken bei den toten Kameraden, die auf dem Friedhof in Montevideo zurückgeblieben waren. Aber das neue Jahr sollte fröhlich gefeiert werden, da man letztlich auf einen baldigen Frieden hoffte.

Die blauen Jungs waren sehr hilfsbereit und gaben sich große Mühe, bei den Vorbereitungen der Silvesterfeier ihr Bestes zu geben. Wie üblich, galt es erst auf dem Patio (Terrasse im Hinterhof) Reinschiff zu machen. Die von der prallen Sonne erhitzten Fliesen wurden mit dem Wasserstrahl aus dem Gartenschlauch abgekühlt und die Matrosen zeigten, was sie mit dem Schrubber anfangen konnten. Dann wurde die Pergola über dem Patio mit bunten Papiergirlanden und Lampions geschmückt, eine große Tafel aufgebaut und der Plattenspieler montiert. Gleich nach der Siesta hatte mein Vater die Bowle mit Ananas, etwas Zucker und Weißwein angesetzt. Kurz vor Mitternacht wurde sie dann mit mehr Wein, einem Schuss Dry Gin und vielen Stücken Eis ergänzt. Auch die für die Speemänner vorgesehenen Bierflaschen wurden auf Eis gelegt. Wir hatten vorsorglich mehrere Blöcke Stangeneis bestellt und in einer mit Säcken abgedeckten Wanne gelagert. Bei dieser Jahreszeit braucht man eben jede Menge Eis für die Getränke und für die Zubereitung von Speiseeis. Die Eiswürfel aus dem Kühlschrank hätten kaum für die erste Runde gereicht.

Die hausgemachte Eiscreme wurde in einem Metallzylinder hergestellt, der sich in einem mit zerkleinertem Eis und Salz gefüllten Kübel befand. Eine handbetriebene Kurbel drehte gleichzeitig den Zylinder und die Rührschaufeln.

Für das leibliche Wohl wurde Pan Dulce  (eine Art Panettone: eine italienische Gebäckspezialität mit Rosinen, Nüssen und glasierten Früchten zubereitet), Turrones (spanischer Nougat), Nüsse, Oliven, Mortadellawürfel, Käse und allerlei Früchte aufgetafelt. Zu den üblichen Getränken gehörten die besagte Bowle, Bier, Sidra (Apfelwein) und Limonaden. Sekt und Champagner waren zu dieser Zeit noch Luxusware. Erst 20 Jahre später errichtete das französische Champagner-Haus Moët & Chandon in der Provinz Mendoza die Kellerei Bodegas Chandon Argentina. Der argentinische M-Chandon-Champagner fand bald Anklang und wurde ein großer Erfolg. Einige Jahre später wurde er an Bord des Segelschulschiffes Libertad der Armada Argentina in allen Häfen der Welt als Aushängeschild der argentinischen Weinproduktion präsentiert.

Um die lästigen Moskitos fern zu halten, durfte man nicht vergessen, schon bei der Abenddämmerung die unentbehrlichen japanischen Rauchspiralen aufzustellen. Diese glimmen mehrere Stunden und verbreiten einen fremdartigen herben Duft, der das Ungeziefer verscheucht.

So gegen zehn Uhr begann dann das eigentliche Festmahl. Als Hauptgericht wurde kalter Putenbraten mit allerlei Salaten serviert. Als Dessert bekamen wir natürlich Speiseeis mit Früchten. Bis zur Mitternacht wurde weiter an Süßigkeiten genascht.

Dann: Prosit Neujahr - und ab ging es auf die Straße, um die Böller und Raketen zu zünden. Dabei bekamen wir am klaren Himmelszelt die vertrauten Sternbilder Kreuz des Südens und die Drei Marias zu sehen. Als das Feuerwerk zu Ende war, begaben sich alle zurück auf den Patio um zu tanzen, zu plaudern und zu trinken, bis die Sonne den ersten Tag des neuen Jahres 1940 verkündete.