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Meine erste Überseereise

Es ist schon ein halbes Jahrhundert her, dass ich meine erste große Reise außerhalb Argentiniens antreten durfte. Im Jahre 1956 hatte ich knapp 10 Jahre als Zivilbeamter bei der Luftwaffe hinter mir und hatte es bis zum Stellvertretenden Chef der Division für Technische Dokumentation geschafft. Aber, wie kommt man als gelernter Schiffskonstrukteur zu den Fliegern? Nun, die Ausbildung im Schiffsbau ist so umfassend, dass diese Fachleute weltweit auch im Flugzeugbau gefragt sind, schließlich bestehen zwischen der Hydrodynamik und der Aerodynamik ja genügend Übereinstimmungen.

Tatsache ist, dass es zu dieser Zeit in der argentinischen Werftindustrie kaum Arbeitsmöglichkeiten gab und die Luftwaffe dringend Übersetzer mit technischen Kenntnissen brauchte. Also war meine Entscheidung eindeutig. Damals war die zivile Luftfahrt noch der Luftwaffe unterstellt und sie übte auch die technische Kontrolle über sämtliche in Argentinien registrierten Flugzeuge aus.

Die staatliche Fluggesellschaft Aerolineas Argentinas (AA) betrieb reguläre Linienflüge nach den USA und Europa, und zwar mit Douglas DC-6 Maschinen. Anfang 1956 war für das Flugzeug LV-ADT eine größere Überholung fällig und diese sollte von der KLM-Werkstatt in Schipol ausgeführt werden. Ich wurde beauftragt, diese Arbeiten zu überwachen und bekam einen Marschbefehl nach Amsterdam.

An einem heißen Sommertag im Januar 1956 bestieg ich den Flieger im Aeropuerto  Ministro Pistarini in Richtung Rio de Janeiro. Zum ersten Mal saß ich in einem Passagierflugzeug. Bisher hatte ich es nur mit allerlei Militärflugzeugen zu tun gehabt. Die Übereinstimmung der Texte mit den reellen Eigenschaften des Materials musste öfters vor Ort überprüft werden und so kam es, dass ich mir detaillierte Vorstellungen der Maschinen auf den verschiedenen Stützpunkten der Luftwaffe machen musste. Ich hatte mich hauptsächlich auf den eingearbeitet - welch ein Unterschied zwischen den engen Innenräumen dieser grässlichen Maschinen und der komfortablen Kabine einer DC-6!

Aber zurück zu meinem Reisebeginn. Die Piloten starten einen nach den anderen der vier Pratt & Whitney Sternmotoren. Schwarze Wölkchen pufften aus dem jeweiligen Motor, bis der Propeller seine Drehzahl steigerte. Angetrieben von den vier Propellern rollte das Flugzeug dann zum Beginn der Startbahn, um sich dort warmzulaufen. Mit gebremster Maschine gab der Pilot Vollgas und die Kraft und das Dröhnen der Motore setzten die Passagiere minutenlang unter Spannung, bis endlich der eigentliche Abflug zustande kam. Immer schneller schien die Piste sich unter uns hinwegzuziehen, der Druck des Körpers gegen die Rücklehne steigerte sich, bis endlich das Fahrwerk den Kontakt zum Boden verlor und wir in der Luft schwebten. In einer aufsteigend flachen Kurve überflogen wir die Millionenmetropole Buenos Aires, um dann über den La Plata Fluss Argentinien zu verlassen. Zu dieser Zeit flogen die Flugzeuge nicht so schnell und so hoch wie heute, so dass man bei guter Sicht vieles von dem herrlichen Panorama mitbekommen konnte. Da waren die Fensterplätze schon heiß begehrt und ich hatte dieses Privileg, denn ich flog ja in offizieller Mission! Von der Faszination des scheinbar unendlichen Urwaldes konnte mich nur das Angebot der ersten Mahlzeit an Bord ablenken.

Bevor wir in Rio de Janeiro landeten, schenkte uns der Pilot noch eine herrliche Ansicht von der Copacabana, dem Zuckerhut und dem Christus auf dem Corcovado, indem er etliche Schleifen über die Cidade maravilhosaWunderbare Stadt Rio de Janeiro. Sie ist die zweitgrößte Stadt Brasiliens und Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates. Sie liegt an der Guanabara-Bucht im Südosten des Landes. Der Name (portugiesisch für Fluss des Januars) entstand, weil Gaspar de Lemos am 1. Januar 1502 die Bucht entdeckte und irrtümlich für die Mündung eines großen Flusses hielt. Im administrativen Stadtgebiet leben rund 6,1 Millionen Menschen (2007). Die Metropolregion hat 11,6 Millionen Einwohner (2007). (1) drehte. Die Transithalle des Flughafens war gut klimatisiert und elegant ausgestattet. Man hatte genügend Zeit, sich die zahlreichen Souvenirläden anzusehen, da die Abfertigung und das Auftanken der Maschinen damals viel länger dauerte als heutzutage.

Beim Abflug aus Rio de Janeiro wurden wieder die vier Motoren nacheinander angelassen, dann wieder das Warmlaufen auf der Piste und los ging der Flug nach Natal, einem kleinen Flughafen im Nordosten Brasiliens. Während des Zweiten Weltkrieges wurde dieser Flughafen als  Stützpunkt von den US-Amerikanern genutzt, um Truppen und Kampfmaterial nach Nordafrika zu befördern.

Draußen wurde es dunkel, das Bordpersonal verdunkelte die Innenbeleuchtung, die Gespräche und die Begleitmusik in der Kabine verstummten langsam und das gleichmäßige Brummen der Motoren leitete bei den meisten Passagieren einen erholsamen Schlaf ein.

In Natal gelandet, mussten wir uns zu Fuß zum Terminal begeben, doch beim Verlassen des Flugzeugs kamen wir uns vor, als wenn wir eine riesige Sauna betreten hätten. Später erfuhren wir vom Bodenpersonal, dass kurz vor unserer Landung der tägliche Regenguss herunter gekommen war und nun verdunstete das Wasser in der tropischen Hitze. Das Terminal war nicht viel mehr als ein alter Schuppen ohne jeden Komfort. Man bekam zwar einen Cafecinhobrasilianischer Mokka (2) oder wahlweise einen Suco de laranjaOrangensaft (3) serviert, aber sonst gab es nichts, um sich die Zeit in der stickigen Atmosphäre zu vertreiben. Nach diesem qualvollen stop-over genoss man den Whisky-on-the-rocks in der klimatisierten Kabine umso mehr.

Von Natal starten wir zur Überquerung des Atlantischen Ozeans in Richtung Dakar, also über dieselbe Luftbrücke, die damals die Amerikaner im Kriege benutzt hatten. Unter uns nur Wasser, ab und zu konnte man ein winzig aussehendes Schiff erkennen. Dann wurde ich höflichst von einer Stewardess eingeladen, mich zum Cockpit zu begeben. Dort empfing mich der Chefpilot, der mir den Sitzplatz des Co-Piloten anbot. Er erklärte mir, er hätte von meinem Auftrag gewusst, hätte aber erst jetzt Zeit gehabt, mich zu empfangen. Er hatte die Maschine auf Autopilot geschaltet und wir konnten uns ungestört unterhalten, während das Flugzeug ohne menschlichen Einfluss seinen Kurs über dem Ozean zog. Als am Horizont die Küste Senegals auftauchte, bat mich der Pilot, mich wieder auf meine Sitzplatz zu begeben, da er nun mit Hilfe des Co-Piloten die Landung auf den Flugplatz Dakar einleiten müsste. Für mich war das eine unvergessliche Erfahrung, so unbemannt über den Ozean zu gleiten.

Mein erster Eindruck auf dem Schwarzen Kontinent war der Duft, den man in der Luft verspürte. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, aber es roch irgendwie nach Wildnis. In der Transithalle gab es ein großes Angebot von exotischen Souvenirs, Leopardenfelle, Dschungeltrommeln, bunte mit Federn geschmückte Pfeile, Schilde usw. Ich dachte mir, auf dem Rückweg kannst Du Dir ja solch Erinnerungsstück mitnehmen, aber Fehlanzeige, bei meiner zweiten Landung in Dakar durfte kein Passagier das Flugzeug verlassen - aus Sicherheitsgründen, hieß es. Es waren irgendwelche Unruhen im Lande.

Aber weiter: nun kam der lange Flug über die Sahara-Wüste bis nach Lissabon, wo mir das Klima schon etwas europäischer vorkam. Der nächste Flughafen, Zürich, zeigte sich schon im Schneegewand. Auf der Strecke nach Frankfurt konnte ich dann die herrliche Landschaft mit den schneebedeckten Tannenwäldern, Wiesen und Dörfern bewundern. So schön war also die Heimat, die ich bisher nur aus den Erzählungen meiner Eltern kannte.

In Frankfurt endete die Reise der meisten Fluggäste. Als die Maschine den Weiterflug nach Amsterdam antrat, war ich der einzige Passagier an Bord. Ich wurde von den Stewardessen buchstäblich verwöhnt. Leider dauerte diese Etappe nur knapp eine Stunde. Endstation Schipol. Wegen der Winterzeit war es schon frühzeitig dunkel und der Pilot gab die Bodentemperatur durch: 30 Grad unter Null!

Als ich endlich unrasiert und erschöpft im KLM-Bus durch die hell erleuchteten und fast menschenleeren Straßen Amsterdams fuhr und mich wunderte, dass die Ampeln alle auf Gelb geschaltet waren - es war wohl schon lange nach Mitternacht - da wurde es mir ein bisschen wehmütig bewusst, dass ich vor 36 Stunden in Buenos Aires bei plus(!) 32 Grad und strahlendem Sonnenschein meinen Flug angetreten und vier Zeitzonen überquert hatte. Meine Uhr zeigte immer noch die argentinische Zeit an!

(1) Cidade maravilhosa: Wunderbare Stadt (Rio de Janeiro)

(2) Cafecinho: brasilianischer Mokka

(3) Suco de laranja: Orangensaft

Noch einige Bemerkungen des Autors:
In den meisten Ländern in Südamerika ist Spanisch die offizielle Sprache, in Brasilien allerdings ist die Amtssprache Portugiesisch.