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Impressionen aus Europa vor 50 Jahren

Als ich im Januar 1956 aus Argentinien kommend(*) zum ersten Mal durch die Straßen Amsterdams fuhr, bekam ich einen ganz falschen Eindruck von dieser Stadt. Es war Mitternacht und mitten in einem der kältesten Winter der letzten Jahren in Europa. Im Vergleich zu Buenos Aires, einer Metropole mit überschäumendem Nachtleben bis in die Morgenstunden, kam mir Amsterdam wie ausgestorben vor. Doch am nächsten Morgen, als ich nach einem deftigen Frühstück, vor meinem Hotel in die Tram stieg, um zum Büro der Aerolineas Argentinas (Fluggesellschaft) zu fahren, bekam ich einen ganz anderen Eindruck von dieser lebensfrohen Stadt. Am Straßenverkehr waren auch  Hunderte von Radfahrern beteiligt, und zu meiner Überraschung hielten sich alle an die Verkehrsregeln. Sie respektierten die Ampeln und beim Abbiegen streckten sie den Arm aus. So etwas hatte ich noch nie gesehen!

Mein Staunen begann schon an der Tramhalte (Straßenbahnhaltestelle): die Straßenbahn fuhr pünktlich nach Fahrplan! Wie die Fahrer das schafften, ist mir noch heute unklar. Bei jedem Brückenübergang an den vielen Grachten, die in konzentrischen Kreisen die Stadt unterteilen, muss der Straßenbahner die Weichen stellen, um auf die Einzelschiene, die über die Brücke führt zu kommen. Die entgegenkommende Straßenbahn hatte dann solange zu warten. Dazu kommen dann noch die Wartezeiten vor den Hebebrücken und die Staus, die sich auf den engen Straßen bildeten.

Mir ist übrigens auch aufgefallen, dass einige Leute an der Haltestelle ihre Post in den am Heck der Straßenbahn befindlichen Briefkasten einwarfen. Später erfuhr ich, dass diese fahrbaren Briefkästen an der Endstation entleert wurden und so dem Benutzer der Weg zum Postamt erspart blieb. Erstaunt hat mich auch, dass ich vom Schaffner mir einem freundlichen goeden dag begrüßt wurde und dass mir eine junge Dame ihren Sitzplatz anbot. Als ich dankend absagte, zeigte sie auf ein Schild, auf dem stand, dass Fahrgäste unter 18 Jahren älteren Personen Platz machen müssten. Mit meinen 32 Jahren kam ich mir plötzlich sehr alt vor! Das Staunen ging weiter, als ich bemerkte, dass auch Hunde in der Straßenbahn mitfahren durften. Für mich war das eine ganz andere Welt.

Als ich dann mein Vorgespräch mit dem Leiter der lokalen Dienststelle der argentinischen Luftfahrtgesellschaf (AA) führte, der mich über die Einzelheiten meiner zukünftigen Arbeit aufklärte, wurde mir mitgeteilt, dass ich für die nächsten Monate eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung beantragen müsste. Die polizeiliche Anmeldung war zwar schon vom Hotel erledigt worden, doch ich machte mir schon Gedanken, wie ich nach Den Haag fahren würde, um den Papierkram zu erledigen. Der Büroleiter beruhigte mich aber und fragte, ob ich bereit wäre ein Ferngespräch zu bezahlen. Natürlich, sagte ich und prompt war er mit der Einwanderungsbehörde verbunden. Er buchstabierte meinen Namen, gab meine Personalien durch und berichtete, dass ich ungefähr 3 bis 4 Monate in den Niederlanden beruflich tätig sein würde. Das war's. Bei meiner Rückreise, sagte er mir dann, bräuchte ich mich nur am Flughafen abzumelden. So unkompliziert war ich bisher bei keiner Behörde durchgekommen.

Dann wurden mir die beiden Techniker der AA vorgestellt, mit denen ich im Auftrag der argentinischen Luftwaffe die Arbeiten an der DC-6 Maschine der Fluggesellschaft in der KLM Werkstatt beaufsichtigen sollte und wir vereinbarten unseren ersten Arbeitstermin in Schiphol.

Als ich wenig später die riesige Montagehalle der KLM betrat, traute ich meinen Augen nicht. Da stand sie nun, unsere Maschine. Am Rumpf konnte man sie gerade noch durch das Kennzeichen LV-ADT erkennen, aber sonst? Es kam mir so vor, als ob ich gestern noch mit jemanden gesprochen hätte, dessen Skelett jetzt vor mir lag: das Flugzeug war total ausgekernt! Die Tragflächen waren abmontiert, die Motoren verschwunden (sie befanden sich schon in der Motorenwerkstatt in einer andere Halle), die Sitze waren entfernt worden, die Innenverkleidung war teilweise aufgeklappt, überall hingen Kabel und lagen Aluminium-Teile herum. Ein geplantes Chaos, in das ich mich nun einzufügen hatte.

Aber es war alles halb so schlimm. Die holländischen Kollegen verstanden ihr Werk und wir einigten uns über die täglichen Arbeitsgänge entsprechend den in der technischen Dokumentation enthaltenen Vorschriften. Anders als bei den Kraftfahrzeugen werden bei Flugzeugen nicht nur die defekten oder abgenutzten Teile ausgewechselt. Jedes einzelne Element hat seine vorgeschriebene Lebensdauer und muss bei den fälligen Überholungsterminen ersetzt werden. Selbstverständlich dürfen nur originale Ersatzteile eingebaut werden. Wenn diese nicht auf Lager waren, musste man sie aus den USA beziehen. Das war also schon eine komplizierte logistische Aufgabe. Dann kamen natürlich noch die Kontrolle des korrekten Einbaues und die funktionelle Anpassung der zig-tausend Teile dazu. Soweit also die Beschreibung meiner professionellen Tätigkeit. Aber da gab es ja auch noch Wochenenden und Feiertage, und ich wollte natürlich auch etwas von Europa kennen lernen.

Vorsorglich hatte ich mir in Buenos Aires die entsprechenden Visa für die Länder, die ich besuchen wollte, in meinem Reisepass eintragen lassen. Zuerst sollte es nach Deutschland gehen. Also einigten wir uns, die beiden Techniker von der AA und ich, über die Karnevalstage nach Köln zu reisen. In einem Mietauto fuhren wir erst einmal nach Brüssel. Kurz nach der belgischen Grenze sahen wir einen frierenden Soldaten am Wegesrand stehen, der offenbar darauf wartete, mitgenommen zu werden. Wir hielten an und verständigten uns mit ihm auf gebrochenem Englisch. Er hatte Urlaub und wollte nach Hause fahren, und zwar nach Liege (Lüttich). Das lag auf unserer Reiseroute und weil wir hofften, dass er uns aIs Dolmetscher dienen könnte, nahmen wir ihn mit. Aber große Enttäuschung! Als wir ihn in Brüssel baten, einen Polizisten nach der Richtung zu fragen, stellte sich heraus, dass sich beide nicht verständigen konnten, der eine sprach nur Flämisch und der andere nur Französisch...!

Trotzdem fanden wir unseren Weg und nach einem interessanten Sightseeing in Brüssel, fuhren wir weiter in Richtung Liege, wo unser Soldat ausstieg und wir in einer Herberge einkehrten. Unterwegs war in unserem gemieteten Vauxhal die Heizung ausgefallen und die Scheiben bedeckten sich langsam mit einer millimeterdicken Eisschicht. Um etwas sehen zu können, mussten wir dauernd mit dem Taschenmesser Löcher durch die Eisschicht an der Frontscheibe kratzen. Dies machte die Weiterfahrt natürlich unmöglich. Nachdem wir unsere Zimmer belegt hatten, borgten wir uns von dem Herbergswirt einige Werkzeuge und machten uns an die Arbeit, den Warmluftventilator wieder in Gang zu bringen. Eine defekte Unterlegscheibe war der Übeltäter. Am nächsten Morgen fuhren wir dann in unserem gut durchwärmten Wagen weiter.

Bald mussten wir mitten im Schneegestöber vor einem Schlagbaum Halt machen. An einem kleinen Häuschen war ein Schild mit der Aufschrift Douane zu sehen. Den belgischen Beamten war es offensichtlich zu kalt, um auf uns zuzukommen. Also stieg ich mit den drei Reisepässen aus und erledigte den Grenzübergang. Aber wo blieb Deutschland?

Wir fuhren eine Weile durch ein Niemandsland, bis wir endlich bei der deutschen Zollstation ankamen. Auf unsere verwunderten Fragen erfuhren wir, dass wegen der seit Ende des II. Weltkriegs immer noch bestehenden Antipathien die Grenzkontrollstationen zwischen den Benelux-Staaten und Deutschland weit auseinander gehalten wurden.

Weiter ging die Fahrt bis nach Aachen, der alten Kaiserstadt. Einen eindrucksvolleren Eintritt in das Kulturland Deutschland hätte man sich kaum vorstellen können. Beim Bewundern des mächtigen Doms in der historischen Altstadt kam mir der Gedanke, dass dieses Prachtwerk gebaut wurde, als in Argentinien noch die Indios auf der Pampa jagten.

Spät am Abend erreichten wir die Karnevalshochburg Köln. Als erstes fuhren wir zum Hauptbahnhof, um uns von der Tourist-Information eine Unterkunft für die Nacht nachweisen zu lassen. Zu unserem Entsetzen erfuhren wir, dass es in der ganzen Umgebung kein einziges freies Hotel- oder Gasthauszimmer mehr gab. Man gab uns aber den Tipp, es bei der während der Karnevalszeit eingerichteten privaten Zimmervermittlung zu versuchen und tatsächlich bekamen wir dort gegen eine kleine Gebühr die Adresse einer Privatwohnung, in der wir uns einquartieren konnten. Die Hausbesitzerin, eine Witwe mit zwei Töchtern, stellte uns komfortable Zimmer zur Verfügung. Am nächsten Morgen beim Frühstück erfuhren wir, dass ihr Ehemann, Bruder und Sohn, deren mit Trauerflor geschmückte Bilder auf einer Kommode standen, im Krieg gefallen waren. Uns wurde ganz mulmig zu Mute. Es war unsere erste Konfrontation mit den Schrecken des Krieges. Aber für die Familie, die uns beherbergte, war es bereits Vergangenheit. Die Töchter hatten schon ihre Kostüme parat, um am Karnevalsumzug teilzunehmen. Auch wir wurden von dem fröhlichen Treiben mitgerissen und kamen aus dem Staunen nicht heraus, als wir die spärlich bekleideten Mariechen durch die Straßen marschieren sahen, während wir in unseren dicken Wintermänteln vor Kälte zitterten. Viele Jugendliche warfen sich Schneebälle zu und manchmal trafen sie auch (vielleicht absichtlich?) die eine oder andere Polizeimütze, die dann auf dem Boden landete. Die Ordnungshüter verhielten sich gelassen und nahmen schließlich ihre Mütze unter den Arm, um nicht weiter als Zielscheibe herhalten zu müssen.

Nach dem Umzug ging das Feiern in den Kneipen weiter und wir wunderten uns, dass fast jeder die Texte der Lieder mitsingen konnte. Wir hatten kurz zuvor den Kölner Dom besichtigt, dessen einer Turm noch Bombenschäden aufwies. Auf einer Baustelle sahen wir einige ausgegrabene, durchlöcherte Stahlhelme liegen und überall waren noch Spuren vom Krieg zu erkennen. Solch ein Kontrast zu dem fröhlichen Karnevalstreiben konnte offensichtlich nur Jecken wie uns auffallen.

Zurück in Amsterdam, ging die Routine weiter. Mittlerweile hatten wir mit den niederländischen Kollegen ein gutes Team gebildet und die Arbeit ging reibungslos voran. Täglich fuhr ich mit dem Bus nach Schiphol. Der etwa zehn Minuten lange Fußweg zur Bushaltestelle führte durch den Vondelpark und schon da bekam ich die für mich ungewohnte Kälte zu spüren. 20 bis 25 Grad Celsius unter Null war wochenlang normal. Am Flughafen angekommen, stieg ich auf einen der opstapwagen, der mich zum Hangar führte. Diese Aufsteigewagen kreisten in regelmäßigen Abständen durch das Werkgelände. Es handelte sich um einen von einem Trecker gezogenen Tieflader, auf den man bei langsamer Fahrt aufspringen konnte. Am Ziel angekommen, sprang man wieder ab. Als Wetterschutz trugen die Tieflader ein auf Pfeilern gestütztes Dach. Diese Pfeiler dienten auch zum Festhalten beim Auf- und Absprung. Da die meisten Werkarbeiter klompen trugen, krachte es heftig, wenn sie auf das Plattformblech aufsprangen. Die Flugzeughalle war angemessen geheizt und bei etwa 25 Grad Celsius -plus!- konnte man in Hemdsärmeln arbeiten. Mit der Zeit hatten wir uns schon an diese extremen Temperaturunterschiede gewöhnt.

Als Mitarbeiter der KLM bekamen wir natürlich auch begünstigte Flugtickets, die wir fleißig ausnutzten, um uns in Europa umzusehen. An einem Wochenende entschlossen wir uns, nach Paris zu fliegen. Ein aufregendes Ereignis: Eiffelturm, Arc de Triomphe, Louvre Museum, Napoleons Grab, alles hatten wir vorausgeplant, es sollte interessant und instruktiv werden. Leider wussten wir nicht, dass in Frankreich die englische Sprache absolut missbilligt wird. Als wir in einem Hotel auf Englisch Zimmer bestellen wollten, wurden wir vom Concierge völlig ignoriert. Er fummelte an seinen Papieren weiter, als ob wir nicht existierten. Als wir erbost seine Unaufmerksamkeit unter uns kommentierten, fragte er auf einmal ganz höflich: Ach, die Herren sprechen ja Spanisch, was kann ich für Sie tun?. Wir hatten etwas dazugelernt, nie wieder Englisch in Frankreich zu sprechen!

Viel schlimmer war es zu jener Zeit, in Holland deutsch zu sprechen. In der niederländischen Bevölkerung gab es damals noch eine starke antideutsche Stimmung, bedingt durch die Gräuel des zweiten Weltkrieges. Da wir uns auch mit den KLM-Mitarbeitern nur auf Englisch verständigten, konnten wir die Niederländer als ein sympathisches, tolerantes, liberales, unkompliziertes und humorvolles Völkchen kennen lernen.

Im Verlauf dieser winterlichen Monate blieben die Grachten zugefroren und wurden von fröhlichen Schlittschuhfahrern als Verbindungsstraßen benutzt, ein außergewöhnlicher Anblick für uns Ausländer. Auch die große Anzahl von Hunden auf den Straßen, in den Verkehrsmitteln und den Restaurants der Stadt kamen uns ungewohnt vor. Das Schlimmste dabei waren aber die unzähligen Häuflein, die die meist recht großen Vierbeiner hinterließen. Unter der Schneetarnung verwandelten sie sich in heimtückische Tretminen. Auch konnten wir nicht verstehen, wieso es im Kino während der Vorstellung erlaubt war zu rauchen. Es war eben, ein liberales Völkchen...!

Ich hatte noch Gelegenheit, meine Verwandten in Berlin und Freunde im Schongau zu besuchen. Dann wurden die Tage allmählich länger und die Temperaturen stiegen bis auf den Gefrierpunkt. Die Montage unseres Flugzeugs ging zu Ende und die Abnahmeprüfung stand bevor.

Da ich letztlich für die Zulassung der Maschine verantwortlich war, wurde ich der Testcrew zugeteilt. Endlich kam der Tag und ich stieg mit gemischten Gefühlen in das Flugzeug. In der passagierleeren Kabine befanden sich einige Techniker mit ihren Messinstrumenten. Ich setzte mich vorsichtshalber mit dem Rücken gegen die Vorderwand und ergab mich meinem Schicksal. Die Maschine gewann langsam an Höhe und plötzlich das Unerwartete: Wir hatten die Wolkenschicht durchbrochen und sahen nach vielen Monaten endlich wieder den blauen Himmel bei strahlender Sonne! Dann begannen die Flugmanöver über dem Nordatlantik. Bei verschiedenen Beschleunigungen wurde das Flugzeug u.a. auf Steuerbarkeit, Wendigkeit, Steig- und Sturz-Eigenschaften geprüft. Auch Motorenausfälle und das Wiederstarten wurden geprobt. Die Belastungen, denen das Flugzeug ausgesetzt wurde, machten sich durch unheimliches Krachen und Knirschen in der ganzen Struktur bemerkbar. Zum Glück war ich von dem Testpiloten beizeiten gewarnt worden und machte mir deshalb nicht viel daraus. Der Testflug verlief zufrieden stellend und nach einigen unbedeutenden Ausbesserungen konnte ich den Lufttüchtigkeitsschein der LV-ADT für ein weiteres Jahr unterschreiben.

Der Abschied von Amsterdam und den vielen Freunden, die ich dort gewonnen hatte, fiel mir schwer und ich nahm mir vor, irgendwann wiederzukommen. Zum Glück gelang es mir, diesen Wunsch mehrmals zu erfüllen, auch in Begleitung meiner Familie und  zu wärmeren Jahreszeiten.