© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Fast wären wir Stroessner begegnet

Aus den Medien erfuhr ich, dass Paraguays Ex-Diktator Stroessner im Alter von 93 Jahren am 16.08.2006 im brasilianischen Exil gestorben ist. Dies erweckte meine Erinnerung an einen seltsamen Zwischenfall, den ich mit meiner Frau beim Besuch der paraguay­ischen Hauptstadt Asunción erlebte.

Etwa anfangs der 70er-Jahre machten wir uns auf die Reise zu den Iguazú-Wasserfällen an der nördlichen Grenze Argentiniens. Wir bevorzugten eine gemütliche Schifffahrt auf den Flüssen Paraná, Pilcomayo und Paraguay, die uns innerhalb von vier Tagen von Buenos Aires nach Asunción führte.

Auf dem komfortablen Flussdampfer ließen wir die Landschaft des argentinischen Mesopotamien an uns vorbei gleiten, besuchten die Provinzstädte Paraná und Corrientes und genossen das Gesell­schaftsleben an Bord. Dabei erinnere ich mich an eine lustige Anekdote: wir näherten uns einem schmalen hölzernen Landesteg, der zu einer der typischen Hütten am Flussufer führte. Ein kleiner Junge rannte wie besessen den Steg entlang in Richtung Fluss. Wir dachten: der will bestimmt unser Schiff aus der Nähe begrüßen. Aber als er am Ende vom Steg angelangt war, packte er schnell einen dort abgestellten Schemel und raste zurück. Bald verstanden wir dieses schlaue Vorgehen des halbnackten braunen Bengels. Nachdem das Schiff den Anleger passiert hatte, schwappte eine große Heckwelle über die Holzplanken und hätte bestimmt den Schemel mitgerissen, wäre er nicht rechtzeitig gerettet worden!

In Asuncion angekommen, ging es weiter mit dem Bus Richtung Osten durch eine grüne tropische Landschaft nach Ciudad del Este, der östlichsten Stadt Paraguays. Sie ist nicht nur Grenz­stadt am Dreiländereck, sondern liegt auch in der Nähe des argentini­schen Nationalparks Iguazú. Längs der Landstraße sind uns die vielen blumengeschmückten Holzkreuze aufgefallen, die am Wegrand in unregelmäßigen Abständen aufgestellt waren. Der Busfahrer erklärte uns, dass viele Fußgänger diese Straße benutzten, um von einem Dorf zum anderen zu kommen. Dabei kamen etliche davon zu Tode, weil die dunkel gekleideten Gestalten nachts nicht rechtzeitig von den Autofahrern erkannt wurden. Da es sich um ärmere Leute handelte, deren Angehörige kein Geld hatten, um die Verunglückten in ihre Heimatdörfer zu transportieren, wurden sie an Ort und Stelle begraben. Die Kreuze dienten außerdem als Mahnmale für die unvorsichtigen Verkehrsteilnehmer.

Iguazú ist ein Wort aus der Guaranísprache und bedeutet Großes Wasser, wahrlich der richtige Name für die wohl schönsten Wasserfälle der Erde! Diese liegen eingebettet in sagenhafter Dschungellandschaft und bilden die Grenze zwischen Argentinien und Brasilien. Den schönsten Anblick auf den Halbkreis, der über eine Länge von 2.700 m mehr als 150 Einzelfälle präsentiert, hat man von der argentinischen Seite. Besonders imposant ist der etwa 70 Meter hohe Teufelsrachen benannte Wasserfall. Es ist ein fantastischer Anblick, wenn die Wassermassen schäumend und spritzend in die Tiefe donnern, umgeben vom wunderschönen Panorama mit seiner reichen Flora und Fauna.

Zurück in Asunción, erwartete uns unser Schiff, das uns auch als Hotel zur Verfügung stand. Wir erkundeten die Stadt auf verschiedenen Wegen. Auf einer Straßenbahnfahrt wurden wir von einer ungewöhnlichen Erscheinung überrascht. Ein gut gekleideter Mann stieg ein. Er trug einen braunen Anzug, weißes Hemd und Krawatte, aber er hatte weder Socken noch Schuhe an! Danach schauten wir uns die Leute genauer an und stellten fest, dass Barfußlaufen gar kein seltener Brauch in Asunción war. Aber man sollte nicht glauben, dass es nur an der Armut liege, dass es so viele Barfüßler gab. Eigentlich handelt es sich um eine herkömmliche Sitte der Ureinwohner Paraguays, die Guaraní Indianer, die sich dann auch später nicht an das moderne Schuhwerk gewöhnen konnten.

Am letzten Tag unseres Aufenthalts in dieser überschaubaren und sauberen Hauptstadt, machten wir einen Spaziergang, der uns in einen schön angelegten Park führte. Wir wanderten weiter, berauscht vom Duft der Zitrusblüten und anderen tropischen Pflanzen, als wir einen prunkvollen Palast vor uns sahen. Wir näherten uns, um das Gebäude besser betrachten zu können, als plötzlich hinter uns ein Halt!-Ruf ertönte. Wir drehten uns erschrocken um und vor uns standen zwei in Tarnuniform gekleidete, mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten. Was haben Sie hier zu suchen? kam die schroffe Frage. Ich antwortete zögernd: Wir sind Touristen und kommen aus Argentinien, wir wollten uns nur dieses schöne Gebäude ansehen. Die Antwort war: Dies ist der Regierungspalast, folgen Sie uns!

Unsere Gedanken gingen zurück nach Buenos Aires, wo zurzeit eine von Terroristen durchgeführte Welle von Überfällen, Entführungen und Ermordungen die Bevölkerung in Angst und Schrecken hielt. Unter diesen Umständen, konnte man allein bei einer suspekten Annäherung eines öffentlichen Gebäudes verhaftet und verhört werden. Ob wir jetzt auch hier in so eine ungeheuerliche Lage geraten waren?

Die Soldaten führten uns bis an den Treppenaufgang zum Palast und befahlen uns zu warten. Einer von ihnen ging in das Gebäude hinein und kam nach einer Weile in Begleitung eines vornehm gekleideten Beamten zurück. Dieser stellte sich höflich als Chef der Öffentlichkeitsarbeit vor und sagte: Also, Sie sind die Touristen, die den Palast besichtigen möchten? - Bitte folgen sie mir.

Eigentlich hatten wir nicht diese Absicht gehabt, aber nun folgten wir ihm die imposante Eintrittstreppe hinauf und befanden uns bald im Interieur des Palastes. Wir wurden durch die zur dieser Tageszeit unbesetzten Räume geführt und erhielten die entsprechenden Erklärungen über die Geschichte und Bedeutung der prächtigen Einrichtungen. Der Beamte bemerkte nebenbei, dass der General Stroessner sich zurzeit nicht in seiner Amtsstube befinde, …sonst hätte er sich bestimmt gefreut, Sie begrüßen zu können. Da waren wir aber tief beeindruckt...

Aber das war nicht alles: im Obergeschoss wurden wir gebeten, vor der Tür des Auswärtigen Amts zu warten. Unser Begleiter betrat den Raum und als er zurückkam, berichtete er uns, der Minister befinde sich noch in seinem Arbeitszimmer und hätte nichts dagegen, uns den Durchgang zu erlauben, da dies der einzige Zugang zum Balkon des Palastes sei. Wir durch­schritten ehrfürchtig das Gemach und grüßten im Vorbeigehen den Minister, der kurz von seinen Papieren aufschaute und den Gruß freundlich erwiderte. So kamen wir auf den lang gestreckten Balkon und konnten, über die Gärten des Palastes hinweg den herrlichen Anblick des Paraguay Flusses genießen. So ein freundliches Entgegenkommen hatten wir nicht erwartet. Am wenigsten von einer Regierung, die weltweit als Diktatur betrachtet wurde.

Später erfuhren wir, dass einige Wochen zuvor angesichts der großen Bedeutung, die der Tourismus auf die paraguayische Wirtschaft zu haben begann, Präsident Stroessner sich in den beiden Landessprachen - Spanisch und Guaraní - an das Volk gewandt hatte, um es aufzufordern sich recht freundlich gegenüber den Touristen zu verhalten. Auch auf das Äußere sollte geachtet werden, er wolle keine langhaarigen oder unsittlich gekleideten Jünglinge auf den Straßen sehen. Den Widerspenstigen würden auf der Polizeiwache die Haare und die Schuhabsätze gekürzt. Auch Bettler und andere abspenstige Gestalten sollten das Weite suchen.

Da Stroessner das Land seit 1954 mit eiserner Hand regierte, wusste jedermann Bescheid, wie er sich zu verhalten hatte. Immerhin gingen die Behörden mit gutem Beispiel voran, das konnten wir bestätigen.

Bei der Ruckfahrt ging es stromabwärts schneller voran und wir machten nur einen Zwischenstop im Hafen von Santa Fe. Nach dreitägiger Flussfahrt waren wir wieder zurück im Betondschungel, der sich die Stadt der Guten Lüfte (Buenos Aires) nennt.

Paraguay hinterließ uns die Erinnerung an ein armes, aber gastfreundliches Land das mit einzigartigen Naturschönheiten gesegnet ist. Der deutschstämmige Militärmachthaber Alfredo Stroessner wurde 1989 abgesetzt und verweilte bis an seinem Lebensende in Brasilien.