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Argentinische Autogeschichten

Mein Vater hatte für Autos nicht viel übrig. Er bevorzugte die Straßenbahn, die in Buenos Aires in den 1930 - 1940er Jahren eines der zuverlässigsten Verkehrsmittel war. Zwar fuhren auch Omnibusse, die aber keine festen Haltestellen hatten und deren Fahrer sich meistens nicht bemühten, an den Bürgersteig heranzufahren und auch nicht direkt anhielten. Öfters musste man an dem langsam fahrenden Bus nebenher laufen, um dann mitten im Verkehr, aufzuspringen. Beim Aussteigen ging es umgekehrt zu. Jedesmal ein waghalsiges Manöver.

Allerdings wurde der Straßenbahnverkehr bald für die rasch wachsende, immer größer werdende Hauptstadt Argentiniens zu langsam. Deswegen entwickelten die einfallsreichen Porteños (Hafenleute, wie sich die Bewohner von Buenos Aires selbst benannten) ein schnelleres und wendigeres Verkehrsmittel, die Colectivos. Dieses Verkehrsmittel entwickelte sich aus den damals wegen der wirt­schaftlichen Verhältnisse wenig benutzten Taxen. Sie begannen auf festgelegten Linien zu fahren und nahmen unterwegs weitere Passagiere auf, die sich dann den Fahrpreis teilten. Die verschiedenen Linien wurden durch Nummerschilder gekennzeichnet. Man nannte diese Fahrzeuge Colectivos (was etwa mit Aufsammler übersetzt werden kann), die sich dann später in Kleinbusse verwandelten. Die Fahrer dieser Colectivos entpuppten sich als eine ganz besondere Menschenklasse. Sie besaßen nicht nur hervorragende Fahrtüchtigkeitseigenschaften, sondern betätigten auch die Hebel zum Öffnen und Schließen der Türen, kassierten das Fahrgeld, übergaben die Fahrkarten und händigten das Wechselgeld aus, und das alles während der Fahrt und im rasendem Tempo, wie es die Einhaltung ihrer Fahrzeiten erforderte. Dass dabei auch einmal eine rote Ampel nicht beachtet wurde oder ein Passagier bei der Abfahrt mit einem Bein noch auf dem Boden stand, war keine Seltenheit.

Später kamen die komfortableren Trolleybusse dazu, die sich durch ihre Flexibilität im chaotischen Verkehr der Hauptstadt besser bewährten als die Straßenbahnen. Letztere wurden dann auch allmählich abgeschafft.

Aber ich wollte ja von unserem ersten Auto erzählen. Als ich etwa 18 Jahre alt war, machte ein Freund mich auf einen gebrauchten Ford aufmerksam, der zu einem äußerst günstigen Preis zu erwerben war. Als Student hatte ich natürlich nicht die dazu benötigten 150 Pesos, also fragte ich meinen Vater, ob er mir einen Vorschuss geben könnte. Ich berichtete ihm über den Zustand des Wagens und versuchte, ihm die Vorteile meiner eigenen Mobilität klarzumachen. Ich kannte ja seine Einstellung gegenüber den Autos und hatte schon einige Argumente parat, um ihn zu überzeugen. Aber er lächelte nur und fragte, wie ich es mir vorstellen würde, ein Auto ohne Reifen zu fahren. Sofort war mir klar, was er damit sagen wollte, wir verstanden uns nämlich immer sehr gut. Ich hatte ihm ja auch den Zustand der Reifen beschrieben, die umgehend ersetzt werden mussten. Dieses Gespräch fand im Jahre 1942 statt und Kautschuk war weltweit als kritisches Kriegsmaterial eingestuft worden. In Südamerika lagen tausende von Autos brach, weil es keine Ersatzreifen zu kaufen gab. Also musste ich vorerst auf mein erstes Auto verzichten.

Dann aber gab es andere Prioritäten: die Vollendung meines Studiums, der Militärdienst, der erste Job auf einer Werft, die Stellung bei der Luftwaffe, der Bau unseres Hauses, die Hochzeit, Kinder großziehen, meinen Verlag gründen usw. Endlich kam der Moment, sich nach einem Auto umzusehen.

Dazu mussten meine Frau und ich aber erst den Führerschein machen. Im Alter von 40 Jahren hatte ich noch nie hinter einem Lenkrad gesessen. Also nahm ich 10 Fahrstunden bei einem Fahrerlehrer und meldete mich zur Prüfung. Diese bestand hauptsächlich aus bürokratischen Formalitäten. Für jede Abwicklung benötigte man stundenlanges Schlangestehen. Zuerst hieß es, die Formulare zu ergattern. Mit den ausgefüllten Papieren pilgerte man dann die verschiedenen Etappen entlang: Überprüfung von Personal­ausweis und Führungszeugnis, Seh- und Hörtest, allgemeine körperliche Kontrolle. Endlich dann die eigentliche Prüfung, die in kaum 15 Minuten erledigt war. Zweimal um die Piste fahren, links und rechts abbiegen, auf einer Steigung stoppen und weiterfahren und schließlich, in höchstens drei Manövern, zwischen zwei Holzböcken einparken. Während der Fahrt stellte der Prüfer noch einige Fragen zu Verkehrsregeln, und wenn man alles richtig machte, konnte man sich seinen Führerschein abholen, der für die nächsten 10 Jahre gültig war. Auch meine Frau bestand diese Prüfung fehlerfrei.

Nun konnten wir uns auf die Suche nach unserem Auto konzentrieren. Es sollte ein komfortabler und für eine Großfamilie geeigneter Wagen sein. Da wir noch Anfänger waren, stellten wir uns einen Gebrauchtwagen als die bessere Wahl vor. So kamen wir auf unseren Chrysler De Soto 1947. Mit seinen 17 Jahren auf dem Buckel war dieser Typ noch längst nicht veraltet. Es handelte sich um eine geräumige Familienlimousine, die ursprünglich zwei klappbare Beisitze im Fahrgastraum gehabt hatte. Diese waren ausgebaut worden und so ergab sich eine ungewöhnliche Beinbreite vor dem Hintersitz, der auch noch mit Leselampen ausgestattet war.

Dieser nachtschwarze Koloss hatte einen stattlichen, chromglänzenden Kühlergrill, mit Auswüchsen an der vorderen Stoßstange. Zierleisten und weitere Chromteile, sowie auch die Weißwandreifen gaben dem Auto einen imposanten Anblick. Die Konstruktion war äußerst robust und der Antrieb erfolgte über ein Halb-Automatikgetriebe. Der erste Gang (Kraft) und der Rückwärtsgang wurden beim Treten des Kupplungspedals mit dem Schalthebel geschaltet, die anderen Gänge schalteten sich selbständig (hinauf und herunter) durch die Betätigung des Gas­pedals.  Türen, Kofferraum und Zündung hatten getrenn­te Schlüssel. Der Anlasser wurde übrigens durch Knopfdruck betätigt.

Allerdings hatten wir mit unserem Ersten einige Anfangsschwie­rigkeiten. Es begann schon bei der Umschreibung. Als ich den Wagen an der Zulassungsstelle vorfuhr, überprüfte der Kontrolleur die Motor-Identifikationsnummer und sagte mir vertraulich: Sie sollten am besten gleich verschwinden, sonst muss ich das Auto noch beschlagnahmen. Hierzu erklärte er mir kurz, dass die auf dem Motor­block eingeprägten Ziffern nicht einwandfrei zu lesen seien, was auf eine Straftat hinweisen könnte.  Der Mechaniker meiner Werk­statt bestätigte dann den Verdacht, dass der Motor wahrscheinlich rechtswidrig ausgetauscht und dabei die Nummer verändert worden sein könnte. Es wäre aber möglich, mit einer chemischen Überprüfung die ursprünglich in den Motorblock eingeschlagenen Nummern wieder sichtbar zu machen, so ließe sich eventuell die Echtheit des Motors doch noch beweisen.

Auf Anraten eines befreundeten Richters erstattete ich Eigenanzeige, ein gestohlenes Fahrzeug gekauft zu haben und er klärte mich bereit, die Ermittlungen auf eigene Kosten durchführen zu lassen. Der Richter stelle das Auto deshalb in meinen Gewahrsam mit der Auflage, ich solle mich um den Tatbestand nun selber kümmern. Also fuhr ich zum Polizeilabor und beantragte, den beschriebenen Test durchzuführen. Kein Problem, sagte man mir, aber ich sollte doch bitte den Motor ausbauen lassen und ihnen dann den gesäuberten Block präsentieren.

Natürlich hatte ich nicht geahnt, was auf mich zukommen würde, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Um den etwa 300 kg schweren 6-Zylinder-Motor zu heben, musste der Mechaniker einen speziellen Flaschenzug aufbauen. Nachdem der Motor sorgfältig demontiert und gereinigt war, ließ ich ihn mit einem Lkw zum Polizeilabor bringen. Dort sagte man mir, dass ich in einigen Wochen den Befund abholen könne. Nach zwei Monaten war es endlich soweit! Aber das Warten hatte sich gelohnt: die verdächtigen Nummern waren einwandfrei.

Vor dem Wiedereinbau ließ ich den Motor noch gründlich überholen, so dass der ganze Aufwand letztens eine positive Seite bekam. Der Richter sprach das Auto frei, und ich konnte die neuen Nummerschilder anbringen lassen.

Wir hatten sehr schöne Zeiten mit unserem Negrito (Negerchen). Besonders unsere Töchter waren stolz darauf, mit so einer Limousine zur Konfirmation oder zur Schulabschlussfeier kutschiert zu werden. Auch mein Vater musste eingestehen, dass er sich gerne auf dem bequemen Hintersitz zum Arzt fahren ließ. Ganz besonders genossen wir, meine Frau und ich die neue ungebundene Fortbewegungsmöglichkeit, um uns an Wochenenden einfach ins Freie, zum Grillen oder Schwimmen  zu begeben. Bei einem dieser Ausflüge erlebten wir jedoch einen unvergesslichen Zwischenfall: Nach einem schönen Tag im Schwimmbad außerhalb der Stadt befanden wir uns gerade auf der Heimreise, als ein lauter Knall und die schlingernde Fahrweise des Autos auf einen geplatzten Reifen schließen ließen. Ich fuhr rechts heran und stieg aus, um den Schaden zu besichtigen. Wir befanden uns in einem Vorort und es dämmerte schon. Plötzlich hörte ich hinter einem langen Heckenzaun auf der gegenüberliegenden Straßenseite kurze Kommandorufe und Waffengerassel. Mir wurde sofort klar: ich stand vor einem Kasernengelände, wo absolutes Halteverbot herrschte. Außerdem wusste ich, dass wegen der häufigen Terroristenanschläge sämtliche polizeilichen und militärischen Einrichtungen in höchster Alarmbereitschaft standen, Also, bloß keinen Verdacht erwecken! Ich rief den unsichtbaren Soldaten zu, dass ich einen Reifen wechseln müsse und sofort weiterfahren würde. Keine Antwort, nur beängstigende Spannung. Ich machte den Kofferraum auf, um das Reserverad herauszuholen. Wer schon einmal eine Picknickfahrt gemacht hat, wird leicht verstehen, was ich alles vorgefunden habe: eilig verstaute Reisetaschen, Strandstühle und allerlei Klamotten. Nervös rief ich meine Töchter, die im Auto dösten, dass sie mir doch helfen sollten. Ich hatte ganz vergessen, dass sich die Mädels an diesem warmen Sonntag für die Rückfahrt gar nicht umgezogen hatten. Als sie dann nur mit ihren Bikinis gekleidet auf der Straße standen, ging hinter der Hecke die Hölle los! Die Pfiffe und das Gelächter der Soldaten waren unüberhörbar, aber dadurch entspannte sich die Lage augenblicklich und ich konnte in aller Ruhe den Reifen wechseln. Zum Abschluss winkten wir den verschanzten Soldaten noch zu und waren froh, diese Panne glimpflich überstanden zu haben.

Zu dieser Zeit wurden auf den argentinischen Werften immer mehr Schiffe zu Wasser gelassen und da kam mir das Auto sehr gelegen, um meine journalistische Tätigkeit ausüben zu können. Aber irgendwann erwies es sich, dass dieser gewaltige Wagen nicht mehr so ganz in den Verkehrswirrwarr der Großstadt passte. Allmählich kam mir der Gedanke, auf ein angemesseneres Kraftfahrzeug umzusteigen. Wir hatten schon in einer Autoagentur einen himmelblauen Wagen mit eleganten Heckflossen und Lenkradschaltung gesehen. Gleichzeitig erfuhren wir, dass dieser Rambler einem Nachbarn gehört hatte, der immer sehr sorgfältig mit ihm umgegangen war. Der Preis stimmte auch, also erwarben wir unseren Celestino, wie wir ihn wegen seiner Lackierung nannten. Den treuen De Soto verkaufte ich an einen Freund, der ihn wegen seiner fünf Kinder gut gebrauchen konnte.

Der Rambler war unser letzter Gebrauchtwagen. Dem folgten in regelmäßigen Abständen zwei moderne Dodge 1.500  (Goldfisch und Perlchen) und zuletzt ein VW Passat, den wir bei unserer Übersiedlung nach Deutschland einer unserer Töchter überließen.

Für den Negrito gab es noch ein Nachspiel. Das Auto war schon längst von meinen Freund auf einem Schrottplatz abgeliefert worden, als ich unverhofft mehrere Strafzettel erhielt. Die amtliche Erkennungsnummer gehörte zu dem De Soto, mit dem ich angeblich mit überhöhter Geschwindigkeit durch das Zentrum von Buenos Aires gerast wäre und das Leben von Fußgängern gefährdet haben sollte. Ich betrachtete diese Zettel als Unsinn und ignorierte sie einfach. Dann bekam ich aber eine Vorladung und musste vor Gericht erscheinen. Das Ganze kam mir lächerlich vor, aber das Gericht nahm die Sache offenbar sehr ernst.

In einem imposanten Gerichtsaal stand ich nun vor dem Richter. Nach Aufnahme meiner Personalien wurde mir die Anklage vorgelesen. Erst jetzt erfuhr ich, dass ich die Straftat mit einem roten Fiat verübt haben sollte. Ich erklärte dem Richter, dass ich nie einen Fiat besessen hätte, nie in diesem Stadtviertel gewesen wäre und dass das Kennzeichen einem De Soto gehörte, der schon längst abgewrackt worden war. Der Richter stutzte und fragte, was ich mit abwracken meinte. Ich hatte unwillkürlich einen im Schiffbau üblichen Ausdruck gebraucht. Ich erklärte ihm, dass ich damit entsorgen oder verschrotten gemeint hätte. Lächelnd fragte er noch nach meinem Beruf und sagte dann verständnisvoll, ich wäre leider zum Opfer eines 'modernen Cyberspace' geworden. Zum Abschluss entschuldigte er sich für die mir zugefügten Unannehmlichkeiten. Später erfuhr ich von einem befreundeten Hauptkommissar, dass ich eigentlich Opfer vom Gebrauch der Parallelautos geworden war. Er erklärte mir dann, dass die Geheimdienste bei der Verfolgung von Terroristen  Nummernschilder von abgemeldeten Autos benutzten, damit sie im Falle von Exzessen weder identifiziert noch belangt werden könnten…

Jenseits all dieser aufregenden Episoden, die wir mit Negrito erlebt haben, denken wir oft mit Sehnsucht an unseren Ersten.