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Die Bank vor der Kaserne

Erinnerungen werden oftmals durch ganz eigenartige Zustände erweckt. Diesmal war es eine Fernsehsendung über das Leben von Lale Andersen, mit ihrem Lied Lili Marleen in dem eine Laterne vor der Kaserne erwähnt wird. In meinem Fall gab es keine Laterne, aber eine Bank die vor dem Kasernentor stand.

Im Jahr 1945 wurde ich in Argentinien zum Militärdienst eingezogen und kam als Offiziersanwärter in die Kaserne des Pionier-Schulbataillons, in der Provinzstadt Concepción del Uruguay.

Der Krieg in Europa befand sich in seiner Endphase und die politischen Rückwirkungen machten sich unter der argentinischen Bevölkerung bemerkbar. Die Gesinnungen teilten sich zwischen Germanophilen und Anglophilen, wobei die Präferenzen der Mächte der Achse Berlin-Rom-Tokio auf der einen Seite und die der Alliierten auf der anderen gemeint waren. Dazu kamen noch die innenpolitischen Auseinandersetzungen, bei denen sich die Anhänger der kommunistischen Ideologie am auffälligsten bemerkbar machten.

Des Öfteren ereigneten sich in der sonst friedlichen Provinz­stadt gewaltsame Demonstrationen und Übergriffe, deren Bewälti­gung die lokale Polizei kaum gewachsen war. Der Einsatz von Militäreinheiten wurde in Erwägung gezogen und in soweit bekamen auch wir die unruhige Lage zu spüren. Um den normalen Ausbildungsdienst nicht zu beeinträchtigen, wurden nächtliche Übungen angeordnet. Wir wurden aus dem Schlaf getrommelt, um in Kampfausrüstung anzutreten. Scharfe Munition und Hand­granaten wurden ausgeteilt und dann bestiegen wir die Kraftfahrt­zeuge, die uns zum Einsatz bringen sollten. Nach banger Wartezeit durften wir zum Glück immer wieder in unsere Quar­tiere zurückkehren. Die Nachtruhe war aber unwiederbringlich gestört.

Eines Nachts wurden Schüsse auf die Kaserne abgefeuert. Es hieß, es wären Kommunisten gewesen. Da platzte dem Bataillonskommandeur aber der Kragen. Diesen Affront konnte er nicht so einfach hinnehmen. Also befahl er  strengste Sicherheitsmaßnahmen, z.B. Verdoppelung der Wachen und die Einführung einer nächtlichen Ronde rund um die Kaserne.

Ich wurde einer dieser Ronden zugeteilt. Meine Kompanie erhielt neben der Pionier- eine Infanterieausbildung. Die Patrouille sollte aber zu Pferde durchgeführt werden. Eigentlich wäre das für mich kein Problem gewesen, da ich vor meiner Dienstzeit Reitsport betrieben hatte. Aber unter den gegebenen Umständen kam es zu einer wahren Herausforderung.

In dieser Nacht regnete es heftig. Wir waren sechs Offiziersanwärter unter dem Kommando eines Gefreiten. Wir halfen uns gegenseitig die Pferde zu satteln, wovon kaum einer eine Ahnung hatte. Dann bekamen wir unsere Befehle: Der Karabiner wurde geladen, gesichert und quer über den Rücken gehängt. Auf der Karabinermündung steckte zusätzlich eine Bronzekapsel, um das Eindringen von Regenwasser in den Lauf zu verhindern.

Dann legten wir uns eine Zeltplane über die Schultern und zündeten eine Petroleumlampe an, die wir in der rechten Hand hielten. Mit all diesen Klamotten sollten wir nun auf das Pferd steigen. Die veteranen Kommissgäule spürten sofort, dass es sich um meist unerfahrene Reiter handelte. Zusätzlich aufgeschreckt durch das flackernde Lampenlicht tummelten die Pferde wild herum und machten das Aufsitzen zu einer waghaltigen Übung. Letztlich saßen wir aber alle im Sattel und ritten zum Kasernentor hinaus.

Ich machte mir meine Gedanken, wie das wohl ausgehen sollte, wenn uns tatsächlich eine Terroristengruppe begegnen würde? In einer Hand die Zügel, in der anderen die Laterne. Der Karabiner über dem Rücken unter der Zeltplane, gesichert und mit Mündungskapsel. Eine Vorstellung des ad absurdum.

Das erste, was man beim Militär lernt, ist, dass Befehle weder kommentiert noch bestritten werden, sie werden einfach ausgeführt! Also behielt ich meine Gedanken für mich und ritt durch Nacht und Regen, wie befohlen. Zum Glück hatte unser Gefreiter keine Heldenberufung, und kaum hatten wir die Kaserne zur Hälfte umritten, befahl er uns abzusitzen und in eine verlassene Hütte einzukehren. Hier waren wir vor dem Regen geschützt. Einer der Soldaten hielt bei den Pferden Wache und der Rest ließ sich auf dem Erdboden der Hütte fallen, um im Nu einzuschlafen. Nach knapp zwei Stunden wurden wir geweckt, um zur Kaserne zurückzureiten, wo der Gefreite stolz meldete: Nichts Neues in der Umgebung.

Aber die strengen Sicherheitsmaßnahmen beschränkten sich nicht nur auf diese Nachtstreifen: die Anzahl der Wachposten wurde zusätzlich verdoppelt. Hierbei bemerkte der Offizier vom Dienst, dass neben den üblichen Posten an den Kasernentoren, Offizierskasino, Waffenarsenal, und all den wichtigen Stationen der Kaserne im Wachbuch ein weiterer Posten vorgesehen war: nämlich bei der Bank am Haupttor! Der Offizier staunte, wieso er jetzt zwei Mann abstellen sollte, um eine Bank zu bewachen. Bisher hatte sich niemand gewundert, wozu diese Bank überhaupt bewacht werden sollte. Wieder der blinde Gehorsam: es stand im Wachbuch und basta.

Also überprüfte der Offizier die älteren Wachbücher, von denen die Parole immer wieder in die neuen übertragen wurde, schließ­lich kam er auf den Ursprung: an einem Tag, etwa zwei Jahre zuvor, wurde ein Posten an der neu gestrichenen Bank aufgestellt, um die Besucher vor der frischen Farbe zu warnen. Dieses wurde im Wachbuch vermerkt und von Tag zu Tag weitergetragen. So kam es, dass jahrelang ein Posten diese einsame Bank am Kasernentor bewachte...

Gruß an Lili Marleen!