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Kulinarische Apostillen

Auf Grund meiner beruflichen Tätigkeit bin ich viel in der Welt herumgekommen und hatte deshalb die Gelegenheit, in den verschiedensten Lokalen zu speisen und trinken. So erinnere ich mich gerne an das Restaurant Mamma Leone in Manhattan, dem Watergate in Washington, die Churrasquera Gaucha am Sheraton-Strand in Rio de Janeiro, das Wiking Hotel in Oslo, das Paella Restaurant an der Plaza Mayor in Madrid, das Seehotel Siber am Bodensee und viele andere, deren Namen meinem Gedächtnis entgangen sind.

Aber ganz besonders erinnere ich mich an bestimmte Orte, die mit eigenartigen Ereignissen verbunden sind. Es folgen einige Beispiele:

Connecticut (USA)

Ich erinnere mich genau an das Datum, weil es am Geburtstag unseres zweiten Enkelsohns Horacio geschah. Mit meiner Frau und den Enkelsöhnen Pablo und Horacio befand ich mich auf der Rückreise von Europa. Wir wollten noch unsere Freunde in Concord bei Boston (Massachusetts) besuchen, die uns in ihrem Auto von New York abholten. Auf dem Weg durch den Staat Connecticut hielten wir an einer Gaststätte, die in einem historischen Gebäude eingerichtet war. Das Haus wurde in seinem Originalzustand erhalten und die Tische waren in den einzelnen kleinen Räumen aufgestellt. Ein Raum diente als Piano-Bar. Durch die großen Fenster hatte man einen herrlichen Ausblick auf den Fluss mit seiner imposanten Hebebrücke. Unsere Freunde wollten uns eine Freude machen, indem sie zu Horacios 10. Geburtstag einen Tisch in diesem Lokal reserviert hatten. Es war also am 04. Oktober 1986.

Als Hauptgericht bekamen wir Schwertfisch zu essen und fanden diese für uns unbekannte Speise sehr schmackhaft. Bei Horacio machten sich aber die Folgen des anstrengenden Fluges und der anschließenden Autofahrt bemerkbar. Man sah ihm den Jetlag an seinen müden Augen an. Bald kreuzte er seine Arme auf dem Tisch und legte seinen Kopf darauf. Ich sagte: Lasst ihn etwas ausruhen, wenn die Torte kommt, wird er schon wieder wach. Als es soweit war und die versammelten Kellner bei funkelnden Wunderkerzen ihm das Happy Birthday-Lied sangen, versuchten wir vergeblich ihn zu wecken. Trotz heftigem Schütteln konnten wir ihn nicht wach kriegen. Also verschlief er buchstäblich seine Geburtstagsfeier und wachte erst am nächsten Tag im Haus unserer Freunde auf. Sein Bruder Pablo, der ja schon 12 Jahre alt war, hielt sich dagegen wacker und schlief erst auf der Weiterreise ein.

Als Horacio erfuhr was geschehen war, gingen ihm die Pferde durch. Warum hat mich bloß niemand geweckt? fragte er immer wieder. Er fühlte sich verraten und betrogen. Erst als er im Garten die ersten grauen Eichhörnchen sah, beruhigte er sich wieder.

London

Es war wohl Ende der 80er Jahre, als meine Frau und ich bei einem Spaziergang durch London uns entschlossen hatten, in einen der Kentucky-fried-chicken-Restaurants einzukehren, um uns zu stärken und etwas auszuruhen.

Wir hatten gut gespeist und genossen gemütlich unseren Nach­tisch, als wir bemerkten, dass ein in der Nähe stehendes Ehepaar eindeutlich auf unseren Tisch wartete. Man sah es ihnen sofort an, dass sie aus Indien stammten: Der Mann trug einen Vollbart und sein Kopf war mit einem Turban bedeckt, die Frau war mit einem typischen Sari bekleidet.

Da wir bald aufbrechen wollten, sagte ich zu meiner Frau euphemistisch: Ich gehe mal kurz mir die Hände waschen. Während Du auf mich wartest, kannst Du ja dem Ehepaar zu verstehen geben, dass sie sich schon an den Tisch setzen können. Als ich zurückkam um meine Frau abzuholen, erhob sich der Inder und reichte mir die Hand, er wolle sich herzlich bedanken für das, was wir für ihn und seiner Frau getan hätten.

Als wir auf der Straße waren, fragte ich meiner Frau etwas verdutzt, wieso der Inder so übertrieben reagiert hätte, schließlich waren wir ja sowieso dabei gewesen, ihm den Tisch freizumachen. Daraufhin erklärte sie mir schmunzelnd, was während meiner Abwesenheit geschehen war. Als die Inderin sich an den Tisch setzte, versuchte sie vergeblich den Reißverschluss ihrer Handtasche zu öffnen. Dieser hatte sich verklemmt und ging weder vor noch zurück. Da sich meine Frau aus Erfahrung mit den Töchtern gut mit der Handhabung von Reißverschlüssen verstand, bot sie der Inderin ihre Hilfe an. Diese sah erst ihren Mann an und als dieser eine zustimmende Miene machte, gab sie die Handtasche meiner Frau. Im Nu war der Fehler behoben und die Inderin strahlte vor Glück ihre Tasche wieder öffnen zu können. Während sie dort saßen, war allerdings kein einziges Wort gefallen. Erst als ich zurückkam, sprach mich der Inder an, um sich bei mir zu bedanken.

Aus dem Verhalten dieses indischen Ehepaares habe ich zwei Schlussfolgerungen gezogen:

1. Die Frau eines Inders darf in der Öffentlichkeit nur mit der Zustimmung ihres Gatten reden oder handeln.

2. Es steht unter der Würde eines Inders, gegenüber einer fremden Frau sich dankbar zu erweisen.

Paris

Wir kamen in Paris zur späten Abendstunde an und hatten uns schon im Hotelzimmer eingerichtet. Da wir im Flugzeug bereits genügend gegessen hatten, entschlossen wir uns, auf das Abendbrot zu verzichten und stattdessen einen Spaziergang zu machen. Bald bekamen wir aber Durst und kehrten in ein Bistro ein. Zu dieser Stunde befanden sich nur wenige Gäste im Lokal und wir fragten, ob wir noch ein Bier bestellen könnten. Als die Kellnerin dies bejahte, bat ich sie, noch einige Snacks beizulegen. Sie bedauerte keine vorrätig zu haben, aber sie könne uns ein belegtes Brot anbieten. Also bestellten wir ein Brötchen, das wir uns teilen wollten. Es dauerte eine Weile und wir hatten unser Bier fast schon ausgetrunken, da sah ich in einem Spiegel an der Wand, dass sich die Kellnerin mit einem großen Tablett in den Händen uns näherte. Ich sagte meiner Frau, die einen direkten Blick auf den Saal hatte: Sag mir bloß nicht, dass die zu uns kommt. Doch! Sie brachte uns eine meterlange, in Stücken geschnittene Baguette, dick belegt mit Schinken und Käse. Also blieb uns nichts anderes übrig, als ein zweites Bier zu bestellen und letztlich doch noch unser Abendbrot einzunehmen, auf das wir eigentlich verzichten wollten.

Andere Länder, andere Sitten...

An einem warmen Nachmittag besuchten wir die Notre-Dame Kathe­drale. Wir haben uns viel Zeit genommen, um diese Sehenswürdigkeit genauer zu betrachten. Wir stiegen sogar auf den Glockenturm und durften die historische Glocke leicht mit einem Füllhalter berühren und so einen erstaunlichen Ton hervorrufen.

Nach dem vielen Treppensteigen bekamen wir einen Riesendurst und da kam uns eine in der Nähe liegende Eisdiele gerade recht. Plakate an der Wand boten einen Eisbecher mit trois parfums an. Da meine Frau im Gegensatz zu mir Französisch versteht, fragte ich sie, ob hier das Eis irgendwie mit Duftstoffen hergestellt würde. Sie erklärte mir, dass in diesem Fall das Word parfum für Geschmack stünde. Also bestellte ich mir ein Schokoladen-Vanille-Erbeer-Eis, meine Frau wollte aber unbedingt etwas zu trinken haben. Der Kellner empfahl ihr eine kalte Limonade. Sie war sofort einverstanden und auf die Frage: Wie groß? antwortete sie Sehr groß. Da rief der Kellner laut durch den Saal: Un Maß Limonade pour Madame! Und tatsächlich, bald stand ein echter bayrischer Maßkrug mit einem Liter frisch ­gepresster Zitrone, Wasser und Eis auf dem Tisch. Mit dieser Maß wurde der Riesendurst meiner Frau dann doch gelöscht!

Hongkong

Schon die Reise nach Hongkong wäre eine Erzählung wert, ich mache es aber kurz. Der Flug ging von Buenos Aires über Miami nach Los Angeles. Hier übernachtete ich, um am nächsten Tag quer über den Pazifi­schen Ozean direkt nach Tokio weiterzufliegen. Nach stundenlangem Aufenthalt auf diesem Flughafen ging die Reise weiter nach Hongkong. Hier musste ich erst einmal meine Armbanduhr richtig stellen und überlegen, welchen Tag wir hatten, nach dem Überfliegen mehrerer Zeitzonen und der Datumsgrenze war das ziemlich verwirrend. 

Ich besuchte 1980 diese damals noch britische Kronkolonie, um an einer internationalen Schiffbaumesse teilzunehmen. Da diese Reise zum Teil von der Maritimen Behörde gesponsert war, wurde ich am Flughafen vom argentinischen Generalkonsul empfangen, der mich anschließend mit seinem Auto zum Hotel in Kowloon brachte.

Um mich etwa in diese exotische Welt einzuführen, lud mich der Generalkonsul zu einem Abendessen in ein typisches Restaurant ein. Zuerst nahmen wir einen Drink in seiner Wohnung ein. Von dem auf dem Hügel gelegenen Hochhaus hatte man einen herrlichen Ausblick auf die berühmte Hafenbucht, die in den Abendstunden unter tausenden Lichtern glänzte. Hier treffen sich in bunter Zusammenstellung allerlei Schiffstypen: Moderne Kreuzfahrt- ­und Passagierschiffe versuchen ihren Kurs durch hunderte­ Motordschunken, Sampans, rostige Stückgutfrachtern und riesige Containerschiffe zu bahnen. Diese Bucht gilt als eines der am meisten befahrenen Gewässer der Welt. Trotzdem besteht hier keine Lotsenpflicht. Erstaunlich, aber wahr!

Zurück zu unserem Abendessen, an dem auch die Frau des Konsuls teilnahm. Wir fuhren durch belebte und mit unendlich vielen Leuchtreklamen überfrachteten Straßen zu dem ausgewählten Restaurant. In einem Separée war schon unser Tisch reserviert. Nach den üblichen, in kleinen Schüsseln servierten Vorspeisen wurde das Hauptgericht angekündigt: es sollte eine Überraschung sein!

Der Küchenchef persönlich brachte ein großes Tablett, auf dem sich ein verkohltes Objekt befand. Er erklärte uns auf Englisch, dass es sich um ein Chicken á la Coca Cola handle. Dann erläuterte er den Kochvorgang: Das Huhn war schon Stunden zuvor gewürzt und in Blattgemüse eingewickelt worden. Dann bekam das Ganze eine dicke Verpackung aus Zeitungspapier, um für drei bis vier Stunden in den Ofen geschoben zu werden. Deshalb sei es nötig gewesen, schon am Vormittag dieses Gericht zu bestellen. Dann kam aber der Clou: Der Chef 'zauberte' eine Coca Cola Flasche hervor, hielt sie am Hals fest und schlug gezielt auf die harte Papierhülle ein. Diese zerbrach in mehrere Teile und duftendes, zartes Hühnerfleisch kam zum Vorschein. Dazu gab es die unentbehrlichen Reisschälchen. Die á la Coca Cola Bezeichnung war nichts anders als ein Werbegag für amerikanische Touristen!

Das Hühnerfleisch war so gar, dass es ohne weiteres Zutun von den Knochen trennte. Vom Gebrauch der umständlichen asiatischen Stäbchen blieben wir verschont. Mit Rücksicht auf unerfahrene Ausländer waren ganz normale westliche Messer und Gabeln vorhanden.

Wien

In meiner Jugend war ich (und bin es heute noch) ein begeisterter Johann-Strauß-Fan und spielte gerne seine Walzer auf dem Klavier. Als ich in den 70er Jahren auf einer meiner Geschäftsreisen in Europa war, wollte ich es mir nicht entgehen lassen, einmal die Wiege des Wiener Walzers zu erkunden.

Also fuhr ich von Augsburg aus, wo ich Freunde besuchte, mit der Bahn nach Wien. Im Hotel erkundigte ich mich wo es echte Strauß-Musik zu hören und gleichzeitig etwas zu Essen gäbe. Nichts Einfacheres als dies in Wien. Ich bekam genaue Hinweise und schon befand ich mich in einem Lokal, in dem angeblich der legendäre Johann Strauß (Sohn) aufgespielt haben soll. Seine Statue war am Eingang zu sehen und im großen Saal befand sich eine Tanzdiele. Nur wenige Gäste besuchte an diesem kalten Wochentag das Konzertcafé. Trotzdem spielte das Orchester mit voller Begeisterung die berühmten Strauß-Melodien.

Natürlich bestellte ich mir einen Teller Wiener Schnitzel mit Zutaten und ein Glas Heurigen. Dann sagte ich dem Ober, dass ich aus Argentinien käme und gerne von dem Orchester eine Wunsch-Musik hören würde. Er schaute mich misstrauisch an. Dachte er vielleicht, ich würde mir einen Tango wünschen? Natürlich immer, mein Herr, sagte er, wenn es das Orchester im Repertoire hat…!. Als ich ihm sagte, dass ich den Walzer G'schichten aus dem Wienerwald hören wollte, strahlte sein Antlitz, und er eilte zum Musikdirektor, dem er etwas ins Ohr flüsterte indem er auf mich zeigte.

Der Dirigent wandte sich zu mir und gab mir mit einer Geste zu verstehen, dass er meinen Wunsch erfüllen würde. Nach einer Pause, richteten sich die Scheinwerfer auf die Tanzfläche, auf der sich etwa sechs junge, in Gala gekleidete Tanzpaare befanden. Langsam begann die Melodie des Introitus in mein Gemüt einzudringen, bis dann der volle Dreivierteltakt die Tänzer in Schwung brachte und es alles Walzer wurde.

Hierbei dachte ich mir: Nun bist du aus dem fernen Buenos Aires angereist und darfst dich hier wie ein König fühlen, dem seine schönsten Träume erfüllt werden. Unwillkürlich kam mir die erste Strophe des von Lilian Harvey verewigten Filmschlagers in den Sinn:

Das gibt's nur einmal,
das kommt nicht wieder,
das ist zu schön um wahr zu sein…

Jahre später besuchte ich Wien in Begleitung meiner Frau. Diesmal konnte ich viel mehr von dieser bezaubernden Stadt wahrnehmen. Jedoch, die Begegnung mit dem Geist des Walzerkönigs, die gab's nur einmal!