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Jenseits der Anden

Kaum hatten wir die Anden von Argentinien kommend überquert, setzte der Pilot schon den Anflug auf Santiago an. Die am Fuße der Kordilleren liegende Hauptstadt von Chile befindet sich etwa 100 km vom Pazifischen Ozean entfernt.

Mit dem Reisebus fuhren wir dann der Küste entgegen, bis zum Hafen von Valparaiso. Knappe 10 km nördlich von dieser Hafenstadt liegt der Ferienort Viña del Mar, unser Reiseziel. Diesmal ging es aber nicht um einen Urlaub, sondern ich hatte am XI. COPINAVAL (Panamerikanischen Schiffbautechnischen Kongress) teilzunehmen, wobei meine Frau sich für das Damen-Begleit­programm eingetragen hatte.

Dieser Kongress war eines der Treffen, die das Panamerikanische Schiffbautechnische Institut (IPIN) alle zwei Jahre jeweils in einem anderen Staat Amerikas veranstaltete. In 1989 war Chile an der Reihe.

Die Tagungen wurden in den Kongresssälen des vornehmen O'Higgins Hotel in Viña del Mar abgehalten, wo auch eine internationale Fachausstellung stattfand. In diesem Hotel hatten wir auch unser Zimmer bezogen. Da die Teilnehmer aus den verschiedenen Ländern Amerikas stammten, wurden die Vorträge simultan in die drei üblichen Sprachen Spanisch, Portugiesisch und Englisch übersetzt.

Die Tagungen nahmen viel Zeit in Anspruch, da ich ja auch an einem technischen Ausschuss betätigt war. Trotzdem konnte ich mir einen Tag freinehmen, um auf Einladung des größten chilenischen Schiffbaukonzerns die Marinewerft in der über 600 km südlich gelegenen Stadt Talcahuano zu besuchen.

Insgesamt 6 Personen nahmen an diesem Besuch teil. Wir wurden früh am Morgen mit einem Kleinbus zum Flughafen gefahren, dachten wir...! Doch wir kamen an einer umzäunten Grasfläche an, auf der lediglich ein hölzerner Schuppen neben einem Windsack, der an einer Stange hing, zu sehen war. Mitten auf dem Rasen stand ein kleines Flugzeug! Der Busfahrer ließ uns wissen, dass dies tatsächlich der Flugplatz wäre.

An der Maschine gelehnt stand ein junger Mann, unrasiert, in Jeans und Lederjacke gekleidet, der sich als unser Pilot vorstellte. Er bat uns noch etwas Geduld zu haben, da er auf ein Ehepaar wartete, das er last minute nach Talcahuano mitnehmen sollte, da die Frau schwanger war und dringend dorthin zurückfliegen müsste.

Als wir alle 8 schließlich in der engen Maschine saßen, startete der Pilot den Flug. Noch nie in meinem Leben bin auf so einer holperigen Piste in einem Flugzeug gerollt. Die Kiste wackelte wie besessen und schien nicht abheben zu wollen. Als wir endlich in der Luft waren und nur das Motorengeräusch vernahmen, fühlten wir uns schon etwas gelassener.

Ich saß unmittelbar hinter dem Piloten. Als wir uns auf der normalen Flughöhe befanden, reichte er mir einen Korb mit Gläsern und bat mich, diesen an die anderen Passagiere weiterzureichen. Dann folgte ein Kübel mit Eis und eine Flasche Whisky. Da es an Bord keine Bedienung gab, mussten wir uns eben selber behelfen.

Von da ab verlief der Flug in besserer Stimmung. Wir hatten einen herrlich Ausblick: links die riesige Andenkette und rechts der unübersehbare Pazifische Ozean. Unter uns, wie ein schmaler Landstreifen, lag Chile. Doch bald kam uns eine dichte Wolkenschicht entgegen und wir mussten an Höhe gewinnen, um uns über den Wolken zu halten. Nun sahen wir von der Landschaft nichts mehr. Nur ab und zu ragte einer der Berggipfel durch die Wolkenschicht.

Meiner Einschätzung nach müssten wir schon längst am Ziel sein, aber wir flogen immer noch gen Süden über den Wolken. Auf einmal fluchte der Pilot und sagte: Caramba, wir sind zu weit geflogen. An den besonderen Bergspitzen die wir gerade passierten konnte er erkennen, dass er das Ziel verpasst hatte. Dann fasste er sich wieder und meldete, wir würden umkehren und bald den Landeplatz bei Talcahuano finden. Nach einer kurzen Strecke in nördlicher Richtung, mahnte er uns festzuhalten, denn er müsste im quasi Sturzflug die Wolkendecke durchbrechen, um sich unten besser orientieren zu können. Zum Glück gab es unter den Wolken noch genügend Hochraum, um die Maschine auffangen zu können. So landeten wir bald unversehrt aber ziemlich strapaziert auf dem Flughafen von Talcahuano. Lediglich die schwangere Frau musste ärztlich versorgt werden.

Auf der Werft wurden wir vom technischen Leiter empfangen. Bei einer Tasse Kaffee erklärte er uns, wie der Besuch verlaufen würde. Aber vorerst wollte er Genaueres über jeden von uns wissen. Hauptsächlich meine argentinische Herkunft gab ihm zu denken. Zu dieser Zeit waren die Beziehungen zwischen Chile und Argentinien ziemlich angeschlagen und die Marinewerft wollte natürlich nicht alle ihre Geheimnisse preisgeben. Ich gab mich als harmloser Fachjournalist aus und durfte somit am Besuch beteiligen, jedoch unter bestimmten Auflagen: weder Fotos noch Aufzeichnungen!

Nur unterbrochen von einer kurzen Mittagspause ging die Führung den ganzen Tag durch sämtliche Fertigungs- und Montagehallen der Werft, wo hauptsächlich Schiffe für die chilenische Flotte repariert und umgebaut wurden. Zum Abschied erhielten wir von einer netten Dame der Öffentlichkeitsabteilung einen aus­führlichen Katalog, in dem alle wichtige Daten, inklusive Produktionskapazitäten der Werft aufgezeichnet waren. Auch präzise Werkfotos waren abgebildet. Also konnte ich mir meine Spionageaktion ersparen und bekam die Information auf dem Servierteller.

Mit gemischten Gefühlen bestiegen wir wieder unser Flugzeug und waren froh, dass wir noch bei Tageslicht auf dem äußerst bescheidenen Flugplatz bei Valparaiso landen konnten.

Mittlerweile hat meine Frau am Damenprogramm teilgenommen, mit etlichen Spaziergängen durch Viña del Mar, einen Ausflug zum angrenzenden Badeort Reñaca und einen Stadtbummel durch die Hauptstadt Santiago.

Zum Abschluss der Tagungen, die unter der Schirmherrschaft des Oberbefehlshabers der chilenischen Marine und Mitglied der Militärjunta, Admiral José T. Merino standen, hatte das Organisationskomitee einen Empfang für alle Teilnehmer und ihre Begleitpersonen im Fünf-Sterne-Hotel Miramar vorgesehen. Dieses Hotel befindet sich auf einer Landzunge, die weit in das Meer ragt und dadurch an drei Seiten einen direkten Blick auf den Pazifik bietet.

Der Empfang war auf einer der breiten Terrassen des Hotels mit Meeresblick vorgesehen. Wir fanden dieses etwas seltsam, da üblicherweise ein Galabankett angesagt war. Wir vermuteten, dass der Anlass dieser Stehparty der bezaubernde Ausblick gewesen sein mochte. Also kleideten wir uns der frischen Seebrise angemessen und begaben uns auf die von der Brandung umgebene Terrasse. Beim Verlassen unseres Hotels, kamen wir am Zimmer eines unseren Kollegen vorbei und sahen durch die halbgeöffnete Tür, dass er wie auch seine Frau auf allen Vieren auf dem Teppich herumkrochen. Ich fragte höflich, ob wir helfen könnten und bekamen zur Antwort: Ja, wir suchen eine Kontaktlinse, die mein Mann verloren hat. Wir sahen uns um, konnten aber auch nichts finden. Auf einmal schrie der Kollege auf: Ich hab sie!. Die Linse war ihm gar nicht heruntergefallen, sie war nur in seinem Auge verrutscht!

Obwohl wir alle lachten, merkte ich doch, dass der Kollege - ein älterer Professor - durch diesen Zwischenfall ziemlich erregt war. Wir kamen natürlich etwas verspätet zum Empfang, was jedoch den Vorteil hatte, dass die Begrüßungsrede schon beendet und das Buffet eröffnet war. Es gab reichlich zu essen und zu trinken. Das vom Humboldtstrom umflossene Ambiente passte herrlich dazu, also mussten wir zugeben, dass diese Art einer Abschlussfeier eine gute Idee gewesen war. Die kühle Meeresluft lud zum reichlichen Genuss des Buffets ein. Als wir schon unseren letzten Drink in der Hand hielten, wurden wir höflich gebeten uns in den großen Speisesaal des Hotels zum eigentlichen Dinner zu begeben...

Als wir den Saal betraten, wurden wir von dem prächtigen Angebot der aufgetafelten Speisen überwältigt. Die Meeresfrüchte waren kaskadenförmig präsentiert, allerlei Desserts lockten den Gaumen und die Speisekarte erweckte die Erinnerung an das Schlaraffen­land. Dazu noch die verführerische Weinkarte... Hätten wir das doch vorher gewusst und draußen nicht so viel eingenommen! Aber wir waren ja zu spät gekommen und hatten die entsprechende Ansage verpasst.

Also versuchten wir es noch mal von Vorne. Der Professor saß uns mit seiner Frau gegenüber am Tisch. Er hatte sich reichlich mit Krustenkrabben versorgt. Gierig verzehrte er sein Lieb­lingsgericht, bis auf einmal sein Gesicht sich abwechselnd grau und grün verfärbte. Schweiß perlte sich auf seiner Stirn und sein Körper begann langsam zur Seite zu kippen, bis er schließlich mit dem Kopf auf den Schoß seiner Gattin landete. Wir legten ihn sofort auf eine Reihe von Stühlen, während wir nach einem Arzt riefen. Er lag völlig bleich und leblos da. Wir befürchteten, er hätte einen Herzinfarkt erlitten und sahen uns verzweifelt nach Hilfe um. Da kam ein Ober und beruhigte uns: in einem der Nebenräumen befand sich gerade der chilenische Machthaber, General Augusto Pinochet, der eine Besprechung mit seinen Generälen führte. Pinochet hatte vom Vorfall erfahren und sofort seinen Leibarzt zur Verfügung gestellt. Dieser war auch prompt zur Stelle und versorgte unseren Kollegen. Kurz danach kamen zwei Sanitäter, die den Professor auf einer Tragbahre aus dem Saal trugen. Unser Bangen dauerte nicht lange, und wir erhielten die beruhigende Nachricht, dass der Kollege lediglich einen Kreislaufkollaps auf Grund einer Magenverstimmung erlitten hatte. Der Stress beim Verlust seiner Kontaktlinse und der warme Pullover den er unter seinem Anzug trug - für die Terrasse geeignet, aber nicht für den temperierten Speisesaal - hatten offensichtlich dazu beigetragen, seinen Zustand auf diesen extremen Punkt zu bringen. Die gute Nachricht war, dass er sich bei entsprechender Behandlung bald erholen und am nächsten Tag wieder reisefähig sein würde.

Indem wir den Schmaus erleichtert (aber gemäßigt) fortsetzten, kommentierten wir amüsiert, dass wir fortan immer in der Nähe einer Prominenz speisen würden, um sicher zu sein, so prompt ärztliche Hilfe zu erhalten.

Auf dem Rückflug über die Anden war dieser Vorfall unser Haupt-Gesprächsthema, aber wir erinnerten uns auch gerne an die vielen anderen Erlebnisse dieser Reise.

So manches hatten wir dazugelernt, wie z.B., dass es in Chile kaum Filterkaffee gibt. Man bekommt - auch in der besten Hotels - ­lediglich eine Isolierkanne mit heißem Wasser serviert. Auf dem Tisch steht normalerweise eine Dose mit Instantkaffee, aus der man die gewünschte Menge Pulver entnimmt. Auf diese Weise kann jeder nach eigenem Geschmack die Stärke seines Kaffees bestimmen.

Auch erfuhren wir, dass General Pinochet seine Truppen gerne zu den Tönen des Radetzky-Marsches im preußischen Stechschritt vorbeimarschieren lässt. Eine weitere Beziehung zu Deutschland ist das chilenische Wort Kuchen (für Kuchen).

Übrigens, die spanische Übersetzung des Titels dieser Geschichte lautet: Allende los Andes (*).