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Ein Hotel als Namensvetter

Meine Hauptbeschäftigung in Argentinien war die eines Herausgebers und Chefredakteurs einer Fachzeitschrift im maritimen Bereich. Zu meiner beruflichen Weiterbildung gehörte jedoch zusätzlich die periodische Beteiligung an schiffbautechnischen Kongressen und Seminare die abwechselnd an verschiedenen Orten der Welt stattfanden.

In den 1970er Jahren war es wieder mal soweit, an einem Treffen des ISSC (International Ship Structures Congress) teilzunehmen. Die Veranstaltung sollte diesmal in Hamburg stattfinden. Also plante ich meine Reise sorgfältig, um auch alle möglichen Gelegenheiten für meine Zeitschrift einzuschließen.

Kurz vor meiner Abreise aus Argentinien erfuhr ich von einem Bekannten, dass es in Bielefeld ein Hotel mit dem Namen Potthoff geben würde. Das erweckte natürlich meine Neugierde. Der Familienname Potthoff ist in Argentinien eher rar, und ich hatte den Eindruck, sozusagen der letzte der Mohikaner zu sein, da meine Töchter durch zukünftiges Anheiraten diesen Namen verlieren würden. Also entschloss ich mich, statt mit dem Flugzeug von Frankfurt/M. nach Hamburg weiterzufliegen, diese Strecke mit der Bahn zurückzulegen. Schließlich hatte ich ja die Gelegenheit, mit dem günstigen Angebot des Eurailpass auf allen Bahnstrecken Europas unbefristet in der ersten Klasse zu reisen.

Also nahm ich den Zug von Frankfurt/M. nach Bielefeld und suchte dort das benannte Hotel auf. Es lag ganz in der Nähe vom Bahnhof und machte einen gemütlichen Eindruck. Als ich in der Rezeption meinen Namen - Ernst Potthoff - ins Hotelbuch eintrug, bemerkte der Rezeptionist höflich, ich hätte mich wohl geirrt und statt meinen Namen den vom Hotelbesitzer eingetragen! Dabei zeigte er auf das Schild an der Wand auf dem stand: Central Hotel - Inhaber: Ernst Potthoff. Ich zeigte auf meinen Reisepass und er musste zu seinem Erstaunen einsehen, dass mein Eintrag richtig war. Wir lachten dann beide über diesen Zufall.

Als ich am Abend in den Speisesaal kam, empfing mich ein stattlicher Herr mit braungebranntem Gesicht und stellte sich vor: Ernst Potthoff, ich bin der Hotelinhaber. Ich erwiderte: Angenehm, Ernst Potthoff, ich komme aus Argentinien. - Und ich bin gerade von einer Reise aus Südafrika zurückgekommen, bemerkte der Hotelier amüsiert.

Es entwickelte sich ein freundliches Gespräch und ich gab zu, das Hotel aus Neugierde besucht zu haben, da ich in der Annahme war, dass der Namen Potthoff sehr selten vorkommen würde. Da muss ich Sie aber eines Besseren belehren sagte mein Namensvetter, es gibt hier in der Gegend sehr viele Potthoffs. Um mich zu überzeugen, lud er mich zum späten Abend auf ein Bier in seine Wohnung ein, die im Penthouse des Hotels lag. Seine Frau hätte heute gerade Geburtstag, und es kämen mehrere Verwandte zu Besuch, die fast alle Potthoff hießen.

Ich nahm dankend an und kam so in die Gesellschaft von etwa einem Dutzend Namensvettern. Es wurde geraten und vermutet: könnte es Onkel Johann oder vielleicht Vetter Augustin gewesen sein, der damals in Werden a. d. Ruhr oder in Dortmund gelebt hat? Lange Stunden vergingen, aber wir konnten keine überzeugenden Familienbande feststellen.

Natürlich wurde ich auch befragt, wie es denn in Argentinien mit dem Biertrinken aussehe. Ich müsste unbedingt die verschiedensten Biersorten aus Westfalen probieren. Schließlich gab es im Hotel ja genügend Auswahl davon. Zum Abschluss musste ich auch noch das Bockbier probieren...

Spät nach Mitternacht verabschiedete ich mich von meinen Gastgebern in der Hoffnung, irgendwie eine Spur zur Verwandtschaft angestochen zu haben und begab mich auf mein Zimmer. Wie (und ob) ich ins Bett gekommen bin, weiß ich allerdings nicht mehr. Ich hatte zum Glück bei der Rezeption den Weckdienst bestellt. Um 7 Uhr klingelte schon das Telefon. Ich wollte ja noch vor 9 Uhr meine Weiterreise nach Hamburg antreten.

Ich weiß nur, dass ich aufgeschreckt aufgewacht bin, ohne zu wissen, wo ich überhaupt war. Der Kopf schien mir zu platzen und ich spürte einen unbekannten Druck im Magen. Mit beiden Armen musste ich mich an den Wänden festhalten, und erleichterte dann diesen Druck auf der Toilette. Danach fühlte ich mich einfach nur miserabel. Ich nahm eine kalte Dusche und packte langsam meinen Koffer. Auf das Frühstück konnte ich gerne verzichten, also bestellte ich ein Taxi zum Bahnhof.
Beim Auschecken hinterließ ich noch meine besten Grüße an den Hotelbesitzer und seine Frau, mit dem Versprechen, mich weiter um Verwandschafts­verbindungen zu kümmern.
Als ich endlich im Abteil des Intercity saß, bot mir der Zugbegleiter ein Frühstück an. Als ich absagte, sah er mich besorgt an und fragte, ob es mir gut gehe. Ich sagte, ich hätte bloß zu wenig geschlafen und bestellte einen schwarzen Tee mit Zitrone. Ich muss dann wohl sofort eingeschlafen sein. Kurz darauf - so kam es mir wenigstens vor - hörte ich schon die Ansage: Nächster Halt: Hamburg-Hauptbahnhof.

Ich hatte für die nächsten Tage ein Zimmer im Hotel Reichshof gebucht, das direkt gegenüber dem Bahnhof liegt. Den kurzen Weg schaffte ich mit Mühe und dachte nur daran, mich sofort ins Bett zu legen, um am Nachmittag irgendwie normal zum bevorstehenden Empfang zu erscheinen.

Kaum hatte ich eingecheckt und mein Gepäck dem Hotelboy überlassen, hörte ich meinen Namen über die Sprechanlage ausrufen: Herr Direktor PotthoffIn Argentinien wird der Chefredakteur einer Zeitschrift mit Director angesprochen, auf Englisch: editor. Deswegen hat mich der titelbewusste Professor so ausrufen gelassen. (1), sie werden an der Bar erwartet. Das fehlte mir noch, dachte ich besorgt und ging zur Bar mit der Absicht, die Sache schnell hinter mich zu bringen. Dort erwartete mich einer der Organisatoren des Kongresses in Hamburg, Prof. Dr. Ing. Sch. Wir kannten uns von vorherigen Treffen und er wollte mich unbedingt in aller Form in Hamburg willkommen heißen.

Er lud mich zum Mittagessen in einem vornehmen Restaurant ein und erwähnte, dass seine Frau schon im Auto auf uns wartete, um sofort loszufahren. Gleichzeitig sollte ich eine kurze Spritzfahrt in seinem neuen Auto mitmachen, das mit einem Turbolader ausgerüstet war, fügte er stolz dazu.

Ich wollte ihn nicht brüskieren und versuchte zu erklären, dass ich eine starke Magenverstimmung hätte und mich lieber eine Weile hinlegen würde. Als er darauf hinwies, er hätte schon einen Tisch bestellt, blieb mir nichts anderes übrig, als seine Einladung anzunehmen. Ich bat ihn, mir 15 Minuten Zeit zu geben, um mich etwas frischt zu machen und begab mich auf mein Zimmer. Erst wusch ich mein Gesicht mehrmals mit kaltem Wasser, dann nahm ich zwei Alka Seltzer Brausetabletten ein und empfahl mich meinem Schicksal.

Professor Sch. stellte mir seine charmante Frau vor und erzählte auf der Fahrt begeistert von den Vorteilen seiner Turbo Maschine. Mein Kopf brummte immer noch und ich war froh, endlich im Restaurant zu sitzen. Nun kam die Qual, an das Essen zu denken. Nach längerer Auswahl einigten wir uns darauf, dass ich mich mit einem Rebhühnchen in Marinade begnügte, während das Ehepaar das vorprogrammierte Drei-Gänge Menü verzehrte.

Ich musste mich sehr anstrengen, aufmerksam und höflich zu erscheinen, aber schließlich ging auch diese Herausforderung vorüber und ich konnte endlich eine kleine Siesta im Hotelzimmer genießen, bevor es mit business as usual weiterging.

Viele Jahre sind seitdem vergangen, und ich denke oft an die feuchtfröhliche Nacht im Hotel meines Namensvetters, ohne jedoch irgendeinen brauchbaren Faden zu dieser Namens-Verwandtschaft gefunden zu haben. Vielleicht bin ich doch der Letzte dieser Linie der Potthoffs, aber mittlerweile habe ich im Internet erfahren, dass es noch jede Menge davon gibt...